Einzelbild herunterladen
 

Morgenausgabe squatsid maa

Tr. 483

A 243

46.Jahrgang

Böchentlich 851, monatli 3,60 MR. Im voraus zahlbar, Boftbezug 4,32 R einschließlich 60 Bfg. Boftzeitungs- und 072 Big. Boftbeftellgebühren. Auslands abonnement 6- M. pro Monat

*

Der Borwarts erscheint mochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel Der Abend", Illustrierte Beilagen Boll und Zeit und Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wiffen". Frauen timme". Technit". Blid in bie Bücherwelt" und Jugend- Borwärts"

Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Dienstag

15. Oftober 1929

Groß- Berlin 10 Pi. Auswärts 15 Pf.

Die ta altige RonparesDezefle 80 Pfennig. Reflame etle 5 Reichs mort Kleine Anzeigen das tetige brudte Bort 25 Biennig( 8ulaifig groet fettgedruckte Morte) jedes weitere Bor 12 Bfennig. Stellengefuche das erste Bort 15 fennig, jedes wettere Bors 10 Pfennig. Worte über 15 Buchstaben sablen für zwet Borte Arbeitsmar Beile 60 Pfennig. Familienanzeigen Se 40 Pfennig. Anzeigenannahme im Haupt efchäft Lindenstraße 3, wochentäglich von 81%, bis 17 Ubr.

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297. Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin .

Vorwärts: Verlag G.m.b.H.

An das deutsche Volk!

Aufruf gegen das Hugenbergsche Inflationsbegehren.

Seit mehr als zehn Jahren fämpft das deutsche Bolt gegen die angeheuren Lasien, die ihm der Vertrag von Versailles als Folge eines, heldenhaft geführten, aber verlorenen Krieges auferlegt hat. Nach einer Epoche, in der die Siegerstaaten durch Anwendung einer ungehemmten Machtpolitik Deutschland ihren Willen aufzuzwingen Juchten, einer Epoche, die Deutschland nahe an den Rand des Ab. grundes brachte, gelang es endlich den deutschen Bemühungen, einen Umschwung herbeizuführen. Andere Methoden der Politik famen zur Geltung und schützten unser Vaterland vor den drohenden Ge­fahren.

Auf die Zeit der Gewalt und der einseitigen Diktate folgte die Zeit der Unterhandlungen und der Verständigung.

Die Bernunft setzte sich durch. Deutsche Männer fraten hervor, festen Herzens und flaren Kopfes, unbekümmert um den Fanalismus, der ihnen aus dem eigenen Bolfe entgegenfchlug: diefe Männer wiejen den Weg in die bessere Zukunft. Es zeigte sich immer mehr, daß nur auf diesem Wege das Ziel der Befreiung Deutschlands erreicht werden konnte.

Das Ergebnis diefer mühsamen, aber allein möglichen Politik ift, daß sich die Stellung Deutschlands unter den Böllern wieder gefestigt hat.

Jetzt steht in furzer Frist die Befreiung des Rheinlandes von fremder Bejagung bevor. Die Reparationen sollen um erhebliche Jahresbeträge herabgesetzt werden, die dem Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft zugute tommen werden. Die Souveränität der deutschen Finanzen und der deutschen Wirtschaft soll wiederhergestellt werden. Es find Berhandlungen eingeleitet, um auch das Saargebiet alsbald wieder restlos mit dem übrigen Deutschland zu vereinigen. Gewiß sind damit noch nicht alle Aufgaben der deutschen Politik er­füllt. Aber es ift der Weg eröffnet, um den Wiederaufbau Deutsch­ Lands zu Ende zu führen und unserem Lande die Zukunft zu sichern, auf die es ein Recht hat.

Diese Entwicklung soll jetzt mit einem Male abgeschnitten werden. Ein Boltsbegehren soll zustande gebracht werden, das die grundsätzliche Abkehr von der Politit der Berhandlungen und der Berständigung verlangt, und das den Anschein zu erweden fucht, als ob Deutschland jetzt seine Wünsche und Forderungen den Siegern des Weltkrieges aufzwingen fönnte. Deutschland foll sich losjagen von den Haager Bereinbarungen über die Befreiung des Rhein­landes; man glaubt durch einseitige deutsche Beschlüsse die fremden Truppen aus den besetzten Gebieten herausbringen zu können. Deutschland soll die schwebenden Berhandlungen über die Erleichte. rungen der Reparationslaften abbrechen und an den unerfüllbaren Bedingungen des Dawes- Planes festhalten,

um so eine finanzielle und wirtschaftliche Kata. strophe herbeizuführen, deren unabschbare Folgen jeder einzelne Deutsche zu tragen haben würde.

