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BERLIN Sonnabend

4. Januar 1930

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Der Abend

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Nr. 6

B3 47. Jahrgang

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Lockspitzel an der Arbeit.

Liebesdienste der französischen Polizei für den Faschismus.

Locarno , 4. Januar.

Unter den Faschisten herrscht große Freude über die Nachrichten aus Paris ! Dieselbe Bresse , die bisher nicht genug Gift gegen Frankreich sprizen fonnte, ist jetzt voll des Lobes für die fron­zöfifche Regierung, die durch ihr ,, rechtzeitiges Eingreifen" irgendein furchtbares Berbrechen vereitelt hätte. Um die Sache noch ganz ins Echauerliche zu rüden, wird hinzugefügt, daß der Geldgeber der Attentäter niemand geringerer. als die Sowjetregie­rung wäre.

Daß Cianca, Tarchiani und Sardelli ein Attentat vorbereitet haben sollen, ist in superlativem Maße unwahrscheinlich, noch dazu ein demonstratives Attentat gegen die Delegation in Genf , das große Berlufte an Menschenleben herbeiführen mußte. Seit Mussolini zum Ordnungsmann geworden ist, hat dieses

Hinschlachten Unbeteiligter

in sozialistischen Kreisen nie einen Anhänger gefunden, ebenso wenig wie in denen der bürgerlichen Demokratie, zu der Cianca unb Zarchiani gehören. Es handelt sich nicht um junge Heißlöpfe. sondern um Männer nahe der Fünfzig, Cianca und Larchiani find in bürgerlichen Verhältnissen und in Wohlstand aufgewachsen, haben jeder Frau und vier Kinder; Sardelli hat seine Frau und sein Töchterchen noch heute in Italien , wo er als Sekretär des Transportarbeiterverbandes in Rom , lebte, bis ihm im November 1926

Politische Blutrache.

Soll es so in Berlin weitergehen?

Der von uns in der Morgenausgabe veröffentlichte Polizeibe| richt über die Schießereien am Görliger Bahnhof charakterisiert die Burstände, die sich zwischen den Anhängern der radikalen Gruppen herausgebildet haben. Das Ganze erinnert start an die Blutrache, wie sie bei unzipilisierten Völkerstämmen üblich ist. Wenn dort der 2. Den B. schmer beleidigt und dann der B. den 21. im Jähzorn niedersticht, so ist die gesamte Sippe des 2. zur Blutrache an B. verpflichtet, nach dessen Ermordung nun wieder feine Sippe zur Blutrache gegen die Sippe des 2. schreitet, was dann zu einer nicht abreißenden Kette von Morden zwischen beiden Familien führt. In unserem Falle ist die Rolle der etwas altmodisch gewordenen Sippen auf die rabitaten Kampfverbände übergegangen Sonst spielt sich alles in der gleichen Weise ab: irgendwo im Norden oder Süden haben Kommunisten Rationalsozialisten überfallen. Darauf befchließen im Often nationalsozialistische Sturmabtei Lungen", ihrerseits den Kommunisten eins auszuwischen". Das ge­fchieht in der Art, daß ein Dutzend Mann, das Schießeisen foder in nehmen, durch einen Spion die Anwesenheit des Gegners, erkunden, um dann ein wohlgezieltes Schnellfeuer auf die Herauskommenden zu eröffnen. Die Fortsetzung ist schon da: die Rote Fahne " ruft nunmehr ihre Anhänger zu Rache und Gewalttätigkeit gegen die Nazis auf: fie schlägt unter anderem in nicht mißzuverstehender Weise vor, dem erfranften Razihäuptling Göbbels an dessen Krantenlager einen Besuch abzustatten".

jeder fünftigen Gelegenheit von neuem übereinander herzufallen. Troßdem regt sich Berlin hierüber nicht den zwanzigsten Teil so auf wie über die Immertreu- Schlacht, die im Grunde nur eine private Keilerei großen Stils war.

Gerade die Presse, die sich im Immertreu- Fall nicht genug über die mangelnde Sicherheit in den Straßen Berlins entrüsten konnte, steht den politischen Schießereien mit völliger Gelassenheit gegenüber. Dabei ist klar, daß diese Form der politischen Ausein­andersetzung so rasch wie möglich verschwinden muß und daß es der Energie aller Bernünftigen bedarf, um die Totschläge= reien zwischen verhegten Jugendlichen zum Aufhören zu bringen. Leider gibt es aber Erwachsene genug, die Del ins Feuer gießen, anstatt den ihnen erreichbaren Jugendlichen flarzumachen, daß ihr Straßenbrigantentum mit Bolitit nichts zu tun hat.

feine Bohning verwüstet und geplündert wurde und er ins Ausland der Tasche, vor dem kommunistischen Verkehrslokal Aufstellung Das Rundschreiben" von Hamburg .

