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BERLIN Montag 17. März 1930

Der Abend

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Zehn Jahre nach Kapps Flucht.

Gewaltige Kundgebungen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft.

Die Berliner Sozialdemokratie veranstaltete gestern eine jener großen bedeutungsvollen Kundgebun. gen, die in der Geschichte der Berliner Partei fortleben werden. Die Arbeiter Berlins waren zur Erinnerung an den Tag, an dem vor zehn Jahren der berbreche rische Kapp Putsch unter der Faust der Arbeiterschaft zusammenbrach, herbeigeströmt, um ein neues Gelöbnis für die soziale Re publik für Völkerfrieden und Sozialismus abzulegen. Kampf allen Feinden der Republik und der Arbeiterbewegung war die Parole, die die Zehntausend in der ,, Neuen Welt" gestern beherrschte.

Eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung war der riesige Saal, der sich als viel zu flein ermies, bereits so überfüllt, daß die Tribünen teilweise polizeilich geräumt werden mußten. Parallel. persammlungen in anderen Sälen und bei Kfiems vermochten gleichfalls nur einen Teil der Erschienenen aufzunehmen Die Hauptfundgebung stand unter dem Zeichen der roten Fahnen Auf der von Lorbeerbäumen und Fahnen der Berliner Partei und) des Reichsbanners umrahmten Bühne hatten neben dem Borfizen­den des Berliner Bezirksverbandes, Reichstagsabgeordneten Franz Künstler , die von der Versammlung stürmisch begrüßten Redner des Tages, Reichsinnenminister Carl Severing und der Box­figende der Sozialdemokratie, Reichstagsabgeordneter Otto Bels,

Anfang genommen. In den legten 12 Jahren bestand unsere Auf­gabe darin, den Schutt, den uns die zusammengebrochene Monarchie hinterließ, beiseite zu räumen und die Quadern für das Haus der demokratischen Republik zu legen. Unser zäher Kampf, unsere un­ermüdliche Kleinarbeit gilt dem inneren Ausbau des neuen Staates in sozialem und demokratischem Sinne. Wohl hat sich die Republik im Laufe der Jahre gefestigt.

Blatz genommen. Feierliche Stille trat ein, als nach einleitenden Der überfüllte Saal. Worten Franz Künstlers Musik und Gesang der vereinigten Reichsbanner- Musikkapellen Wedding und Weißensee, der Spiel­mannschaft des Kreises Norden und des unter der bewährten Leitung Wilhelm Knöchels stehenden Männerchors.., Fichte­Georginia" ertönten. Dann spricht Severing furz und zündend. Reint politisches Erntedankfest" wollen wir feiern. Noch immer bedarf die Republik unseres Schußes, noch immer müssen wir wachsam sein. Er schließt unter nicht endenwollendem Beifall mit dem Dichterwort: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich fie erobern muß." Theo Maret spricht Verse von Tucholsky , die in den Ruf ,, Nie wieder Krieg" ausflingen. Dann folgt die große Rede Otto Wels , der am frühen Morgen des 13. März 1920, als Herr Kapp wahrscheinlich noch schlief, die ersten Vorbereitungen für die große Gegenaktion der So zialdemokratie traf. Immer wieder werden seine Aus: führungen durch Zustimmungskundgebungen und Händeflatschen der gespannt lauschenden Menge unterbrochen. Der Redner umreißt noch einmal furz die Ereignisse in den bedeutsamen Märztagen des Jahres 1920, in denen um das Leben der Republik gekämpft und der Sieg der Arbeiterschaft erfochten wurde. Er schließt: Die Arbeit von Jahrzehnten hat uns auf die Bergeshöhen geführt, von denen wir das Sonnenlicht der Freiheit erglänzen sehen. Wir sehen das Licht und wir kennen die Mittel und die Wege, die zu ihm führen. Baut Straßen, erobert die Menschen! Pflügt den Acker! Laßt uns weiter gemeinsam fämpfen für die soziale Republit, für die demokratische Freiheit!" Die letzten Worte des Redners werden von dem begeisterten Beifallssturm der Riesenmenge begleitet. Noch einmal hören wir die Sänger, das alte Truglied von Lord Foleson erfüllt den Raum. Das von dem Bläserchor des Reichsbanners vorgetragene und von der Versammlung stehend mitgesungene Brüder zur Sonne, zur Freiheit" schließt sich der Rede an. Nach Berlejung eines Treue= gelöbnisses der zur gleichen Zeit im ehemaligen Herrenhaus tagenden Generalversammlung des Gaues Berlin des Reichs­banners Schwarz- Rot- Geld, bringt Franz Künstler das Hoch auf die internationale pölterbefreiende Sozial demokratte aus, in das die Bersammlung dreimal begeistert einstimmt. Der gemeinsame Gesang der Internationale beschließt dann die imposante Rundgebung, die für jeden als neuer Beweis der Solidarität und des Zusammenhaltens zu einem Erlebnis geworden war.

