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BERLIN Mittwoch 8. Oktober 1930

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Der Abend

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47. Jahrgang

66 anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillezcile

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Fünfzehn Prozent Lohnabzug!!

Metallarbeiterverhandlungen verschleppt- Sozialreportage bei Metallarbeiterfamilien

Die Schlichtungsverhandlungen im Lohnfonflikt der Berliner Metallarbeiter, die auf Beschluß des Sonder. schlichters morgen fortgesetzt werden sollten, finden voraus­sichtlich erst Ende dieser Woche statt. Am Donnerstag und Freitag sollen erst gemeinsam mit den Arbeitgeber. und Arbeitnehmerbeifihern der Schlichtungskammer unter Hinzu­ziehung der gefeßlichen Betriebsvertretungen Betriebs­besichtigungen vorgenommen werden, um einen Ueberblick darüber zu gewinnen, wie sich die Anträge der Tarifparteien in den Betrieben des Verbandes Berliner Metallinduftrieller auswirten würden. Die Gewettfchaffen

haben gegen diese Verschiebung des Verhandlungstermins

Protest eingelegt, weil sie darin eine Berschleppung der Verhandlungen zugunsten der Unternehmer erbliden. Metallarbeiter: Das ist doch, so obenhin gesehen, die Aristokratie der Arbeiterschaft; und wenn man mit der Lohnabzugs­tattik gerade bei ihnen anfangen will, dann rechnen die Herren auf der Gegenseite vielleicht nicht nur mit Ziffern und Zahlen, son dern auch ein wenig mit der Psychologie des Kleinbürgers: Für den steht es ja fest, daß es dem Metallarbeiter, vor allent, wenn er Arbeit hat, eigentlich glänzend geht. Und wenn denn schon mal an den Löhnen gespart werden muß, damit die arme Wirtschaft sich aufrappeln fann und endlich, möglichst noch vor Er­richtung des Dritten Reiches der große Preissturz eintritt, na, dann soll man doch zuerst denen nehmen, die ordentlich viel verdienen. Freilich denken die braven Leute dann gemeinhin nicht daran, daß es auch in dieser Branche ein oben und unten gibt und daß zwischen dem Berdienst des bestentlohnten Arbeiters dieser Branche und dem Stundenlohn des Hilfsarbeiters eine Spanne von 51 Pfennig be­steht. Fünfzig Pfennig: das ist eine feine, blante Münze, mit ihr fängt sozusagen das anständige Geld erst an, denn der Groschen und der Sechser werden doch immer ein wenig über die Achsel an­gesehen. Was aber der Groschen, der Sechser und der Fünfziger ausmachen, wenn sie sich verbünden und was diese fleine Truppe im Budget des Arbeiters für eine Rolle spielt, das tann man ja natürlich auch mit einem Rechenerempel beweisen: Biel besser aber tann man es sozusagen am lebenden Modell studieren, und darum seien hier einmal vier Arbeiterhaushaltungen beschrieben, vier Haus­halte, in denen die Männer, ordentliche Arbeiter, solide, tüchtige Leute, schon jahrelang im gleichen Betrieb arbeiten, also sozusagen das große Los auf dem Arbeitsmarkt erwischt haben.

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Spizenlohn.

Höher rauf gehts nicht: Der Hausherr verdient 1,35 die Stunde natürlich ist das Attordarbeit zum höchsten Satz. Die Familie hat's überhaupt gut: Sie hat eine Altwohnung, und die ist noch dazu so groß, daß man durch Abvermieten an zwei Schlaf­burschen und eine alte Tante mietefrei wohnt! Freilich bleibt dann für die Familie nur Stube und Küche übrig, die Wäsche für die

Böß pensioniert.

Beschluß des Magistrats.- Wer ist der Nachfolger?

Der Magistrat beschloß heute, dem Gesuch des Oberbürger­meifters Böß um Pensionierung zum 1. November 1930 mit der gejehlichen Pension stattzugeben. Er wird diesen Beschluß der Stadtverordnetenversammlung in einer Vorlage zur Kenntnisnahme mitteilen und um Neubesetzung der Stelle bitten.

Die Stadtverordnetenversammlung wird nun schnellstens um die Neubesetzung des Oberbürgermeisterpostens bemüht sein müssen.

Bis jetzt herrscht noch selbst über die Kandidatenfrage völlige Unflarheit. Mehr als jemals braucht aber die Reichshauptstadt ein neues Oberhaupt. Durch das Anschmellen der Aufwendungen für Krisenunterstützung und Wohlfahrtspflege und durch die Auswirkungen der schweren Wirtschaftskrise, die ein fühlbares Zurückgehen der Steuereingänge ge­bracht haben, muß die finanzielle Lage der Stadt als tata= ftro phal bezeichnet werden. Troßdem an allen Eden und Enden gespart worden ist, ergibt sich nach einer Mitteilung des Bürger meisters in der Finanzdeputation schon jeßt ein ,, nterschuß" im Etat von ungefähr sechzig Millionen Mark.

