Nr. 30.
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Vorwärts
13. Jahrg.
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Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Der Kampf
überstehenden Kreise.
Mittwoch, den 5. Februar 1896. Expedition: SW. 19, Benth- Straße 3.
Abseits vom großen Strome der Arbeiterbewegung,| zu blühen; speziell die Berliner Damenkonfektion beherrscht in der Konfektionsindustrie. unberührt von der Erkenntniß der sozialen Zusammenhänge, konkurrenzlos den Weltmarkt, sie diktirt, wenn sie es nur in ihrem Elende dahinbrütend, ohne Hoffnung, aus dem will, die Preise, sie kann die kleinen Opfer, die die Arbeiter Ein großer Arbeiterkampf besonderer Eigenart ist aus- selben herauszukommen, haben die Arbeiterinnen Jahre von ihr fordern, leicht von ihrem Gewinne zugestehen, fie gebrochen, eigenartig wegen der Kämpfenden, wegen ihrer lang gefrohndet, um ihren glücklicheren Schwestern den kann sie aber auch auf die Konsumenten, ohne daß diese es Stellung zu einander, wegen der Breite der Bewegung, Staat zu liefern, in dem diese sich glücklich fühlen, in dem sie besonders fühlen, abwälzen, oder einen Mittelweg wählen. wegen der Forderungen, die aufgestellt wurden, wegen der sich bewundern lassen. Die Konfektions- Industrie ist bisher auf die Forderungen Haltung der sonst theilnahmelos Lohnbewegungen gegen Eine Thatsache höchster Bedeutung für den Beobachter nicht eingegangen, sie hat den Streit in Breslau , Stettin der sozialen Entwicklung, für alle die, die in einer auf- und Hamburg ausbrechen lassen, nicht ihr Verdienst ist es, Es fämpfen die Aermften der Armen, die von Groß- steigenden Klassenbewegung den Kulturfortschritt sehen, ist wenn es in Berlin noch nicht zum offenen Kampfe geindustriellen und Zwischenmeistern ausgebeuteten Haus- es, wenn solche Massen sich aufraffen, um der Verelendung kommen ist. industriellen in einer Industrie, die viele Millionen jährlich ein Halt entgegenzurufen. Schon das Faktum allein, daß Selbst Kreise, die ganz unbetheiligt sind, bereiten sich, einer kleinen Anzahl von Unternehmern, den Herren der Kon- diese Schichten der Bevölkerung sich auch zu rühren be- wie wir einer Mittheilung der Vosischen Zeitung" ent fettion, einbringt, fie streiken, beziehentlich sind bereit zum ginnen, ist als hocherfreulich zu bezeichnen, ist der Benehmen, vor, in den Kampf einzugreifen, während zahlreiche Streit, wenn in wenigen Tagen das legte Losungswort ginn der Hoffnung, daß so zahlreiche Arbeiter und Arbeites Chefs der Konfektionsfirmen noch immer die Haltung des fällt, weil ihr Elend nicht mehr getragen werden kann, rinnen der Menschheit nicht verloren zu gehen brauchen, unbetheiligten Zuschauers einnehmen. Aus einer ganzen Reihe weil die offenkundigen Leiden, unter denen sie seit langer daß sittlicher Ernst, wirthschaftliche Widerstandsfähigkeit von Anzeichen geht hervor, daß dieser Streit das Interesse Zeit seufzen und ächzen, zwar aller Welt bekannt, durch die Ausbeutung doch noch nicht ertödtet sind. weitester Kreise in hohem Maße erregt, daß ganz allgemein aber ohne jede Linderung geblieben sind, weil ihnen bestendie Sympathie auf Seite der Arbeiter und Arbeiterinnen falls werklose, wenn auch nicht wortarme Eympathie entist. Noch mehr wie wir scheint dies die„ Nordd. Allg. 8tg." gegengebracht wurde. Schon seit langem ist die Näherin zu fühlen, die in einem an Klassenverhetzung unübertreff als der Typus des Elends bekannt, ja selbst in den Akten, baren Artikel die Bourgeoisie zur Wahrung ihres Klassen der Hauptsache für den ruhigen Staatsbürger in der interesses aufruft. vom Reichskanzleramt im Jahre 1887 unternommenen Enquete über die zu erwartenden sozialen Wirkungen eines Nähfadenzolles steht es deutlich geschrieben, daß die Arbeiter und vor allem die Arbeiterinnen der Konfektionsindustrie in so ver elendeten Lebensverhältnissen vegetiren, daß selbst ein minimaler Preisaufschlag auf den von ihnen verbrauchten Nähfaden eine schwere, unerträgliche Belastung wäre, daß es der Tropfen gewesen wäre, der das Elend der Näherinnen ber das Glend ber zum Ueberfließen gebracht hätte.