Ein solcher Plan ist teine ernsthafte, verantwortungsvolle Politit. Kein vernünftig denkender Deutscher, dem der Wiederaufstieg feines Baterlandes am Herzen liegt, fann ein solches Vorhaben fördern. Trogdem wagen die Urheber dieses Planes, ein Geseh vorzuschlagen. das diejenigen Deutschen , die sich in verantwortlicher Stellung zu der bisher erfolgreich betriebenen Berständigungspolitik bekennen, als gemeine Landesverräter behandelt und mit Zuchthaus bedroht, ein Vorschga, so ungeheuerlich, daß er als Versuch schlimmster Volksverhehung gebrandmarkt werden muß.

Das ganze Boltsbegehren" ist auf einer offenfundigen Unehrlichkeit aufgebaut. Es stüßt sich auf die unsinnige Be­hauptung, daß die bisherige deutsche Außenpolitik auf der Aner­Tennung der Kriegsschuld Deutschlands beruhe, und daß die deutsche Regierung den Kriegsschuldartikel des Bersailler Vertrages nur fchriftlich zu widerrufen brauche, um Deutschland von allen Casten und Feffeln des Bertrages zu befreien. Niemals hat Deutsch­ land den einseitigen Schuldspruch des Bersailler Bertrages anerkannt! Jede deutsche Regierung hat dieses 2nrecht in feierlichen Elärungen zurüdgewiefen. Das ist zuletzt noch geschehen in dem Aufruf, den am zehnten Jahrestage der Unterzeichnung des Berjailler Vertrages der Herr Reichspräfident

von Hindenburg und die Reichsregierung an das deutsche Volt ge­richtet haben. Unermüdlich haben daneben die berufenen deutschen Stellen die Welt über die wahren Ursachen des Krieges aufgeklärt. Der Erfolg dieser Arbeit tritt immer deutlicher zutage; der Glaube an das Märchen von der Alleinschuld Deutschlands schwindet immer mehr. Das Boltsbegehren würde diese hoffnungsvolle Entwick lung um Jahre zurüdwerfen.

Das deutsche Volt hat jetzt zwischen Vernunft und Unsinn zu wählen.

Wer night in törichter Berblendung den Bemühungen um den Wieder­aufstieg des Vaterlandes in den Arm fallen will, muß diesem Bolts­begehren" fernbleiben. Wer es unterschreibt, fördert die Zersehung und die versklavung des deutschen Boltes.

Der Aufruf trägt die Unterschriften sämtlicher Reichs. minister, des Reichsbankpräsidenten sowie einer Reihe von führender Persönlichkeiten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens,

Die Sklavenexport- Lüge.

Der Borwärts" als Kronzeuge.

Die deutschnationalen Rieler Neuesten Nachrichten" vom 11. Oktober veröffentlichen einen Aufsatz Boltsbegehren und Young Plan" von G. Schmidt, in dem folgendes zu lesen steht:

"

Nach einer Flugschrift von Friz Reinhardt Menschen­export" ist im Borwärts" unter der Ueberschrift: Funk­tionen und Vorteile der Reparationsbant" am 16. Juni d. 3. ei: Auffah erschienen, in dem es als eine glückliche Idee", als ein großer Fortschritt" bezeichnet wird, daß dem deutschen Bolle jetzt ein Young Plan vorgelegt ist, der verlangt,

1. daß Deutschland die Möglichkeit genommen wird, fich der Erfüllung seiner Verpflichtungen zu entziehen",

