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BERLIN Sonnabend 5. Oktober

1929

ni todno

Der Abend

Erfcheint taglio außer Sonntags. Sugleich Abendausgabe des Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Erpedition; Berlin SW 68, Lindenstr. 3

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Spalausgabe des Vorwärts"

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Nr. 468

B 233 46. Jahrgang.

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Mörderin Politik.

Das Schicksal deutscher Staatsmänner in der Nachkriegszeit.

Der Tod Stresemanns macht uns mit schredlicher Deutlichkeit flar, welchen ungeheuren Verbrauch an Persönlichkeiten das politische Leben in Deutschland nach dem Krieg hat. Nach Ebert, Erzberger , Rathenau ist wieder Stresemann ein Opfer der Politik ge­worden. Es scheint in Deutschland zu einem fast schon selbstver ständlichen Vorgang geworden zu sein, daß jeder Politiker, der eine große und verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen hat, seinen Dienst am Bolte schließlich mit dem Tode oder mit schweren Ein­bußen an Gesundheit und Lebenskraft zu bezahlen hat. Sieht man davon ab, daß Erzberger und Rathenau durch Mörderhand gefallen find, so fann man auch Stresemanns Ende, genau wie dies bei Ebert der Fall gewesen ist, faum als den normalen Ablauf eines Menschenlebens werten. Gemiß waren beide frante Menschen. Aber beide hätten sicherlich noch Jahre leben fönnen, wenn nicht die

Miss Lawrence, Abgeordnete der Arbeiterpartei, wurde zur Parteivorsitzenden gewählt

Stresemanns letzter Weg.

Trauerfeier Sonntag vormittag 11 Uhr.

Das endgültige Programm für die Trauerfeier für Stresemann sieht vor:

Am Sonntag vormiffag 11 Uhr findet die

Trauerfeier im Reichstag

statt. Als Einleitung der Feier werden die Philharmoniker unter der Leitung von Prüwer die Coriolan- Ouvertüre spielen, hierauf folgt die Ansprache des Reichskanzlers Müller; zum Schluß spielt das Orchester Beethovens Trauermarsch aus der Eroica . Draußen am Reichstag fpielt vor der Feier das Orcheffer der Schußpolizei, dirigiert von Obermeister Hahn, den Trauermarsch aus der Götter­ dämmerung und den Priestermarsch aus der Zauberflöte . Die Feier wird etwa 50 Minuten dauern.

Gegen 12 Uhr jetzt fich dann vom Reichstagsgebäude , geführt von Schutzpolizei ,

der Trauerzug

in Bewegung. Reichspräsident Hindenburg wird ihn, als erster hinter dem Sarg schreifend, bis zum Auswärtigen Amt begleiten. Der Trauerzug nimmt folgenden Weg: Reichstag , Branden­ burger Tor , Unter den Linden , Wilhelmstraße, Belle- Alliance- Platz, Hallesches Tor, Blücherstraße, Luisenftädtischer Friedhof.

Während der Trauerfeierlichkeit im Reichstag für den ver­ftorbenen Reichsaußenminister Dr. Stresemann werden zwei Großflugzeuge der Lufthansa mit schwarzen Trauer­wimpeln über dem Stadtbilde treifen. Auch auf dem Wege zum

Wert darauf legen soll, das Auswärtige Ressort fest= zuhalten. Angesichts der Tatsache, daß die außenpolitischen Brobleme, so schicksalentscheidend sie auch bleiben werden, nach der Haager Schlußtonferenz gegenüber den inneren Fragen der Finanz- und Steuerreform, sowie des verfassungs= rechtlichen Umbaus des Reiches in den Hintergrund treten können, dürfte die Partei eher maßgebenden Einfluß in der Führung anderer Ministerien für wichtig halten. Ueber diese Dinge wird in den nächsten Wochen noch sehr ausführlich zu sprechen sein, zumal eine gründliche Umbildung der jetzigen Reichs regierung endlich sogar von der Koalition selbst für nötig ges halten wird.

Danach scheint es, als ob man sich im Zentrum für das frei­gewordene Außenamt, in der Volkspartei aber mehr für das Innere und die Finanzen interessieren würde, die mit Sozialdemokraten besetzt sind. Im übrigen halten auch wir es für zweckmäßig, die Unterhaltung darüber auf die nächste Woche zu verschieben und meinen, es wäre gar nicht nötig gewesen, fie jetzt schon zu beginnen.

