Morgenausgabe
Rr. 145
A.73
46. Jahrgang
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Mittwoch
27. März 1929
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Das Geheimnis von Jannowih trotzdem nicht geklärt?
Gestern wurde der verhaftete Christian also, auslagte, fein Bater habe es mit der ehelichen Treue nicht sehr Friedrich Graf Stolberg- Wernigerode ernst genommen. Wie verträgt sich diese Befundung mit am plög mehrere Stunden durch den Berliner Kriminalrat lichen Geftändnis, eine fahrlässige Tötung begangen zu haben? Hoppe vernommen. Er legte das Geständnis Weiter: Christian Friedrich schwieg, nicht etwa im Augenblid der ab, seinen Vater aus Fahrlässigkeit ge ersten Bestürzung, sondern tagelang, vor Untersuchungsrichter und tötet zu haben. Kommissaren. Er führte auf dem Hofe, vor dem Landjäger, am ersten Tage der Untersuchung, die Komödie mit den Einbrechern, dem vorgehaltenen Tuche, der geheimnisvollen Betäubung auf. Man darf zusammenfaffen: Die Berliner Mordtommission des Kriminalrats hoppe steht nach diesem Geständnis noch nicht am Ende ihrer Aufgabe!
Nach den Aussagen Friedrich Christians wurde er von seinem Bater beauftragt, das vom Förster reparierte Jagdgewehr nach zusehen und auszuprobieren. Dabei blieb eine Patrone im Lauf stecken. Als er auf dem hinter dem Sofa stehenden Tisch han tierte, ging das Gewehr los und die Kugel traf den Bater. In der Berwirrung sei er aus dem Zimmer gestürzt und im Flur zusammengebrochen.
Die Berliner Kriminalbeamten sind dabei, diese Angaben auf ihre Richtigkeit nach zu prüfen. Vor allem muß Berwunderung erregen, daß Christian Friedrich erft jet, nach einer Woche, dieses Geständnis ablegte. Hätte er diese Aussage gleich nach dem Geschehnis gemacht, fie märe glaubwürdiger erschienen! Heute darf er sich nicht wundern, wenn 3 weifel auftauchen. Besonders seltsam muß es anmuten, daß nach den Berichten aus Hirschberg und Liegnig der Berhaftete noch am Sonntag, vor zwei Tagen
Die von uns registrierte Selbstbezichtigung des Bergmanns wiesen. Siegmund hielt sich, wie amtliche Stempel beweisen, zur Siegmund hat fich, mie mir vorausfagten, als Schwindel erZeit der Tat in Groß- Albersdorf bei Marienberg ( Amtshauptmannschaft Chemnit) auf.
Bie wir weiter erfahren, hat Christian Graf Stolberg- Wernige rode das den Berliner Kriminalbeamten gegenüber abgelegte Geständnis auch vor dem Untersuchungsrichter und dem Oberstaatsanwalt wiederholt
Vor einem Umschwung in Polen .
Kursänderung auf Verlangen Amerikas ?
Warschau , 26. März.( Eigenbericht.) Die angefündigte Regierungstrife hat durch die Erfrantung der Ministerpräsidenten Bartel, der mit 38 Grab Fieber zu Bett liegt, eine Berzögerung erfahren und wird voraussichtlich erst nach den Osterfeiertagen eintreten. Indessen steht schon heute feft, daß die
Regierungsumbildung eine durchaus grundlegende sein wird. Es bestätigt sich, daß der Ministerpräsident Bartel zum Rüdtritt gezwungen werden wird, ebenso der Innenminister und auch der eine oder andere der übrigen Minister, die sich im Kampfe gegen das Parlament hervorgetan haben. Diese radikale ende= rung der politischen Verhältnisse, die eine Entspannung des bisherigen Kampfzustandes zwischen Regierung und Parlament bebeuten wird, soll, wie von unterrichteter Seite perfautet, auf eine Reihe wichtiger Unterredungen zwischen dem Staatspräsiden. ten Moczizki und dem amerikanischen Finanzkontrolleur De wen zurückzuführen sein. Dewey hat nämlich, wie weiter verlautet, den Staatspräsidenten auf die verhängnisvollen Folgen einer weiteren Ausschaltung des Parlaments aus der
JGB. an Völkerbund . Haltet das Abrüstungsversprechen! Amsterdam , 26. März.( Eigenbericht.) Der Internationale Gewerkschaftsbund spricht in einem Schreiben an den Völkerbund die Erwartung aus, daß die vorbereitende Abrüstungskommission ihre Ar beiten energisch fortsehen werde. Die internationale Abrüstungskonferenz müsse im Laufe des Jahres 1929 einberufen werden. Der Völkerbund müsse die feier lich übernommenen Verpflichtungen halten. Der Internationale Gewerkschaftsbund verlangt, daß den Wünschen der Arbeiter der ganzen Welt Gehör geschenkt und der Frieden endlich durch Abrüstung und Schiedsgericht organisiert werde.
