Der Abend™
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Spätausgabe des„ Vorwärts"
46. Jahrgang.
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Stresemann gestorben.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann ist heute früh in der sechsten Stunde plötzlich verstorben. Seit längerer Zeit schwer leidend, hatte er noch gestern an aufregenden Erörterungen in seiner Fraktion teil: genommen. Um 10% Uhr abends wurde er von einem Schlaganfall betroffen, der ihn das Bewußtsein raubte. Nach einem zweiten Schlaganfall kurz vor% 6 Uhr morgens trat der Tod ein.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann ist heute vormittag um 5,25 Uhr einem Herzschlag erlegen.
Stresemann mußte bereits seit einigen Tagen auf Anordnung der Aerzte wegen einer Bronchitis das Bett hüten. Am Mittwoch hat er seine Wohnung jedoch zeit. weise verlassen müssen, um in seiner Fraktion mitzuwirken. Bis zum späten Abend hat er vom Bett and u. a. auch an der Erklärung mitgewirkt, die von seiner Fraktion heute vormittag im Reichstag zur Reform der Arbeitslosenversicherung abgegeben werden soll. In der Nacht ist dann eine plötzliche Verschlimmerung seines Zustandes eingetreten, an deren Folgen er um 5,25 Uhr plötzlich verstarb.
Der Reichskanzler und die Reichsminister wurden von dem Tod des Reichsaußenministers telephonisch verständigt.
3m Kampf gefallen!
Seit Jahren war Gustav Stresemann ein schwerfranter Mann. In den letzten Monaten wußte man, daß er nicht mehr lange zu leben hatte. Immerhin konnten es noch einige Jahre sein. Er selbst dachte nicht an das Sterben, sondern an die Arbeit. Gestern noch hatte er schwere Auseinandersetzungen in seiner Frattion, heute wollte er den Ministerpräsidenten der Länder, morgen dem Auswärtigen Ausschuß des Reichstags Rede stehen. Mitten im Kampf ist er gefallen.
Ein Kleinbürgersohn aus Berlin , am 10. Mai 1878 geboren. Achtundvierziger Tradition mit start bürgerlich- nationalem Einschlag. Lernbegierig, ehrgeizig, für schöne Literatur und große Figuren der Weltgeschichte, wie Napoleon , begeistert. Bon früh auf ein ausgezeichneter Sprecher. An der Universität Burschenschafter. Hier erwacht das Interesse für Volkswirtschaft. Notwendigkeit des Erwerbs führt den jungen Doktor, Anfang der Zwanzig, zum sächsischen Bund der Industriellen, der Interessen der verarbeitenden Industrie im Gegensatz zur Schwerindustrie vertritt. In dieser Stellung aufsteigend bleibt er von seinem 24. bis zu seinem 40. Lebensjahr, das er kurz vor Kriegsende vollendet.
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1907 wird er, 29jährig, Reichstagsabgeordneter und macht sich durch Sachkenntnis und Redegabe bald bemerkbar. Er 3 berger beim Zentrum, Ludwig Frank bei den Sozialdemokraten, Stresemann bei den Nationalliberalen werden die ragenden Köpfe einer aufsteigenden Führergeneration. Nach Bassermanns Tode übernimmt der junge Syndifus aus Dresden die Führung seiner Partei.
Im Kriege gehört er zu den nationalen Heißspornen. Er glaubt an den Sieg, schwärmt für territoriale Machterweiterung. Ein Nationalliberaler, nicht ohne wirklichen Liberalismus, nicht ohne sozialen Einschlag ist er bisher gewesen jetzt tritt hinter dem Nationalen alles andere zurüd. Wie so viele taumelt auch er, ein Verblendeter, durch den Krieg. Erst die Niederlage bringt ihm das Erwachen.
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Stresemann meldet sich zum Eintritt in die neugegründete Deutsch- Demokratische Partei. Er wird als eine kompromittierte Persönlichkeit zurückgewiesen. So behält die zur Deutschen Volkspartei umgegründete Nationalliberale Partei ihren Führer.
Aber der innere Bruch war von vornherein gegeben und die innere Notwendigkeit des Kompromisses zwischen der Partei und ihrer repräsentativsten Persönlichkeit. Die Volkspartei war nationalistisch, schwarzweißrot, Wiederherstellung eines ,, Boltstaisertums" war ihr innerpolitisches Ziel. Beim Aufbau der Republik , bei der Neuorientierung der auswärtigen Politit stand fie abseits. Das schwere Wert der ersten fünf Jahre mußte von der Sozialdemokratie und der Koalition von Weimar geleistet werden.
Das Drängen der Volkspartei in die Regierung führte zum Sturze Births. Es tam die Regierung Cuno
Rosenberg, mit ihr der Ruhreinmarsch und die Niederlage im Ruhrfrieg. Die Zertrümmerung des Reiches durch zerstörende Kräfte von außen und innen drohte. Die Wirtschaft durchschritt das Fegefeuer der Inflation. Nur ein ein fester, auf eine feste parlamentarische Basis sich stützender
Wille konnte noch retten.
Da trat nun, von Ebert berufen, Stresemann als Reichstanzler und Außenminister an die Spize einer Regierung der Großen Koalition. Die Koalition zerfiel bald, und Stresemann mußte als Reichskanzler demissionieren. Minister des Aus wärtigen aber blieb er vom 13. August 1923 bis zu seinem Tode.
Die Dienste, die er in diesen sechs Jahren der Deutschen Republit geleistet hat, sind schwer abzuschätzen. Ihre Geschichte foll heute hier nicht geschrieben werden. Kein anderer fonnte
sie leisten.
