Einzelbild herunterladen
 

Morgenausgabe 101

Nr. 91

A 46

47.Jahrgang

Böchentlich 85 Bt.. monatlich 3,60 T2 tm voraus zahlbar. Boftbezug 4,82 2 einschließlich 60 Bfg. Boftzeitungs- und 72 Bfg Boftbeftellgebühren. Auslands abonnement 6.- m pro Monat.

Der Borwärts" ericheint wochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel Der Abend". Illuftrierte Beilagen Bol und Zeit" und Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Biffen". Frauen ftimme". Technif"." Blid in die Bücherwelt" und Jugend- Borwärts"

102 C

Vorwärts

Berliner Bolesblatt

Sonntag

23. Februar 1930

Groß- Berlin 15 Pf. Auswärts 20 Pf.

Die eintpaltige Ronpareillezetle 80 Pfennig. Reflame eile 5.- Reichs mart. Kleine Anzeigen das ettge brudte Bort 25 Pfennig zuläffig zwet fettgedruckte Borte), jedes weitere Bort 12 Bfennig. Stellengesuche das erste Bort 15 Pfennig, jedes mettere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben ählen für zwei Borte Arbeitsmarkt Beile 60 Pfennig. Familienanzeigen Ze le 40 Pfennig. Anzeigenannahme imjaupt. geschäft Lindenstraße 3, wochentäglich von 8 bis 17 Uhr.

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Berlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Tönboft 292-297 Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin .

Vorwärts: Berlag G. m. b. H.

Boftfchedionto: Perlin 37536.- Banffonto: Bank der Arbeiter. Angestellten und Beamten. Wallitr 65 Dt Du Disc- Gei Tepofitenfafle Lindenstr 3.

Adolf Köfters Beisetzung.

Trauerfeier in Blankenese .

Hamburg , 22. Februar.( Eigenbericht.)

In Blankenese murde der verstorbene deutsche Gesandte in Jugoflamien Dr. Adolf Köfter am Sonnabend mittag unter großer Beteiligung der Bevölkerung zu Grabe getragen. In Ham burg und Altona waren die Flaggen auf Halbmast gefeßt. Auch zahlreiche Handelshäuser und Reedereien ermiesen dem Toten ihre Reverenz. Eine gewaltige Menschenmenge hatte sich vor dem fleinen Friedhof eingefunden. In langen Kolonnen zog das Altonaer Reichsbanner mit umflorten Fahnen heran. Berittene.

Mannschaften der Altonaer Schußpolizei bildeten auf der letzten Begftrede Spalier. Blumen und Kränze in überreicher Fülle in der Halle und auf dem im strahlenden Sonnenlicht glänzenden Rasen vor der Halle tündeten von der Liebe und Verehrung, die Adolf Röster als Mensch und Politiker überall genossen hat. In der Friedhofshalle, in der nur der fleinste Teil der vieltausendföpfigen Trauerversammlung Einlaß finden fonnte, wurden die Gäste mit der Trauerweise empfangen: Ein Sohn des Boltes wollt er fein und

bleiben.

Reichsinnenminister Severing

überbrachte die Abfchiedsgrüße der Reichsregierung. Er würdigte Köfters Berdienste als Staatsmann und seine glühende Baterlands liebe, die sich in der Stunde der größten Gefahr für das Deutschtum am herrlichften offenbart habe. Rösters diplomatische Tätigkeit habe die Borstellung, die sich das Bolt.nom: Diplomaten gemacht habe. er­heblich berichtigt. Der Verstorbene sei auch als Diplomat ein auf. gefchloffener, offener Mensch gewesen und habe gerade damit seine großen Erfolge errungen. Die Geschichte werde an erfennen, daß er für den Bestand der Republik und für die Er meckung der Liebe zu der neuen Staatsform mit das Höchste ge leiftet habe.

Staatsjefretär Schubert

pries als Vertreter des Auswärtigen Amtes die glänzenden Eigen. schaften und das große Geschid, das Dr. Köster in der Wieder herstellung der guten Beziehungen zu den fremden Völkern in der deutschen Nachkriegspolitik bewiesen habe. Man werde seine Mit­arbeit im Auswärtigen Amt noch oft schmerzlich vermissen.