Da dem Reichstanzler sein augenblidlicher Gesundheitszustand nicht erlaubt, sich auch noch das Außenamt aufzubürden, war die vorläufige Betrauung des Dr. Curtius als des nächsten Mitarbeiters Stresemanns im Haag das von selbst Gegebene. Endgültig ist damit noch gar nichts entschieden.

Bayern !

München, 5. Oftober.( Eigenbericht.)

Nunmehr hat sich auch die banerische Regierung dazu ent Ehren ihre Fahnen halbmast zu hissen. Seit Sonnabend morgen schließen können, dem verstorbenen deutschen Reichsaußenminister zu

unselige politische Kampfesweise, wie sie in der Nachkriegszeit in Deutschland üblich geworden ist, ihre Widerstandskraft gebrochen, fie physisch und psychisch so zermürbt hatte, daß die Wirkungen der Krante Friedhof werden die Flugzeuge dem Reichsminister das Ehrengeleit tragen der Landtag und sämtliche Staatsgebäude die blauweiße

heit sich vervielfachten, das Herz schwächten und so zu einem frühen Tode führten.

Deutschland erfreut sich heute des traurigen Ruhmes, daß Teine Staatsmänner in verhältnismäßig jungen Jahren vom Tode dahingerafft werden. Weder in England, noch in Frankreich , noch in einem anderen zivilifierten Lande ist ein solcher Verbrauch an Leben und Gesundheit von Poli: tikern zu verzeichnen, wie im Deutschland nach dem Kriege. Auch im Auslande stellt die Politik an die verantwortlichen Staatsmänner große Anforderungen, auch dort wird ein erbitterter politischer Rampf geführt. Und doch, welcher Unterschied: Clémenceau ist heute 88 Jahre alt, Masaryk zählt 79 Jahre, Poincaré , der eben eine schwierige Operation überstanden hat, 69 Jahre, Briand 67 Jahre, Lloyd George 66 Jahre.

Und in Deutschland ? Ebert ist 54 Jahre alt geworden, Rathenau 54 Jahre, Erzberger 48 Jahre und Strefe. mann 51 Jahre. Kann dies ein Zufall sein? Nein. Es ist eine Folge der Verwilderung und Verrohung der poli­tischen Sitten.

Die Methode, den politischen Gegner durch persönliche Angriffe, durch Berleumdungen und Beschimpfungen zu besudeln, ihn sogar als Verbrecher hinzustellen, verfolgt in wohlerwogener Absicht den 3wed, ihn aus dem Wege zu räumen, sei es, daß er angeefelt seinen Posten verläßt, sei es, daß er physisch und psychisch so zermürbt wird, daß er nicht mehr fähig ist, sein Amt zu bekleiden. Ist diese Methode nur um ein Haar beffer als die Methode der meuchlerischen Revolverfugel?

Man weiß, daß Ebert einem Leiden zum Opfer gefallen ist, daß er als Privatmann sicherlich überstanden hätte. Aber seine Kraft war durch die niederträchtige Kampfesweise seiner Gegner gebrochen; mer ihm näher stand, weiß, wie sehr ihn der Magdeburger Prozeß seelisch bis ins Tiefste erschüttert hat, wie ein von der Politik feelisch und förperlich gebrochener Mann an einer Operation starb, die Tausende glatt überstanden hätten. Und wer Stresemann näher fannte, weiß, wie er schwer trug an der Berleumdungs­fampagne feiner Feinde. Er, der völlig im Dienste der großen Idee der Bölferversöhnung aufging, der den Aufstieg Deutschlands nur in friedlicher Zusammenarbeit mit den anderen Nationen mög­lich sah, mußte sich Landesverräter nennen lassen, mußte ohnmächtig zusehen, daß ein Volksbegehren angekündigt wird, das ihn und andere Diener der Friedensidee mit dem Zuchthaus bedroht. Stresemann hätte sich als franter Mensch schonen können, er hätte ( Fortsegung auf der 2 Seite.)

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geben.

Aufmarsch des Reichsbanners.

Das Reichsbanner hat beschlossen, dem toten Staats. mann der deutschen Republit und Kämpfer für die Befriedung Europas das letzte Geleit zu geben. Die Berliner Gauleitung gibt für die Teilnahme an dem Staatsbegräbnis folgende Anweisung aus:

Die Ortsvereine haben fo rechtzeitig anzutrefen und abzurüden, daß fie pünktlich zu den untenstehenden Uhrzeiten auf den kreis­fammelplätzen eintreffen.