Treviranus wird gerüffelt.

Ordnungsruf für das Schreckensfind.

Die Sache mit den Aeußerungen des Herrn Treviramus, Reichs­minister ohne Geschäftsbereich, gegen Herrn Ruh von der United Breß wird immer komischer. Der Herr Minister hat auch von der Möglichkeit geredet, 50 000 Arbeitslose bei öffentlichen Arbeiten so­fort zu beschäftigen, davon einen größeren Teil bei Kanalbauten in der Magdeburger Gegend. Er hat dabei wohl an den Ausbau des berühmten Mittellandkanals gedacht, der ja immer noch im freien Feld bei Magdeburg endet.

Nun ist in Magdeburg selbst von einer derartigen Arbeits­möglichkeit gar nichts bekannt, und das Reichspertehrs­ministerium hat auf eine Anfrage erklärt, daß gar kein Ge=

danke an eine solche Möglichkeit bestehe! Aber Herr Treviranus redet eben vergnügt daher.

Nun besteht eine Geschäftsordnung des Reichs. tabinetts und diese bestimmt, daß zur Veröffentlichung be­stimmte Aeußerungen eines Reichsministers sowohl dem Reichs= fanzler wie anderen Reichsdienststellen rechtzeitig vorher zur Kennt nis zu bringen sind. Man hat nun Herrn Treviranus diese Be­ſtimmung in Erinnerung gebracht.

Geipel dementiert.

Entgegen der vom Wolff- Büro gestern nacht verbreiteten Nach­

richt, daß gestern Mitglieder des Diplomatischen Korps beim Außen­minister Dr. Seipel erschienen seien, denen er beruhigende Erklä rungen abgegeben habe, wird in Bien amtlich erklärt, daß eine solche

Aus dem Inhalt:

Brutale Volksausrottung durch Polen Die Terrorwelle in der Sowjetunion Vorstof ins wilde Lasistan

Die kaiserliche Kriegssabotage in USA .

Seite 3

Seite 4

.

Seite 5

Seite 8

Borsprache nicht stattgefunden habe, und daß gestern überhaupt fein Mitglied des Diplomatischen Korps beim Außenminister, er­schienen ist. Auch beim Diplomatenempfang am Montag, bei dem sich die Chefs der Missionen dem neuen Außenminister vor= ftellten, war feine Rede von irgendwelcher Beunruhigung über angebliche rednerische Entgleisungen.

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Die Wolff- Meldung stammte aus der Wiener Neuen Freien Presse".

fraktion von Lyon , der wegen der willkürlichen Ernennung eines Der Zwist zwischen Herriot und der sozialistischen Stadtrats­Eefretärs durch Herriot entstanden war, ist dank der Unterstützung der Reaktion mit einem tnappen Siege für Herriot ausgegangen. mit 28 gegen 27 Stimmen sprach ihm der Stadtrat jein Vertrauen aus. Die 27 sozialistischen Stadtratsmitglieder hatten dagegen gestimmt.

Der Reichspräsident empfing heute den Reichskanzler Dr. Brüning zum Vortrag.

Lehrreiche Gemeindewahlen

Betten der Schlafburschen muß auch gewaschen und das Zimmer Sozialdemokratische Erfolge/ Kommunistische und nationalsozialistische Verluste

gereinigt werden, aber schließlich kann die Frau auch keine andere Arbeit machen, die Kinder sind fünf und ein Jahr und acht Monate alt und dann hat man die ganze Unmenge Geld für sich! Die

Leute leben!

Wenige Wochen sind erst seit den Wahlen zum Reichstag ver- gewonnen, während fast alle anderen Parteien verloren flossen. Die Hakenkreuzler sind noch dabei, ihren Erfolg zu verdauen, haben. Der scheinbare Gewinn der Bürgerlichen ist darauf zurück­und dabei gehen alle schönen Parolen, die sie ihren Wählern vor- zuführen, daß bei der Stadtverordnetenwahl viele Wähler, die vor­gesetzt hatten, zum Teufel. Keine Rede mehr von der ,, Brechung| her für die Nazis gestimmt hatten, sich jetzt wieder der Wirt­der Zinsknechtschaft", von der Zerreißung des Young- Planes". schaftspartei zuwandten. Die Sozialdemokratie ist in Sie biedern sich bei den Kapitalisten an, sie schermenzeln bei dem Deisnig wieder zur stärksten proletarischen Bartei geworden, während Erbfeind". Und schon geht das Erwachen durch die Reihen der fie bei der Reichstagswahl erst nach den Kommunisten kam. Wähler, die am 14. September den nationalsozialistischen Phrasen gefolgt waren. Zu gleicher Zeit wächst aber bei den Arbeitern der Bille, der faschistischen Gefahr bei gesteigerter Aktivität zu begegnen. Die Bersammlungen der sozialdemokratischen Dr.

aller Kritik an der eigenen Partei gehen die Parteigenossen mit dem größten Eifer daran, die Massen des werftätigen Volkes für die Ziele der Sozialdemokratie zu gewinnen.

