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Morgenausgabe

Nr. 465

A 234

46.Jahrgang

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Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Freitag

4. Oftober 1929

Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.

De stalpaltige Ronpareillezetle 10 Pfennig. Reflamezeile 5.- Reichs mart. Aleine Anzeigen" das fettge brudte Bort 25 Pfennig( zuläffig wel Fettgebrudte Morte), jebes weitere Bort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Bort 15 Bfennig, jebes wettere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben gablen für zwet Worte. Arbeitsmart Beile 60 Pfennig. Familienanzeigen Zeile 40 Pfennig. Anzeigen annahmeimhaupt. fchäft Lindenstraße 3, wochentäglich eon 8 bis 17 Uhr.

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Trauer um Stresemann .

Deutschland und die Welt ehren den toten Friedenskämpfer. Staatsbegräbnis am Sonntag.

die moralische Aechtung ins Grab nachschicken soll. Nie ist an ein Volk ein schimpflicheres An­sinnen gestellt worden!

dun

vernehmen mit der Familie am Sonntag vormittag ftatt­finden wird.

Luftav Stresemann liegt auf der Bahre, eine tiefe[ das, was er selbst nach dem Urteil seiner Gegner gewesen ist,| Reichsinnenminiffers das Staatsbegräbnis, das im Ein­Bewegung geht durch Deutschland und die ganze Welt. Fremde Staatsmänner brechen ihren Urlaub ab und geben in Ausdrücken, die weit entfernt sind von leeren Formeln der Höflichkeit, Kunde von ihrer Trauer und Bestürzung. Die Kränze, die sich auf dem Garg des toten Staatsmannes häufen, sind eine Ehrung nicht nur für ihn, sondern für das deutsche Bolt, das ihn emporhob und mit seinem Ber­trauen trug, für die Deutsche Republik, ohne die er, der Sohn fleiner Bürgersleute, nie hätte werden fönnen, was er geworden ist.

Die ausländische Bresse, ohne Unterschied der Partei, schließt sich dieser allgemeinen Huldigung an. Die Freunde der Berständigung preisen den Toten als ihren wertvollsten und erfolgreichsten Bundesgenossen, ihre Gegner finden erst recht, daß Stresemann Ungeheures für Deutschland geleistet hat. Denn nach ihrer Auffassung hat ja seine Politit nicht echten Friedenszielen, sondern nur den deutschen Interessen gedient. Sie sind der Meinung, daß die Staatsmänner ihres Landes einem erfolgreichen Gegenspieler, der nur an fein Land dachte, unterlegen seien.

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Aber welche Wunder verbringt der Tod! selbst unsere deutsche Rechtspresse fann sich aus diesem allgemeinen Chor trauernder Verehrung nicht ganz aus­schließen. Die Kritit, die fie, wie es ihr gutes Recht ist, an dem politischen Wirken des Verstorbenen übt, zeichnet sich durch ungewohnte Sachlichkeit aus. Selbst die Kreuz­ Zeitung " spricht von der hohen Pflichtauffassung des hingeschiedenen Ministers", der in den Gielen gestorben" ist. Selbst die Deutsche Tageszeitung" rühmt den Ernst und den nationalen Grundton seiner politischen Lebensarbeit" und sie findet ,, die Tragik dieses plöglichen Todes in etwas gemildert, da es Stresemann vergönnt war, am Schluß seiner Laufbahn wenigstens das eine Ziel, auf das seine Arbeit gerichtet war, die Rheinland räumung, in greifbare Nähe gerüdt zu sehen". Selbst der ,, Lokal- Anzeiger" nennt Stresemann einen glühen den Deutschen " und: ,, Niemand hat je stärker, leiden schaftlicher, wirksamer die Bedeutung der Idee, des fatego­rischen Imperativs und der sittlichen Forderung der Politik verfochten, als der lodernde Redner Gustav Stresemann ." Ja, selbst die Nachtausgabe" sagt von ihm:

auch in

Der deutsche Außenminister wollte in den letzten zwei Jahren ganz bewußt die Politit vor die Wirtschaft stellen. Er wollte als erstes die Räumung der Rheinlande und dann den Kampf um die Freiheit der deutschen Wirtschaft und

den Kampf um die freie Regung im Biederaufbau. Ob diese Politit richtig war oder nicht, das noch einmal ausführlich dar­zulegen, dazu ist jetzt nicht die Stunde.

=

Die Geschichte wird einmal feststellen, wie viel vom Wie deraufstieg Deutschlands auf Dr. Stresemann fällt, wieviel an Hemmungen für den deutschen Aufstieg auf die

Partei der anständigen Menschen".

Geverings Nachruf auf Stresemann.

Der Reichsrat begann seine Donnerstagsigung mit einer Trauerfundgebung für den verstorbenen Reichsaußenminifter

Dr. Stresemann.

