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BERLIN Dienstag 30. April 1929

Der Abend

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Nr. 201

B 100 46. Jahrgang.

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Der Aufmarschplan bestätigt.

Trotz kommunistischer Ableugnung.- KPD. nur noch Zerrbild.

Die Mitteilungen, die Genosse Künstler auf dem Groß- Berliner Bezirksparteitag über die verbrecherischen Pläne der fommunistischen Parteileitung gemacht hat, haben das vorausgesagte Echo gefunden. Es ist ohne maschinelle Hilfe nicht mehr zu zählen, wie oft in einer Nummer die Rote Fahne " von Lügen, Schwindel, Phantasien, Achtgroschenjungenmethoden usw. schimpft. Das von Moskauer Geldern ausgehaltene Blatt besitzt die Frechheit, den Genossen Künstler mit dem berüchtigten Polizeispiel Stieber der Aera Butttamer auf eine Stufe zu stellen! Damit die übrigen Bertreter der sozialdemokratischen Arbeiterschaft Berlins auch etwas abs befommen, werden sie forrumpierte und ausgefiebte Delegierte", Bonzen und Bönzchen" usw. beschimpft. Alles, was Künstler ent­hüllt hat, soll Lüge fein: eine Sigung am Donnerstag habe gerade diesmal nicht" stattgefunden, sondern erst am Sonntag habe die gesamte Bezirksleitung gefagt. Aber während die" Rote Fahne " schreit und tobt, verbreiten Kommunistenhände bereits durch ganz Berlin den Beweis des Gegenteils.

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Am Montag wurde in den Betrieben von den Kommunisten ein Flugblatt zur Verteilung gebracht, das die Angaben Künstlers über die Aufmarschpläne der Kommunisten genauestens bestätigt: Wir laffen Kopf und Schluß dieses Flugblatts nachstehend im Faksimile folgen, damit die Rote Fahne" nicht erst wieder mit Ausrede der Fälschung" tommt.

Straße frei am 1. Mai!

Laßt die Arbeit ruhen!

Heraus zur Massendemonstration!

Von den Bezirkstreffpunkten zu den Kundgebungen

Jum 1 Uhr mittags

Liebestragödie im Grunewald.

1161

Die Geliebte erschossen und im Gee versenkt.

Eine in ihren Einzelheiten noch sehr dunkle Liebestragödie| Entschluß, sich zu erschießen, äußerte, bat Hertha ihn, sie zuerst zu fucht die Kriminalpolizei aufzuklären. Auf Beranlaffung der Ehefrau eines Schauspielers in der Auguftstraße wurde gestern von Beamten der Inspektion H. 4 der 26 Jahre alte Opern­fänger und Pianist utt Schwitz, der aus Leipzig ftammt, feffgenommen.

Schwirz war am Nachmittag bei seinen Bekannten erschienen, man hatte über dieses und jenes gesprochen und den Leuten war sein aufgeregtes Wesen aufgefallen. Gleich nach seinem Fort­gange entbetten lie, baß er einen dem Ehemann gehörenden Revolber mitgenommen hatte. Die Frau war ihm nach gelaufen und veranlaßte seine Festnahme. Schwitz, der zunächst zu feiner eigenen Sicherheit festgenommen wurde, erzählte auf dem Bolizeipräsidium, was ihn zum Diebstahl des Revolvers veranlaßt

habe,

Die Erzählung des Opernfängers.

Bor etwa drei Wochen lernte er in einem Café in der Friedrich straße ein junges Mädchen fennen. Es war eine 20 Jahre alte Hertha S. aus der Südendstraße zu Steglig. Beide verliebten fich ineinander. Das Mädchen sagte sich von ihren Angehörigen Los und wohnte mit dem Freunde in Bensionaten. Das Paar geriet aber bald in Geldschwierigkeiten, doch war das nicht der einzige Grund, der sie den Entschluß faffen ließ, aus dem Leben zu scheiden. Bei beiden machte sich mehr und mehr ein

allgemeiner Lebensüberdruß

pollm

töten. Er fei ihre erste Liebe und ohne ihn wolle fie nicht mehr leben. Nachdem sie mehrere Tage darüber ge­sprochen hatten, trafen sie sich am Sonntag abend am Oranienburger Tor, an der Ede der Friedrichstraße. Zusammen fuhren sie zum Grunewald hinaus und lagerten sich am See. Schwirz weigerte sich zunächst, die Geliebte zu erschießen, gab ihren Bitten dann aber doch nach und tötete sie durch zwei Schüsse. Zwei Stunden harrte er neben der Leiche aus. immer im Kampfe mit sich selbst, der Braut zu folgen. Der Mut verließ ihn aber. Schließlich entkleidete er sich zum Teil und