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Bedeutungsvoll ist auch der Kampf wegen seiner Ziel punkte. Wir begreifen es vollkommen, wenn selbst Wohl meinende aus den besitzenden Klassen dem Kampfe, der nun entbrannt ist, zwar Sympathien, aber nicht genügendes Verständniß entgegenbringen; sie leben in Verhältnissen, wo das, was gefordert wird, so selbstverständlich ist, daß sie Allgemein fühlt man, daß es die schärfste Satyre auf nicht recht überzeugt werden können, daß Zehntausenden unsere von bezahlten Federn so sehr gerühmte Sozialdas fehlt. Daß den Arbeiterinnen Arbeitsräume zur Ver- politik ist, daß Zustände, wie sie in der deutschen fügung gestellt werden müssen, daß die Arbeiterinnen es sich Konfektions- Industrie eingerissen sind, existiren können, daß erst erkämpfen müssen, daß sie wissen, was sie verdienen, es einer großen Bewegung noch bedarf, um die Durchsehung daß sie als Forderung aufstellen müssen: so unbedeutender Forderungen anzubahnen. Für uns ist kein Wort darüber zu verlieren, daß den Mißständen in der Konfektious Judustrie und einer Reihe ähnlicher Jndustrien nur durch kräftiges Eingreifen der Gesetzgebung und Verwaltung einigermaßen gesteuert werden kann. aber unsere Gesetzgebung, die die Aktionen der Arbeiter Körper gegenüber die Hände in den Schooß legt, blieb hemmt, diesen offenkundigem Schaden an unserem sozialen. den Arbeitern und Arbeiterinnen nichts anderes übrig, als, ihrer eigenen Kraft und der Solidarität der Arbeiterklasse vertrauend, in den Kampf zu treten.
Eine anständige, eines Menschen würdige Behandlung, daß rohe Redensarten oder gar Handgreiflichkeiten( wie sie vor gekommen) unterbleiben müffen.
Zwischen den eigentlichen Gegnern, den Arbeitern und Schnelle Abfertigung bei Empfangnahme und Abliefern der Arbeiterinnen, die die Forderungen aufstellen, und den Arbeiten. Bei länger als einstündigem Warten wird pro Stunde Konfektionsfirmen, die sie bewilligen sollen, steht ein Zwischen40 Pf. vergütet. glied, das im Produktionsprozesse sie verbindet, in Mindestens wöchentliche Lohnzahlung am Schluß der Woche, sozialer Beziehung sie aber fie aber trennt: die Schicht das alles ist vielen ganz unverständlich. Die Frau, die der Zwischenmeister. Diese sind es, welche die Löhne durch selbst hier und da näht, wird es garnicht begreifen, ihre ständige Konkurrenz unter sich immer tiefer und tiefer daß für das Nähen eines wattirten Radmantels 2 M. 50 Pf., zu drücken verstehen. Sie sind es, die den Arbeiterinnen, für das Nähen eines gewöhnlichen Jaquets 1 M. 25 Pf., für auf deren virtuose Ausbeutung in der Regel allein und einen ganzen Knabenanzug 1 M. als Lohn erst erkämpft fast nie auf Sachkenntniß, besonderen Geschmack zc. ihre werden müssen. Existenz beruht, nicht blos rein wirthschaftlich ihre Ueber- Alle Forderungen der Arbeiter zeichnen sich durch eine macht fühlen lassen. Sie, die wirthschaftlich entbehrlichsten bis aufs äußerste getriebene Zurückhaltung, durch eine in Personen im Produktions- und Zirkulationsprozesse die Augen springende Selbstverständlichkeit aus. der Konfettion, fügen in oft an Schamlosigkeit Wir sind überzeugt, daß eine Einigung zu erzielen ist, grenzender Weise zur endlosen endlosen Ausdehnung der wenn ebenso guter Wille und ebenso ruhige Ueberlegung Arbeitszeit und zur Herunterschraubung der Lebens- auf Seite der Unternehmer vorhanden wäre, wie auf der haltung auch oft noch unwürdige Behandlung, geschlechtlichen der Arbeiter. Die Industrie, eine der blühendsten des Mißbrauch. Sie drücken so die Arbeiterinnen zu willenlofen Reiches man sehe nur auf die Paläste des Hausvogtei Maschinen ohne Muth und Vertheidigungsfähigkeit gegen plazes- bedarf wahrlich nicht zur Existenz so unwürdiger Augriffe, unfläthige Zumuthungen und Injurien herab. Verhältnisse der Arbeiter und Arbeiterinnen, um äußerlich
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Clotilde.
