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BERLIN Mittwoch 8. Januar 1930

Der Abend

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Nr. 12

B6 47. Jahrgang

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Heimwehrdämmerung.

Fortschreitende Auflösung.- Gründet Seipel eine neue Partei?

Bilder vom Draht.

Wien , 8. Januar.

Das Neue Wiener Erfrablatt, das Blatt des Landbundes, bringt in größter Aufmachung die Nachricht, daß Dr. Seipel die Ab­ficht habe, die Chriftlichsoziale Partei fallen zu lassen und an deren Stelle eine Staatspartei der Stände zu gründen. Das Blatt erklärt: Die Silvesterrede Dr. Seipels enthielt einen be­merkenswerten Abschnitt über die Notwendigkeit einer Reform der Chriftlichsozialen Partei. Auf Grund zuverlässiger Jnforma­fionen fönnen wir mitteilen, daß Dr. Seipel den Plan hat, eine Staatspartei der Stände zu gründen, die an Stelle der Chriftlich fozialen Partei eine neue Einheitsliffe für die kommenden Wahlen darstellen soll. In diesem Zusammenhang erscheint auch die Rede, die Dr. Steidle in Klagenfurt gehalten hat, in einem neuen Licht. Dr. Steidle sprach von der Möglichkeit, daß sich der Heimat­schutz über seine Stellung bei den künftigen Wahlen ins flare tom­men müffe und daß er vielleicht gezwungen sein werde, eine eigene Partei zu bilden.

Die Silvesterrede Dr. Seipals hat auch auf großdeutscher Seite clu lebhaftes Echo gefunden. Am Dienstag fand ein außerordent licher Kreisparteitag der Großdeutschen Bolkspartei für den Wahi­freis Bien statt, auf dem u, a. der Obmann dieser Partei, Dr. Box tama, bas Wort ergriff. Er erflärte, die Großdeutsche Partei stelle fich restlos hinter die Regierung Schober und merde sie gegen Er schütterungsversuche, von welcher Seite sie immer tommen mögen,

Stügen.

Der frühere Bundeskanzler Prälat 3guaz Geipel betätigt fich wieder öffentlich. Er hat mit einem Bortrag in Luxemburg an gefangen, wo sich die Witwe des leßten Raifers von Aftöfterreich, Frau Bita Habsburg- Bourbon, aufhält. Seipel hat einem sofort cufgetretenen Berdacht die Erklärung entgegengestellt, daß er, Shre Majeftät fo spricht der ehemalige Kanzler der Republit- nicht besucht habe, und zwar deshalb nicht, weil im Nationalrat Partei­genossen von ihm die Rückgabe des enteigneten Habsburger Besizes ,, angeregt" haben und er nicht den Anschein ermeden wolle, daß man darüber mit der Hauptintereffentin verhandele.

Raum war er mieder in Wien , als er schon gegen die Parole foszog, das Land brauche por allem Ruhe; im gleichen Atemzug predigte dieser Briefter der Liebe, jegt müffe der Kampf erft redyt aufgenommen werden.

Aber am vergangenen Sonnabend hat die Parteileitung des Landbundes den Tremmungsstrich gegen die Heimwehrfaschisten gezogen und den Willen der Bauern verkündet, an der Demo fratie festzuhalten und jede Gewaltanwendung zu verwerfen.

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Am gleichen Tage hat ber populäre christlichsoziale Arbeiter. führer, Abgeordnete und Gemeinderat Kunsch af in der Kontroll­versammlung des Freiheitsbundes" daran erinnert, daß man vor Die einigen Wochen rief, Kunschak dürfe in Wien nicht mehr reden ,, Bolschewisten", als welche man die Wiener Sozialdemokraten ja auch den Lesern reichsdeutscher Blätter hinstellt, haben niemals ein solches drohendes Redeverbot ausgesprochen das tat vielmehr ein Heimwehrprofeffor Otte. Mit vielen anderen Heimwehrführern ift auch Otte jüngst ausgeschlossen worden, teils wegen Unehr. erb.etigkeit gegen die Päbstlichen, teils wegen Aufdeckung von Unter­Schlagungen gewisser Borstandsstüßen usw. Die Arbeiter- Zeitung " hat soeben ganze Attenreihen darüber veröffentlicht. Kunschat aber hat in der gleichen Rede erklärt, wenn man sich gegen die( chriftlich­fozialen) Arbeiter wende, werde man auf Granit beißen. Bange machen gelte nicht. Vom Wiener Heimatbund sagte er:

..Das stolze Heer, das ausgezogen ist, um zu diffieren, und als Maro­as ich gleich als das bezeichnet habe, was sie find eure, geht in Geftant auseinander."