Ja, sie leben; und wir stehen in der Küche und rechnen eben mal nach, wie sie eigentlich leben. Komisch- eigentlich habe ich mal nach, wie sie eigentlich leben. Komisch eigentlich habe ich mir von der Wohnung eines so hochqualifizierten Arbeiters immer eine andere Borstellung gemacht. Es ist sauber, jawohl. Aber die Möbel sind alt, obwohl die Eheleute doch noch gar nicht so lange verheiratet sind. Die hatten wir zuerst von Muttern geerbt; und voriges Jahr haben wir die Wirtschaft von eine Frau, die hier gestorben ist, dazu gekauft, ne Plüschgarnitur und' n Spiegel und ne Kommode und ein Küchenspind: Bierzig Mart haben mir noch drauf abzuzahlen, aber die Leute sind ja human. Sonst haben wirganisationen sind außerordentlich gut besucht, bei nichts auf Raten, nee! Bloß nich wieder! Einmal habe ich an' n Rad drei Jahre bezahlt und der Gerichtsvollzieher ist mir ins Haus gelaufen und mir find halb verrüdt gemorden... bloßz nich, bloß nich! Lieber mal die Miete stottern, denn zurücklegen zu An­schaffungen fönnen mir nichts!" Nanu und der Mann hat den Spitzenlohn, trägt, nach allen Abzügen, bei voller Arbeit etwas über fünfzig Mart nach Hause und gibt brav und treu fünfzig ab. Die leben aber gut! Sie leben gut: Diese Familie hat noch immer nicht vergessen, daß man außer Margarine auch Butter essen tann, es wird täglich ein Biertel Bfund Butter gekauft, dazu ein halbes Pfund Margarine; der Mann bekommt belegte Brote mit zur Arbeit,% Aufschnitt und Käse werden alle Tage gekauft, es gibt alle Tage anderthalb Liter Milch für die Kinder, Sonntags fogar zwei Liter und für eine Mart Kuchen und Freitags tauft Bater Obst ein, für zmei bis drei Mart. Es gibt drei Pfund Fleisch, sechs Pjund Gemüse und fünf­

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Bemerkenswert für diese Stimmung ist der Ausgang weier Gemeindemahlen, die jüngst im Vogtland und in Mitteldeutschland vorgenommen wurden. In Delsnig hatte die Stadtverordnetenwahl folgendes Ergebnis:

Stadtverordneten wahl

Ein ähnliches Ergebnis brachte die Gemeindewahl in Rösseln bei Weißenfels . Obwohl hier die Wahlbeteiligung von 299 auf 296 zurüdging, fonnte die Sozialdemokratie ihre Stimmen gegenüber dem 14 September von 113 auf 137 steigern, während die Kommunisten von 76 auf 47 Stimmen zurüdgingen. Die bürgerlichen Stimmen stiegen von 110 auf 112, sie haben sich also so gut wie gar nicht geändert.

Beide Wahlen, in der sächsischen Industriestadt mie in der mittel­deutschen Kleingemeinde, zeigen deutlich, daß die Sozialdemokratie mitten in der Arbeit ist, um die Vorbedingungen für einen neuen Aufstieg der Partei zu schaffen.

Bei der Gemeindewahl in Droffen( Wahlkreis Frankfurt­Oder) ergaben sich die folgenden Berschiebungen:

806 233

Gemeindewahl Reichstagswahl 845 - 280

1170

1271

weniger 39 47

101

Reichstags­wahl

mehr oder weniger

Sozialdemokratische Partei 2545 Kommunistische Partei. Bürgerliche Parteien Nazis..

2507

+48

2183

2885

3 265

3.045

702 +220

Sozialdemokraten. Kommunisten Nazis.

1 699

2146

447

daß die Nationalsozialisten schon wieder in einer rüd­läufigen Bewegung sind!

Die Wahlbeteiligung war etwas schmächer als bei der Reichs

Behn Bund Kartoffeln in der Woche: Alio es gibt eine gute, nahr-| tagswahl. Trotzdem hat die Sozialdemokratie noch 50 Stimmen

Die Gemeindewahlen in Delsnik und in Droffen zeigen,