( Nachdruck verboten.)
Roman aus der Gegenwart von
H. W. M. von Walthausen.
30.
Die bevorstehende Trauung des Doktor Eugen Langenberg mit der Tochter des Hofbuchdruckereibesitzers Kommerzienrath Brambach, Clotilde, bildete ein Ereigniß für die halbe Stadt.
Der Polterabend wurde in einem der größten Hotels gefeiert. Es waren viele und vornehme Gäste geladen und erschienen.
Der Bürgermeister und mehrere Stadträthe mit ihren Frauen. Der Freund Langenberg's, Assessor Händrich mit seiner Braut Frl. Bertha Schultz, sowie der ganze Halbe Sechserklub" waren anwesend.
Georgine versäumte indeß nicht, den Frauen dies unter dem Siegel der Verschwiegenheit damit zu erklären, daß ihr Schwiegersohn reiche Gönner und viele dankbare Patienten habe, die, wie besonders Palavi, oft solche Festlichkeiten aus ihrem Beutel bestritten, um nur fröhlich zu sein und ihre Ideen anzubringen.
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bat die fröhlich Versammelten, ihm auf einige Augenblicke Gehör zu schenken. Ein lautes Beifallsklatschen und Bravorufen unterbrach ihn zum Willkommen.
Balavi dankte und entschuldigte sich, daß er nur eine fleine bescheidene Huldigung darbringen könne, aber er fordere die Anwesenden auf, einzustimmen in ein dreifaches Hoch auf das junge Paar.
Ein lauter, freudiger Jubelruf, durchbrauste dieses Hoch den Saal. Palavi hatte schon halb gewonnenes Spiel. Als das Gläserklingen verhallte, rollte auf ein ge gebenes Zeichen der Vorhang empor, und plötzliche Stille trat ein. Ueberrascht von dem strahlenden Lichtmeer, der blumenreichen Szenerie, fühlte sich Jedes in die Gefilde der Himmlischen versetzt.
