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BERLIN Freitag 4. Oktober 1929

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Der Abend

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Spalausgabe des Vorwärts

46. Jahrgang.

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Rückzug Hugenbergs?

Stresemanns Tod als Gelegenheit.

Die sogenannte Freiheitsbewegung" der Hitler, Hugen­ berg , Seldte ist durch Stresemanns Tod in eine schwierige Lage geraten. Denn der Mann, gegen den sich das sogenannte Boltsbegehren mit seinem Zuchthausparagraphen in erster Linie richtet, liegt auf der Totenbahre und wird von der ganzen Welt als einer der größten Deutschen geehrt. Dadurch wird der ganze Wider­sinn und die ganze Infamie des sogenannten Boltsbegehrens auch für den Blindesten aufgedeckt, die schlechten Aussichten für die Aktion, an der sich zahlreiche deutschnationale Führer nur mit dem aller­größten Widerwillen beteiligen, werden noch weiter bis zur völligen Hoffnungslosigkeit verschlechtert. Schon längst fucht man eine Ge

Curtius- vorläufig Außenminister.

Der Reichskanzler besuchte heute vormittag den Reichspräsidenten zu einer Aussprache über die durch den Tod Dr. Stresemanns geschaffene Lage. Der volts. parteiliche Wirtschaftsminister Dr. Curtius wurde daraufhin mit der einstweiligen Wahrnehmung der Ge schäfte des Reichsaußenministers beauftragt.

Legenheit, aus der Sackgasse herauszufommen, in die Hugenbergs Strategie die Deutschnationale Partei geführt hat.

Unter diesen Umständen dürfte ein Vorschlag der Kölnischen Zeitung ", das Boltsbegehren zurückzuziehen, manchem sehr gelegen tommen. Die genannte Zeitung schreibt:

Es wäre eine große und versöhnende Tat, wenn die Männer, die eine Volksbewegung gegen die auswärtige Politik des Ministers eingeleitet haben, an seiner Bahre die Streitagt be­graben und durch

Berzicht auf das ohnehin aussichtslose Boltsbegehren befunden wollten, daß auch ihnen der Gedanke der Boltsgemein fchaft über allen parteiagitatorischen Bedürfnissen steht. Der plögliche Tod Gustav Stresemanns sollte eine ernste Mahnung sein, den Sammelruf, den er so oft ergehen ließ, mit ſtarter Stimme aufzunehmen und in das ganze Bolt hineinzutragen. Den Ruf zur Sammlung aller, die guten Willens sind. Das wäre der beste Dant, den wir dem toten Patrioten abstatten können. Dieser Vorschlag hat aber sofort die Heißsporne des Nationa lismus mit einer abweisenden Antwort auf den Plan gerufen.

Anknüpfend an die Bemerkung des Vorwärts", daß Stresemann mehr als einmal das Schicksal Rathenaus zu drohen schien, schreibt die Deutsche Zeitung":

Die durch nichts begründeten Märtyrer- Hoffnungen der Linken werden ebensowenig in Erfüllung gehen wie die Forderung der Kölnischen Zeitung ", daß die Männer, die eine Boltsbewegung gegen die guswärtige Politik des Ministers ein­geleitet haben, an seiner Bahre die Streitagt begraben und auf das Boltsbegehren verzichten. Diese Forderung ist ein Trugschluß, der auf der Ansicht beruht, daß der nationalen Opposition Person und Sache dasselbe bedeuteten. Wir können versichern, daß jeder, der die Politit der Berfklavung fortzuführen versucht, die Freiheitsbewegung nach wie vor auf dem Posten finden wird!

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Man will also nur zunächst einmal dem deutschen Volke ge­dann statten, Stresemann als großen Patrioten zu begraben wird man es auffordern, ihm noch nach dem Tode zu bescheinigen, daß er eigentlich ein Landesverräter war, der eigentlich ins Zucht haus gehörte. Ob dieser edle Plan realisierbar ist, wird die nächste Zukunft zeigen. Auf alle Fälle wird es noch heiße Auseinandersetzungen geben!

,, leber das Ohr gehauen!"

Clemenceau huldigt Stresemann . Paris , 4. Oftober.

Ein Mitarbeiter des Journal" hatte Gelegenheit, Clemenceau über den Eindruck zu befragen, den der Tod Stresemanns auf ihn gemacht habe. Der Tiger " erklärte, baß er bas Ableben dieses Politikers sehr bedauere. Dr. Stresemann sei ein großer Arbeiter gewesen. Auf die Bemerkung, daß der deutsche Außen­minister aufrichtig für die deutsch - französische Annäherung gearbeitet habe, erwiderte Clemenceau , das sei möglich, aber man habe ihm zu viel gegeben. Der Vertreter des Journal" fügte hinzu, daß immer nur diejenigen, die viel verlangten, schließ lich auch viel erhielten. Clemenceau erwiderte: Das ist wahr," und nach einer furzen Ueberlegung rief er aus: Ja, aber er hat uns über die Ohren gehauen, und Sie werden zugeben, daß das nicht zu schwierig war. Jetzt weiß ich nicht, wie alles enden wird."

Stresemann aufgebahrt.

