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BERLIN Donnerstag 18. April

1929

Der Abend

Erfcheint täglich außer Sonntags. Bugleich Abendaurgabe des Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SW68, Lindenstr. 3

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Spätausgabe des Vorwärts"

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Nr. 181

B 90 46. Jahrgang.

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Snowdens Husarenritt.

Nachspiel im Unterhaus. Die Arbeiterpartei ist nicht einverstanden.

London , 18. April. ( Eigenbericht.)|

Snowdens Ausführungen zur Frage der interalliierten Schulden Dom Dienstag hatten am Mittwoch in später Abendstunde im Unter­haus noch ein dramatisches Nachspiel, das genaueret Darstellung bedarf. Von der Regierungsseite wurde Snowdens Feststellung zum Anlaß eines Verlangens nach Zurüdnahme und Entschul­digung genommen. Unter gespanntester Aufmerksamkeit erhob sich hierauf Snowden und erklärte, daß er feinerlei Entschuldigungen zu machen noch ein einziges Wort zurüdzunehmen gedenke. Die Arbeiterpartei trete für eine gegenseitige Streichung der Schulden ein, das sei ja auch die Politit, die in den Schlußworten der Balfournote proflamiert werde. Die Arbeiterpartei mende fich lediglich gegen denjenigen Teil der Balfournote, der eine Be lastung Großbritanniens zugunsten seiner alliierten Schuld­ner das Wort rede. Er, Snowden, fühle fich genügend als Eng. länder, um sich dagegen aufzulehnen, daß seine eigene Nation zu gunsten anderer Länder weißblute, die viel blühender wären als sein eigenes Land. Gegen seine Gegner polemisierend betonte Snowden hierauf, es fei absurd, ein nicht ratifiziertes Abkommen als für alle zukünftigen Regierungen bindend zu erklären.

Churchill erklärte hierauf, die Welt habe ein Recht zu wiffen, melche Haltung die offizielle Oppofition gegenüber eingegangenen Verpflichtungen einnehme. Churchill fuhr fort, daß sich die Arbeiter. partei mit der von Snowden verkündeten Haltung in Widerspruch gegen den wahren Geist des Völkerbundes stelle, zu dem sie sich ftets besonders bekennen.

Macdonald, der nach Churchill sprach, ging zunächst auf bie interalliierte Schuldenfrage nicht ein, sondern beschränkte sich darauf, Churchill zu beschuldigen, die ganze Debatte vom Zaun ge­brochen zu haben, um daraus Kapital für die konservativen Parteien zu schlagen, worauf Sir Austen Chamberlain mit feierlicher Miene erklärte, daß nichts dem erzielten oder für die Zukunft zu erwartenden internationalen Fortschritte einen solchen Schlag ver­setzt hatte, als die übereilten Worte Snowdens. Zum Abschluß der Debatte betonte Macdonald, daß die Arbeiterpartei nicht daran dente, Abkommen der Vergangenheit unter andern Voraus. fetzungen zu revidieren, als solchen, die allgemein für die Revidierung Don Abkommen gültig seien. Macdonald erklärte auf einen Zwischen­ruf Churchills hin in schärfster Form, daß von einer Nicht anerkennung von Verträgen durch die Arbeiter partei nicht die Rede sein könne, solange er, Macdonald seine jezige Stellung inne habe eine Bemerkung, die sichtlich darauf hinzielt, die durch Snowdens Unbedachtsamkeit entstandenen Miß verständniffe im Reime zu erstiden. Macdonald schloß mit der Zitierung eines Parteitagsbeschlusses der Arbeiterpartei, in dem eine generöse Haltung in der Frage der interalliierten Schulden gefordert wird.

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London , 18. April. ( Eigenbericht.)

