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Nr. 72.

Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Biertel­jährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mt., wöchentlich 28 Pfg. fret in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Poft- Abonnement: 3,30 Mt. pro Quartal. Unter Kreuz­ band : Deutschland u. Desterreich­Ungarn 2 M., für das übrige Ausland 3 Mt. pr. Monat. Eingetr. in der Post Beitungs- Preislifte für 1896 unter Nr. 7277.

Vorwärts

13. Jahrg.

Infertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder beren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 fg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen­tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn­und Festtagen bis 9 Uhr vormittags geöffnet.

Fernsprecher: Amt 1, Nr. 1508 Telegramm- Adresse: " Sozialdemokrat Berlin".

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.

Abonnements- Einladung.

Mittwoch, den 25. März 1896.

ein paar furze Stizzen, darunter eine von Guy de Mau­ passant , die noch nicht ins deutsche übersetzt war. Für Berlin nehmen sämmtliche Zeitungsspediteure, fo­Mit dem 1. April eröffnen wir ein neues Abonne- wie unsere Expedition, Beuthstr. 3, Bestellungen ent­ment auf den gegen zum monatlichen Preise von

Vorwärts"

mit der illustrirten Sonntags- Beilage

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,, Die Neue Welt".

1 Mark 10 Pfennige frei ins Haus. Für außerhalb nehmen sämmtliche Bostanstalten Abonne­ments zum Preise von

entgegen.( Eingetragen in der Post- Zeitungsliste für 1896 unter Nummer 7277.)

Redaktion und Expedition des Vorwärts".

Der Kommerzienrath auf dem Kriegspfade.

Er hat lange in seinen Belten gesessen, schmollend und grollend. Jezt hat er die Friedenspfeife in die Ecke ge­stellt, den Kriegsschmuck angethan, sammelt um sich die Getreuen zum Echutzverband, um das Kriegsbeil zu schwingen im Vertheidigungskampfe gegen agrarische Ueber griffe.

Expedition: SW. 19, Benth- Straße 3:

die Handel und Wandel zur Blüthe bringen mußten. War doch auch bereits in der Reaktionszeit der fünfziger Jahre die Stagnation des öffentlichen Lebens von einer kräftigen Entwickelung von Industrie und Handel in Deutschland begleitet gewesen.

Zunächst wurde die Bourgeoisie noch in diesem Glauben bestärkt, als nach der bismärdischen Revolution von oben die preußisch- deutsche Regierung eine Wirthschaftspolitik einschlug, durch die sie, zum theil im Kampfe mit ihrer Bethätigung des mobilen Kapitals begünstigte.

Die keimende Furcht vor der Sozialdemokratie ließ der Bourgeoisie es um so rathsamer erscheinen, sich für Groschen und Thaler zum treuen Vasallen der Bureaukratie zu ver pflichten.

Erst der 78er Weihnachtsbrief des Fürsten Bismarck mit seinen unglaublich unreifen aber als Glaubensbekenntniß eines so mächtigen Mannes gefahrdrohenden Doktrinen rüttelte die Vertreter des mobilen Kapitals aus ihrem Traum von der unbedingt manchesterlichen Zuverlässigkeit der preußischen Bureaukratie unsanft auf. Sie wußten nicht wie ihnen geschah: links die Sozialdemokratie, rechts ein Bund aller reaktionären Elemente im Wirthschaftsleben zur Rückwärtsrevidirung der Wirthschaftspolitik, und die Bureaukratie, auf deren eherner Zuverlässigkeit sie gebaut, knickte zusammen wie ein schwaches Rohr unter dem Drucke von oben; früher manchesterlich, wurde sie fortan schutz

