Einzelbild herunterladen
 

BERLIN Montag 15. Juli 1929

Der Abend

Erfcheint taglianter Sonntags. Bugleich Abendaufgabe des Vorwärts. Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Erpedition; Berlin SW68, Lindenstr. 3

Spätausgabe des Vorwärts

10 Pf.

Nr. 326

B 162

46. Jahrgang.

66 Anzeigenpreis: Die einfpaltige Nonpareillezeile 80 Vf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Woftfcheckkonto: Vorwärts- Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37 536. Fernsprecher: Donboff 292 bis 297

Der Marsch der roten Jugend.

Das Hohe Lied der Arbeitersolidarität in Wien .

Unser die Jugend!

Wien , 15. Juli. ( Eigenbericht.)

Wo ist der Dichter, wo der Maler, der diesen Fadelzug Der internationalen Arbeiterjugend vom Sonnabend­abend, den Fest- und Siegeszug vom Sonntag schildern und wieder­geben fönnte? Wer schildert diese Sommernacht und diesen wahren Gonnentag, diefen Rausch der Farben und der Freude, diesen Jubel der Jugend und diese Anteilnahme und Hingabe der Zuschauer? An beiben Tagen, am Sonnabend und am Sonntag, zogen die jugendlichen Demonstranten je 2 Stunden lang an Hundert. tausenden von Begeisterten, an der Bevölkerung des roten Bien, an einem ganzen Bolt vorbei, die meite breite Stadt in ein Meer der Kraft und Beschwingtheit einhüllend, sie von einem Ende bis zum anderen mit einem gewaltigen Brausen erfüllend.

Was wir an diesem Abend und dem folgenden Morgen fahen, war ein Wunder der Organisation, das Wunder der sozia­ listischen Idee, der Trlumpf der internationalen Sozialdemo­frafie.

Gleich dem schönsten Märchen aus 1001 Nacht stieg am Sonn­abendabend die Jugend und die Zukunft Europas von der hohen Watte" Wiens herab und ergoß sich in die Stadt, im Taft ihrer Lieder, mit der Bucht ihrer Sprechchöre, in der Kraft und Schön­heit ihrer Jahre, in glutrotem Fadel- und Fahnenglanz. Bie eine glühende Schlange wälzt sich der Zug an den beiden Seiten des Donaufanals entlang, und das Wasser glänzt und gleißt wie Gold. Immer näher rüt es heran, in rhythmischen Bewegungen, und versetzt die spalierbildenden Massen in einen unbeschreiblichen Taumel. Das winkt und jubelt, das grüßt und fingt und ruft und marschiert, und es if, als wäre plöglich eine neue Welt. geboren, die die Nacht zum Tag gestaltet und der Menschheit ein neues Licht vom Himmel geholt habe. Um 9 Uhr abends hat es be­gonnen, und als die Spigen des von zwei Seiten heranrückenden Zuges das lichtumflutete Rathaus berühren, ist es Nacht, und die Glocken verfünden Mitternacht, und noch immer zieht und rauscht es vorbei, jubelt und klingt dieses beglückende und nie erlöschende Er lebnis dem jungen Tag entgegen. Er zaubert es noch einmal und führt es zu einem noch höheren Gipfel.

An diesem Sonntag beginnt es an demselben Blake, wo der Abend endete: am Rathaus. Nur ein Bruchteil der Jugendlichen findet um 9 Uhr morgens Plak , als Fanfaren und Chöre den Reigen einleiten. Dann erscheinen auf der Tribüne Friz Adler im Auftrage der Sozialistischen Internationale, Citrin London im Auftrage der Gewerkschaftsinternationale und Otto Bauer

Die Jugend marschiert über die Ringstraße.

Die gewaltige Sonntagskundgebung.

( Eigenes Bildielegramm.)

Russisches Ultimatum an China .

=

Dreitägige Friſt.

1. Unverzüglich wird eine Konferenz zur Rege einberufen.

lung aller die chinesische Ostbahn betreffenden Fragen

Der russisch chinesische Konflitt, auf dessen| chinesischen Behörden rückgängig gemacht würden. Bedeutung und Gefährlichkeit wir in der Sonntagsausgabe Dementsprechend schlägt die Sowjetregierung vor: des ,, Vorwärts" ausführlich hingewiesen haben, hat sich in­zwischen bedeutend zugespizt. Die Moskauer Regierung hat durch ihren Botschafter Kar ach an der chinesischen Re­gierung eine scharfe Protestnote überreichen lassen, die durch ihre dreitägige Befristung den Charakter eines Ultimatums trägt.

Die Note bezeichnet das Vorgehen der chinesischen Behörden in der Mandschurei als die gröbste Verletzung unzweideutiger Ver­ordentlich ernft".

2. die chinesischen Behörden machen unverzüglich sämtliche die chinesische Ostbahn betreffenden Willkür. maßnahmen rückgängig.