Philipp Snowdens allgemein als unzeitgemäß empfundene Aeußerungen zur interalliierten Schuldenfrage und ihre nochmalige nachdrückliche Unterstreichung während der gestrigen Unterhaus. debatte hat in England einen Sturm von einer Stärte entfesselt, die in einem merkwürdigen Mißverhältnis zur tatsächlichen politischen Bedeutung der Worte Snowdens steht. Die Worte stellen mur eine reine Privatmeinung dar. Die tonservative und liberale Bresse sucht natürliche alles mögliche politische Kapital gegen die Arbeiter. partei aus den Ausführungen Snowdens zu schlagen, wenn auch die Furcht vor möglichen internationalen Rüdwirtun. gen dieser interalliierten Schuldendistuffion den Blättern eine ge­wisse Zurückhaltung bei dem Verfuch auferlegt, die gesomie Arbeiter­partei und eine zufünftige Arbeiterregierung mit Snowdens Aus. führungen zu identifizieren. Als einziges Morgenblatt weist der Manchester Guardian" auf die möglichen Rückwirkungen der Worte Snowdens auf die Pariser Reparationsverhandlun= g en hin und spricht die Hoffnung aus, daß Snowdens Feststellungen feine ungünstigen Nachwirtungen auf die schwebenden Berhand­lungen über eine Verminderung der deutschen Reparationszahlungen haben oder die britischen Gläubiger in der Annahme bestärken werden, daß die Rüdmeifung der Schuldenabkommen in dem Bereich bes politisch möglichen liegen.

Die Arbeiterpartei ist durch Snowdens eigenwillige Ausfüh­rungen zweifellos in eine schwierige Lage versetzt worden, und es bedurfte der ganzen Diplomatie des Führers, Ramsay Macdonald , um in seiner zu später Nachtstunde am Mittwoch im Unterhaus gehaltenen Rede eine Brücke von Snowdens Er­flärungen zur offiziellen Auffassung der Fraktion zu schlagen. Macdonalds Feststellung, daß von einer Nichtaner­fennung ter Interalliierten Schuldenabkommen nicht die Rede sein fönne, solange er der Führer der Partei sei, fönnte und müßte unter diesen Umständen als eine Desavouierung Snowdens durch ben Führer der Partei aufgefaßt werden.

Die Wohnkolonie in Viehwagen.

Eine Musterleistung des Ordnungsblocks.

Im Preußischen Landtag erregte gestern ein Zwischen, fall Aufsehen. Wie wir im Morgenblatt berichteten, hatte eine Frau von der Zuhörerempore ein Plakat herabgelaffen, in dem fie um Schuh für sich und ihr Kind bat. Die Frau Pollen ist eine jener Unglüdlichen, die von der Stadt Hannover in der fogenannten Biehwagentolonie untergebracht waren und dort ihr lehtes verloren hat. Der Einzelfall gibt Veranlassung, diese berüchtigte Viehwagen folonie wieder einmal einer näheren Betrachtung zu unter­ziehen. Aus Hannover wird uns darüber berichtet:

Die Baggontolonie am Tönniesberge ist der Schandfled Hannovers, ein Ergebnis der Kommunalpolitik des Ordnungsblods, der seit den Maiwahlen 1924 in Hannover herrscht. Sie heißt im Boltsmunde nicht anders als Tramm Demmigsdorf, genannt nach Tramm, dem ehemaligen Stadtdirektor von Hannover , der 1918 ausrückte und heute der Führer des Ordnungsblocks ist, und Demmigs, dem Führer der Haus und Grundbefizer. Beide sind die Väter dieser Waggon­folonie.

Eine ganze

Kolonie von 106 ausrangierten Güter- und Viehwagen

ist auf ihre Anregung vor den Toren Hannovers mit etwa 600 Ein­wohnern entstanden. Mieter, die aus irgendeinem Grunde ermittiert wurden, werden dort untergebracht. Ein großer Teil der Baggons ist abgeteilt und muß so Raum für zwei Familien geben. Die 3ust än de in dieser Kolonie spotten jeder Beschreibung. In manchen Waggons wohnen fünf, sechs und mehr Personen. Weil die Wagen zum größten Teil nicht untermauert sind, sind fie fo feucht, daß die Kleider darin überhaupt nicht troden werden. Die Kleider in den Schränken und die Betten verstoden völlig. Wir haben Strohfäde gesehen, deren untere Seiten am Morgen vollständig feucht waren. Die Gipswände, mit denen man die Bände innen befleidet hat, zeigen an vielen Stellen Stockflecke, und die Bretter, auf denen die Strohfäde liegen, find vor Feuchtig reit angefreffen. Wenn nicht Tag und Nacht geheizt wird, ist es überhaupt nicht möglich, in den Betten zu schlafen. Es ist dauernd fußfalt in den Waggons, weil unter den Fußböden sich eine talte Luftschicht befindet.

