föelfoge Sonnabend, 17. Mal 1930
SivÄbimd StiUouÜajSe Ja\JoYaätii
Der„vorwans" anno dazumal Erinnerungen eines alten„UorwirtsM-RedaKteurs/ vonHugoroeizsch
Der alte.vorwärts" Der tfi\W Vorwärts— damit meine ich den in der D e u i h» st r a h e 2— nicht in der Partcidruckcrci, sondern in der Druckerei von Max Bading gedruckten... Im November 1893 wurde ich nach der Katzbach st raß« 9 bestellt, wo sich damals das, och, so bescheidene Parteibüro befand. Der hohe„Olymp" wurde durch Auer und Richard Fischer, die beiden Sekretäre, vertreten. Erst später übernahm Fischer die Buchhandlung„Vorwöris". Der Genosse Fischer kannte mich von Zürichs Hottingen her, wo ich bei ihm in den Jahren 1888/89 meinen Bedarf an Parteiliteratur gedeckt hatte. Fischer war nach Bernsteins Aus- Weisung aus der Schweiz ja noch einige Zeit dort geblieben, ehe auch er noch London übersiedelte. Da ich auch als ehemaliger „Briefabonncnt" des„Sozialdemokrat" bekannt war, und da ferner die beiden Genossen Bernstein und Fischer mir sogar die groß« Freude bereitet hotten, zwei meiner von Florenz aus eingesandten Artikel(erste Versuch« aus diesem Gebiete) zur Wahl 1899 im „Sozialdemokrat" auszunehmen, so kam mein« Verpflichtung für die Redaktion des„Vorwärts" schnell zustande. Uebrigcns war ich schon vorher als Berichterstatter tätig gewesen.
Auch hotte ich— und das ist bezeichnend für die damals noch recht bescheidenen Verhältnisse in unserem Zentralorgan— kleine Artikel und Notizen geliefert, bearbeitet nach französischen und englischen Zeitungen, die ich im„Cafe Baue r" hotte einsehen müssen. Die Redaktion Nun wurde ich an den Genossen Singer gewiesen, der Linden- straße 44 wohnte. Er führte mich in die Redaktion ein und stellte mich den Kollegen vor. Die Redaktion lag Beuthstraße 2 auf dem Hofe im zweiten Stock. Im unteren Geschoß befand sich die Buchhandlung, wo die Genossen Bruhns und Pätzel tatig waren. Setzerei und Druckerei waren im 3. und 4. Stock untergebracht. Die R e d a k- tion bestand aus fünf Zimmern, Raum genug für die b bis 7 Redakteure. Hinten in einem kleinen Zimmer saß oder stand vielmehr der „Alte" an seinem Stehpult. Umgeben von Bergen alter Zeitungen, die er abends zusammen mit den Wolfsjchen Depeschen einpacken ließ, um sie mit nach Hause zu nehmen. Am Vormittag rief dann häusig Frau Natalie Liebknecht an und teilte mit, daß ihr Mann«inen Leitartikel mitbringen werde. Er hatte ihn abends zu Hause an einem ebenso einfachen Stehpult— er faß nie bei der Arbeck— geschrieben. Liebknecht kam nur des Abends, nach Schluß des Reichs- tags, in die Redaktion', auch im Reichstag arbeitete er stets. Adolf Braun war dagegen vom frühesten Morgen an da, blieb meistens ununterbrochen bis spät nachts und kümmerte sich um alles, selbst um den Umbruch. Seine stets lustige und freundliche Art wurde nicht als unberechtigte Einmischung empfunden. Ab und zu saß Adolf in hockender Schneiderstellung auf dem Tisch und holt« ein Stück Kommißbrot hervor. Das genügte seinen be- scheidenen Ansprüchen meist für den ganzen Tag. In der ersten Zeit war in der Politik noch der alte Genosse Kukowsky tätig. In der Lokalredaktion schuftete'vor- und nachmittags der Genosse Wilhelm Schröder,„Jungfer Schröder", wie Ignaz Auer ihn wegen seiner hohen Stimmlage
