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BERLIN Montag 2. April 1930

10 Pf. Nr. 164 B 82 42. Jahrgang

erschetattSglich außer Sonntag«. Augleich Zlbtabausgade de«.Vorwärts'. Betugspreit beide Ausgabe» SS Pf. ,r« Woche. pro Monat. vledaktioa und Cxredition; Berlin SW 68. LindenKr.S

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i Die elnfvaltiae Nonvareilleieil« 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Dorwärts-Verlag G. m.b.H., Berlin Nr. 87&3& Fernsortcher- Dönbvff sss bi« A?

Brüning verteidigt sich. Sozialdemokratie, Zentrum und die Arbeitslosensrage.

5m Plenarsaal des Reichstags tagt« am Sonntag der Reichsaus- schuh des Zentrums. Der stellvertretende Vorsitzende 5 o o s ver. sicherte, dem Zentrum Hab« viel daran gelegen, die große Koalition oufrechtzuerhalten. Diesem Ziel habe auch das Arbeitslosen- kompromiß dienen sollen. Aber die Sozialdemokratie habe es nicht angenommen. Die Zentrumspartei stehe auf der Höhe ihrer poli- tischen Aktion und sei einig und geschlossen. Nach ähnlich gerichteten Ausführungen des Abgeordneten Esser und des Ministers Dr. Wirth sprach Reichsarbeitsminister S t e g e r w a l d über die nächsten Ausgaben der Sozialpolitik. Wenn er nicht die Ueberzeugung hätte, daß es möglich sei, die Sozialpolitik in den bisherigen Bahnen sottzuführen, hätte er nie sein Amt übernommen. Reichskanzler Dr. Brüning. von Beifall begrüßt, begann mit der Erklärung, das Zentrum habe alles getan, um die letzt« Krise zu vermeiden. Die Lösung in der Arbeitslosensrage sei zwar keine einwandfrei« gewesen� doch eine solche, daß man annehmen könnte, die Sozialdemokratie würde ihr zustimmen. Das Zentrum hat die Rettung der alten Regierung bis zum letzten Augenblick gewollt. Darum sind die Vorwürfe der Sozialdemokratie verwunderlich. Es klingt, als ob man durch ein großes Agitqtionsgeschrei sein eigenes Gewissen übettönen will. Als im Frühjahr vorigen Jahres das Zentrum gar nicht in der Regierung war, wurde ich von Sozialdemokraten ge- beten, zu den interfraktionellen Verhandlungen zu kommen, sonst hätten diese überhaupt keinen Zweck. So ist es weiter gegangen, und nur mit Hilfe der Zentrumspartei konnte die Arbeitslosentrise gelöst werden. Hilferding » treueste Stütze war das Zentrum und nicht die Sozialdemokratie. Sein Sturz war ein schwerer Fehler. Die große Koalition wollte ich für die nächsten Jahre ausrecht er- halten. Aber bei der entscheidenden Abstimmung zur Rettung der Regierung vor Weihnachten sind 2 2 Sozialdemokraten aus dem Saal gegangen. Bei einer anderen Abstimmung hat ein großer Teil der Volkspartei gegen die Regierung gestimmt. Nur

Nachtflugzeug abgefiürzt. Flugzeugführer und Funker getötet. ' heule früh gegen 1 Uhr ist das vom Londoner Flughafen ge- flarleke deutsche Rachkpostslugzeug V 1649 aus bisher unbekannten Gründen bei Limpssield abgestürzt. Die Besahung. der Flugzeugführer Sarl Wessel und der Funker Gustav So». n c r t. kamen hierbei um» Leben. Da» Flugzeng. das keine Fahr- gaste mitführle, verbraunte. Das Junkers- Flugzeug war heute Nacht gegen �3 Uhr m Eroyden bei London aufgestiegen, um die Post, zirka 400 Kilo» xramm Briefe und andere Sendungen nach Berlin zu bringen, wo die Maschin« gegen Mit Uhr hätte landen sollen. Das Postslug- zeug pafsiett« das erste Leuchtfeuer, das zu der Strecke London - Paris gehört, ordnungsmäßig, geriet aber dann in unsichtige Wetter, so daß der Führer kaum 3 bis 4 Kilometer weit sehen kennte. Zu allem Unglück versagte auch die Funkeinrichtung an Bord der D 1649, denn Eroyden konnte schon nach etwa 20 Mi- miten Fahrt keine Nachrichten mehr empfangen. Wessel ist dann in der Nähe der Unfallstelle, bei der Stadt Orted-, in schwieriges Ge- lande geraten, besten Hügel sich bis zu 300 Meter Höhe erheben. Da die Wolkendecke 600 Meter über dem Boden war, ist der Führer sehr tief gegangen, um sich zu orientieren. Offenbar hatte Wessel Bedenken, unter diesen Umständen die Fahrt fottzusetzen. Er um- kreiste mehrmals die Ortschaft Limpssield und wurde dabei von einem Polizisten beobachtet, der die Lichter des Flugzeuges genau erkennen konnte. Der Führer der Maschine wollte nach Eroyden zurückkehren, wie von den Augenzeugen bestätigt wird, und wie auch aus der Lage des abgestürzten Flugzeuges, dessen Spitze nach Osten weist, hervorgeht. Dabei muß der Ptlot. in dem Bestreben, sich zu orientieren, allzu tief herabgegangen sein.. Das Flugzeug ist mit Vollgas auf eine wiese ausgestoßen, auf der unter normalen Um- ständen eine Rotlandung ohne weiteres möglich gewesen wäre. Bei dem furchtbaren Aufprall explodierte der Benzintank und dos Flugzeug brannte vollständig aus. Destel und Kon- nett wurden in hohem Bogen aus ihren Sitzen herausgeschleudett. Man fand den Führer etwa 20 Meter von den Trümmern des Metallslugzeuges entfernt auf. Die beiden Insasten hatten so schwere Verletzungen davongetragen, daß der Tod auf der Stelle eingetreten sein muß. Einwohner der Ortschaft Limpssield, die durch die Ex- plosion des Benzintanks geweckt worden waren, eilten sofort zur Unftcklstelle. konnten jedoch nicht mehr Helsen .

