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Beilage

Sonnabend, 19. Juli 1930

Der Abend

Spalausgabe des Vorwärts

Wie wir

MANOR

zum Landschulheim

kamen!

Unsere Schulbehörde hat den Gedanken, unseren Großstadt­schulbetrieb für einige Wochen aufs Land zu verlegen, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützt; aber die uns genann ten Landschulheime waren für die Sommermonate schon besetzt, teils fehlten Wald und Wasser, die ein Berliner Junge braucht, und als wichtigstes: trotz der zugesagten städtischen Beihilfe( Schul­deputation) für 5 Wochen und 32 Jungen konnten wir fast durch meg Arbeiterkinder die restlichen Gelder nicht auf­bringen. Was tun? Da riet uns das Jugendamt zu einer Jugendherberge. Weit durfte es des Fahrgeldes megen nicht sein; da wählten wir die Jugendherberge E. in der Schorf heide am Werbellinsee und Werbellinkanal.

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Mit dem Herbergsvater und der Herbergsmutter wurde nun Lange der Kostensa y beraten, und dann berieten wir 33, wie wir bis dahin das Geld aufbringen könnten. Die Hälfte der 13 bis 14jährigen Jungen hat nur einen Ernährer, also Vater tot oder Eltern getrennt usw. Mehrere hausen in Kellerwohnungen; einige find lungenfrant, fast alle blutarm; ihr Geburtsjahr 1917, Das schlimmste Kriegshungerjahr! Zwei Jungen nur konnten gie: ch erklären: Mein Vater wird es bezahlen können!" Aber die an= beren? Berlin gab uns 400 m. In der großen Turnhalle in Der Prinzenstraße veranstalteten wir ein Sportfest, zu dem fast 1000 Menschen famen; die Jungen waren riesig findig beim Karten­abjaz. Ergebnis: Keine Unkosten, deshalb 400 M. Gewinn. Weitere Spenden noch über 50 m.,; wir hatten nun über die Hälfte. Nun mußte noch jeder Junge für 36 Tage für volle Verpflegung, Reise­geld, Bersicherung usw. 24 M. aufbringen, alfo pro Tag 66 Pf. Da gab es wieder traurige Gesichter:" Bater ist arbeitslos!" Meine

Die Eẞtafel

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Mutter auch!" Aber gehen muß es. Ein großer Teil der Jungen sucht sich eine Arbeitsstelle, wenn sie diese nicht schon hatten. Alle Böden, Keller, auch die von Bekannten und Verwandten, wer­den nach Flaschen und Lumpen und Papier untersucht, die ver­fauft werden. 6 öffnen und schließen Autos auf den Bahnhöfen. Andere wieder verkaufen alte Bücher oder versuchen bei allen Be­kannten und Verwandten im nahen und entfernten Berlin : hr Heil. Als wir loszogen, fehlte nur noch wenig, das nachgeschickt werden sollte.

Nun wollen wir erzählen, wie es da im Landschulheim in der Jugendherberge E. zuging. Wir mußten alles felber machen; nur Mittagessen tochte uns unsere Herbergsmutter, die alle Wandersleute Großmutter" nennen; jeder bekam einen Dienst, Dienst an der Gemeinschaft. Fünf Jungen hatten den schweren Küchendienst, selbständig alle Lebensmittel einzufaufen, ohne den durchschnittlichen Tagessatz zu überschreiten, am Wochen­ende alle Rechnungen zu bezahlen, täglich über 300 große Schnit en zu schneiden, bestreichen und belegen! Sieben hatten Stubendierst, auszufegen und aufzuwischen. Drei säuberten den Waschraum, vier die Teller, Näpfe, Tassen, einige harften vor der Herberge, forgten für Tischblumen usw. Wir schälten selber unsere Kartoffein, pugten unser Gemüse. Da wir also allein wirtschafteten, waren mir nur die interessierten Wirtschafter". Jeder fonnte soviel effen wie er wollte. Bäter der Jungen schidten uns auf unsere Kosten preiswerte Lebensmittel aus Berlin ; die hiesigen Händler tamen uns sehr weit entgegen. Sonntags gab es immer Kuchen, in den legten Tagen täglich. Wer Geburtstag hatte, hatte oft einen reicheren Geburtstagstisch als zu Hause. Die uns besuchenden Eltern und Freunde wurden an unserem Tisch auch noch satt. Wir wollen nun einmal den Verlauf eines Tages schildern. Um 7 Uhr standen wir auf und machten unsere Betten. Dann fam die Ganzwäsche. Hierauf hatte jeder Junge seinen Dienst zu machen; am meisten hatten natürlich die Küchenchefs zu tun. Nach dem Frühstück ging es in den Wald zur Arbeit, zum gemeinsamen Arbeiten, bis um 12 Uhr. Oft wurde vor und nach dieser frohen Arbeit noch ein Bad im Werbellinkanal genommen. Bon 13-17 Uhr gingen wir zur Badestelle; fast alle tonnten