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nannte, vom Berichterstatter Bauermeister trefflich unterstützt. Alles war nach Restarts eingeteilt; in„Soziales",„Partei- Nachrichten",„Gewerkschaftliches" und„Versammlungen" teilten sich Enders, Robert Schmidt und ich. In einem kleinen Zimmerchen war später noch der Genost« Kraus, der Feuilletonredakteur, untergebracht. Wenn er morgens gegen 11 Uhr ankam, hatte er schon zu Mittag gegesten. Dieses zwei Zentner schwere Egerländer Kind konnte sich ein Mittagesten ohne Knödel nicht vorstellen, und so bereitete er mit Hilfe seiner Wirtin sein Essen nach heimatlichen Rezepten selbst zu. Cr raucht« dann im Laufe des Tages so etwa 30 bis 40 Zigaretten und trank einige Kännchen starken Kaffee dazu, die er aus dem Cafä„Royal" holen ließ. Neben ihm saß Dr. Kühl, später an besten Stelle der Genast« Lessen. Das sozusagen Sekretariat wurde durch Roland-Dierl vertreten, einem ehemaligen Schauspieler, den Auer entdeckt hatte. Er quälte sich mit dem Telephon herum, damals«in noch primitiver Kasten mit einer Anzahl Löcher und Stöpsel, die Roland ständig mit» einander verwechselte. Der Genosse Winkle r, der heute noch im Sekretariat der Redaktion tätig ist, begann 1893 seine' Laufbahn als Rodaktionsbote. Des Abends erschien der Genost« Stadthagen , der den „Vorwärts"-Lesern Rechtsauskünfte erteilte. Eine willkommen« Unterbrechung der Arbeit bot ab und zu der Genosse Bamberger (der Sozius von Bading), der, sobald er auf der Bildfläche erschien. Anekdoten aus seinem unerschöpflichen Fonds jüdischer Witze zum besten gab. Stttredakleure Natürlich war die Redaktion keineswegs immer vollzählig, einer mindestens, oft mehrer«, saßen in den für den„Vor- wärts" reservierten Zellen in Plötzensee. Nach einer Schanzest von sechs Monaten kam auch ich an das verantwortliche Zeichnen. Siebzehn Anklagen in sechs Monaten war das Resultat meiner erfolgreichen Tätigkeit. Erst Geldstrafen bis zu 1000 M., dann Gefängnis, langsam ansteigend von sechs Wochen auf zwei, drei und vier Monate usw. wegen der Unverbesterlichkeit. So saßen wir 1893/96, teilweise zu gleicher Zeit, Robert Schmidt, Enders, Stadthagen und ich. Auch der alte Dierl mußt« ein ganzes Jahr brmnmen, und kam in bedauerlichem Zustande heraus. Denn— nicht zu vergessen— es gab damals für politische und Prehsünder bezüglich der Kost keinerlei Vergünstigungen.„Rum futsch" und „blauer Heinrich" waren auch für uns die üblichen Delikatessen. Haussuchungen in den Redaktionsräumen und in den Wohnungen der Redakteure nahm die Polizei sehr häufig vor; sie verliefen meiner Erinnerung nach immer ergebnislos. So mußte immer wieder neuer Ersatz herangezogen werden; denn die Kosten für die Rücksälligen wurden auch für den Verlag schließlich zu hoch. Da wurde auf Beschluß der Preßkommission Ignaz Auer als Zensor über die Neulinge auf preßgesetz- lichen Boden gesetzt. Er kam des Abends in die Redaktion, las mst dem Verantwortlichen die Fahnen durch und strich ohne Gnade natürlich immer die„Perlen" heraus. Hätten wir damals in der unverantwortlichen Weise darauflos geschrieben, wie heut« etwa die Kommunisten oder die Nazis, wir wären aus dem Gefängnis überhaupr nicht mehr hcrausgekommem Dafür haste aber das, was der„Vorwärts" schrieb. Gewicht, und fand, wenn auch wider- willig, Beachtung selbst beim Gegner. Hie prekkommlLSion Die liebe Preßkomm ision, ja. wir waren ihr Sorgen- und Schmerzenkind! Da waren die Berichte zu kurz oder zu lang; die Artikel zu flau befunden. Und die Beschwerden über vergessene