2. daß alle großen Finanzmächte der Welt sich gegen Deutsch land verbünden, um das deutsche Bolt eines Tages vor die Wahl zu stellen: entweder eine wirtschaftliche und finanzielle Katastrophe in bisher ungekannten Ausmaßen über sich ergehen zu lassen oder deutsche Jünglinge und Mädchen als Sklaven aus Deutschland zu exportieren, um deren Arbeitskraft in großen Unternehmungen der Welifinanz in ausländische Währung übertragen zu lassen. Für Leser des Vorwärts" ist es wohl überflüssig festzustellen, daß die fettgedruckten Worte in seinem Aufsatz vom 16. Juni nicht gestanden haben, also eine ganz ungewöhnlich

freche Fälschung

darstellen. Der Vorwärts" hat weder den vom Verfasser eigens hinzugedichteten Sklavenexport" noch auch daß Deutschland die Möglichkeit genommen wird, sich der Erfüllung seiner Verpflichtun gen zu entziehen" als eine glüdliche Idee" bezeichnet. Bon einer glücklichen Idee" hat er vielmehr nur im Zusammenhang mit der Abschaffung der Dames- Organisation ge­sprochen, die tiefgreifende Eingriffe in die Souveränität des Reiches geftattet. In ganz anderem Zusammenhang wurde dann die Fest stellung getroffen:

Unter der endgültigen Regelung des Reparations. Unter der endgültigen Regelung des Reparations problems verstand man jedoch eine solche Regelung, die möglichst vollständig jede politische Unsicherheit ausschließen mürde, d. h. eine Regelung, oie Deutschland die Sicherheit gewährt, daß feine neuen Forderungen geftellt werden, und andererseits Deutschland die Möglichkeit nimmt, sich der Erfüllung von ihm übernommener Verpflichtungen zu entziehen. Bunft 1 ist also plump zusammengefälscht, Bunft 2 ist einfach dazu erfunden.

Der Agitationsschwindel, daß der Young- Plan den Export deut. scher Jünglinge und Mädchen in die Sklaveret gestattet, ist von den Urhebern des Inflationsbegehrens für die ganz Dummen erfunden worden. Nur ihnen kann auch zugemutet werden, zu glauben, daß der Borwärts" als Kronzeuge für einen solchen Unsinn zu brauchen sei.

Das Befinden Leiparts.

Keine Verschlimmerung.

Im Befinden des Genossen Theodor Leipart ist glücklicherweise feine Verschlimmerung eingetreten. In den Abendstunden erlangte er das Bewußtsein wieder. Es wird niemand zu ihm gelaffen, da er allergrößter Schonung bedarf.

Der Kraftwagenführer Bahm, der bei dem Sturz eine Gehirn erschütterung erlitt, dürfte aus dem Krankenhaus bald wieder eit lassen werden.

Bostschedfonto: Berlin 37 536.

Banffonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Wallstr. 65. Diskonto- Gesellschaft, Depofitenfasse Lindenstr. 3.

Umgang mit Menschen.

Lehren des Falles Sflaref.

Es war in der legten Zeit notwendig, gewissenlosen Ber leumdungen einer Sensationspresse und demagogischen Ber­hegungen, die sich rund um den Stlaret- Standa I breit machten, entgegenzutreten. Es war notwendig und es soll auch weiter geschehen, wenn es notwendig sein wird. Auch ehrliche Entrüstung über Korruptionserscheinungen, die sicht­bar werden, ist keine Entschuldigung für leichtfertiges Um­gehen mit der Ehre von Menschen. Wir wollen lieber mit einer Berurteilung, die notwendig sein mag, eine Woche später kommen, als um des Bettlaufes mit den Sensationslüfternen willen es mit der Gerechtigkeit gegen Menschen leicht

nehmen.

Aber wir müssen immer wieder betonen, daß die aus solchen Erwägungen gebotene Zurückhaltung oder Abwehr nicht das geringste zu tun haben soll mit Bertuschung oder mit Neigung zur Milde im Urteil. Wir wollen streng sein und unsere Partei muß streng sein. Dabei darf kein Zweifel darüber herrschen, daß für uns der Splitter im eigenen Auge wichtiger ist als der Balfen im Auge anderer Parteien. Es darf fein Zweifel darüber herrschen, daß die Frage, ob Männer, denen die Sozialdemokratie das Vertrauen geschenkt hat, öffentliche Aemter zu befleiden, sich dieses Vertrauens würdig erwiesen haben, nicht nach dem Maßstabe des Straf­gesetzes zu beurteilen ist. Für ihre Beantwortung reicht auch nicht der Maßstab bürgerlicher Verkehrssitten aus, sondern wir müssen einen strengeren, aus unserer sozialistischen Hal tung sich ergebenden Maßstab anlegen. Wir müssen uns auf unsere eigene Parteimor al besinnen.