frug die Leiche des Mädchens in das Waffer, wo er sie versenkte. Dabei entfiel ihm auch der Revolver. Er legte feine Kleider wieder an, ging zu Fuß bis zum Rosened und fuhr von dort mit einem Auto in die Stadt. Die Tragödie soll sich um die Mitternachts. stunde abgespielt haben. Während der Morgen- und Vormittags stunden irrte er in der Stadt umher und kam zu dem festen Entschlu 3. nun doch auch in den Tod zu gehen. Um sich eine neue Waffe zu beschaffen, suchte er seine Bekannte in der Auguststraße auf.

Wie weit die Angaben des Schwirz auf Wahrheit beruhen, wird die Untersuchung der Mordkommission Johannes Müller ergeben. Tatsächlich ist Hertha S. seit dem 9. April aus der elterlichen Woh­nung verschwunden und auch als vermißt bereits gemeldet. Man hatte trotz der Nachforschungen noch feine Spur von ihr ge funden. Im Laufe des Tages wird ein Lokaltermin gehalten werden, bei dem der Sänger die Stelle bezeichnen wird, an der er

fühlbar. Als Schwirz eines Tages in gedrückter Stimmung seinen die erschossene Geliebte in das Wasser brachte.

am Alexanderplatz und Potsdamer Platz ie geftrigen Probemanöver überall die kommunistischen Demon proletarier in die Partei aufgenommen wurden und darin ihr Un­

Das Malkomitee

der Berliner Arbeiterschaft

Das Flugblatt ist gedruckt in der Beuvag", der Partei bruderei der Kommunisten. Ueber seinen Ursprung können daher keine Zweifel bestehen. Der Inhalt des Flugblatts deckt sich genau mit den Angaben, die Künstler über den kommu­

niftischen Aufmarschplan am Sonntag gemacht hat. Wir fragen jeden Denkenden: wenn die Beschlüsse über den kommunistischen Aufmarsch erst am Sonntag gefaßt wurden, wie fonnte dann bereits am Montagfrüh fir und fertig ein gedrucktes Flugblatt mit dem gesamten Aufmarschplan in Berlin verbreitet werden?! Der Aufmarschplan ist also bereits in der vorigen Woche beschloffen worden, und er ist genau so, wie Künstler ihn dargestellt hat. Das Flugblatt bestätigt, daß die kommunistische Bezirksleitung den geradezu verbrecherischen Wahnsinn begeht, den Alexanderplatz zum Treffpunkt einer von ihr ge­wünschten Massendemonstration zu machen, der sich im Augenblick im Zustand völligen Umbaues befindet und ein

Gewirr von Baugruben der Untergrundbahn darstellt. Auf einen solchen Platz Menschenmassen zu dirigieren und gar noch mit der Absicht, diese Menschenmassen zu Zusammen. stößen mit der Polizei zu veranlassen, ist der Gipfelpunkt demagogischer Verantwortungslosigkeit. Jede beliebige Panik unter den Demonstranten, ja nur ein blinder Lärm, fann genügen, um Unzählige gegen die Baugruben zu drängen. die auf folchen Ansturm nicht eingerichteten Zäune brechen und Hekatomben von Opfern hinab stürzen zu lassen.

Dann kann die fommunistische Leitung mit Leichtigkeit die von ihr gewünschten 200 Toten haben, ohne daß die Polizeiseite auch nur einen Schuß gelöst zu haben braucht.

Daß die Polizei nicht zu schießen beabsichtigt, beweift der Er­laß Zörgiebels, die Karabiner zuhause zu lassen. Für die Rote Fahne " ist dieser vernünftige Erlaß nur ein weiterer Anlaß, ihre Anhänger zu verheßen und aufzuputschen.

Sie trompetet diesen Erlaß als fommunistischen Sieg", als Rüd zug der Polizei aus. Gleichzeitig werden in Berichten über stranten gelobt, die der Polizei Widerstand entgegenfeßten. So wird von der Demonstration am Potsdamer Plaz berichtet: Die Schupo mußte fluchtartig das Feld räumen," Bom Halleschen Tor: Die Schupo wich machtlos vor den frohig aufmarschierenden Jung­fommuniffen zurüd." Von der Schönhauser Allee : Der Versuch, Arbeiter zu verhaften, scheiterte an der entschloffenen Haltung der Demonftranten."

