Morgenausgabe( C. 081
Nr. 267 A 135
46. Jahrgang
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Dienstag
11. Juni 1929
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Madrid , 10. Juni. ( Eigenbericht.)
Das Gespräch des Tages ist die Havas Note, die Briand im Augenblick der Antunft Stresemanns in Madrid am Sonn abendabend veranlaßt hat, sie behauptet, wegen der Abwesenheit eines Vertreters Großbritanniens sei die Besprechung von Problemen, die nicht zur eigentlichen Ratstagung gehören, unmöglich.
Diese offiziöse Note bezeichnen jogar französische Linkspolitiker als menig freundlich und durchaus überflüssig. Man beMan betrachtet diese Note mehr als einen Ausfluß der übertriebenen innerpolitischen Aengstlichkeit Briands.
Briand hat die für Montagnachmittag, 6 Uhr, geplante Unterredung mit Stresemann zur allgemeinen Ueberraschung im letzten Augenblick abgesagt. Es wäre jedoch verfehlt, daraus zu schließen, daß Briand die Aussprache mit Stresemann überhaupt meidet. Begründet wurde die Absage mit anderen Unterredungen Briands gerade am Montagmittag und-abend, durch die ihm nur wenig Zeit zu einem Besuch bei Stresemann übrig bliebe, während er den Wunsch habe, ausführlich mit Stresemann zu sprechen. Offenbar ist
Briand wieder einmal von der Furcht befeelt, man könnte ihn in Paris desavouieren, wenn er sich in Madrid auf allzu meitgehende Bereinbarungen mit Stresemann über die Tagesordnung der von Deutschland erwarteten Reparations und Räumungstonferenz einlassen würde,
Aus dieser Aengstlichkeit ist auch die offiziöse Havas- Note zu er fären, die mehr als innenpolitische Beruhigungspille gedacht war. Die Taktit, die Briand seit mehr als drei Jahren anwendet, jedesmal, wenn er bestimmte Beschlüsse fassen soll, wirkt nicht gerade erhebend. Bei allem Verständnis für innerpolitische Rücksichten, die übrigens nicht nur Briand zu nehmen hat, muß man jedoch sagen, daß es auf die Dauer ein wenig fläglich erscheinen muß, wenn er immer wieder unterderhand mit dem Argument operiert, daß die Nationalisten auf ihn lauern, um ihn zu stürzen, während er öffentlich feine Gelegenheit versäumt, sein volles Einverständnis mit Poincaré zu beteuern.
Die wichtigste Tatsache des Tages war Strefemanns Dringlichkeitsantrag in der Ratssitzung, daß die neuen Liquidationen von Grundeigentum in Polen auf die heutige Tagesordnung gesetzt wird.
Labour an der Arbeit.
Der erste offizielle Ministerrat.
London , 10. Juni. Eigenbericht.) Der erste offizielle Ministerrat der Arbeiterregierung beschäftigte sich mit dem Regierungsprogramm, wie es in der ersten Thronrebe enthalten sein wird. Dem Ministerrat ging eine Speech filmaufnahme des Kabinetts im Garten voran. Dieser Sprechfilm, der in den nächsten Tagen in den Kinos gezeigt werden soll, besteht in einer Vorstellung der Kabinettsmitglieder durch den Ministerpräsidenten. Ramsay Macdonald wird sich am Dienstag auf kurzen Urlaub nach seiner schottischen Heimat begeben.
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Bertrag mit Rußland . Für Räumung. London , 10. Juni. ( Eigenbericht.)
Der neue Außenminister Henderson betont im„ Daily Herald", daß sowohl Macdonald als er selbst die britischen Beziehungen zum Völkerbund als einen der wichtigsten Punkte der Regierungspolitik betrachten würden. Die Arbeiterregierung werde das Broblem nicht vom Standpunkt der nationalen Strategie, sondern vom Standpunkt internationaler Zusammenarbeit beurteilen. Die gleiche Stellungnahme werde auch die englische Politit gegenüber Amerifa und Rußland bestimmen. England werde in Zukunft jede Gelegenheit ergreifen, um mit Vertretern der amerikanischen Regierung in persönlichen Kontakt zu gelangen. Außerdem werde auf schnellstem Wege versucht werden, die bekannte Politik der Arbeiterpartei gegenüber Rußland zu verwirklichen.
Henderson befaßte sich auch mit der Rheinlandräumung. Dazu heißt es in seiner Erklärung wörtlich:„ Wir haben den dringenden Wunsch, alle ausländischen Truppen schnellsteas aus deutschem Gebiet zurückzuziehen. Wir müssen hierzu jedoch forgfältig die besten Mittel und Wege erwägen."
Das neue Unterhaus.