Otto Wels

führte im Namen der Sozialdemokratischen Partei aus: In dieser Stunde schweben die Gedanken von Hunderttausenden um den Sarg Adolf Kösters, besonders derer, die ich jetzt zu vertreten habe, der deutschen Sozialdemokraten am Schreibtisch, in der Werkstatt und in Fabrit, die ihn mit Stolz zu den ihren zählten, denen der junge Akademiker sich in seinen frühen Jahren zugefellte. Jäh und unver­mittelt traf uns der Schlag, daß der Mann, der seinen Weg in die Höhe des politischen Lebens troß seiner minifteriellen Bergangenheit sich erst zu bahnen schien, nicht mehr unter uns weilte. Er war ein Sonnenmensch, so wie die Sonne jetzt auch den Sarg umspielt, der, das enthält, was von ihm sterblich ist. Ihm war die Welt mit ihrem kulturellen und geistigen Inhalt gerade groß genug, um fich

in ihr zu bewegen, und dennoch war er von einem Heimatgefühl durchbrungen, daß er sich ständig als Heimwehtranfer im Auslande fühlte. Das sagte er in seinem Jugendroman Die bange Nacht". Er atmet Liebe zur heimatlichen Scholle und zu ihrer Bevölkerung in jeder Zeile. Dienst an der Heimat, Dienst an der Masse seines Volkes trieb ihn, von der er einst schrieb: Ich hasse die Armut und liebe die Armen, die Arbeiter, denen die Sonne so fümmerlich scheint. Ich will mit ihnen fämpfen gegen ihre Feinde.

Die Arbeit, das war ihm die arbeitende Welt als der Hebel aller Kultur, der alles bewegende Faktor, der die Menschheit von der Barbarei zu ihrer heutigen Kultur zurüdgeführt. Ihr den gebühren den Platz zu sichern, bekannte der junge ringende Student fich zur Sozialdemokratie und hielt ihr die Treue. Im Kampf mit Jeiner Familie gab er, der zum Theologen Bestimmte, die Erklärung ab, der Arbeiterklasse zu dienen, mit den Worten:

Ich will fämpfen, daß es anders wird, ganz anders, nicht durch Predigten, sondern durch Taten. Bielleicht scheitere ich, sicher erlebe ich es nicht, aber das schadet nichts. Ich muß weil ich etwas anderes werden kann, ich muß, weil ich meiner Jugend, weil ich euch, weil ich mir selber treu bleiben will."

Dieses Bekenntnis zur arbeitenden Klasse und zu ihrem Kampfe hat Adolf Köster treulich gehalten. Deshalb trauert mit uns und mit der Familie die große Partei um den Genossen und Freund. Er war uns Führer, er war mit uns Soldat für ein Ziel, das groß und hehr vor uns steht. Trauernd senten die Fahnen fich über

1

Millionen suchen Arbeit!

Wirtschaftsführer" schwätzen. Bas tut der Reichstag?

Die vereinigten Ausschüsse des Reichstags beraten immer noch über die mit dem Young- Plan zusammen­hängenden Gefeße, teils öffentlich und teils vertraulich. Sie

seinem Grabe und die Partei nimmt Abschied von ihm als einem arbeiten gründlich und langsam, so auffallend langsam, daß. der besten Kameraden.

Oberbürgermeister Brauer- Altona

wies auf die enge Berbundenheit des Verstorbenen mit seiner nieder. elbischen Heimat hin. Hier habe er sich immer mit neuer Kraft er. füllt, wenn er zu kurzer Ausspannung vom aufreibenden Dienst hin und wieder heimgekehrt sei.

Draußen am Grabe, wo ein dichter Wald schwarzrotgoldener Fahnen die Gruft umfaßte, rief der Präsident des Hamburger Senats, Bürgermeister Roh, dem toten Freunde lezte Grüße nach: Richt Morte der Trauer allein sollten ihm gelten, sondern auch Borie des Gelöbnisses, in seinem Sinne dem deutschen Bolt und der ganzen Menschheit weiter zu dienen.