schon schwimmen oder lernten es hier. Auf diese Weise bräunte die Sonne unsere Körper beim ,, Aalen ", bei

der Gymnastit, deren Uebungen dahin ausgesucht waren, die schmalen, aufgeschossenen, oft unterernährten, nicht immer ge­raden Körper zu fräftigen; aber Krantenstubenstimmung wars beim besten Willen nicht. Und die Sonne hat viel Krantes aus uns herausgejagt; wir wurden alle zu braunen, lachenden Fidusge­stalten. Bildete doch unsere gesamte

Garderobe von morgens bis abends nur die Turnhose und beim Schwimmen hatten viele noch weniger an. Wir brauchten in den 5 Wochen weder Schuhe noch Strümpfe noch Hosen, Jacken und Hemden. Oft wurden unsere Bälle in Arbeit gesetzt zu Wurf-, Hand- und Fußball. Der Speer mußte über den Kanal hinüber, wer es nicht schaffte, mußte ihn aus dem Wasser herausholen.

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In dieser Zeit war auch häufig große Wäsche. Da wuschen wir im und am Kanal unsere Bettücher, Bezüge, Handtücher, Taschentücher usw. Wir Jungen sorgten dafür, daß aus dem Hingang eine lustige Prozession" wurde: die Laken um den Kör­per, das Handtuch um den Kopf gewunden, sahen wir Wüstenvöl­fern nicht unähnlich. Was das Waschen nicht ganz geschafft hatte, besorgte die liebe Sonne. Nach einer Stunde war alles trocken und sauber. Gewiß, wir haben zu viel, zu oft gebadet; mer aber dauernd angelacht wird von Wasser und Sonne und wer weiß, daß das Schwimmen die vielseitigste Rörperarbeit ist, der verzeiht es. Und hinterher lockten uns Buchen und Eichen unter ihre Kronen und ließen unsere Augen weiter und heller schauen. Von 17 bis 19 Uhr war dann Freizeit. Nach dem Abendessen sangen wir vor der Herberge unsere Lieder:" Wann wir schreiten"," Fröhlich zog ich mit der Laute"," Heute wollen wir das Ränzlein schnüren", Wir sind jung"," Wenn die Arbeitszeit zu Ende"," Alle Birken Alle grünen in Moor und Heid"," Drei Zigeuner"," Vom Barette schwankt die Feder"," Kein schöner Land"," Wilde Gesellen" usw. Führer und Jungen lehrten und lernten wechselseitig, und da wir uns schon bald zwei Jahre fennen, fönnen wir so viel Lieder, daß wir einen langen Abend fingen können und noch nicht durch find. Die Einwohner des Ortes famen regelmäßig und hörten zu. Herbergsgäste sangen mit und lehrten uns weitere Lieder, z. B. Schwarzbraun ist die Haselnuß"," Hoch auf dem gelben Wagen", Die Bauern wollten freier sein" u. a. m. Aus unserer gemein­samen Rasse tauften wir uns einige Mundharmonitas; unsere Kapelle bestand aus 1 Geiger, 1 Mandolinisten und 11 Mund­harmonikaspielern.