Die Leiche des Reichsaußenminifters Dr. Stresemann wird am Sonntag feierlich im Reichstag aufgebahrt werden. Zur Totenparade wird voraussichtlich eine Kompagnie der Reichswehr tommandiert werden. Die Trauerrede wird Reichskanzler Her­ mann Müller halten. Nach der Trauerfeier im Plenarsizungs­jaal des Reichstags wird der Sarg durch das Hauptportal auf die große Freitreppe getragen werden. Von hier aus setzt sich schließlich der Trauerzug in Bewegung.

Die Belsetzung auf dem Friedhof in der Bergmannstraße, an der

Hasenheide, soll nur im Beisein der allernächsten Familienmitglieder erfolgen.

Weitere Meldungen siehe auch zweite Seite.)

Reichsinnenminister Severing eröffnete die Sizung und führte aus: Ueber Ihren heutigen Beratungen liegt wie ein tiefer Schatten die Trauernachricht vom Tode des deutschen Außenministers Dr. Stresemann. Wer wie Sie den Vorzug hatte, in den legten Jahren mit ihm amtlich oder gesellschaftlich zu verfehren, der wird erfahren haben, daß er wirklich täglich sich sein Leben er­obern mußte. Der wußte aber auch, daß jede Freude, jeder fleine Erfolg im politischen Leben Deutschlands , besonders in der Außenpolitit geeignet war, seinen Lebenswillen, seine Willenstraft zu stärken. Und es hat in den letzten Monaten einige solcher Licht. Der Ausgang des Kampfes um die Arbeitslosenversicherung blice, einige Erfolge in der deutschen Politit gegeben. Darum fonnten wir hoffen, daß er es erleben würde, eine Etappe auf dem Wege zur deutschen Freiheit mit einem vollen Erfolge gefront zu sehen.

Um so erschütternder trifft uns die Nachricht von seinem plöß lichen Tode. Ich hatte den Vorzug, vor 22 Jahren mit ihm in den Reichstag einzuziehen und mit ihm eine Riege der Junioren zu bilden. Ich habe deshalb seinen Kampf als Parlamentarier und Staatsmann seit Jahrzehnten aus nächster Nähe beobachtet. Er war, da unterstreiche ich das Wort des Herrn Reichskanzlers, ein Kämpfer in des Wortes wahrster Bedeutung. Er mich dem Kampf nicht aus. Er liebte den Kampf. Aber so oft er auch die Klinge mit dem politischen Gegner treuzte, diese Klinge blieb blant. Nie ist sie vergiftet worden mit einer per. sönlichen herabfegung, mit persönlicher Verleumdung. Das ist ihm in der Zeit seines politischen Wirkens nicht immer vergolten worden, so daß er es war, der einmal, als die deutsche Untugend, die 3wietracht, die Herabsetzung des politischen Gegners hohe Wellen schlug, zur Bildung einer Partei der anständigen Menschen aufgefordert hat.

Welche Folgen sein Tod im innerpolitischen Leben Deutsch lands haben wird, ist heute noch eine offene Frage. Aber lassen Sie mich auch an dieser Stelle die Hoffnung aussprechen, daß es gelingen wird, über seinem Grabe den Bund der anstän digen Menschen zu schließen, eine Partei der anständigen Menschen zu gründen, die nicht in organisatorische Formen ge­schlossen zu werden braucht, sondern die mur von dem einen Willen befeelt sein soll, den politischen Kampf mit anständigen Waffen zu führen.

Was der Verstorbene seiner Familie gewesen ist und was die Familie in Zukunft vermissen wird, fönnen wir nur ahnen. Aber wir wissen folgendes: feine Partei hat in ihm den lugen Führer, das Parlament den schlagfertigen Debatter, den glän­zenden Redner, die Deutsche Reichsregierung den hervorragenden Staatsmann und das deutsche Volk endlich den glühenden Patrioten verloren. In einer norwegischen Ballade, die schon heißt es: Das Banner fann stehen, wenn der Mann auch fällt!" Es ist ein Mann gefallen. Aber das Banner mind stehen. Das Banner deutschen Rechts und des Weltgewissens." Staatssekretär Dr. Weismann schloß sich im Namen der Länderregierungen den ehrenden Worten an, die Minister Severing dem Gedächtnis Stresemanns gewidmet hatte.

Angriff abgeschlagen!

Von S. Aufhäuser.

Das äußere politische Bild, das der Reichstag in seiner entscheidenden Sigung am 3. Ottober bei der Endabstimmung über die Novelle zum Arbeitslosenversicherungsgesetz geboten hat, ist das deutlichste Zeichen für den Erfolg, den die Sozialdemokratie in ihrem langwierigen und harten Kampf gegen den von der Sozialreaktion gewollten Abbau der Ver­ficherungsleistungen erzielt hat. Der Kampf war um so schwieriger, als er nicht nur mit den Oppositionsparteien der Deutschnationalen und der Kommunisten auszufechten war, sondern auch innerhalb der Regierungsparteien wiederholt zur denkbar schärfften politischen Zuspigung führte.