Zentrum und Demokraten hielten fest. Wenn die Sozialdemokratie ein Interesse daran hat, die Brücken zur Zentrumspartei nicht ab- zubrechen, würde sie gut tun, gegenüber der Zentrumspartei eine andere Methode anzuwenden.(Sehr richtigl und Händeklatschen.) Der Reichspräsident hält sich streng an die Ver- fastung. Aber dies« gibt ihm die Mittel, wenn das Parlament ver- sagt, das Parlament und die Demokratie zu sanieren. Und das ist der Sinn dieses Kabinetts. Als wir das Junktim zwischen Boung- Plan und Finanzdemokratie forderten, hat ein bekannter Parla- mentarier imVorwärts' daran Kritik geübt. Ein großer Teil der sozialdemokratischen Fraktion hat den Ernst der politischen Lag« überhaupt nicht erkannt.(Sehr richtig!) Es waren schließlich ver- hältnismäßig nur Kleinigkeiten, über die man sich nicht einigen konnte. Seit 1926 konnten wir voraussehen, daß 1929 oder 1930 der Höhe- punkt der finanzpolitischen Schwierigkeiten kommen würde. Wir richten unsere Politik darauf, das Parlament nicht arbeitsunfähig werden zu lasten, sondern es zu zwingen, sich aufzuraffen. Eine Lösung mit dem alten Kabinett stellte sich als unmöglich heraus. Keine Fraktion hat so die Dinge durchdacht in wirtschaftlicher, sozialer und a g r a rp o l i t i sch e r Beziehung wie unsere Fraktion. Wir wollen den Grundsatz der Zentrumspartei durchführen: Mäßigung in allen Mitteln und Methoden. Ich habe wahrlich keine Lust zu Abenteuern: aber wenn entweder die ganze Wirtschaft oder der Parlamentaris­mus versumpft, dann muß man den Mut haben, in die Bresche zu treten und den Kampf für die Rettung der Demokratie zu wagen. (Lebhafter Beifall.) Gegenüber dem Gerede in der s o z i a l d« m o- kratischen Presse betone ich: Ich habe noch am Tage vor der Demission des Kabinetts Mitgliedern des Reichstags erklärt, daß ich die Hoffnung noch nicht verloren hätte und bis zum letzten dafür kämpfen würde, daß die Koalition möglichst bis zum Schluß des Reichstags zusammenbleibe. Ich wünscht«, daß die jungen Kräfte auf der Rechten, die sich auf den Boden des heutigen Staates stellen und an dem Wiederaufbau mitarbeiten wollen, Zeit hätten, ein oder zwei Jahr« ihre Wurzeln im Lande zu schlagen, damit sie eines Tages kräftig würden. Danach habe ich gehandelt. Wenn bei der Sozialdemokratie Fehler gemacht worden sind so ist es eigentümlich, daß man sie mit dem Vorwurf der Illoyalität vertuscht. Di« Dinge, tue notwendig sind zur Lebenserhaltung des deutschen Volkes, werden durchgeführt. Hinter diesem Kabinett steht die ganze Autorität des Reichspräsidenten und nach meiner Ueberzeugung auch die Mehrheit des Volkes. Ich komme mir in Ihrem kreise nicht ol» Angeklagter vor. (Heiterkeit.) Sie bedauern vielleicht, daß die Führung an uns ge- kommen ist. Aber wir konnten uns nicht feige der Verantwottung entziehen. Es ist notwendig, das geflüchtete deutsch « Kapital wieder hereinzubekommen, stabile Preise für die Landwirtschaft zu schaffen und Arbeit zu schassen. Wenn im Parlament die Aufgaben nicht

Brünings«ultima ratio".