London , 10. Jumi. Das jetzt vorliegende endgültige Wahlergebnis zeigt folgende Kräfteverteilung im Unterhaus: Arbeiterpartei 288; Konservative
Es handelt sich um etwa 1000 ehemalige deutsche Staatsangehörige, denen Polen ganz willkürlich die polnische Staatsangehörigkeit abgesprochen hat, lediglich um ihr Eigentum zu liquidieren, Die Bolen erklären den Antrag als unfreundlich und auch die Franzosen sollen erklären den Antrag als unfreundlich und auch die Franzosen sollen verschnupft sein. Viel mehr Grund dazu hätten die Deutschen , nicht nur wegen der polnischen Politik den Deutschen gegenüber, sondern auch wegen der Haltung 3alestis in Madrid . Er hat in mehreren Interviews an hiesige Blätter nicht nur Propaganda für sein Land, sondern auch Stimmung gegen Deutschland zu machen versucht und dabei auf die bedauerlichen Zwischenfälle in Oppeln hingewiesen. Die deutsche Vertretung lehnt eine Gegenäußerung entschieden ab, weil man es als einen Mißbrauch der Gastfreundschaft Spaniens ansieht, wenn man die spanische Presse als Tummelplatz für deutsch - polnische Polemiken verwendet.
Für die Minderheitenfrage dürfte die Dienstagfizung des Ratskomitees entscheidend sein. A CO
Stresemann ist entschloffen, die grundsätzliche Seite des Minderheitenproblems aufzurollen,
was vor seiner Ankunft nur in sehr ungenügendem Maße und
ohne jeden Erfolg geschehen ist. Die Aussichten für eine Einigung
find sehr gering, daher wird Stresemann darauf hinarbeiten, daß die Lösung bis zum Herbst vertagt wird, wo die neue britische Regierung Stellung zum Minderheitenproblem
nehmen kann.
Das größte Regierungsblatt Madrids ,, La Nacion", das spät nachmittags erscheint, berichtet nicht nur von der Besprechung Briand- Stresemann, sondern auch ausführlich über den Inhalt dieser Unterredung, die gar nicht geführt worden ist!
Antrag Stresemanns zugelassen!
Dem Antrag Dr. Stresemanns, die Beschwerde der deutfchen Abgeordneten im polnischen Sejm über die neue Enteignung deutschen Grundbefizes als besonders dringenden Fall auf die Tagesordnung zu sehen, ift entsprochen worden; fie wird Ende dieser Woche vom Rat verhandelt werden.
259; Liberale 58; Unabhängige 9. Das einzige Resultat, das noch nicht bekannt ist, ist das des Wahlkreises Rugby, wo die Wahl wegen des Todes des Arbeiterkandidaten auf den 13. Juni verschoben wurde.
Sklaverei selbst europäischer Arbeiter.
Amsterdam , 10. Juni. ( Eigenbericht.) Das sozialistische Het Bolt" veröffentlicht eine Zuschrift über die Hölle von Curaçao ( Niederländisch- Westindien), wonach für die niederländischen Arbeiter der Bataafsche Petroleum- Maatschappij so gut wie nicht gesorgt wird. Je fünf Mann werden in dem furchtbar heißen klima in gemeinsamen Schlafräumen zusammengepfercht; die Werkmeister üben den größten Terror aus. Jede Auflehnung gegen einen ungerechtfertigten Befehl wird polizeilich bestraft. Da die Menschen in ihrer Verzweiflung in die vielen Bordelle laufen, find fa ft 90 Prozent aller ertrantten Arbeiter geschlechtsfrant.
Amfterdam, 10. Juni. ( Eigenbericht.) Das Kolonialministerium meldet zu dem Ueberfall auf Nieder ländisch - Curaçao , daß in der Nacht zum 9. Juni schäßungsweise 500 Benezuelaner mit augenscheinlich gegen ihre Regierung gerichteten Absichten die Polizei in Willemstad überfielen. Verschiedene niederländische Soldaten wurden getötet oder verwundet. Die Bande plünderte das Munitionsmagazin und wußte den Kapitän eines im Hafen liegenden Dampfers zu zwingen, sie nach Venezuela zu fahren. Es glückte ihnen, den Gou verneur und den Polizeikommandanten gefangenzunehmen und an Bord zu bringen. Beide sind inzwischen nach Willemstad zurüd gefehrt. Die Curaçao - Petroleumgesellschaft arbeitet weiter.
Am Montag wurden die Kriegsschiffe Sort hner" und erzog Heinrich", zwei Unterseeboote und zwei Torpedoboote in die westindischen Gewässer entsandt. Der Außenminister läßt er flären, daß eine Veranlassung zu einem Konflitt mit Venezuela bestände. Es handele sich um einen Butsch venezuelanischer Aufständischer.
Der nordameritanische Ronful in Willemstad hat nach Washington um Entsendung von Kriegsschiffen gedrahtet; solche liegen in der Panamafanalzone.
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Ein urgelöftes Problem.
Von Dr. Artasches Abeghian.
