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Morgenausgabe

Rr. 149

A 25

47.Jahrgang

Böchentlich 85 Bt. monatlich) 3,60 22. im voraus zahlbar, Boftbezug 4,32 0. einschließlich 60 Bfg. Bostzeitungs- und 72 Bfg. Boftbeftellgebühren. Auslands abonnement 6,- M. pro Monat.

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Der Borwarts" erscheint wochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, bie Abenbausgaben für Berlin und im Handel mit bem Titel Der Abend", Illustrierte Beilagen Bolt und Zeit" und Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wiffen". Frauen ftimme. Technit". Blid in bie Bücherwelt" und Jugend- Borwärts"

Vorwärts

Berliner Bolksblatt

Sonnabend

29. März 1930

Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.

Die einipattige Ronpareillezetle 80 Pfennig. Reflame eile 5.- Reichs mart. Kleine Anzeigen das ettge brudte Wort 25 Pfennig( zuläffig amei fettgebrudte Borte), jedes weitere Wort 12 Bfennig. Stellengesuche das erste Bort 15 Bfennig, jedes mettere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben aahlen für zwei Borte. Arbeitsmarkt Belle 60 Pfennig. Familienanzeigen Zeile 40 Pfennig. Anzeigenannahme imhaupt geschäft Lindenstraße 3, wochentäglich Don 8 bis 17 Uhr.

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3

Fernsprecher: Donboft 292-297 Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin .

Vorwärts: Verlag G. m. b. H.

Boftschedkonto: Berlin 37536.- Bankkonto: Bank der Arbeiter. Angestellten und Beamten. Wallstr 65 Dt. Vu Disc.- Ges.. Depoiitenkasie Lindenstr 3.

An das werktätige Bolt!

Die Reichsregierung Hermann Müller ist am 27. März 1930 zurückgetreten. Der Kampf um die Arbeitslosenversicherung, seit Jahren das Ziel der stärksten Angriffe der gesamten Reaktion, hat zur offenen Krise geführt.

Sicherung der Unterstützung für die Riesenarmee unverschuldet arbeitslos Gewordener ist und bleibt das Ziel der Sozialdemokratie, Abbau der Leistungen ist das Ziel der Deutschen Volkspartei .

Dieser Gegensatz führte zum Bruch.

Schon im Vorjahre erfolgte ein schwerer Angriff auf die Arbeitslosenversicherung. Sozialdemokratie und Gewerkschaften wiesen ihn in einmüfiger Geschlossenheit zurück. Es gelang, die Leistungen der Arbeitslosenversicherung aufrechtzuerhalten. Die Sozial­reaktion gab sich damit nicht zufrieden.

Die Sozialreaktion will die Arbeitslosenversiche= rung abbauen, damit die Not die Arbeiter zwingt, Lohnherabsetzungen widerstandslos hinzunehmen.

Die Sozialdemokratie verlangte rechtzeitig die Sanierung der Arbeitslosen­versicherung durch Erhöhung der Beiträge unter Aufrechterhaltung der Darlehnspflicht des Reiches. Aber sowohl die Erhöhung der Beiträge als auch die Beihilfen des Reiches wurden von der Deutschen Volkspartei heftig bekämpft. Sie wollte durch Drosselung der Einnahmen die Senkung der Unterstützungen erzwingen. In den Ver­handlungen zwischen den Regierungsparteien am 25. März hat der Führer der Deutschen Volkspartei , Dr. Scholz, erklärt:

,, Es müsse jetzt endlich ein Halfe signal für die Ausgaben aufgerichtet werden, und es sei dringend notwendig, die Arbeitslosenversicherung unter den stärksten finanziellen Druck zu stellen, damit die Reformen zum Ab­bau der Leistungen erzwungen werden."