Kanada protestiert in Washington .
Die Bersentung des Schoners unberechtigt. New York , 26. März. Die Erledigung des I'm alone"-Falles ist von der britischen Regierung dem kanadischen Geschäfts. träger übertragen worden. Dieser ist bereits im Staatsdepartement erschienen, um zu protestieren. Staatsdepartement erschienen, um zu protestieren, weil die Versenkung unberechtigt erfolgt sei.
Der englische Generalkonsul in New Orleans hat der Londoner Regierung einen Bericht übermittelt, in dem
Staatspolitit in bezug auf die Einstellung der amerikanischen Finanzkreise Polen gegenüber aufmerksam gemacht. Insbefondere tonnte Dewen dabei auf den radikalen
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Es scheint, daß die fünf in der vergangenen Woche abgehaltenen Nachwahlen, die eine Miniaturneuwahl darstellten, mit ihren zum Teil überraschenden Ergebnissen dazu beigetragen haben, die Apathie, die sich der Wählerfchaft bemächtigt hatte, zu überwinden. Die dreißig= bis fünfzig prozentigen Verluste sämtlicher fonfervativen Kandidaten, der außerordentliche Sieg der Arbeiterpartei in North Lanark und die beiden unerwarteten liberalen Siege haben den Wählern plößlich Stoff zum Denten gegeben.
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Gewiß! Man muß bei der politischen Auswertung von Nachwahlergebnissen überaus vorsichtig sein. Sie sind vielfach von anderen Stimmungselementen beherrscht als allgemeine Wahlen, und die nächsten acht bis neun Wochen. fönnen noch vieles ändern. Soviel scheint jedoch deutlich zu sein, daß die Regierung überall, in den Großstädten, in Lande, start an Anhängern eingebüßt hat; daß die Libe= den provinziellen Industriezentren und auf dem flachen ralen in den agrarischen Bezirken seit 1924 wieder erhebliche Fortschritte gemacht haben gemacht haben und daß die zentren, die feineswegs mit den englischen Großstädten Arbeiterpartei in den ausgesprochenen Industrie zusammenfallen, unerschütterliche Stützpunkte besitzt. Nach einer Aufstellung der konservativen Times" stellen sich die für die Parteien in den 61 Nachwahlen seit 1924 abgegebenen Stimmen wie folgt dar:
Anzahl der Kanbibaten 58 Ronservative 56 Urbeiterpartei
59 Liberale
1 Kommunist
6 Unabhängige
·
Stimmen 630 680 567 918
447 834
2.618
10 698
Diese Aufstellung ist für die Konservativen insofern beJahren ihrer Existenz stimmungsmäßig gut abschnitt und sonders günstig, als die Regierung Baldwin in den ersten damals Behntausende von Stimmen erhielt, die heute nicht mehr für sie abgegeben werden würden. Obwohl die obige Aufstellung für die Regierung günstig und von den ,, Times" zu dem Zwecke veröffentlicht wurde, um die Stärke der Konfervativen Partei zu beweisen, so zeigt die Tabelle doch noch Ronservativen gegenüber den für die Arbeiterpartei und die Liberalen abgegebenen Stimmen in der Minderheit bleiben. Deutlicher jedoch beweist eine Aufstellung über die neun Nachwahlen im Jahre 1929, in welcher Richtung sich die Sympathien der öffentlichen Meinung bewegen. Nach einer vom„ Daily Herald" vorgenommenen Aufstellung über die Ergebnisse der Nachwahlen seit Jahresbeginn stellt sich die Situation wie folgt dar:
Kurs der polnischen Stabilisierungsanleihe von 87 auf 82 hinweisen. Das Fehlen der parlamentarischen Kontrolle soll den amerikanischen Finanzmarkt Bolen gegenüber mißtrauisch gemacht haben. Demen hat daher den Staatspräsidenten bedeutlicher als die Stärke der Regierungspartei, wie sehr die schworen, nicht etwa um der Demokratie und des Parlamentarismus willen, die man hier bereits vollkommen vergessen hat, sondern einzig und allein aus praktisch wirtschaftlichen Erwägungen heraus eine innerpolitische Entspannung herbeizuführen. Dieser soll nun die Regierungsumbildung dienen, deren Einzelheiten noch zu unflar find, um wiedergegeben zu werden, die aber, wie heute schon festzustehen scheint, frei von der antiparlamentarischen Bergangenheit des Rabinetts Bartel fein follen. Es ist bemertenswert, daß diese Dinge während der Krant. heit Pilsudstis vor sich gehen, dessen Stellungnahme hierzu nicht bekannt ist. Was er nach seiner Genesung zu all dem sagen wird, ist natürlich völlig ungemiß hiervon hängt es aber ab, ob die Initiative des Staatspräsidenten Erfolg haben wird.