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Das lag nicht nur an der Stärke seiner Persönlichkeit, sondern mehr noch so sonderbar es im ersten Augenblid flingen mag- an seiner Bergangenheit und an seiner ganzen Entwicklung. Stresemann hatte erkannt, daß nur die Berständigung mit Frankreich Deutschland retten fonnte und daß dieses Ziel nicht ohne Akte zu machen war, die von politisch ungeschulten, nationalempfindenden Deut schen als ,, Demütigung und Preisgabe der Würde" erscheinen mußten. Nur Stresemann fonnte infolge seiner ganzen Bergangenheit einen Teil der ,, nationalen Opposition" auf diesem schwierigen und gefährlichen Weg mitreißen, der nun begangen werden mußte. Darum traf ja auch ihn der Haß derer, die nichts zulernen fönnen oder wollen mit seiner ganzen Bucht.
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Die Deutschnationalen haben mit gewissen Einschränkungen- recht, wenn sie behaupten, Stresemann habe die auswärtige Politik der Sozialdemokratie gemacht. Aber ein Sozialdemokrat hätte es noch viel schwerer gehabt als Stresemann, mit dieser Politik durchzukommen.
Jedenfalls fonnte es die Sozialdemokratie im Interesse der Sache nur begrüßen, daß die Außenpolitik in engem Einverständnis mit ihr von einem Manne betrieben wurde, der auch in nationalen" Kreisen über ein erhebliches Rapital von
Bertrauen verfügte und der als der Führer einer rechtsstehen den Partei dieser Außenpolitik eine stabile parlamentarische Mehrheit sicherte.
Und das war auch Stresemann trotz aller Kämpfe, die er mit seiner Partei zu führen hatte, bis zu seinem Tode gea lungen ja, zeitweilig hatte er sogar auch die Deutschnatio nalen in seine Gefolgschaft zu bringen vermocht!
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Der Erfolg dieser von der Sozialdemokratie gestützten und von Stresemann mit glänzender Rednergabe betriebenen Außenpolitik war so groß, daß es eines grenzenlosen Maßes von Verblendung und Berranntheit bedarf, um ihn zu ver* tennen.
Deutschland schien vor sechs Jahren ein dem Tode ge weihtes Staatswesen. Unter den Stiefel des französischen Militarismus getreten, von inneren Kämpfen zerwühlt, lag es Dhnmächtig am Boden. Seitdem aber hat sich jener ge= schichtliche Vorgang vollzogen, den das Ausland mit dem ge flügelten Wort ,, Das deutsche Wunder" fennzeichnet.
Die Deutsche Republit steht innerlich geeint da. Als ständiges Mitglied des Völkerbundrates hat sie im Rate der Bölker eine gewichtige Stimme. Ihre Wirtschaft, soviel wir auch als Sozialisten an ihr auszusehen haben, kann sich mit der jedes anderen europäischen Landes messen.
Die von Deutschland zu zahlenden Kriegsentschädigungen sind stufenweise gesenkt worden, und in wenigen Monaten soll der lette fremde Soldat den deutschen Boden verlassen.
Mehr noch! Deutschland hat in Locarno ein geschichte liches Beispiel dafür gegeben, daß ein im Kriege geschlagenes Bolt, statt an neuen Krieg und Wiedervergeltung zu denken, an die Sieger herantritt, um mit ihnen gemeinsam der Menschheit den dauernden Frieden zu sichern.
Stresemann hat in den letzten sechs Jahren seines Lebens für das deutsche Volt und für Europa Großes geleistet. Bir Sozialdemokraten sind froh, ihm dabei geholfen zu haben.
Der jähe Tod, der ihn aus seinem Leben voll Kampf und Arbeit herausreißt, schafft eine politische Situation von schwer abzuschäzender Bedeutung. Es ist ein unersetim Ausland das gleiche Ansehen genießt und zugleich auch licher Verlust. Deutschland hat keinen zweiten Mann, der im Innern weite Kreise über die Arbeiterklasse hinaus für die Fortführung der Außenpolitik im bisherigen Sinne gewinnen im Innern weite Kreise über die Arbeiterklasse hinaus für die fann. Die Wahl des Nachfolgers ist geradezu eine Schicksalsfrage. Denn soviel auch Deutschland in den letzten Jahren gewonnen hat, so start ist es noch nicht, daß es sich einen ich lechten Außenminister leisten könnte!
Das Wert vom Haag ist noch nicht abge fchloffen. Nach außen sind noch wichtige Verhandlungen zu führen, im Innern wird mit allen Mitteln einer verbrecherischen Heze an seiner Zerstörung gearbeitet. Haß und Heze haben nun ihr persönliches Ziel verloren. Mehr als einmal schien Stresemann vom Schicksal Rathenaus bedroht. Jegt werden sich alle Kräfte der Vernichtung gegen das Werf selber richten, zu dessen Verteidigung und Fortführung die deutsche Sozialdemo= tratie entschlossen ist.
Innerpolitisch bedeutet der Tad des volksparteilichen Führers das Zerreißen des persönlichen Bandes, das die Linke mit der Boltspartei verknüpfte. Durch Strefes mann hatten die Parteien der Großen Koalition ein gemeinfames außenpolitisches Programm, und dadurch ist es auch manchmal, nicht immer, gelungen, innere Gegensätze, die zum Zerreißen gespannt waren, notdürftig zu überbrücken. Das wird nun, wenn es nicht ganz unmöglich wird, noch schwerer werden, als es bisher gewesen ist.
Wir gehen bewegten Zeiten entgegen. An die Führers qualität der Deutschen Sozialdemokratie als der größten Partei der Deutschen Republik werden hohe Ansprüche gestellt sein.