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floh, um dem 3wangsdomizil zu entgehen. Weder ihre theoretische Einstellung Sardelli ist Einheitssozialist noch ihre persönliche Lebenslage rechtfertigen die Bermutung, daß sie sich zu Dynamitarden ousgebildet haben sollten. Und nun gar mit russischem Gelde! Bo doch die russische Dittatur von allen Staaten Europas die innigften Beziehungen zum Faschismus unterhält, mit ihm am nächsten ver wandt, am meisten um seine Dauer besorgt ist! Uns scheint diese Episode des Kesseltreibens gegen die Emigranten ziemlich schlecht erfunden. Wir verhehlen uns ganz und gar nicht, daß eine Situation der Rechtlosigkeit, wie die des italienischen Volkes, den Akten der Gewalt den Beg bereitet. Das ist eine geschichtliche Erfahrung, die psychologisch mur allzu erklärlich ist, aber uns will es scheinen, als pflegte die Geschichte sich hierfür anderer Werkzeuge zu be dienen. Daß sich reife Männer und erfahrene Politiker eine Dynamit fammlung anlegen, und zmar in der Weise, daß die Polizei das schon von Anfang an weiß und verfolgen kann,

erinnert an das Attentat Zanibonis", von dem auch die Polizei eher wußte als der Attentäter,

lleberhaupt läßt die Sache allerhand Erinnerungen in uns aufsteigen. Ist nicht gleich nach dem Attentat 3anibonis im Hause eines in Rom lebenden Journalisten ein sich als Kommunist" ausgebendes Indi viduum erschienen, um des langen und breiten über die Un= vermeidlichkeit weiterer Attentate zu sprechen, und ist nicht dieser Kommunist" heute ein hoher Würdenträger des Faschismus? Ist nicht im Jahre 1925 ein fommunistischer Abgeordneter durch einen hohen Staatsbeamten gewarnt worden, daß die Polizei den Befehl habe,

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ihm Bomben ins Haus zu schmuggeln? Wissen nicht Dußende von Berjanen in Rom , daß die Aufmachung" eines solchen Attentats daran gescheitert ist, daß den Polizisten die Sache zu schuftig erschien? Es gehört zur Tragödie jeder Emi aration, daß sich Spigel in ihre Reihen schleichen. In der heutigen Phase des Faschismus, wo für Mussolini die Unterstützung durch das Ausland das Wichtigste ist, wo ihm das italienische Bolk als der besiegte, nicht mehr zu fürchtende Feind gilt und alle seine Angriffe sich gegen die Emigranten richten, braucht Mussolini Atten tate im Ausland, um seine Widersacher aus ihren Anlen zu vertreiben. Die Bomben Ciancas, Tarchianis und Sardellis sollen diesem Bedürfnis abhelfen. Wie denkt die französische Regierung über die ihr in dieser Angelegenheit zugedachte Rolle?

Ein Mussolini - Denkmal follte gefprenat werden.

Paris , 4 Januar.( Eigenbericht.)

Bie Nachforschungen nach dem antifaschistischen Komplott, die bie Pariser Polizei nach der Verhaftung der drei Emigranten be gonnen hat, haben in Marseille zu der Festnahme eines gewissen Schiavetti geführt, bei dem einige Briefe di Rojas vorgefunden wurden, der in Brüssel das Revolverattentat auf den italienischen Kronprinzen verübt hat. Da die Briefe jedoch nichts Belastendes enthielten, wurde der Sistierte wieder freigelaffen

Der Quotidien" berichtet, daß die bei Cianca vorgefundenen

Die Frage ist, ob das so weitergehen foll und kann. Man wende nicht ein, daß sich auch früher junge Leute unter allen möglichen Vorwänden und Formen gerauft und gebalgt haben. Diese Auseinandersetzungen geschahen mit Fauft und Knüppel, äußerstenfalls einmal mit dem Messer. Aber die Ausbeutung der jugendlichen Raufinstinkte zu angeblich politischen" Zweden hat dazu geführt, daß jetzt

Revolver und Dolch die Normalwaffen geworden sind. Zugleich ist der Zusammenhalt der früher mur loje durch Freundschaft, Nachbarschaft usw. verbundenen Gruppen viel straffer und militärischer geworden, damit ist automatisch die Energie der Kämpfe wie die Zahl der Kämpfenden gewaltig gesteigert. Die Schwere der Berlegungen, die Zahl der Todes opfer reben eine deutliche Sprache.