Es ist die Pflicht eines jeden Parteigenossen, für die 3,30 M. für die Monate April, Mai, Juni früheren Hauptstüße, dem Junkerthum, die Entfaltung und Weiterverbreitung des Zentralorgans der Partei nach Kräften thätig zu sein. Daß unser Blatt in bezug auf politische Dinge vortrefflich informirt ist und über die wirthschaftliche Lage und die Kämpfe der Arbeiter ein­gehender, rascher und genauer berichtet, als irgend ein anderes Organ in deutscher Sprache, ist allseitig anerkannt. Auf unsere Reichstagsberichte machen wir noch besonders aufmerksam. Sie werden sorgfältig revidirt und bei wichtigeren Reden, namentlich den von der übrigen Presse meist verstümmelten Reden unserer Genossen wird der stenographische Bericht mitbenutzt. Der Reichstag wird sich aber sofort nach den Osterferien mit Materien von größter Tragweite( Gesetz über unlauteren Wett­bewerb, Börsengesetz, Justiznovelle, Gewerbe- Ordnung dritter Lesung) beschäftigen und dann auf längere Zeit der Her Es hat lange gedauert, ehe der deutsche Bourgeois, stellung des Bürgerlichen Gesetzbuchs sich zu dessen feinste Blüthe zum Kommerzienrath auszuwachsen widmen haben. Es steht uns also eine sehr pflegt, zu der Erkenntniß sich durchgerungen hat, daß es bedeutsame und inhaltsreiche, die Interessen aller eine falsche Spekulation sei, würde er der Weisheit der zöllnerisch, doch immer noch stroßend von dem nämlichent Boltsschichten unmittelbar berührende Reichstags- Session Bureaukratie die Sorge für seine Interessen dauernd über- Unfehlbarkeitsbewußtsein. bevor, die sich bis in den Hochsommer hinaus- lassen. Da geschah es, daß die Bourgeoisie, die bisher in der ziehen wird. Auch sonst bietet die innere wie die Und daß es so lange gedauert hat, das liegt in der nationalliberalen Partei ihre politische Vertretung ge­äußere Politik eine ungewöhnliche Zahl brennender Fragen geschichtlichen Entwickelung Deutschlands begründet. Denn funden hatte, sich spaltete. Viele Industrielle, die unter dar, die im Vorwärts" die ihnen gebührende Beachtung auch der Kommerzienrath ist aus irdischem Thon geknetet, dem wirthschaftlichen Krach zu leiden gehabt hatten, machten und kritische Würdigung finden.- ist ein Produkt der Umstände und Verhältnisse. Außer die bismärckische Schwenkung mit, andere und das Gros Ueber dem politischen und wirthschaftlichen seinem engen Milieu der Börse wirkt auch das weitere, in der Kaufmannschaft versuchten sich in der Opposition. Das Theil werden aber die lokalen Vorkommnisse Berlins dem er heranwächst, das gesammte wirthschaftliche und gelang ihnen aber nur herzlich schlecht. Es rächte sich an feineswegs vernachlässigt. Die Besprechungen unsrer tom politische Leben, gestaltend und bestimmend auf ihn ein. ihnen, daß die Bourgeoisie in Deutschland sich nicht selbst munalen Angelegenheiten sowie die ausführlichen Berichte Das hat aber darauf hingewirkt, ihn in politischer eine politische Stellung gleichzeitig mit ihrem wirthschaft­über die Verhandlungen der Stadtverordneten- Versammlung Unmündigkeit zu erhalten, so sehr auch privater Geschäfts- lichen Aufschwung erkämpft, sondern nach dem ersten ver bringen den Leser in die Lage, die Erscheinungen auf diesem sinn und private Geschäftsfähigkeit sich in ihm vervollkommnet unglückten Anlauf sich unter die Fuchtel der Bureau­wichtigen Gebiet des öffentlichen Lebens genau zu verfolgen. haben. tratie gebuckt hatte, weil die Bureaukratie ihr Zucker­Der lokale Theil des Vorwärts" verzeichnet alle Be- Zu der Zeit, als in Preußen Bourgeoisie und Bureaus brot nach Belieben verabreichte. Nichts hatte der gebenheiten des Tages und giebt ein getreues Bild des fratie miteinander in Verfassungsstreitigkeiten gerathen waren, Bourgeoisie das Rückgrat gekräftigt; sie konnte sich nicht Vereins und Versammlungslebens, welches stritt man sich nicht um wirthschaftspolitische Fragen. Im lange aufrecht erhalten ohne Stüße. Um die Vertretung in Berlin besonders starke Wellen schlägt. Gegentheil, was die Bourgeoisie auch an der preußischen der politischen Wolfsrechte war es ihr nie ernstlich zu thun. Bureaukratie auszusehen haben mochte, sie hatte einen festen Diese Aufgabe war längst wirksamer, als die Bourgeoisie es Glauben deren manchesterliche Weisheit, an deren hätte thun können, von der Partei des Proletariats über­Einsicht, daß die Zeit einer großbürgerlichen Entwickelung nommen worden. Aber auch auf wirthschaftlichem Gebiete gekommen sei für Deutschland . Die Schöpfung des Zoll wurde ihr der Muth gelähmt durch die Erinnerung an Gehorsam und Dann vereins durch die Bureaukratie war der Bourgeoisie eine langjährigen Reichskanzler nicht Bürgschaft für andere wirthschaftspolitische Neuerungen, der die Millionärzüchterei für von ihr so schmählich verlassen, mit Undant belohnt worden Bisher hatte Blanka die Damen der Tischgenossenschaft war, fragte nach ihr und Clotilden? Wollte die Hofdame kaum beachtet, sie feines Wortes gewürdigt, jetzt erwachte Vorwürfe bringen über die Flucht Blanka's aus dem Hof plößlich einiges Interesse für die Mutter der Mode= dienste? Stand Clotilde mit der Gräfin in Korrespondenz? mädchen, welche ihr als leichtlebige Genußmenschen er­Blanka brannte darauf, Clotilden zu sehen und zu schienen, die nur den Augenblick genießen und sich dabei sprechen. Eben wollte sie den Italiener nochmals befragen, doch wohl fühlen. Sie erkannte, ihr Mann war so ein­wie er Clotilden gefunden, da rief ihr Mann demselben zu: genommen von den für ihn so reizend aufgeputzten Damen, Wie ich soeben höre, haben die jungen Damen bei daß ihn nichts von dem Besuche der Hochzeit zurückhalten würde; lebenden Bildern mitgewirkt, welche Sie gestellt haben." Frau Delroi hatte ihn gewonnen durch die Erzählung der lebenden Bilder. Diese Frau verstand es zu singen, jie war klug, durch sie konnte man etwas erreichen. Blanka beschloß sich dieser Frau zu nähern, denn sie hatte ja die Nachricht, daß die Gräfin kommen wollte, schon schriftlich.