Die Gefahr einer Regierungsfrise tauchte zuerst am 15. August auf, als der sozialdemokratische Arbeits­minister von voltsparteilicher Seite gezwungen werden sollte, eine Regierungsvorlage zu unterbreiten, die den unsozialen Wünschen der Mehrheit des Sachverständigenausschusses ent­sprochen hätte. Damals bestand noch die Wahrscheinlichkeit, daß die sozialdemokratischen Mitglieder des Kabinetts zum Rücktritt genötigt sein fönnten, wenn die Regierungsvorlage inhaltlich den Abbauvorschlägen der Deutschen Volkspartei angepaßt würde. Am Schluß der parlamentarischen Ent­scheidung hatte sich in den ersten Oktobertagen. die politische Situation in das Gegenteil verkehrt. Das nunmehr verab­fchiedete Gesez war für die Deutsche Volkspartei unannehmbar geworden, während es unter vollster Verantwortung der Sozialdemokratie von allen grundsäß­lichen Verschlechterungen befreit worden ist. In die Zwischenzeit fällt jener Kleinkrieg, der das Abbau­programm der Gegenseite Stüd um Stück zerschlagen hat. Die allgemeine Verlängerung der Wartezeit für alle Ledigen auf zwei Wochen ist abgewehrt. Die Anrechnung der Versorgungsgebührnisse der Kriegsbeschädigten Der Angriff auf die Sozialrentner, ihre Renten­auf die Arbeitslosenunterstützung ist verhindert worden. geschlagen, daß eine Freigrenze von 30 m. monatlich in das Gesetz aufgenommen werden konnte; ein sozialdemokratischer Teilerfolg, den sogar die Kommunisten anerkennen mußten, indem sie trog aller parteipolitischen Hemmungen für den fozialdemokratischen Antrag stimmten.

Fehler der Außenpolitik Dr. Stresemanns zu rechnen sind und allgemein in den Liederschatz deutscher Sänger aufgenommen ist, bezüge voll zur Anrechnung zu bringen, ist soweit zurüd­

wieviel auf das Konto des Schicksals zu sehen ist, das den Mann abberief, als er den Schlußstein in das Gewölbe seines eigenen Baues sehen wollte.

Man tönnte solche Regungen menschlicher Gesinnung nur dann als echt nehmen, wenn man vergessen fönnte, was noch gestern gewesen ist und was noch heute nebenherläuft. Ein Mann, von dem man nach seinem Tode so sprechen muß, hat auch als Lebender das Recht, nicht beschimpft, ver= leumbet und gehegt zu werden. Wer aber das an ihm getan hat, der soll entweder vom Sarge wegbleiben oder auch vor ihm den Mut seiner Gesinnung haben. Es geht schlecht an, den Idealismus, die sittliche Kraft, den nationalen Willen eines Verstorbenen zu preisen, gegen den man soeben erst die entehrende Zuchthausstrafe wegen an­geblichen Landesverrats beantragt hat.

Man verlangt vom deutschen Bolt, daß es durch An­nahme eines sogenannten ,, Boltsbegehrens" diesem Antrag zustimmen, daß es dem Verstorbenen zum Dank für all

Staatsbegräbnis am Sonntag. Trauerfitzung der Reichsregierung. Amtlich wird mitgefeilf:

Aus Anlaß des Hinscheidens des Reichsaußenministers Dr. Stresemann trat Donnerstag nachmittag das Reichskabinett unter dem Vorsitz des Herrn Reichstanzlers zu einer Trauer­sihung zusammen. Der Reichskanzler gedachte hierbei erneut in warmempfundenen Worten des Dahingefchiedenen und würdigte sein wirken für Reich und Bolt. Staatssekretär von Schubert gab der tiefen Trauer Ausdruck, die das Auswärtige Amt und seine Beamtenschaft über den Berluft ihres unvergeßlichen Chefs erfüllt. Jm Anschluß hieran beschloß das Reichskabinett auf Antrag des

Vor allem aber ist von den wichtigsten gegnerischen An­trägen auf Rürzung der Regelunterstüßungssäge für Arbeitslose mit weniger als 52 Wochen in dem neuen Ge­seg nichts übrig geblieben. Jene Anträge, die insbesondere auch die Deutsche Boltspartei noch im Plenum am 1. Oktober mit der denkbar schärfsten politischen Willenserklärung und einer unerhört scharfmacherischen Begründung durch den Bergaffeffor Dr. Hued leßtmalig eingebracht hatte, zeigen am besten die Ergebnisse des sozialdemokratischen Etappen­tampfes. Jene Kürzungsanträge sollten ursprünglich nach den Beschlüssen der Sachverständigenmehrheit erster Lesung rund 154 Millionen Mart Ersparnisse bringen. In der zweiten Lesung des Sachverständigenausschusses waren es nur noch 80 Millionen Mart. Im Verlaufe der interfraktionellen Ver­handlungen hatte man der Sozialdemokratie neue Vorschläge