Der lange, ffrenge Winter war besonders furchtbar für die Aermften der Armen, die dort haufen müffen,

weil sie die Waggons überhaupt nicht warm betommen tonnten und zuletzt einfach nicht mehr wußten, woher fie die vielen Rohlen nehmen sollten. Türen und Fenster schließen nicht richtig, jo daß beim Schneetreiben der Schnee dirett in die Woh nungen hineintreibt. Dazu kommt noch die ungeheure Ungezieferplage. Die Ratten treiben fich offen umher und mancher Bewohner dieser Rolonie hat an einigen Tagen drei solcher Tiere in seinem Eisenbahnwaggon gefangen.

Es ist ein grauenhaftes Elend, bas sich dem Besucher bietet. Die Folge ist eine schreckliche Zunahme der Erkrankungen, besonders bei den Kindern. Auch moralisch und sittlich perfommen die Kinder völlig, weil das Ehe- und Geschlechtsleben infolge der engen Räume sich dort sozusagen in aller Deffentlichkeit abspielt. Der Leiter des Landesjugendamtes teilte türzlich mit, daß der größte Teil der Kinder, die in der Stadt Hannover in Fürsorgeerziehung tommen, aus Tramm- Demmigs­dorf stammen, wo sie völlig verdorben würden. Daher ist es nicht richtig, was ein Teil der bürgerlichen Bresse zur Ver­teidigung der vom hannoverschen Ordnungsblod errichteten Kolonie schreibt. Dort wohnen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ordentliche Leute, die durch die Not der Zeit und die Wirt­schaftskrise arbeitslos und mittellos geworden sind, dann aus ihrer Wohnung herausgeflagt und vom Wohnungsamt in den Waggons untergebracht wurden. Sie müssen tränenden Auges und mit geballter Fauft sehen, wie

ihr bißchen hab und Gut verfault und ihre Kinder verkommen. 1 Kein Wunder, daß sich der Bewohner dieser Kolonie eine grenzen­lose Verbitterung bemächtigt hat. Schon vor Monaten war auf bas ständige Drängen der sozialdemokratischen Rathausfraktion be= schlossen, die Kolonie aufzuheben. Aber bis jetzt ift dieser Beschluß noch nicht in die Tat umgesetzt worden.

Die Waggontolonie am Tönniesberge ist eine schwere An­tlage gegen die bürgerliche Mehrheit auf dein­hannoverschen Rathause, die ihre mittellofen Mitbürger dort in Elend verkommen läßt. Schon seit Jahren erregt diese Kolonie in der ganzen deutschen Bresse wegen der dort herrschenden beispiellofen Mißstände berechtigtes Aufsehen und fordert zur Kritit heraus. Es wäre eine dankbare Aufgabe für den preußischen Wohlfahrts. minifter, sich einmal um diese Dinge zu kümmern.

Der Zwischenfall im Landtage gibt ihm dazu den äußeren Anlaß.

Wirrwarr

am Alexanderplatz Für die Neugestaltung des Alexanderplatzes ist jetzt der Fluchtlinien plan genehmigt morden. Danach wird auch die Königstraße an der Ein­mündung in den Alexander­ platz , also hinter der Eisen­bahnüberführung, eine Breite Don 40 Metern erhalten. Das bisher noch stehende Aschinger­Haus wird daher in absehbarer Zeit auch verschwinden. Unser Bild zeigt einen Blick auf die Mündung der Königstraße in den Alexanderplatz .

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