Kreis Often: Die Ortsvereine sind um 10 Uhr in der be­tannten Reihenfolge auf dem Gendarmenmarkt abmarschbereit. Kreis Süden: Zur gleichen Zeit auf demselben Platz. Kreis Westen: 9.30 Uhr, Humboldhain. Kreis Norden: 9.30 Uhr im Luftgarten. Anzug: Borschriftsmäßige Bundeskleidung. Schwarze oder dunkle Krawatte, Fahnen umflort.

Um Stresemanns Nachfolger. Voranmeldungen und Proteste.

Der Germania " berichtet, daß die Betrauung des Reichsmirt­schaftsministers Dr. Curtius mit der vorläufigen Führung des Außenministeriums in Zentrumstreisen überrascht habe, und fährt dann fort:

Die Ueberraschung muß um so größer fein, als gesagt wird, die Betrauung sei ohne Kenntnis der Mitarbeiter des Kanzlers und der politischen Faktoren erfolgt. Uns erscheint außerdem auffallend, daß die Uebertragung an Herrn Dr. Curtius mit einer folchen Schnelligkeit erfolgt ist, wie sie sonst bei uns in solchen Fragen nicht gerade üblich zu fein pflegt. Hätte man nicht wenig­stens bis Montag warten fönnen? Es liegt uns nicht und es entspricht auch nicht dem Ernst der Stunde, am offenen Sarge Stresemanns zu diskutieren, und wir beschränken uns deshalb heute lediglich auf die Feststellung der oben geschilderten Tatsachen, find uns aber bewußt, daß in der nächsten Woche über dieses Thema noch gesprochen werden wird.

Zu demselben Thema sagt die ,, Deutsche Allgemeine Zeitung": Was die endgültige Nachfolge des verewigten Außen­ministers betrifft, scheint es nach unseren Informationen feines megs ficher zu sein, daß die Deutsche Boltspartei entscheidenden

Trauerflag ge. Sehr viel mag zu diesem Entschluß der bayeri schen Staatsregierung die beschämende Tatsache beigetragen haben, daß in der besetzten Rheinpfalz die Gebäude der französischen Bejagungsbehörde sofort beim Bekanntwerden der Todes nachricht die trauerumflorte Trifolore hißten, während die baneri­fchen Staatsgebäude nackt blieben. In der Pfalz herrschte wegen dieses unbegreiflichen Verhaltens der bayerischen Regierung unver­

holene Mißstimmung.

Parteitag der Volkspartei abgesagt.

Der Parteitag der Deutschen Volkspartei in Mannheim ist ab gejagt. Ueber den Zeitpunkt der Einberufung einer Zentralinstanz der Partei wird der Parteivorstand noch Entscheidung treffen.

Nächtliche Schlägereien.

Nationalsozialisten und Kommunisten prügeln sich. Gestern abend fanden in verschiedenen Stadtteilen national. sozialistische Versammlungen statt. Nach Schluß dieser Kund­gebungen ist es zu nächtlicher Stunde mehrfach zu schweren Schlägereien zwischen Hakenkreuzlern und Kommunisten ge­tommen. Insgesamt wurden 23 Personen zwangsgestellt und dem Polizeipräsidium zugeführt.

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Um

Am Oranienburger Tor mußte ein Hakenkreuzlertrupp, der lärmend und johlend durch die Straßen marschierte, von der Polizei aufgelöst werden. Neun Krakeeler wurden wegen Ruhestörung, Be­lästigung von Passanten und Widerstandes zwangsgestellt. dieselbe Zeit gerieten am Stettiner Tunnel Kommunisten mit Nationalsozialisten in eine Schlägerei. Einer der Beteiligten wurde durch Schläge am Kopf erheblich verlegt. Um 1 Uhr nachts fam es an der Ede Oranienburger und Auguststraße zu einer weiteren Schlägerei, bei der die Gegner, wiederum Rechts- und Links­radikale, mit Stahlruten, Gummifnüppeln usw. aufeinander ein­hieben. Die Polizei war schnell zur Stelle und nahm 11 Personen fest. Schließlich wurden in Siemensstadt ein Trupp National­jozialisten an der Bahnüberführung von Kommunisten angefallen. Dabei wurden der 22jährige Kurt Göhring, der 22jährige Ermin Feucht und der 27jährige Gottfried Bornmüller durch Meffer­stiche so schwer verletzt, daß fie in das Westendkrankenhaus gebracht werden mußten. Den Tätern gelang es, unerfannt zu entkommen.

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