Die Schulbuben von Goslar

Die schuldigen Lehrer gezüchtigt

Hannover , 3. Ottober.( Eigenbericht.)

Von den in Goslar anläßlich der Verfassungsfeier verteilten Kränzen für die Sieger im Jugendwett bewerb entfernten mehrere Schüler und Schülerinnen die schwarz rotgoldenen Schleifen. Sie wurden dafür vor der Anstaltsdirektion mit der Androhung der Verweisung von der Anstalt bedacht. Inzwischen hat der preußische Kultusminister eine bedacht. Inzwischen hat der preußische Kultusminister eine eingehende Untersuchung des Tatbestandes vornehmen lassen und daraufhin an das Provinzialschulkollegium in Hannover einen und daraufhin an das Provinzialschulfollegium in Hannover einen Erlaß gerichtet, in dem es heißt:

Bis auf weiteres entziehe ich dem Städtischen Realgymnasium und Gymnasium in Goslar das Recht, die Reifeprüfung in der Schule selbst durch den eigenen Lehrkörper vorzunehmen, und dem Städti­schen Lyzeum das gleiche Recht für die Abschlußprüfung. Ich bitte dafür Sorge zu tragen, daß der Prüfungsausschuß, vor dem die Goslarer Schüler ihre Prüfung nunmehr abzulegen haben, gerade die Ergebnisse staatsbürgerlichen unter rights und staatsbürgerlicher Erziehung besonders forgfältig feststellt. Ich bin ferner zu einer wirksamen Umge staltung der beiden Lehrkörper gezwungen, deren Einzelheiten ich in furzem bekanntgeben werde. Die Bestätigung dadurch not­wendig werdender Neuwahl behalte ich mir vor. Jedoch ist der Stadtverwaltung schon jegt zu eröffnen, daß nur solche Personen Aussicht auf Bestätigung haben, die genügend Gewähr gegen die Wiederholung derartiger beschämender Vorkommnisse

bieten."

Die deutsch nationale Presse, für die Flegeleten gegen die Reichsverfassung und republikanische Minister von jeher Helden­taten waren, versucht natürlich auch den Vorfall in Goslar in einem äußerst harmlosen Licht erscheinen zu lassen. Wenn es gegen die Republik geht, hat diese Presse für alles Verständnis. Von amtlicher Seite wird auf die deutschnationalen Darstellungen folgendes erwidert:

M

gegangen werden mußte. Nach sehr forgfältiger Prüfung an Ort und Stelle ist festgestellt worden, daß Schüler, die zum Teil bold ins Leben treten sollen, an einem besonders feierlichen Gedenktag die verfassungsmäßigen Farben der Deutschen Repu­blik beschimpft, die Schleifen mit den Reichsfarben von handelt sich also nicht um ein harmloses Entfernen" der schwarz­den Kränzen abgerissen und zertreten haben. Es rotgoldenen Schleifen, wie es darzustellen versucht wird, sondern um einen demonstrativen, herausfordernden Akt, der sich, und das ist das eigentlich Entscheidende für das Vorgehen des Ministeriums gewesen, vor den Augen der Lehrer felbft abgespielt hat. Der Minister kam darum auch in seinen letzten Entschließungen zu der Auffassung, daß nicht einmal so sehr die einzelnen Schüler straffällig geworden seien, als vielmehr die An­stalt selbst, die es versäumt hatte, fie in einem anderen, Geiſte Der Minister hat ausdrücklich davon Abstand ge­zu erziehen. nommen, die an sich gerechtfertigte Strafe der Verweisung gegen über den einzelnen zu verhängen, sondern führte die Vorfälle auf ein besonderes Bersagen der Schule zurück, die die staatsbürgerliche Erziehung vernachläffigt hatte. Die nun getroffene Maßnahme, wo­nach die Schüler des Gymnasiums und Realgymnasiums und des Lyzeums in Goslar nicht mehr von ihren eigenen Lehrern, sondern von einer besonders zu ernennen­den kommission geprüft werden sollen, hat den Zwed, zu überprüfen, ob in Zukunft die einfachsten Verpflichtungen der Anstalt, ihre heranwachsenden Schüler im staatsbürger­lichen Geiste au erziehen, ihnen verstandesmäßige Einsicht in die Notwendigkeiten des staatlichen Zusammenlebens sowie Haltung und Selbstbeherrschung zu vermitteln, erfüllt werden. Es ist ebenso selbstverständlich, daß sich der Minister angesichts dieser empören­den Vorkommnisse für die Zukunft vorbehalten muß, mur die Auf­nahme solcher Persönlichkeiten in den Lehrkörper der beiden Schulen zu bestätigen, die genügende Gewähr gegen die Wiederholung so beschämender Borkommnisse bieten."

Wir glauben dem hinzufügen zu sollen, daß der Schritt des ,, Es handelt sich feineswegs um fleine harmlose Entgleisungen Kultusministers die ein mütige Billigung der preußi­von einzelnen Schülern, sondern um einen Fall von so unerschen Staatsregierung findet. Ein Erempel war endlich hörter Sgwers, daß mit aller Entschiedenheit dagegen vor 1 an der Zeitl