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BERLIN Freitag 31. Mai 1929

Der Abend

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Nr. 250

B 124 46. Jahrgang

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Labours großer Sieg.

Niederlage der englischen Konservativen.

Stand um 13.30 Uhr

Mandate Gewinne Verluste

Arbeiterpartei.. 149

Konservative

Liberale. Unabhängige.

73

4

94

2

73

18 11

11

5

2

Erdrufſch!

E. W. 2ondon, 31. Mai.

Obwohl bis 3 Uhr morgens erst rund ein Drittel Ser Wahlergebnisse vorlagen, ist schon jetzt under­Zennbar, daß die konservative Partei eine schwere Niederlage erlitten und die Arbeiterpartei den größten Sieg ihrer bisherigen Geschichte er. rungen hat. Wenn sich die noch ausstehenden Re fultate bon rund 400 Wahlkreisen im Rahmen der bisherigen Ergebnisse halten, so kann das Schicksal ber gegenwärtigen konservativen Regierung als be. siegelt gelten. Mit einer glatten parlamenta. rischen Mehrheit der Arbeiterpartei ist jedoch Zaum zu rechnen, da sich die bisherigen Resultate im wesentlichen auf Gebiete mit ausgesprochen in bustrieller Bevölkerung erstrecken. Die agra rischen Gebiete, in denen die Konservativen und Libe­ralen starke Stüken besiken, sind in den bisherigen Ergebnissen noch nicht entsprechend vertreten. Die gesamte Morgenpresse spricht in ihren Ueberschriften bon der ,, Niederlage der konservativen Regierung" ( ,, Daily Expreß "), Erdrutsch gegen die Konser. vativen"( Daily Mail"), Schlechte Zeiten für die Konservativen"( ,, Daily News") und so fort.

Die Siege der Arbeiterpartei verteilen fich auf fämf­liche industrielle Diftritte Großbritanniens und haben in Lancashire geradezu fenfationellen Charakter angenommen.

Unter den neugewählten Abgeordneten befinden sich u. a.: der Präsident der britischen Gewerkschaften, Ben Tillet, der Präsident der Arbeiterpartei, Herbert Morrisson und Oliver Baldwin , der Sohn des bisherigen tonservativen Ministerpräsidenten. Die Konservativen haben bisher nicht weniger als fünf Minister auf der Strede verloren, darunter zwei Kabinettsmit. glieder, den obersten Staatsanwalt Instip und den Arbeits­minister Steel- Maltland. Bemerkenswerter jedoch noch als diefe Niederlage der Minister ist die Tatsache, daß der britische Außen­minifter Chamberlain um ein haar von seinem sozialistischen Gegner geschlagen worden wäre. Seine Mehrheit betrug nur

43 Stimmen.

Die Kommuniffen haben überall elend abgeschnitten. Sämtliche tommunistischen Kandidaten haben weniger als ein Achtel der Stimmen erzielt. Der einzige bisherige kommuniffifche Abgeord­nete, der Inder Saflatvala, ist von dem offiziellen Kandidaten der fozialistischen Arbeiterpartei geschlagen worden.

Die Liberalen haben zwar ziffernmäßig nicht schlecht ab­geschnitten. Die Zahl der für sie abgegebenen Stimmen vermochte sich jedoch infolge der Eigentümlichkeiten des britischen Wahlrechtes nicht in der Anzahl ihrer Sihe auszuwirken. Trotzdem sie etwa halb so viel Stimmen erzielten wie die Arbeiterpartei, verhält sich die Anzahl der von ihnen erworbenen Sitze wie 1:10 zu denen der Arbeiterpartei. Unter den neuen Abgeordneten befindet sich der Reorganisator der liberalen Partei Sir Herbert Samuel