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Ebenso widmen wir dem Feuilleton die größte Auf­merksamkeit. Wir beginnen in diesen Tagen einen vor trefflichen Original Roman aus der Feder von Hans N. Kraus: Lene", in welchem die Verhältnisse der Landbevölkerung zum ersten Male von einem Sozialisten künstlerisch geschildert werden. Vorher bringen wir noch

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Clotilde.( Nachdruck verboten.)

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erklärte

Seine Frau Blanka ließ ihn gewähren, fühlte sie sich auch wenig begeistert und entzückt, so doch erhaben über eine Nachbarschaft, die weder Ahnen noch Adel besaß. Die Reitdamen waren für sie Luft, aber sie mußten mit in den Kauf genommen werden, weil Blanka durch die ihnen befreundeten Herren Verschiedenes in Erfahrung brachte, was zur Erreichung des Zieles nothwendig war, auf das ihr Mann in ihrem Interesse jetzt lossteuerte. Von Herrn Delroi hatte sie erfahren: wie und wo Theodor v. Rüydorf lebte, von dem sie wußte, daß er seine Feder sofort in den Dienst einer Angelegenheit stellen würde, bei der Clotilde Könnte man denn diese Bilder nicht einmal sehen?" Brambach, jetzt verw. Dr. Langenberg, betheiligt sei. Von frug Herr v. Bergkuhn weiter. dem Italiener erfuhr Frau v. Bergkuhn nun, 100 Die sind nur bei fröhlichen Festen angebracht", be­Clotilde sich aufhielt und daß jene Dame, welche merkte Frau Delroi lächelnd, da wir aber in nächster Gräfin abgelauscht. Dem Kellner, der den Nachtisch die Familie des Italieners so hochherzig unterstüßte, Beit eine Hochzeit in Aussicht haben, nicht wahr, Herr mit dieser aus Italien nach Baden- Baden gekommen sei, v. Bechler, so