Als dann die einzelnen Abordnungen ihre Kränze am Grabe niederlegten, hob der Hamburger Generalfonful Jugo. flawiens noch hervor, welch große Berehrung Köster im jugo­flawischen Bolt sich erworben habe. Ein Bertreter der deutschen Minderheiten in Lettland gedachte der Hilfe, die Köfter dem deutschen Lettland habe zuteil werden laffen.

Mit dem Deutschland - Lied, bas eine Rapelle der Schußpolizei fpielte, schloß die eindrucksvolle Trauerfeier.

Ehrung Dr. Köfters in Belgrad .

Hamburg , 22 Februar. Der Oberbürgermeister von Belgrad hat an den Präsidenten des Hamburgischen Senats folgendes Telegramm gerichtet: Um die dankbare Erinnerung an unseren unvergeßlichen schlag der Gemeindeverwaltung in der Sizung der Stadtverord Freund Dr. Köster zu wahren, wurde am 21. Februar der Bor: neten einstimmig angenommen, der an der Deutschen Ge. sandtschaft entlangführenden Straße den Namen Dr. Adolf Köster Straße zu geben.

3

3

Bürgermeister Roß erwiderte darauf mit folgendem Tele.

gramm:

Der Beschluß der Stadtverordneten, das Andenken Dr. Köfters in Belgrad dadurch dauernd zu ehren, daß die an der Deutschen Gesandtschaft entlangführende Straße nach ihm benannt wurde, wird in ganz Deutschland als ein Beweis der freundschaftlichen Ge­finnung der Bevölkerung ihrer Stadt und ihres Landes angesehen und gewürdigt werden. Ich danke Ihnen herzlichst im Namen ham burgs für diese gute Nachricht und bin sicher, daß die Empfindungen, die die Belgrader Gemeindeverwaltung und Stadtverordnetenver fammlung zu Ihrem Entschluß veranlaßten, auch in Hamburg auf das herzlichste erwidert werden.

Sie wollen nicht erinnert werden!

Kapp- Putsch und Kreuz- Zeitung.

Die Kreuz- Zeitung " ist erbost, daß die Sozialdemokratie das republikanische Deutschland an die zehnjährige Biederkehr des 3usammenbruches des Rapp Butsches erinnert. Sie

will nicht erinnert werden!

9

bald die Frage auftauchen wird: wie lange hätte die Haager Konferenz gedauert, wenn sie im gleichen Tempo gearbeitet hätte? Beraten ist gut, aber schließlich müssen auch Be fchlüsse gefaßt und dem Plenum des Reichstags das Bort erteilt werden.

Es könnte sonst allmählich der Eindrud entstehen, als ob während der Haager Konferenz und noch während der ersten

Lesung des Young- Planes im Reichstage das staatspolitische Gewissen stärker gewesen set als jetzt. Es könnte sich die Mei­nung befestigen, als ob aus diesem Gesamtwerk Steine aus­gebrochen und andere eingesetzt werden fönnten- eine Mei nung, die in der Sache völlig unbegründet ist.

Das Baudern der Ausschüsse es ist ein Zaudern­birgt psychologische Gefahren in sich. Es weckt Unsicherheits­gefühle, es läßt die Frage auftauchen: was ist's mit dem Young- Blan? Ist heute noch wahr, was gestern Regierung und Regierungsparteien über ihn gesagt haben und über seine absolute Notwendigkeit? Und wenn es wahr ist warum dann das Zaudern?

Es gilt staatspolitische Notwendigkeiten zu vollziehen - aber inzwischen erleben wir das Zwischenspiel sines Ur. laubs von der Verantwortung.

*

In dieser Zwischenzeit ist reichlich Raum für politische und soziale Kannegießereien. Es gibt genügend Herrschaften, die ihre Illusionen und Gedanken spazieren führen. Sie träumen wieder von der Steuerfenfung, bom Abbau der Soziallaften, von der Wiederholung der großen Offensive der ,, Wirtschaft" gegen den Staat und die Arbeiterrechte. Alles scheint ihnen in Fluß zu sein, alles möglich, alles erreichbar. Wirtschafter, Bankdirektoren und Professoren verfassen Kund­gebungen, die an Phrasenreichtum und Mangel an Sachver stand taum zurücstehen hinter gewissen Professorenkund gebungen, die mir im Kriege erlebt haben. Es hagelt Rat schläge, gute Lehren, Ermahnungen und moralische Reden an das Volk.