Gibt es eine besondere sozialdemokratische Parteimoral? Wir bejahen die Frage. Es muß fie geben. Wir sagen das nicht aus billiger Selbstgefälligkeit, sondern mit dem schmerz­lichen Gefühl, daß vielleicht in den stürmischen Jahren, die hinter uns liegen, manches versäumt worden ist, um fie im Bewußtsein aller Parteigenossen so wach zu erhalten, daß der höchstmögliche Schutz gegen Entgleisungen gegeben wäre. Insofern liegt vielleicht eine Schuld vor, die über den Kreis der Schuldigen weit hinausgreift. Wir sagen das nicht, um anzuflagen, sondern um uns selbst zu befinnen, um aus Erfahrungen zu lernen.

=

Der sozialdemokratische Maßstab über erlaubt und un­erlaubt in der Haltung der Träger von öffentlichen Mandaten muß strenger sein als der bürgerliche wegen unserer politisch ötonomischen Ziele. Wo öffentliche Ver­waltung oder Wirtschaft mit privaten Geschäften sich berühren, gibt es unvermeidlich eine Gefahrenzone der Apr­ruption. Wenn sich zeigt, daß irgendwo in dieser Zone Unheil eingetreten ist, dann können bürgerliche Politiker nicht die Folgerung ziehen, daß man die Berührungsgebiete ein­engen müßte. Sie können sich die Interessentenrufe gegen zentrale Beschaffungen, die zweckmäßig auch mit zeitlich be­grenzten Monopolverträgen verbunden sein können, zu eigen machen, wie wir sie jetzt schon von der Organisation des Einzelhandels gehört haben. Die Sozialdemokraten haben es nicht so leicht. Unser Ziel der Ueberwindung des Kapitalis­mus zwingt uns den Weg der Ausdehnung der öffentlichen Wirtschaft auf. Dieser Weg ist in der langen Periode des Ueberganges notwendig mit einer ständigen Ausdehnung der Berührungsflächen zwischen öffentlicher Verwaltung und privater Wirtschaft verbunden. Wir werden uns hüten, der Bequemlichkeit der Einengung der Gefahrenzone auch nur einen Schritt in der Ausdehnung der Gemeinwirtschaft zu opfern. Wir tennen die Gefahr und wissen, daß sie manches Opfer erfordern wird, aber wir wissen auch, daß die neue Gesellschaft, um deren Aufbau wir fämpfen, fein ängst­liches Ausweichen gestattet. Diese Erkenntnis bringt aber auch Sie verpflichtet zu besondere Verpflichtungen mit sich. stärtster Wachsamteit gegenüber allen Miz­ft änden in der öffentlichen Verwaltung, fie verpflichtet aber vor allen Dingen zu der strengsten Haltung der Funktionäre, die die Sozialdemokratie selbst, als Bertreter der Arbeiterklasse, dem öffentlichen Dienst stellt. Deshalb muß die Partei von dem erwählten Parteigenossen nicht nur die Korrektheit verlangen, zu der jeder öffentliche Funktionär verpflichtet ist, sondern mehr. Jeder Sozialdemo trat muß sich bewußt sein, daß nicht nur jeder Fehltritt, son­dern schon jede Geschmackswidrigkeit, die er sich zuschulden fommen läßt, eine Sünde gegen den Sozialis mus und gegen die Interessen der Arbeiterklasse ist, die ihm ihr Vertrauen geschenkt hat, nicht um ihm eine angenehme Bosition zu verschaffen, sondern um ihm die Möglichkeit zu geben, mit besonderer Berantwortung an der Berwirklichung der großen Ziele der Sozialdemokratie mitzuarbeiten. Des­halb gibt es für uns nicht nur den selbstverständlichen Kampf gegen jede Korruption, sondern darüber hinaus einen strenge­ren Maßstab, eine Parteimoral, die uns oft eine Milde des Urteils verbietet, zu der wir manchmal aus Berständnis für Menschliches Allzumenschliches und aus Furcht vor eigenem Pharifäertum neigen merden.

Ueber diese grundsägliche. Einstellung wird es unter So­i zialdemokraten natürlich mit Ausschluß einzelner, die sich