Darum lehnte die Deutsche Volkspartei die Vorlage der Reichsregierung vom 5. März ab. In ihr war eine Erhöhung der Beiträge bis zu 4 Proz. vorgesehen. 3u­schüsse von 200 Millionen sollten in den Haushalt des Reiches für das Jahr 1930 ein­gestellt werden. Die Darlehnspflicht des Reiches sollte aufrechterhalten bleiben. Dieser Vorlage, die von den volksparteilichen Ministern mit beschlossen war, stimmte die Sozialdemokratie zu.

In diesem Kampf mit der Deutschen Volkspartei stand die Sozialdemokratie allein. Zentrum, Demokraten und Bayerische Volks­ partei suchten zu vermiffeln. Sie machten der Deutschen Volkspartei weitgehende Zu­geständnisse, obwohl dadurch beträchtliche Fehlbeträge entstehen mußten, über deren Deckung nicht jeht, sondern im Spätsommer entschieden werden sollte. Dann sollten entweder die Beiträge erhöht oder neue Mittel durch Verbrauchssteuern beschafft oder die Leistungen abgebaut werden.

Wenn im Späffommer wieder keine Einigung über die Beitragserhöhung zu erzielen war, was blieb dann übrig? Nur der Abbauder Leistungen! Denn in dem Schrei nach Steuersenkungen wären nene Steuern, besonders zu diesem Zweck, nicht bewilligt worden.

Um das hohe Guf der Arbeitslosenversicherung, das

für Arbeitslose wie für Arbeitende gleich wichtig

ift, unversehrt durch die jetzige Wirtschaftskrise zu bringen, war die Sozial­demokratie zu großen 3ugeständnissen auf anderen Gebieten bereit. Sie hatte ihre Bedenken gegen die Erhöhung von Verbrauchssteuern und gegen die geplante Senkung von direkten Steuern zurückgestellt. Sie war bereit, auch mit Opfern der Arbeiterklasse die öffentlichen Finanzen zu sanieren, dem Wirtschafts­leben neuen Antrieb zu geben und die gewaltige Krise auf dem Arbeitsmarkt zu über­winden. Diese Zugeständnisse konnte sie aber nur dann verantworten, wenn durch fie die sozialen Errungenschaffen gesichert wurden, die für das Lebens­schicksal der erwerbstätigen Bevölkerung von höchfter Bedeutung sind.

Die Kompromißvorschläge der bürgerlichen Parfeien frugen diesem Erfordernis nicht Rechnung. Sie brachten keine Sicherheit für die Finanzgesundung, fie bürdelen breifen Massen den größten Teil der Mehrlaften auf, ohne die sozialen Ausgaben, insbesondere die Leistungen der Arbeits­losenversicherung, zu garantieren.

Hier hat die Sozialdemokratie ein Haltesignal aufgerichtet. Ihre Bereitschaft zu gemeinsamer verantwortlicher Arbeit hat dort eine Grenze, wo die Interessen der weritätigen Volksschichten

bedroht sind.

Der Vorstoß der Deutschen Volkspartei richtet sich nicht allein gegen die Arbeits­losenversicherung. Er trifft die gesamte soziale Tätigkeit von Reich, Ländern und Gemeinden und damit die Existenzgrundlagen der Arbeiterklasse.

Die Sozialdemokratische Partei hat ihren Einfluß in der Koalitionsregierung benutzt, um die sozialreaktionären Pläne der Unternehmerverbände abzuwehren. Sie hat damit in voller Einmütigkeit mit den Gewerkschaften wahr gemacht, was sie auf ihrem Parteitagin Magdeburg feierlich versprochen hat:

,, An der Arbeitslosenversicherung läßt die Sozialdemokratie nicht rütteln!"

Den Kampf, den die Sozialdemokratie in der Regierung geführt hat, wird sie außerhalb der Regierung fortsetzen.

Wir gehen ungewissen Ereignissen entgegen. Schwerste Konflikte drohen.

Festes Zusammenstehen der werktätigen Massen zur Verteidigung und zum Angriff ist notwendiger denn je.

Seid wachsam und bereit! Stärkt die Reihen der Sozialdemokratischen Partei und der freien Gewerkschaften!

Berlin , den 28. März 1930.

Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands .