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BERLIN Freitag 2. Mai

1930

Der Abend

Erfoeist täglich außer Sonntags. Sugleich Abendausgabe des Vorwärts. Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 m. pro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SW 68, Lindenftr.3

Spätausgabe des Vorwärts

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10 Pf.

Nr. 203

B 101 47. Jahrgang

Muzeigenpreis: Die einfaltige Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile 6 M. Ermäßigungen nach Tarif. Bosscheckkonto: Vorwärts- Verlag G. m. b.. Berlin Nr. 87536. Fernsprecher: Donhoff 292 bis 297

Massenaufmarsch am 1. Mai.

SPD

BEZIRKSVERBAND BERLIN

Auf der Freitreppe des Alten Museums : Die Massen der Arbeiterfänger.

Im Vordergrund: Peter Graẞmann vor dem Mikrophon.

Tafein; Arbeiterjugend im blauroten Rittel, rote, feierlichrote Fahnen schwingend, Sportler im Dreß und mit Abzeichen. Beamten gruppen des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes, Studierende der Hochschulen. Dazwischen Reichsbannerzüge mit Tambour und Hornmusit. Weiter und weiter strömt's herzu, noch ist tein Ende, noch drücken Tausende und aber Taufende nach. Und immer wieder das Rot der Internationale in Fahnen, Flaggen, Bannern ein Meer von Menschen und Fahnen schaut das Auge, es ist die Mai­demonstration der Partei und der Gewerkschaften.

meisterhaft vorgetragen, eröffnet nach einleitenden Wor ten des Genossen Franz Künstler die große Kund­gebung. Die Arbeiterfänger gaben im Männerchor den schon vor 40 Jahren gesungenen ,, Gruß an den Mai von Voigt und Uthmanns Ich warte dein". Das Wort nahm der Vorsitzende des ADGB. ,

* Reichstagsabgeordneter Peter Großmann:

Der Aufmarsch der Sozialdemokratie und der Gewerk| demonstrierend, dort Gewerkschaftsmitglieder mit Emblemen und Bachs Jubeloubertüre, vom Arbeiterorchester schaften am 1. Mai zeigte im ganzen Reich, soweit dar: über Meldungen vorliegen, imponierende Geschlossenheit und eindringliche Wucht. Das fam besonders auch bei der großen Berliner Kundgebung zum Ausdruck, die in den frühen Nachmitagsstunden im Lustgarten un übersehbare, Menschenmengen vereinigte. Nach stunden langem Marsch durch die Straßen Berlins , öfter und länger als erwartet zurückgehalten durch Verkehrsmas nahmen und durch die notwendige Trennung von den fommunistischen Demonstranten, rückten die geschlossenen An der großen Museumsfreitreppe ist Blaß reservieri Kolonnen aus dem Norden und dem Süden, aus Ost und für den Riesenchor des Arbeiterfängerbundes, das Weft in musterhafter Ordnung an. Die leuchtenden Orchester vom Musiterverband und das Podium, auf dem Banner der Partei, der Gewerkschaften und der Jugend. Symbol der einigen Front der Borsitzende der Gewerkschaften organisation gaben den Zügen festliches Gepräge. In zu den Maffen sprechen soll. Großlautsprecher find montiert, vor ihrer#illen Selbstverständlichkeit wirkt die dem Denkmal inmitten des Platzes steht der Flaggenmast, der die Rundgebung gemeinsamen sozialistischen Riesenfahne tragen wird, die über allen Häuptern schwebe. Jetzt Wollens um so wuchtiger, je lärmender die Kom geht die rote Fahne mit der schwarzrotgoldenen Gösd munisten ihren Aufmarsch mit Schmährufen und Schmäh hoch, Fanfarenstöße brausen über den Platz, Künstler eröffnet die schriften gegen Gewerkschaften und Sozialfaschisten " Feier. gestalten müssen, um überhaupt Anhänger sammeln zu

fönnen.