Was solche erlogenen Siegesberichte" bedeuten, liegt auf der hand. Die Anhänger der PD. sollen zu Angriffen auf die Polizei ermutigt werden. Es wird da genau nach dem Rezept einer gewissen nationalistischen Presse gearbeitet, die zum Kriege hezt mit der Beteuerung, daß die Feinde wie Schafleder ausriffen, wenn sie nur einen deutschen Soldaten sähen. Genau so verfährt die Rote Fahne " und peitscht damit zu Gewaltatten auf, für die fie allein die Verantwortung zu tragen hat.

Abschied von den Thälmännern.

Die KPD. nur noch ein Zerrbild.

Düsseldorf , 30. April. ( Eigenbericht.)

Der Führer der kommunistischen Stadtverord netenfraftion in Düsseldorf , Redakteur der Düsseldorfer Kommunistischen Zeit", Dchel, ist aus der KPD. ausgetreten. In einem Schreiben teilt Ochel u. a. mit:

"

Hiermit erfläre ich meinen Austritt aus der Kommunistischen Partei Deutschlands . Die Beschlüsse des 4. RGI.- Kongresses beden. ten in ihrer Konsequenz den Kampf der Kommunistischen Partei mit Hilfe der Unorganisierten gegen die freien Gewerkschaften Karl Marx rief der Arbeiterschaft zu: Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" Die Taktik der Kommunistischen Bartei führt zur Selbstzerfleischung der Arbeiterschaft, und der be­absichtigten Zerstörung der freien Gewerkschaften, der Grundlage, auf der allein die Einheitsfront der Arbeiterschaft gebildet werden tann. Wer die Einheitsfront der Arbeiter bekämpft, handelt tonterrevolutionär. Die neue Linie der Thälmann und Neumann ist noch verbrecherischer als der ultralinte kurs von 1924/25, der durch den Efri- Brief als unmargiffisch und unleni­niftisch verurteilt wurde... Der Kampf der Opposition innerhalb

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der Kommunistischen Partei ist aussichtslos. Er hat lediglich zum Ausschluß der besten klaffenkämpfer geführt, während Lumpen­wesen treiben... Die Kommunistische Partei ist nur noch das 3errbild der von Lenin , Curemburg und Liebknecht begründeten Partei. Nach Feststellung dieser Tatsachen bleibt für einen eh ra lichen Klassenfämpfer nur der Austritt aus dieser Partei, die der Konterrevolution den Weg ebnet." Zum Schluß heißt es dann: Als alter Sparfatustämpfer habe ich für meine Ueberzen gung Zuchthaus, Gefängnis und Festung erduldet. Zum 1. Mai rufe ich allen flaffenbewußten Arbeitern zu: Laßt ab vom Bruder­fampf. Stellt die Einheit der Arbeiterklaffe her. Tretet ein in die Reihen der Sozialdemokratischen Partei."

Mai- Märchen und Bärchen.

Die Kanonen" der Maulrevolutionäre.

Es ist schwer für die Beauftragten der Komintern , den deut schen Arbeitern ihre Maiideale zu verefeln. Deshalb werden die schauerlichsten Dinge erfunden, um den Mut zu Heldentaten auf der Straße aufzuftacheln.

Dabei paffieren die peinlichsten Hereinfälle, Läßt sich die Rote Fahne " da eine Räuberpistole erzählen: Wie ein Lehrling sich am 1. Mai 1889 verhalten hat" und wie er sich vor den Kanonen nicht fürchtete". Heldentat: In die Stadt Eilenburg ziehen von Torgau fommend ein Regiment Husaren nebst Artillerie und Infanterie ein, um die Maifeier zu befriegen! Aber der wadere Stift forcht' fich nit". Er erklärte seinem Meister, daß er 1. Mai feiere"! Und der Lehrherr mußte es dulden.

So hat sich die Rote Fahne " gehörig hereinlegen lassen. Sonst weiß jedes politische kind in Deutschland , daß die Mai­feier erst im August 1889 in Paris beschloffen und daß sie in Deutsch­ land zum ersten Male 1890 begangen wurde. Aber was tut's: bei dem Schwindelsystem der politischen Lehrlinge in der fommu nistischen Breffe tommt es auf eine Ungereimtheit mehr nicht an. wir hängen fie tiefer.

Auf der gleichen Seite, wo der Kanonenbär angebunden ist, wird auch der Genosse Dittmann zum Kronzeugen der KPD. herangeholt. Aber auch das ist ein Reinfall. Genosse Ditt­mann schreibt uns dazu:

Die Rote Fahne " tischt ihren Lesern ein Märchen über mich auf. Ich soll vor 20 Jahren in Solingen beim Kampf um das