3. Alle verhafteten Sowjetbürger werden unverzüg lich freigelassen. Die chinesischen Behörden stellen alle Verfolgungen und Schikanen gegenüber Staatsange­

für die österreichische Sozialdemokratie, um der Jugend ihren fräge" und die durch dieses Borgehen geschaffene Lage als außer. hörigen und Einrichtungen der Sowjetunion ein. Gruß zuzurufen. In historischer Stunde und auf historischem Blak, jo fagt Frih Adler, finden wir uns hier zusammen. Heute ist der Jahrestag der großen französischen Revolution von

1789. Sie fortzuführen, gilt unfer Schwur.

Am 14. Juli 1889 trat die erfte sozialistische Internationale zufammen und schrieb die Maifeier und den Achtstundentag auf ihre Fahne. Hier ist der Blah, auf dem die Wiener Arbeiter­ichaft ihren Kampf um das Recht begonnen hat. Der Kampf von heute gilt der Erhaltung der Demokratie, der Verteidigung der Republit, der Erringung des Sozialismus. Deshalb: die Internationale über alles, über alles in der Welt!

Der Engländer Citrine begrüßte die Jugend im Auftrage von 14 Millionen organisierter Arbeiter, die sich in der Internationale der freien Gewerkschaften zu1­fammengefunden haben. Krieg, Militarismus und Faschismus sind heute die schlimmsten Uebel, denen wir zu begegnen haben. Curin fagt es in seiner Muttersprache und schließt seine Rede mit dem einen deutschen Wort, das millionenfach in diesen Tagen Wien durchzittert, von allen verstanden wird und in allen Herzen wider. Mingt, das eine große Bort der österreichischen Arbeiter: Freund­

schaft!

( Fortegung auf der 2. Seite.)

Die Note erinnert daran, daß Rußland ,, wiederholt Beweise seiner Friedensliebe und freundschaftlichen Hal tung gegenüber China " im Kampfe um die Abschaffung der tung gegenüber China " im Kampfe um die Abschaffung der Dittatsverträge und um die Wiederherstellung der chinesischen Souveränität gegeben und als erstes durch Vertrag auf alle Sonder privilegien der ausländischen Staaten verzichtet habe. Hinsicht lich der chinesischen Ostbahn hätte die Sowjetregierung wiederholt ihr Bereitschaft zur freundschaftlichen Regelung aller Strett fragen angeboten, zuletzt in einem Telegramm vom 11. Juli, das aber ebenso wie frühere Angebote unbeantwortet geblieben sei. Die chinesischen Behörden betrachteten diese Haltung Rußlands anscheinend als einen Ausdruck der Schwäche. Demgegenüber betonte die Sowjetregierung ,,, daß sie über hinreichende Mittel ver­fügt, um die gesetzlichen Rechte der Völker der Sowjetunion vor fügt, um die gefehlichen Rechte der Völker der Sowjetunion vor jedweden gewalttätigen Angriffen, zu schützen".

Der Schluß der Note lautet:

444

Ihrer Friedenspolitik treu bleibend, gibt die Sowjetregierung tron der provokatorischen Ge waltmaßnahmen der chinesischen Behörden noch mals ihre Bereitschaft fund, mit China in Berhand. Iungen über den gesamten, die chinesische Ostbahn be­treffenden Fragenkomplex einzutreten. Solche Verhand Lungen wären jedoch nur möglich, wenn die verhafteten Staatsangehörigen der Sowjetunion unverzüglich frei gelassen und sämtliche gesetzwidrigen Handlungen der

Die Sowjetregierung rät der Regierung von Mukden und der Nationalregierung von China , die ernsten Folgen zu bedenken, die sich aus einer Ablehnung dieser regierung erwartet innerhalb von drei Tagen Vorschläge der Sowjetunion ergeben würden. Die Sowjet­eine Antwort der chinesischen Regierung auf ihren Vor­schlag. Falls sie keine befriedigende Antwort erhält, wird sie genötigt sein, zu anderen Mitteln zur Wahrung der gesekmäßigen Rechte der Sowjetunion zu greifen.

Englische Blätter melden aus China , daß die Maß­nahmen der chinesischen Behörden der Mandschurei an­scheinend ohne Wissen der chinesischen Zentralregierung in Nanking erfolgt seien und sogar ohne Wissen des Gouver neurs der Mandschurei , Tsch angsüliang. Das letztere flingt allerdings sehr unwahrscheinlich. Vielmehr erklärt der chinesische Präsident der Ostbahn in Charbin , daß er auf Beranlassung der Mukdener Regierung vor­gegangen sei, weil die Sowjetregierung das Bahnabkommen von 1924 verschiedentlich verletzt habe. Er hoffe, daß Ruß­ land die ihm von chinesischer Seite unterbreiteten Vor­fchläge in Erwägung ziehen werde. Coo

Dor

7

Gestern fanden in allen großen russischen und sibirischen Städten große Protest kundgebungen den chinesischen Konsulaten, statt. Die japanische Regierung hat eine Vermittlung vorläufig abgelehnt.