Brambach hatte es verstanden, durch seine öfteren gemüthlichen Gastereien gute Freunde und sich selbst in An- Eine liebliche, weibliche Gestalt, die Göttin des Glücks, sehen zu erhalten. trat mit zwei geflügelten Genien auf. Sie sprach in Obgleich es vielen ein Räthsel war, wie er es möglich schönen Worten und gebundener Rede ihre Freude darüber machte, die Kosten dieses Gesellschaftgebens" zu bestreiten, aus: ein in Liebe verbundenes Paar, dem sie erscheinen so fanden sie sich doch immer wieder ein, denn man aß und wolle, hier in einem so fröhlichen Kreise zu finden. Sie trank gut bei Brambach's. befahl ihren dienstbereiten Genien, dieses Paar immer zu umschweben und ihre Wünsche zu erlauschen. Dann holte sie ein prächtiges Füllhorn herbei. Tie Genien nahten ihr mit blinkenden Tabletten, auf diese stellte die Göttin allerhand Gegenstände, aus allen Reichen der Natur im Kleinen nachgebildet, die sie dem Füllhorn entnahm. Was sich davon das junge Paar wünsche, solle ihm gewährt werden. Auch heute hatte Georgine im Vertrauen ausgeplaudert, Eben wollten die Genien, zwei allerliebste junge Mäddaß Palavi einen gelungenen Polterabend Scherz vor chen in lichten, prächtigen Kostümen, zu dem jungen Paare zuführen gedenke. Die Neugierde war daher, in Er- mit den Geschenken gehen, da trat plötzlich der Zwillingss innerung an die Verlobungsaufführung, eine große. bruder des Glückes, der Zufall" ein und vertrat ihnen den Man blickte mit gespannter Aufmerksamkeit nach der Weg. Er führte einen biederen, alten Mann im Kostüme im Saale aufgestellten Bühne und erwartete, da die der mittelalterlichen Handwerksmeister der Glücksgöttin zu, leiblichen Genüffe der Tafel ein gewisses Wohlbehagen er- und stellte ihr denselben als einen großen Künstler in seinem zeugt hatten, nun einen seltenen geistigen Genuß. Fache vor mit folgenden Worten:
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Da erhob sich Palavi von seinem Sig, begrüßte und Dieser Mann hat ein großes Kunstwerk geschaffen, ist
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Wir sind überzeugt, daß dieser Kampf begleitet ist von dem Wunsche aller deutschen Arbeiter, daß ein voller Sieg sein Ende sei.
Politische Nebersicht.
Berlin , 4. Februar. Aus dem Reichstage. Der heutige zweite Tag der Berathung des bürgerlichen Gesetzbuchs zeichnete sich dadurch zum Vortheil gegen gestern aus, daß die Sitze der Abgeordneten wenigstens halbwegs besetzt waren. Ein volles Haus gab es zwar auch heute noch lange nicht.
In eingehenderer Weise besprach heute zunächst der aber nie von dem Glücke begünstigt worden. Er hat sich daher an mich ,,, den Zufall" gewendet."
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Ibn und sein Kunstwerk bringe ich hierher, weil ich weiß, Du willst ein liebend Paar beglücken," hub der keck auftretende Bursche von neuem an- ,, ich, der Zufall bin gern gefällig, was wärest Du das Glück, ohne mich. Ich muß Dich oft führen, Deiner Verschwendung Einhalt thun und viele Deiner Thorheiten wieder gut machen. Darum laß uns vereint dem jungen Paare dieses Kunstwerk schenken, statte Du es aus mit Deinem Reichthum."
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Aber was ist denn das für ein Werk?" frug die Glücksgöttin. „ Es ist ein Prachtgebäude," begann der Künstler. " In seinem Innern angenehm, geschmackvoll hergerichtet, enthält es alles, was Wohlbehagen und Freude verschafft. Es wird Zufriedenheit bringen, denn ein Vogelpaar hat schon sein Nestchen daran gebaut und schnäbelt sich, ein Bild des Friedens und der Liebe."
Nun so bringt es dem jungen Paare zur Freude, dem Künstler zum Ruhme." Und der Zufall trug mit dem Künstler einen verhüllten Gegenstand die Stufen der Bühne herab dem jungen Paare Dort fiel die Hülle. Es war ein riesiger Baumkuchen. Er stellte eine Wiege dar, darin ein Storchnest und auf demselben standen zwei Klapperstörche, welche sich schnäbelten.
zu.
Das Erstaunen und Gelächter war groß. Der Künstler nöthigte Langenberg, das Kunstwerk anzubrechen und der Zufall fügte es, daß der Doktor zwei allerliebste Wickelkinder zuerst in die Hand nahm. Darauf kamen auch die beiden, als geflügelte Genien gekleidete Mädchen und hielten Clotilden ihre Präsentirbretter hin. Es war Fruchteis darauf in allerhand kunstvollen Formen. Auch reichte die Göttin des Glücks ihr Füllhorn, gefüllt mit Bonbons, herum, Jeden nöthigend, zu zulangen. ( Fortsetzung folgt.)