Gine halbe Stunde vor dem festgesetzten Beginn der Demon­stration waren immer noch Anhänger der Moskauer im Lustgarten. Nicht daß ihnen der Weg verstellt war; sie gehörten offenbar zu den standfesten Leuten" der Zentrale, die den Befehl hatten, Unruhe, Brovotation, in die Reihen der Sozialdemokraten zu bringen. Die berüchtigten Diskutiergruppen bildeten sich, die Polizei ließ die Leutchen gewähren, es war gut so, unsere Kolonnen gingen über sie zur Tagesordnung über. Um 1 Uhr war die Feier der Partei angesetzt, aber erst eine Biertelstunde später tam als erster Zug der Bezirk Kreuzberg an. Wie fich später herausstellte, waren die Demonstrationszüge überall durch den Berkehr, der selbst­verständlich refpettiert wurde, aufgehalten worden, so daß sich schließlich der Beginn eine ganze Stunde hinauszögerte. An der Spize die Roten Falten, die Kinderfreunde, die Sozialistische Arbeiterjugend, mit der Musik und dem Gefang der Internationale und Hochrufen auf Partei und Gemert­fchaften, so marschierte die Tausendertolonne auf den Play! Roch scheint's, als seien die großen Zufahrtsstraßen, die über Spree und ba öffnen sie sich Spreearm zum Lustgarten führen, versperrt schleusengleich, faft gleichzeitig und auf die meite Asphaltfläche strömen die Zehntausende der organisierten Arbeiterschaft. Bezirke Mitte und Friedrichshain treten von der Kaiser- Wilhelm­Straße her an, von den Linden und der Schloßfreiheit her tommen die westlichen, Schöneberg , Zehlendorf , Steglitz , Charlottenburg . Und nun quillt's, bricht's aus allen Straßen heran; Neukölln in unübersehbarem Zug, vereinigt mit den Maffen der organisierten Metallarbeiter vom Sportpalast her, andere Parteibezirke mit anderen Gemertschaftszügen vermengt das Auge fann's nicht so schnell faffen. Hier Parteigenoffen mit Frauen, Kindern, Jugend­hchen ins Feiertagsfleide, Freude und Ernst des Tages zugleich

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SAJ

Blick von der Freitreppe des Museums.

,, Wenn ich heute diesen Plaz überschaue, so dente ich att einen der größten Deutschen , an Johann Wolfgang Goethe , der ließ: Solch ein Gewimmel möcht' ich seh'n, mit freiem Bolt auf in seinem Fauft den ringenden Menschen schilderte und ihn jagan freiem Grund zu stehn." Noch stehen wir nicht auf freiem Grunde, aber das freie Bolt ist da, sich diesen freien Grund zu er fämpfen. Die Arbeiterschaft, organifiert in der Sozialdemo tratie und den freien Gewertschaften, ist heute zur Stelle, um für Freiheit, Arbeiterrecht und Bölkerfrieden zu demon­frieren: Die Grauhaarigen, die schon vor 40 Jahren Leib und Leben der Faust neben den Männern, die an der Universität studiert haben, einfeßten für den großen Gedanken des Sozialismus, die Männer und die bühende, heraufkommende, zutunftsträchtige Jugend. Wer diefes Bild unserer Berliner Rundgebung fieht, der weiß und fühlt, daß allem Maulheldentum zum Troh die Sozialdemo­fratie die Zukunft auf ihrer Seite hat.

Bum hundertsten Gedenktag der französischen Revolution murde 1889 die Schaffung eines, Weltfeiertages der Arbeit vora gefehen. Ein Jahr später wurde dieser Tag in Paris auf den 1. Mai festgelegt, Bertreter der Industriestaaten der ganzen Welt beschlossen, an diefem Tage für die Ziele der internationalen Arbeiter bewegung zu demonstrieren. Der Kongreß beschloß, für die Ab­schaffung der stehenden Heere, für die Erhaltung des Weltfriedens, für einen ausreichenden Schutz der Arbeitenden und für den Acht­stundentag die internationale Arbeiterschaft auf den Plan zu rufen. Wer den 1. Mai 1890 miterlebt hat, der weiß, daß damals das Bürgertum am Rande einer Revolution zu stehen glaubte. Staat und Gesellschaft drohten topfüber zu gehen, Polizei und Militär waren in Alarmbereitschaft. In Preußen demonstrierten die Arbeiter gleichzeitig auch am. 1. Mai für ein freies Wahl­recht, und mir wollen uns daran erinnern, daß unfern des Luft­gartens, am Friedrichsgracht, die Polizisten auf die Wahlrechts­demonstranten einschlugen. Heute ist ein freies, gleiches, allgemeines und direttes Wahlrecht Wirklichkeit, und auch in ihren sozial politischen Forderungen hatte die Sozialdemokratie Erfolge zu verzeichnen. Je mehr aber ihr Einfluß zunahm, um fo größer wurde der Widerstand! Der Rücktritt des Kabinetts Müller Franten ift auf die Gegnerschaft der bürgerlichen Parteien in den Fragen der Sozialpolitit, die von der Sozialdemokratie immer in den Border. grund aller Erwägungen und Handlungen gestellt wurden, zurüd. zuführen: Die Errungenschaften der Sozialdemo fratie sollten beseitigt und aufgehoben werden. In der Frage der Arbeitslosenversicherung mußte es zum Bruch fommen. Bero logen ist der Schrei der bürgerlichen Presse nach einer Arbeits­moral, die das deutsche Volf beseelen solle. Eine Moral dieser Art wird von den Großpensionären und Großverdienern nicht gefordert, aber es wird frech behauptet, daß Dreiviertel des deutschen Boltes faulenzen wollen und schon von der Wiege aus Staatsrentner fein möchten. Kein Sozialist hat je behauptet, daß der sozialistische Staat ohne Arbeit austomme, aber Arbeit soll Freude

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