Als erster Redner sprach

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Reichsinnenminiffer Carl Gevering Wir feiern heute, so führte er aus, trotzdem die Arbeiter­schaft und die Republif vor zehn Jahren einen Sieg errangen, fein politisches Erntedankfest. Der Tag wird uns viel mehr zu einem Geläbnis, weiterzufämpfen. Dankbar meilt unser Gedenken bei den Opfern aus der Arbeiterschaft, die Der Kapp- Butsch gefordert hat. Sie fielen als mahnende Streiter für republikanische und proletarische Solidarität. Schwere Kämpfe liegen hinter uns, aber noch schwerere Arbeit liegt por uns. Denn das Ringen um die Republik hat erst jetzt seinen wahren

Die Republikaner stehen auf dem Posten, und sie haben vor­gebaut, daß die Republif nicht noch einmal durch einen Husaren­rift von Putschisten in Gefahr gebracht werden kann.

Das haben die Reaktionäre rechts und links begriffen, und das allein hindert sie daran, neue Abenteuer zu versuchen. Der Sieg wird im Lager der Freiheit und der Republik sein, wenn wir uns immer das Wort des Dichters vor Augen halten: ,, Nur der ver­dient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß!"

Die Rede Otto Wels .

Den Ruf ,, Nie wieder Krieg!" müssen wir immer wieder in die Köpfe und Hirne der Menschen hämmern. Noch ist vieles unerfüllt geblieben, was wir von der deutschen Republik erhofften, und doch hat sich in Deutschland in den zwölf Jahren de mo tratischer Berfaffung vieles geändert. Nichts geändert hat sich dagegen in dem Rußland eines Stalin, das scheinbar bemüht ist, in seinem Terror, die schlimmsten zaristischen Zeiten zu über. treffen. Es ist die Tragödie der Menschheit, daß sie bei Ausbruch des grausamsten aller Kriege ihre Geschide noch nicht selbst bestim men fonnte. Und als bie politische Freiheit an die Stelle mon­archistischer Willkürherrschaft trat, war das deutsche Volt noch nicht reif genug, um diese mächtige Waffe des Befreiungskampfes richtig gebrauchen zu können. Aber immer stärker wächst die Zahl derer, Die vorwärtsdrängen und die Zeichen der Zeit erkennen. Unsere Aufgabe ist es, die Köpfe der Menschen für unsere Ideale und Ziele zu gewinnen. Wir haben in der deutschen Republit Schweres ertragen müssen, und vielleicht steht uns, wie Severing schon sagte, noch Schwereres bevor. Den Butschisten von rechts und links aber rufen wir zu:

Deutschland ist alarmiert! Die deutschen Arbeiter halfen die Augen offen!

Der Redner kommt dann auf den Erlag Groeners und auf die neuesten nationalsozialistischen Umiriebe in der

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In der neuen Welt Otto Wels spricht.

Reichswehr zu sprechen. Wenn der Putsch 1920 so schnell nieder­geschlagen werden konnte, so verdankt das deutsche Volk das den hinter der Sozialdemokratie und den freien Gewert­fchaften stehenden Volksmassen. Der Gedanke der Solidari­tät erwies sich stärker als Maschinengemehre und Bajonette. Diese Ereignisse zeigen uns, daß die Zeit, in der wir leben, trozz aller Schwierigkeiten eine große ist, und daß wir aus ihr neuen Mut schöpfen fönnen. Denken wir stets an das Wort, das der greise Präsident der tschechoslowakischen Republik Masaryk an seinem 80. Geburtstag aussprach. Er sagte, man spreche immer von einer Krise der Demokratie, eine solche gebe es aber nicht, da die wahre Demotratie noch gar nicht errungen sei. Und Macdonald sagte in seinem Buche Sozialismus und Regie­rung":

,, Ein Bolt, das sich nicht mehr begeistern kann, wenn von der polififchen Freiheit gesprochen wird, streckt seine Handfesseln bereits den Ketten der Sklaverei entgegen."

Die deutsche Sozialdemokratie hat den Schuh der Republit und der Demokratie auf ihre Fahnen geschrieben. Die Hoffnungen derer, die in Deutschland wieder das Joch der Knechtschaft errichten wollen, wird man zu Grabe tragen müüssen. Wenn die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie die Arbeiterschaft zu Aftionen aufrufen wird, dann wird das Bild anders sein als am 1. Februar und am 16. März, wo die Kommunisten wieder einmal demonstrierten".( Lebhafte Zustimmung.) Die Politit, die wir treiben, ist uns zwangsweise vorgeschrieben, weil sie im Inter effe der Arbeiterfiasse liegt. Bei den von den National­foajalisten irregeleiteten Arbeitern wird recht bald die Dämmerung einsehen, und sie werden erkennen, daß sie von Scharlatanen geführt werden und einer Partei nachlaufen, die vom Großkapital und vielleicht auch vom faschistischen Ausland subventioniert wird. Unser Kampf geht um ein hohes Gut! Es geht um den Ausbau der politischen Demokratie. Nach der Ertämpfung der poki­tischen Freiheit soll die Wirtschaftsdemokratie den Weg zum Sozialismus ebnen, der uns zwar nicht den Himmel auf Erden bescheren wird, der aber aller Menschheit Brot und ein Dach über dem Kopf und kulturellen Aufstieg geben wird. Jahrzehnte schwersten Ringens haben uns auf die Bergeshöhen geführt, von benen aus mir das Sonnenlicht der Freiheit glänzen sehen. Wir sehen das Licht, wir kennen die Wege, die zu ihm führen Baut Straßen und erobert sie! Rüttelt die Menschen auf,