Und dann kam Sonnenwende heran. Das mußte befon= ders gefeiert werden, weil es viele noch nicht mitgemacht hatten. Ein Regen am Tage gab uns erst die försterliche Erlaubnis. Unsere größten Jungen schleppten einen gewaltigen Holzberg zusammen. Und wir sangen Hand in Hand im Kreis um das lodernde Feuer: Flamme empor!" Dann sprach unser Führer beim Feuer: Jungen, haltet die Hände fest mit Freundschaft, bleibt jung und wache Menschen, die selber denken und selber handeln wollen. Und wenn ihr müde werden wollt, denkt an diesen Tag, und stürmt in die Natur hinaus und fämpft mit Wellen und Baumhöhen; dann merdet ihr wieder Lebenskämpfer sein, die für euch selber und für müde Menschen kämpfen!" Die Flamme brannte hernieder und in Jugendlust sprangen wir hindurch und hinüber!

Ja und mo bleibt das Landsch ul heim?

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Weil es

die

Hauptsache ist, wollen wir davon zuletzt erzählen. Damit sind wir bei einer wichtigen Forderung der neuen Zeit: Schulreform! Biel Bücher sind darüber geschrieben; manche Konferenz hat wichtige Beschlüsse gefaßt. Man ging auseinander und man blieb beim guten Alten. Hier und da wurden auch Bänke anders gerückt; man gab den Schulen andere Namen; man wählte Vertrauensleute; man sagte Du" zueinander und es wurde doch nicht viel anders. was dabei meist doch noch fehlt, das lernten wir hier bald. Wir lernten uns genau kennen; das gab und forderte Vertrauen. Doch erzählen wir erst, was wir lernten. Unsere Schulstube war irgendeine Stelle im Wald, war das Kanalufer, der Teichrand, der Feldrain. Unsere böseste Stunde war die Montagsrechen­stunde im Wald, wo wir das Heft auf den Knien oder auf dem Waldboden, die Bäder, Schlächter und Kaufmanns­rechnung zusammenstellten und prüften und fanden, daß wir gut gewirtschaftet oder zuviel ausgegeben hatten. Als wir einmal sehr schlecht standen, arrangierten wir auf der Badewiese für die Ortseinwohner mit viel Reflame ein Sportfeit mit Ring-, Bor-, Selbstverteidigungsfämpfen, mit Staffeln, Gymnaftit, Spielen, Brustschwimmen, Freistilschwimmen, Rettungsschwimmen bei Er­trinkenden, und die Zuschauer füllten unsere Kaffe.

So stellte uns unser Gemeinschaftsleben viele Aufgaben; jeder Junge wußte über jeden eingenommenen und ausgegebenen Sechser Bescheid, und unsere Küchenchefs erreichten durch Verhandlungen mit den Geschäftsleuten auch noch, daß wir und diese auch Aufgaben aus der Prozent und Rabattrechnung zu lösen hatten. Kritikern mag gesagt sein, daß wir unser gesamtes Berliner Schulpenfum erledigten; dazu diente uns an wenigen Tagen eine offene Halle mitten im Walde. Aber wir lernten viel mehr, ohne schullernen" zu wollen. Am Rain lernten wir Rog­gen, Hafer usw. fennen; nuru wenige fannten blühende Gräfer. Die Jungen, die in Ostpreußen gewesen waren, zeigten ihren Freun den das. Und dann ging die lebhafte Debatte los: Wie geht es der Landwirtschaft? Roggenabjazz! Schwarzbrot, Weißbrot, Brot­preise! Land- und Stadtarbeit, Einfuhr, Ausfuhr, Zölle. Unser Herbergsvater fuhr im Auto meg; als wir einige Jungen fragten über Zündung, Gasgeben, ersten, zweiten und dritten Gang usw.,

mußten sie wenig Bescheid. Drei Jungen erflärten sich dann be­reit, uns nach zwei Tagen am Auto alles genau zu zeigen und das machten sie so sein, daß der Führer nicht nur nichts hinzuzu­sezen oder zu verbessern brauchte, sondern noch tüchtig hinzulernte.