" Zum Entzücken aller Zuschauer," fiel der Italiener ein, die Damen zeigten bei klassischer Ruhe echt plastische Formen von wahrer Schönheit."

weil sie Frau Dr. Clotilde Langenberg suche und sich für" Jawohl", fiel dieser ein, ich freue mich sehr, daß die sie interessire. Um Clotilde drehte sich jetzt, wie es schien, Anordnungen dazu bald vollendet sind und da eine alles, fie stand im Mittelpunkte des Gedankenganges der hohe Gönnerin unserer Familie, die Hofdame Gräfin Klari, ahnenstolzen früheren Hofdame Blanka, die sich sonst oft zugesagt hat, an der Hochzeitsfeier theilzunehmen, so dürften luftig gemacht über die ungeschickte findische Clotilde. War wir wohl hoffen, daß auch Herr und Frau v. Bergkuhn uns dieser Umschwung der Sympathien bei Blanka schon kaum die Ehre schenken werden, dem Feste und den Aufführungen erklärlich, so umwebte ein weiteres Ereigniß Clotilden noch dabei anzuwohnen." mit einem geheimnißvollen Schleier. Der Grund, weshalb v. Bergkuhn und seine Frau nach Baden- Baden gekommen, war ein Schreiben gewesen, welches die Hofdame Gräfin Klari, die Schwester der Schwiegermutter v. Bergkuhn's, der letzte weibliche Sproß des gräflich Klari'schen Namens, die Beschüterin Blanka's, die Blanta an den Hof gebracht geschrieben, worin stand, die Hofdame Gräfin Klari werde nächstens nach Baden kommen und würde es gern sehen, dort mit Herrn und Frau v. Bergkuhn, sowie mit Clotilde Langenberg zusammentreffen zu können.

Blanka erging sich in allerhand Vermuthungen. Was wollte die Gräfin mit dieser Zusammenstellung? Die Gräfin, der Blanka so vielen Dank schuldete und die

Sehr gern!" rief Bergkuhn, und reichte Loli die Hand. Sie kennen die Hofdame Gräfin Klary?" rief erstaunt Blanka ihrem Gegenüber zu.

" Persönlich nicht," erwiderte dieser, sie ist eine Jugend­genossin meiner Mutter und mein Vater kannte sie durch den Präsidenten Graf Klari."

der

Ich habe diesen Namen heute früh im Kurblatt in Fremdenliste gelesen," erzählte wie beiläufig Frau Delroi. So wäre sie hier?" rief Bergkuhn und blickte Blanka scharf an.

Das bezweifle ich," entgegnete ihr Herr v. Bechler," fie lebt ja in der Residenz H., was follte sie jetzt hier im Badeorte-"

Frau Delroi aber hatte schon die Situation durch schaut, den Bergkuhn'schen Eheleuten das Interesse für die brachte, hatte sie zugeflüstert, er möge ihr das Kurblatt bringen und als die Tafel aufgehoben war, die Gesellschaft sich verabschiedete, wo Herr v. Bergkuhn den beglückten Damen versicherte, daß er zu ihren Hochzeiten als Gast erscheinen würde, trat Frau Delroi mit dem Kurblatte vor Frau v. Bergkuhn hin und zeigte ihr gedruckt die An­kunft, den Namen, sowie die Wohnung der Gräfin.

Blanka war damit gewonnen. Mit verbindlichem Danke nahm sie ihr das Blatt aus der Hand und erbat sich, das= selbe auch ihrem Manne zeigen zu dürfen, in Wahrheit wollte sie aber die genaue Adresse auch von Clotilden aus dem Fremdenverzeichnisse erspähen.

Delroi und die beiden jungen Männer eilten jetzt ins Rauchzimmer und vom Kaffeetische die Mutter mit ihren Töcht ern ins Toilettenzimmer, denn Herr und Frau v. Berg­kuhn studirten beide eifrig das Fremdenblatt und suchten auch Frau Palavi's und Clotilden's Adresse.

Wir lassen sie lesen und kehren zu Clotilden selbst zurück in dem Augenblicke, wo sie von dem Italiener Pepo Chiovani einen Brief erhalten hatte.

( Fortsetzung folgt.)