Anzeigen, unvollkommene Angaben über Zeit und- Ort der Vor- sammlungen und Veranstaltungen! Das Feuilleton wurde meist bemängelt. Aber Kraus ließ sich in den Sitzungen der Preß- kommission nicht sehen. Es dauerte immer einige Zeit, bis die lieben Genossen von der Meinung abgebracht waren, daß Mitarbester gar nicht nötig seien, weil man dafür die Redakteure habe. Waren sie endlich aufgeklärt, dann wurden sie in der Regel als zu flau nicht wiedergewählt. Es fehlte aber auch nicht an Auseinandersetzungen prinzipieller Natur. So. über die Stellung zu den preußischen Landtagswahl�cn. In der Redaktion wie inner- halb des Parteivorstandes waren die Meinungen geteilt. Die Berliner Parteigenosten in ihrer großen Mehrheit waren dagegen. Schließlich siegte in dieser Frage bekanntlich die Einsicht, daß der Landtag doch nicht von selbst„verfaulen" werde, daß die Sozial- demokratie überall einzudringen habe, wo über das Schicksal des Volkes beraten wird. Und die ehemals schärfsten Gegner der Wahl- beteiligung saßen als die ersten Vertreter der Sozialdemokrati« im Landtag und spielten hier zur großen Befriedigung der Partei- genossenschast die Hechte im Karpfenteich. Vor jedem Parteitage taucht« irgendeine Frage auf, die bis zur Entscheidung durch den Parteitag innerhalb der Parteigenossenschaft auf das heftigste um-
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stritten war, so die Agrarfrage, die Maifeier, dos Verhältnis von Partei und Gewerkschaft. Erklärlich, daß weder der Porteivorstand noch die Redaktion in der Beurteilung solcher Fragen durchaus einheitlich waren. Das kam dann zum Leid- wefen eines Teiles der Prehkommission und auch der Berliner Parteigenossen— denn auch hier waren die Meinungen geteilt,— auch im„Vorwärts" zum Ausdruck. Es setzte heftige Debatten, bis der Parteitag die geschlossene Front wieder herstellte. Mittlerweile war in die politische Redaktion der Genosse Dr. Gradnauer und später, als Braun ausgewiesen worden war, der Genosse E i s n e r eingetreten. Auch Ledebour war eine kurze Zeit bei uns. Ferner: die Genossen Jakobey» Ströb el, Cunow und Wetzte r von Dresden . Im August des Jahres 1900 starb Liebknecht , seine Stelle blieb unbesetzt. üer technische Apparat Die Hilfsmittel der Redaktion waren, gemessen an den heutigen Verhältnissen, äußerst bescheiiden. Natürlich nichts von Sender und Empfänger, keine Rohrpost nach der Druckerei, nicht einmal eine Schreibmaschine. Die Hauptzeitungen der großen Parteien standen zur Verfügung und die Wolsfschen Depeschen. Daneben einige ausländische Zeitungen, aus denen ich häufig etwas entnahm. Wir kamen dann immer noch zeitig genug damit. Das heutige Tempo kamst« man noch nicht. Als ausländisch« Mitarbeiter kamen Vaillant und Jules Guesde für Frankreich , Enrico Ferry und Bissolati für Italien in Betrocht. Ihre Einsendungen mußten übersetzt werden. Ihre Berichte folgten de» Ereignissen nicht übermäßig schnell. Ueber England schrieb der Genosse Eduard Bernstein , solange er dort im Exil lebte. Der Druck der Zeitung dauerte natürlich viel länger als heute und wenn wir nach 8 Uhr abends noch cm längeres Manu- fkript abliefern wollten, machte der Mktteur— das war damals der„Vater Lampe"— ein bös' Gesicht. 1901 schied ich aus der Redaktion aus, um eine„Auslands- Korrespondenz" herauszugeben, die von 1910 ab der Genosse Katzen st ein bis zum Kriege weitergeführt hat. Bald darauf siedest« Redakston, Verlag und Druckerei nach Lindenstroße 69 über, in der Beuthstraße war es längst zu klein geworden.