Wir fanden Pilze, ohne sie alle zu fennen. Zwei Jungen erbaten sich zwei Nachmittage Freizeit, suchten währenddessen allerlei Bilze, holten sich zum Studium des Führers Bücher, vom Ortslehrer die Pilztafeln, gingen zu einigen Frauen, die Pilze sammelten und verkauften, und am dritten Vormittag lernten wir von den beiden Jungen soviel Pilze kennen, daß viele Kameraden Lust zum Sam­meln und Mut zum Essen bekamen. Einmal saßen wir unter einer Startstromleitung; in der Nähe war ein Transformatoren­häuschen. Da entpuppte sich ein Junge als geschickter Lehrer, ten alle bisher als Schlafmüze angesehen hatten. Da leuchteten dessen Augen: Jezt kann ich euch etwas sein! Um seinen Freunden Lärche, Fichte, Kiefer und Tanne zu zeigen, fletterte ein Junge so hoch, daß sein einziges Kleidungsstüd kurz und flein ging und Hautschrammen ihn noch lange daran erinnerten. Leid tat es ihm nicht; es war ja Dienst an der Gemeinschaft. Dann studierten wir gemeinsam Feld, Wald, Teich als Lebensgemeinschaft.

Ab und zu wurde ein Junge frant; das bildete dann den Ausgangspunkt interessanter Stunden, in denen wir unseren Kör per verstehen lernten. Und die täglich zweimal erscheinende Zeitung( vom Vorwärts- Verlag uns umsonst geliefert!) bildete für uns viel Beranlassung, auf zahlreiche Gebiete einzugehen, die vom Kinde zu wenig verstanden werden, die ihm aber nicht erst nach der Schulentlassung entgegentreten, sondern schon jetzt. Da lernten wir wie in der großen Natur so auch im Menschenleben Zusammenhänge verstehen, denken!

Aber der Hauptgewinn ist doch das Gemeinschafts­Ieben. Der einzelne ist nichts; die Gemeinschaft trägt, hilft, fördert, ist Macht. Das merkt der Junge bald. Als Rechenaufgabe: Wer nimmt den Jungen für 66 Pf. täglich auf? Der einzelne zahlt volles Fahrgeld. Der Geschäftsmann senkt die Preise usm. In der Gemeinschaft ist das Leid des anderen das eigene; find Kameraden frant, fönnen wir nicht weg und zahlen das Arztgeld. Die Gemeinschaft gibt allen das gleiche, gleiches Lager und gleiches Essen aus demselben Topf. Sie fordert aber auch von allen Dienst an der Gemeinschaft; diese kann nur bestehen, wenn ein jeder seine Arbeit treu erfüllt, nicht daß es ihm, sondern daß es allen gut gehe. Und dieses Zusammenleben fordert gegenseitiges Vertrauen und Verantwortungsbewußtsein und schafft es auch.

Die häßliche Entfernung zwischen Lehrer und Schüler schwindet. Da kommt der Junge an und gesteht ihm, daß er Heimweh hat, der erzählt, daß er Sorge um Mutter habe, weil Vater oft Freitags alles Geld durchbringt. Als wir einmal über den Alkohol sprachen, sagt ein Junge laut zu uns allen: Ich könnte darüber

Trauriges erzählen!" Und wir ahnen und verlegen ihn nicht seines Vertrauens wegen. Und so steigt das Vertrauen erst zum Führer, der zuletzt alles Leis seiner Jungen mittragen muß, dann, aber auch zur Gemeinschaft. Und das tötet das Groß­tun und die Lüge. Was möchten die Buben nicht zuletzt alles

Beim Sport

wissen! Armer Führer! Wie oft mußt du eingestehen, daß du das nicht weißt; aber wir alle zusammen schaffen es schon. Und wenn du oder ein Junge zugibt, das nicht oder nicht genau zu wissen, dann bekommen bald andere Mut, einzugestehen: Das weiß ich nicht!" Wer Kinder kennt, weiß, daß solch Bekennermut felten ist. Das alles schafft Vertrauen zwischen Führer und Jungen, Vertrauen zur und freudige Mitarbeit an der Gemeinschaft, in der fich ehemalige Schüler, 17- und 18jährige, die bei uns ihre Ferien verlebten und sich sofort gern einreihten, wohl fühlten. Dies Ge­meinschaftsgefühl, diese Verantwortungsfreudigkeit nimmt der Junge mit ins Leben, das von ihm dasselbe für Organisation, Partei und Staat fordert. Hast du nun Glauben an das Landschulheim? Graffunder