England sigt seit 1882 in Aegypten . Mit Ausnahme des Quellgebietes vom Blauen Nil , das in Abessinien liegt, untersteht somit das ganze Nilland der Oberhoheit Britanniens. Seit England in Aegypten ist, hat es dort nie an Konflikten gefehlt. Die ersten Tage der Festsetzung Englands an den Nilufern waren schon mit dem Aufstand Arabi Baschas verbunden. Darauf brachen im Sudan Unruhen aus, die Kitchener erst 1898 zu unterdrücken vermochte. Der Konflikt zwischen England und Frankreich , der in der Geschichte mit dem Namen Faschoda, am Weißen Nil , verbunden ist, wurde nur unter den größten Schwierigkeiten beigelegt. Das Abkommen zwischen den beiden Ländern vom Jahre 1904, das Frankreich in Marokko freie Hand ließ, übergab Aegypten gänzlich der Macht Englands. Der imperialistische Wettbewerb um das Nilland wurde zwar ausgeschaltet, aber der Kampf des ägyptischen Volkes um seine Freiheit hörte damit nicht auf. Die alte Parole der Bewegung: Aegypten den Aegyptern" blieb in voller Kraft. Die Kriegsjahre bedeuteten nur eine Ruhepause. England hat 1914 den Aegyptern ein unabhängiges Dasein zugesagt. Es wurde unmittelbar nach dem Waffenstillstand ein Wafd", eine Delegation gebildet, die in London und in lich durchsetzen sollte. An der Spize des„ Wafd" stand Versailles die Unabhängigkeit Aegyptens völkerrecht3aghlul Bascha, der alte Borkämpfer aus der Zeit Arabi Paschas. Seither ist die ägyptische Unabhängigkeitsbewegung vorwiegend im Wafd oder der ZaghlulistenPartei konzentriert. Die ägyptische Delegation wurde in London und Versailles nicht empfangen, sondern nach Malta verbannt( März 1919). Es folgten in Aegypten Unruhen. Eine Sonderfommission Milners sollte nun deren Ursachen studieren und Heilmittel empfehlen. Diese folgte bald, wurde aber erst bedeutend verspätet und erfolglosausgeführt. Am 28. Februar 1922 deflarierte Lloyd George einseitig das Ende des britischen Protettorats über Aegypten und seine Unabhängigkeit". Gleichzeitig wurde Fuad der Titel des Königs verliehen. Die englische Deklaration war mit derartigen Einschränfungen verbunden, daß die Unabhängigkeit Aegyptens nur scheinbar ist: 1. Der Suezkanal sollte weiter unter dem ausschließlichen Schutz Englands bleiben. 2. Der Sudan blieb nach wie vor englisch - ägyptisches Kondominium. 3. Englische Garnisonen sollten in Aegypten bleiben. 4. Der Schutz der Fremden und der nationalen Minderheiten Aegyptens blieb ein Vorrecht Englands. 5. Englische Ratgeber in Finanz- und Gerichtsangelegenheiten sollten ihr Amt bei der ägyptischen Regierung weiter ausüben. Außerdem hatte die englische Regierung eine Note an die Mächte gerichtet, worin jede fremde Einmischung in die inneren ägyptischen Angelegenheiten als englandfeindlich erklärt wurde. Aegypten durfte feinen Vertrag mit irgendeinem Staate schließen, der als gegen englische Intereffen gerichtet betrachtet werden könne. Zugleich hatte England freiwillig die Verpflichtung übernommen, Aegypten gegen alle Angriffe von außen zu schützen.
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Aegypten fam naturgemäß nicht zur Ruhe. Die inzwischen freigelassenen Wafdisten setten ihren Kampf fort, wurden von neuem verhaftet und zuerst nach den Seishelinseln, später nach Gibraltar verbannt. Im April 1923 veröffentlichte König Fuad eine neue Berfassung, 3ughlul wurde wieder freigelassen und mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Der innere Frieden blieb dennoch aus. Die Gewalthaber lösten das junge ägyptische Barlament dreimal nacheinander auf, eine Regierung folgte der anderen, bis schließlich, im Juli 1928, auf Veranlassung des Ministerpräsidenten Mahmut Pascha der eines ehemaligen Mitkämpfers von Zaghlul ! Aegypterfönig das Dittaturregime einführte. Ob der britische Oberkommissar Lord Lloyd die Baterschaft dieser genialen Lösung beanspruchen fann, mag dahingestellt bleiben. Die Besagungsmacht und ägyptische Hochfinanz waren geeint für die Unterdrückung der ägyptischen Freiheit.
Das
Das vor kurzem unterzeichnete britisch- ägyptische Nilabfommen ist als ein Produkt dieses Zusammengehens zu betrachten. Die ägyptischen Boltsmassen verlangen aber weiterhin die Anerkennung der vollen Unabhängigkeit ihres Landes. Sie hatten die Einführung der Diktatur mit zahlreichen Protesten und Kundgebungen beantwortet. aufgelöste Parlament mit Nahas Pascha, dem Nachfolger Baghluls, an der Spize, veranstaltete mehrmals Sigungen und richtete Protestschreiben an Bolksvertretungen europäischer Länder, darunter auch an den Reichstag . Nun scheinen auch die fremden und die einheimischen Machthaber zur Einsicht gekommen zu sein, daß man nicht allzu lange das Land auf diese Weise regieren fann. Der erste Lon= doner Besuch König Fuads( Ende 1927) hatte zwar ein neues Abkommen mit England zur Folge, es enthielt aber nichts Neues und wurde auch deshalb vom ägyptischen Volke