"

3% An das Bolt. Ja, wer ist das Bolk? Heute suchen rund 3 Millionen Menschen in Deutschland Arbeit und finden sie nicht. Die Wirtschaft", deren Vertreter von guten Lehren überfließen, ist nicht in der Lage ihnen Beschäftigung zu geben dafür hat sie Moral für sie. Lustig im blauen Himmel geht das Spiel der Projekte doch sind die weniger lustig gesinnt, die von den Projekten feine Arbeit erhalten! Steuerfenfung, Lastensenkung, Sparsamkeit: Worte, Worte. Aber die 3% Millionen Arbeitsuchenden sind da. Und wir fragen: was soll aus ihnen werden?

-

deckung gemacht, daß das deutsche Volt an der Renten frankheit leidet. Die Entdeckung ist nicht originell- Der Herren Schacht und Reusch haben die Ents: vor einiger Zeit hat ein Hamburger Profeffor die These schen Arbeiterschaft erhalten hat, schmerzt die braven Leute noch Sozialhygiene, ausreichende ärztliche Versorgung, Vorbeu­aufgestellt, daß alles, was Kulturfortschritt sei, ein Bolt nur Die Lektion, die die Reaktion damals über die Macht der deutschwäche. Der brave Mann tam auf den Gedanken, daß heute! So beeilen fie sich zu versichern, daß nicht die Arbeiterschaft gung gegen Epedimien nur von Uebel fei- Cholera, Boden Rapp hinweggefegt habe die Werftätigen hätten lediglich ihr und Best aber eine nüßliche Einrichtung: das Stärkste bleibe Wert geschwänzt", sondern Kapp sei gescheitert an der man übrig, und das sei gut so. Die Herren Schacht und gelnden Organisationsfähigteit seiner Berater. Reusch haben diese biologische Weisheit ins Soziale übers Das ist der ganz echte Putschismus: das Gelingen des tragen: das Bewußtsein der Sicherung vor letter sozialer Butsches ist nur eine Organisationsfrage. Katastrophe schwäche die Volkskraft. Man fann die törichten Borte des Herrn Schacht drehen und wenden wie man will - immer steht dahinter die Anschauung, daß die soziale Best der Krise und der Arbeitslosigkeit ohne Fürsorge eine nüß­liche Ausleseeinrichtung sei.

-

Lieber wollen sie Trottel sein, als die Macht der Arbeiterschaft zuzugestehen!

Japanisches Wahlergebnis. Regierung behält eine sichere Mehrheit.

Tofio, 22. Februar.( Reuter.)

Nach den bis heute nachmittag 5 Uhr mitteleuropäischer Zeit vorliegenden Wahlergebnissen erhielten die min feito oder Regierungspartei 245 Gige, die in der Opposition stehende Seinufaipartet 148, bie Broletarierpartei 5, die Un abhängigen ebenfalls 5 und fleinere Parteien zusammen 8 Gize. Obwohl noch nicht alle Ergebnisse eingegangen sind, verlautet, daß die Regierung bestimmt über eine Mehrheit verfügt. Bes gierungspartei, so scheint die Stabilisierung der politischen Lage findet sich die Hälfte der Size im Landtag in den Händen der Res Japans gesichert. Die Regierung wird dann unbehindert ihre wirt schaftliche und soziale(?) Politit fortsegen tönnen.

Weil die Arbeitslosenunterstüßung egiftiert, find 3% Millionen auf der Arbeitssuche; wenn fie feine Arbeits­losenunterstützung befämen, hätten sie Arbeit das ist die Logik der Schacht und Reusch, wobei die andere Alternative verschwiegen bleibt: oder wären verhungert.

ugenberg den Kampf gegen die Sozialversicherung ge­Bor den Herren Schacht und Reusch hat Herr führt, wobei mir zugeben müssen, daß Herr Schacht in diesem Bunfte seinen Vorgänger noch übertroffen hat. Zurück hinter in dem, was er sagt und dem, was er will. Hinter diesem Kampf gegen die ,, Rentenkrankheit" steht die Erbitterung, daß die Arbeiterschaft nicht mehr den Buntt des schwächsten sozialen Widerstandes darstellt, daß sie

1890

-