Noch liegt bisher nur etwa etwas mehr als ein Drittel der Resultate aus Großbritannnien vor. Naturgemäß sind dies vorwiegend Ergebnisse aus städtischen Wahlkreisen, in denen die Zählung schneller vor sich geht als auf dem flachen Lande. Es ist daher möglich, daß das bisherige für die Labour Party geradezu glänzende Bild im Laufe der Nachmittagsstunden einige Korrekturen zugunsten der

beiden bürgerlichen Parteien erfahren wird. Aber an der doppelten Tatsache wird sich faum noch etwas ändern, daß die fonservative Regierungspartei eine tatastrophale Niederlage erlitten hat und daß die liberalen Wiedergeburtsträume nicht in Erfüllung gegangen sind. Andereseits muß man beden­fen, daß nicht nur die agrarischen Bezirke, sondern auch die schottischen Industriebezirke zu denen zählen, die erfahrungsgemäß als legte ihre Resultate melden. Und da die Arbeiterpartei gera de dort auf besonders starte Erfolge rechnen darf ist bei den Gesamtergebnissen mit einer nochmaligen Korrektur, diesmal zugunsten der Labour Party , zu rechnen.

160 Mandaten

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Dennoch wollen wir vorsichtig sein und, in Ueberein stimmung mit unserem Londoner Korrespondenten, einst­weilen mit einer absoluten Mehrheit für Macdonald nicht rechnen. Wer hat aber im Ernfte noch vor zwei Tagen überhaupt mit dieser Möglichkeit gerechnet? Die absolute Mehrheit würde bedeuten, daß die Labour Party von rund soviel zählte sie zur Zeit der Auflösung des Unterhauses auf 300 Mandate steigen würde! Es ist bezeichnend für den überwältigenden Vormarsch unserer englischen Freunde, daß man sich auf Grund der ersten Ergebnisse überhaupt mit dieser Eventualität befaßt. An dem Berfchwinden der Konservativen von der Regierung ist jedenfalls faum zu zweifeln. Sie haben versucht, den Tag der Abrechnung immer wieder hinaus­zuschieben, in der Hoffnung auf ein Wunder oder auf irgend­einen politischen Zwischenfall, der ihre Aussichten in letzter Stunde verbessern würde. Es hat ihnen nichts genügt. Gegen eine Wiederholung des Betruges mit dem Sinomjew- Brief

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Der Sieger

im Wahlkampf

Ramsay MacDonald

*

war die englische Wählerschaft gefeit. Die Abrechnung ist zwar später, aber um fo gründlicher erfolgt.

meister des tontinentalen Sozialismus, Genosse Karl In der Neujahrsnummer des ,, Borwärts" hat der Alt­Kautsky, die Rückkehr der Labour Party zur Macht als ein ,, Ereignis von ungeheurer Bedeutung nicht nur für den internationalen Sozialismus, sondern für die ganze Welt" bezeichnet. Und in seiner Eröffnungsrede vor dem Magde­ burger Parteitag hat Genosse Otto Wels die ungeheure außenpolitische Wichtigkeit eines Wahlsieges der eng­ lischen Labour Party im Interesse des Friedens und der Demokratie betont.

Angesichts der bisherigen Wahlresultate brauchen wir vorerst nur auf diese beiden Aeußerungen hinzuweisen, um unsere Freude und Zuversicht zum Ausdruck zu bringen. In den allernächsten Tagen sollen die Mitglieder des Völkerbundrates nach Madrid abreisen. Als Vertreter Groß­ britanniens foll Sir Austen Chamberlain an der Tagung teilnehmen. In wessen Namen und mit welcher Autorität soll er dort auftreten? Er hat zwar sein Mandat in Birmingham mit knapper Not 43 Stimmen Mehr­heit! behaupten fönnen, aber so wie die Dinge liegen, hat er tein Recht mehr, England außenpolitisch festzulegen. Das gilt insbesondere für die Minderheitenfragen. Der Bölferbundrat war furzsichtig genug, diefen abgewirt­schafteten Minister zum Mitglied jenes Dreier- Komitees zu ernennen, das die Verbesserungsvorschläge Stresemanns und Dandurands abzuwürgen versucht hat. Deutschland hat keinen Anlaß, sich dem Votum eines Mannes zu fügen, der ein geschlagene Regierung vertritt.

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( Weitere Meldungen auf der dritten Seite.)