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Zu den entsprechenden Erscheinungen in den Bundesländern tommt jetzt auch eine Gärung im Behrbund, der chriftlich. fozialen Gegenprganisation gegen die freie Soldatengewertschaft des Militärverbandes. Die Offiziere fühlen sich durch das Borgehen einzelner maßgebender Behrbündler verlegt, was Anlaß war, daß sich vor einiger Zeit aus einer Wehrbundversammlung sämtliche an wesenden Offiziere demonftratio entfernten.

Der Wehrbund hat daraufhin ein Flugblatt herausgegeben mit der Ueberschrift: Ein Bort an die Offiziere", in welchem er an die Morte des Bizetanglers Baugoin erinnert, der gesagt hat, daß der Behrbund der Gefundheitsbazillus im Bundesheer sei.

No.2.

LONDON 12031 80 gem. 7/1 15h0.

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SOPADIENST

BERLIN

Am Dienstag nachmittag wurde die öffentliche Bild telegraphie zwischen London und Berlin eröffnet. Der deutsche Reichspostminister Dr. Schätzel und der englische Generalpoftmeister Lees- Smith tauschten ihre Bilder mit Begrüßungen aus. Dann er­goß sich auf dem Bildkabel ein Strom von Pressebildern hinüber und herüber. In London mußte bei dem starken Andrang die

Weiter heißt es, daß der Großteil der Offiziere, von denen zirta 900 im Behrbund eingeschrieben find, nach ziemlich quthentischen Mitteilungen infolge eines Beschlusses des neugegründeten eeresoffiziersverbandes mit Januar 1930 aus dem Wehrbund austreten oder höchstens darin als Förderer, Ehren­mitglieder, unterstützende Mitglieder und dergleichen verbleiben

wolle.

Untersuchung gegen Schuhbundkommandant eingeftelt.

Nach den Vorfällen in St. Lorenzen wurde der Kommandant des Republikanischen Schugbundes, Wilhelm Mosauer, mehrere Bochen lang in Untersuchungshaft gehalten. Mosauer wurde von dem Zimmermeister Schädl in Brud beschuldigt, daß er mit einer Pistols auf ihn geschossen und ihn am Unterschenkel verlegt habe. wiewohl schon die erste gerich särztliche Untersuching ergab, daß die Berlegung teine Schußwunde war, wurde Mosauer verhaftet. weil einige Heimwehrler die Behauptung des Schädl bestätigten". Immer wieder erklärte Mosauer, daß er gar teine Baffe bei gehabt habe und daß er von Schädl zu weit entfernt ge­wesen sei, als daß er ihm die Berlegung hätte zufügen fönnen.

Im Berlauf der Untersuchung wurde diese Verantwortung als richttg erwiesen und auch die Belastungszeu fonnten bei der

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NR 7 LONDON 12030 160 7/1 1:42.

SOZIALDEMOKRAT BERLIN.

Reihenfolge der zu versendenden Bilder ausgelegt werden. Als eines der ersten fam das Bildnis Macdonalds( links) zur Versendung.. das der Korrespondent des S03. Prefsedienstes" an sein Berliner Bureau( Sopodienst) richtete.

Zwischen dem Tageblatt der Labour Party , dem ,, Daily Herald" und dem Borwärts" wurden die Bilder der Chefredakteure aus­getauscht. Unser Bild rechts zeigt den Herausgeber( Editor) des Daily Herald". William Mellor, wie der Bildtelegraph es uns in der Nacht zum Mittwoch übermittelte. Die Klarheit der Wiedergabe zeigt den enormen technischen Fortschritt, den die Bild­telegraphie in den letzten Jahren gemacht hat.

mehrmaligen Gegenüberstellung ihre Beschuldigung nicht aufrechi­erhalten. Nun hat das Kreisgericht Leoben auf Antrag der Staats­anwaltschaft das Verfahren gegen Mosauer eingestellt.

Vergebliche Attentätersuche.

Nur die französische. Polizei nimmt weiter fest. Genf , 8. Januar. ( Eigenbericht.) Das Attentatsgerede ist in nichts zerronnen. Auch der Teil der Bresse , der sich besonders eifrig mit den phantasievollen Schilde­rungen der italienischen Zeitungen über das Hauptneſt der anti­faschistischen Berschwörer" beschäftigte, muß jest zurüdsteden. Beder in Paris noch in Genf tonnte eine Spur von Attentats plänen gegen Bersonen, die an der nächsten Bölkerbundsraistagung teilnehmen, entdeckt werden.

Paris , 8. Januar. ( Eigenbericht.) Die Untersuchung des angeblichen Antifaschistentomplotts in Frankreich hat am Dienstag zu der Verhaftung des Stalieners Chobini in Marseille geführt, ohne daß jedoch der Grund zu Dieser Maßnahme befannt geworden ist. Eine Haussuchung bei einem gewiffen Toccatondi in Marseille ist ergebnislos verlaufen. Der Berdächtige hat übrigens die Stadt verlassen.