Just vor einem Jahre war ganz Berlin entsetzt, als die organi fierte Unterwelt" mit ihren Ringvereinen gelegentlich der 3mmertreu Schlacht in die Erscheinung trat. Der Kampf, der sich damals zwischen den Immertreuen und den Zimmerleuten abspielte, mar gewiß blutig. Er hat aber nicht mehr,

sondern weniger Opfer gekostet als die drei oder vier politischen Zufammenftöße am letzten Sonntag des vergangenen Jahres. Im Fall Immertreu tam es zu einem Ausgleich, der blutige Kampi hat eine Fortje gung gefunden. Dagegen zeigen im Falle Hitler- Rotfront beide Parteien den ausgesprochenen Willen, bei

Sprengstoffpafete feineswegs, mie behauptet worden war, zu Attentaten gegen die italienische Bölferbundsdelegation in Genf bestimmt gewesen seien. Gianca habe vielmehr ohne Wissen seiner beiden Mitverhafteten das Mussolini Denfmal in Bologna in die Luft sprengen wollen, das in Erinnerung an das angebliche Attentat des jungen Camboni errichtet worden war.

Drohbriefe gegen Ritti- Berleger.

London , 4. Januar.

Die Berlegerfirma Putnam Sons, New York und London , bei der demnächst das Buch Francesto Nittis erscheinen wird, das seine Flucht von der Strafinsel Lipari beschreibt, hat aus Pariser faschifti­schen Kreisen Drphbriefe erhalten des Inhalts, daß die Bureau­räume der Firma in New Yort in die Luff gefprengt werden würden, wenn die Veröffentlichung erfolgen sollte. Einer der Teilhaber der Firma, George Butnam, der ir dem Briefe ebenfalls bedroht wurde, erhielt bei seiner geftrigen Abfahrt von London nach New York den Schutz eines Geheimpoliziften.

In dem demokratischen Samburger Anzeiger" wurde, mie erinnerlich, vor furzem ein angebliches Rundschreiben des Org.­Bureaus der kommunistischen Zentrale veröffentlicht, an dessen Echtheit im Bormärts" sofort Zweifel geäußert wurden.

Die Kommunistische Partei hat lärmend die Echtheit des Doku­❘ments bestritten und es als eine Fälschung hingestellt. Bei der vielfachen Spizeltätigkeit, die innerhalb der KPD . Brauch ist, wäre eine solche Fälschung nicht einmal etwas besonders Auffallendes. munistischen Kulturbofuments einmal mit Erfolg abstreiten zu Aber der Roten Fahne" genügt es nicht, die Echtheit eines fom­können. Sie greift selbst zu einer neuen Fälschung durch die munistischen Kulturdokuments einmal mit Erfolg abstreiten zu sie ihre Entrüftung" selbst entwertet.

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In der Fahne" wird nämlich dreispaltig auf der Titelseite! die Behauptung auf­gestellt, das angebliche Rundschreiben des Rechtsanwalts Obuch sei im Reichsministerium des Innern hergestellt und durch den sozialdemokratischen Bressereferenten Haubach, der bis vor kurzem Redakteur am ,, Hamburger Echo" war, dem ,, Ham­burger Anzeiger" in die Hand gespielt worden!

Um diese blöde Behauptung glaubhaft zu machen, wird Haubach zunächst als Ausbund aller Schlechtigkeiten und als Freund des ,, Hamburger Anzeigers" hingestellt. Aber troẞdem bleibt die ,, Ent­hüllung" der Fahne" nichts anderes als ein grober Schwindel. Selbstverständlich, daß Haubach so wenig wie das übrige Reichs­innenministerium, vor allem wie Minister Severing selbst etwas von den Borgängen in Hamburg wußte.

Wie aber wäre es, wenn der Nachrichtendienst der Kom­ munistischen Partei " das heißt die tommunistische Spigel­zentrale einmal seine Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit lenken wollte, daß ein Kommunist selbst dem bürgerlich- demo­tratifchen Hamburger Anzeiger" das Dokument gebracht habe? 3ft er so sicher, daß seine eigenen Kreaturen nicht falsche wie echte Dokumente verhöfern?

Expreßzug überrennt Autobus.

Neun Schüler ums Leben gekommen.

New Yort, 4. Januar. Bei Wooster im Staate Ohio überrannte der Pennsyl­vania Expreß bei einem Eisenbahnübergang einen Schnell­autobus. Der Zusammenstoß war so heftig, daß der Autobus 100 Meter weit fortgefchleudert wurde. Bei dem Unglüd famen neun Schüler ums Leben, eine größere Anzahl wurde schwer verletzt.

Die amerikanische Staatsschuld betrug am Jahresende, 16,3 Mil­liarden Dollar gegenüber 17,3 milliarden im Vorjahre.

Kanada hat 62 Familien der schwedisch - russischen Flüchtlinge, die im Sommer 1929 aus der Ukraine auswanderten und seitdem in Schweden wohnen, die Einwanderung erlaubt. Es wurden 150 000 Dollar zur Verfügung gestellt, die als Anleihe für die Reise und die Niederlassung in Kanada dienen, sollen.