1 es heißt, daß die I'm alone" völlig im Recht war, als sie die Untersuchung und Beschlagnahme durch den amerikanischen Rüstenschuk verweigerte; das Gene ralkonsulat sei empört, daß die Mannschaft des versent Ronsulat in Verbindung sehen konnte. ten Schiffes aussagen mußte, bevor sie sich mit dem
Arbeiterpartei Konservative. Liberale
0
92 828 78 331 58.068
Diese Aufstellung, aus der die gegenwärtige Stimmung der Wählerschaft hervorzugehen scheint, deutet darauf hin, daß die Arbeiterpartei die Aussicht besitzt, aus den dings ohne eine selbständige Majorität, hervorzugehen. Selbst tommenden Neuwahlen als die stärkste Partei, allerPhilip Snowden, der Schazkanzler der Regierung Macdonald, dessen Bessimismus in den Reihen der Arbeiterpartei sprichwörtlich ist, hat während des Wochenendes seine Auffassung dahin ausgesprochen, daß die Arbeiterpartei im nächsten Parlament zur Führung der Regierungsgeschäfte berufen sein wird.
Der bei der Versenkung getötete Seemann soll Nun darf allerdings ein Moment nicht übersehen werden, svar französischer Herkunft, aber englischer Staats- das unter Umständen in den nächsten Wochen die gesamte bürger sein. Es ist verabredet worden, daß dem enginnerpolitische Situation recht bedeutungsvoll beeinflussen lischen und dem kanadischen Gesandten das Protokoll der Vernehmung des Kapitans Randell und der übrigen Besatzung des Schoners vorgelegt werden wird.
Sachsenwahl am 12. Mai. Beschluß des Gesamtminifteriums. Dresden , 26. März.( Eigenbericht.) Die Staatskanzlei teilt mit: Das Gesamtministerium hat in seiner Situng vom 26. März beschlossen, die Neu wahlen zum Landtag am 12. Mai 1929 stattfinden zu laffen.
Die Bertreter der Regierungsparteien, die unter dem Borsig bes Ministerpräsidenten am Dienstag im Minifterialgebäude eine Besprechung abhielten, befundeten, baß sie entgegen der Auffaffung des Bräsidenten Schwarz teinen Wert auf die Abhaltung einer noch maligen Blenarsigung des Landtages legten. Am Nachmittag traten die drei Präsidenten des Landtages zusammen. Auch fie beschlossen, von der Abhaltung einer weiteren Sigung abzusehen.
fönnte: Die Liberalen haben zwar in den jüngsten Neuwahlen überraschend gut abgeschnitten; sie hatten jedoch das Glüd, um zwei agrarische Wahlkreise zu fämpfen, in denen ihre Erfolgschancen stets am höchsten maren. Irgendein wirklicher Stimmungswechsel zu ihren Gunsten fonnte jedoch aus diesen Siegen noch nicht abge= leitet werden.
an=
Es ist jedoch nunmehr unverkennbar, daß einige ein- flußreiche Pressemagnaten angesichts der fcheinend rettungslosen Lage der Konservativen und der Alternative einer Arbeiterregierung auf die Idee geraten find, die bürgerliche Sache auf alle Fälle zu retten, felbst wenn dies nur unter flagrantester Treulofigteit gegenüber der Konfer Dativen Partei möglich sein sollte. Es ist unverfennbar, sowohl Lord Rothermere als auch Lord Beaverbroot spielen im gegenwärtigen Augenblick mit dem Gedanken, das sinkende Schiff Baldwins zu verlassen und als den großen Wahlcoup die Parole der Stimmabgabe für die Partei Lloyd Georges, also für die Liberalen, auszugeben. Auf diese Weise hofft man, die Unzufriedenheit mit der Regierung, die viele bürgerliche