L�wTr vT Reg/ert/ngs- KodL't'0 Oer Reichskatnler:.Muß ick? immer erst mit dem Stock oaMischenfabreu?!'

zu erfüllen sind, so muß da» Volk selbst in einem Wahlkampf dl« Entscheidung treffen. Ich bin nicht romantisch veranlagt, wie die sozialdemokratische Presse mir vorwirft, sondern sehe die Sache klar und nüchtern. Mit dem Reichskabinett müsten wir, so schloß Dr. Brüning unter lebhaftem Beifall, ohne Rücksicht auf Parteiorganisation und Parteitaktik zu helfen suchen, um eine glückliche und wirkliche Freiheit für Deutschland zu schassen. Reichsverkehrsminister v. Guörard sprach über Fragen der Verkehrspolitik und erklätt«, daß nach seiner Ansicht«ine Erhöhung der Reichsbahntarife zur Zeit nicht erträglich sei. Die Rede des Herrn Reichskanzlers Dr. Brüning war, wie man sieht, so gut wie ausschließlich eine Polemik gegen die Sozialdemokratie, die, wenn derSozialdemokratische Presiedienst" richtig unterrichtet ist, noch schärfer war als man es dem hier auszugsweise wiedergegebenen offiziellen Bericht entnehmen kann. Leider spricht aus der Rede auch eine starke persönliche Gereiztheit, so an den Stellen, an denen Herr Dr. Brüning erklärt, Abenteuern ab- geneigt und kein Romantiker zu sein und sich nicht als An- geklagter zu fühlen. Nach seiner Darstellung liegt alle Schuld an der Entwicklung der letzten Zeit bei der Sozialdemokratie. während das von ihm geführte Zentrum alles richtig voraus-

Eisenbahnunglück in Japan . Bis seht 17 Tote geborgen. Tokio , 7. April. Bei einem Eisenbahnunglück in Oita sKin- schiu) wurden 17 Personen getötet und 7 schwer verletzt. Einzelheiten über die neue furchtbare Eisen- bahnkatastPophe fehlen noch.

gesehen, richtig eingeschätzt und richtig gemacht hat. Aber diese selbstgerechten Behauptungen des Herrn Reichskanzlers finden ihre schlagende Widerlegung an der soeben dem Reichstag zugegangenen Regierungsvorlage zur Vorbereitung einer Reichsfinanzreform, die eine von der Sozialdemokratie durchaus gebilligte Lösung der Arbeitslosenfrage mit enthält. Diese Vorlage, die von der alten Regierung be- schlössen ist, wird von der neuen nicht mehr vertreten, weil sie von den Parteien der bürgerlichen Mitte längst im Stich gelassen worden ist. HätteHerr Dr. Brüningseine Energie darauf konzentriert, die ihm nahe- stehenden bürgerlichen Mittelparteien für diese Regierungsvorlage zu gewinnen, so bestünde die Große Koalition heute noch, das Problem der Reichsfinanzreform wäre rechtzeitig und auf normalem Wege gelöst worden, und es wäre nicht notwendig geworden, die Bahn des Abenteuers zu beschreiten, auf der man sich, trotz des Widerspruchs des Herrn Reichskanzlers, in Wirklichkeit heute befindet. Bemerkenswert ist, daß die Kanzlerrede, die sich so scharf gegen die Sozialdemokratie wendet, kein einziges Wort gegen Herrn Hugenberg und die Deutschnationale Partei enthält.

Zenirumsarbeiier/ Vrüning-Kabineii. Sine Liste von Forderungen. Der Reichsarbeiterbeirat der Deutschen Zentrumspartei »er- össentlicht eine längere Entschließung, in der zunächst die Erklärung de» Reichskabinetts zu der Frage der Ueberwindung der deutschen Finanz- und Wirtschastsnot begrüßt wird. Zur Reform der Arbeitslosenversicherung wird gefordert, daß die finan- ziell« Sicherstellung der Versicherung in beschleunigter Weise erfolgt, kein Leistungsabbau mit der Sanierung verbunden wird, für die Zeit übergroßer Arbeitslosigkeit die Allgemeinheit in an- gemessener Weise an den Aufwendungen für die Arbeitslose«»«:- sicherung beteiligt wird, der Notlage der Kurzarbeiter mehr als bisher Rechnung getrogen wird, und die unter anderen Verhältnissen geschaffene Krisenunterstützung im Sinne oerstärkten