1930
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Der Abend™
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Spätausgabe des„ Vorwärts"
47. Jahrgang
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Jn 2yon hat in der vergangenen Nacht mitten in einem dicht bewohnten Stadtviertel ein Bergrutsch eine furchtbare Katastrophe hervorgerufen. Gegen drei Uhr nachts stürzte am Abhang des Sügels St. Jean die Stühmauer einer Bergterrasse ein. Die Trümmer verschütteten am Hospital von St. Pathien das Wohnhaus der Krankenschwestern. Eine oberhalb der Bruchstelle gelegene Häuserreihe von etwa 100 Meter Breite wurde ihrer Fundamente beraubt und brach in sich zusammen. Aus den Trümmern konnten bisher gegen 80 Zote geborgen werden. Die Nettungsarbeiten werden durch das ständige Nachrutschen der Erdmassen außerordentlich erschwert. Von einer einstürzenden Maner wurden 12 Feuerwehrleute und Polizisten erschlagen.
Behn Familien unter den Trümmern.
Das Einsturzunglüd in Lyon hat sich zu einer beispiellosen Salaftrophe ausgewachsen. Auf den heute nacht um 1.15 Uhr im Stadtteil St. Andrée erfolgten Erdruifch folgte eine Stunde später ein zweiter Erdruffch, durch den die mit Aufräumungs. arbeiten beschäftigten Feuerwehrleute ebenfalls vollfommen begraben wurden. Außerdem liegen etwa zehn Familien unter den Trümmern. Angesichts der gewaltigen Erdmaffen, die niedergegangen sind, besteht faum Sofiuung, auch ung einen gößeren Teil der Verschüttelen noch lebend bergen zu lönnen. Da weitere Erdruische drohen, hat die Polizei die Räumung von mehreren Hundert Wohnungen angeordnet und einen Ordnungsdienst eingesetzt, der die Flüchtlinge nach der inneren Stadt leitet. Nach den lehten Nachrichten schätzt man die Zahl der Toten auf über 100. Die erste Cifte der Opfer enthält 23 Namen. Um 7 Uhr heute früh wurde die erfie Leiche gefunden, nachdem vorher fchon drei Schwerverlegte geborgen worden waren.
Eine ganze Straße eingestürzt.
Die meist von Arbeitern und Kleinbürgern bewohnte Borstadt St. Jean ist auf dem fleil abfallenden Hügel von Roccue billière aufgebaut, dessen Hänge durch mächtige Stützmauern in Terrassen verwandelt sind. Die starten Regenfälle, die seit Tagen über ganz Frankreich niebergegangen sind, haben diese künstlich gefchaffenen Terrassen unterhöhlt und heute nacht gegen 1 Uhr einen Erdrutsch zur Folge gehabt. Durch den Einsturz einer der großen Stügmauern wurden zunächst etwa zehn Häuser mitgerissen, deren Bewohner unter ben Trümmern begraben wurden. Wenige Minuten später trafen die ersten von der Polizei und Feuerwehr entsandten ( päter trafen die ersten von der Polizei und Feuerwehr entsandten Hilfsmannschaften auf der Unglüd: stelle ein. Die Bergungsarbeiten waren in vollem Gange als dem ersten Erbrutsch gegen 2 Uhr ein neuer nody viel größerer folgte, durch den die den Hügel von Roccuebillière entlangziehende
Straße Chemin- Neuf in einer Länge von etwa 300 Meter mit ihren zum Teil fünf- und sechstödigen Wohnhäufern einstürzte. Die gewaltigen Trümmermassen stürzten in die etwas tiefer gelegene Rue Tramassac, wo sie den Zusammenbruch vier weiterer Gebäude, darunter eines Hotels, verursachte. Der größte. Teil der Rettungs mannschaften, etwa 30 Schußleute und Feuerwehrmannschaften, wurden verschüttet und tonnten nur als Leichen geborgen werden. Gegen 3 Uhr und furz nach 4 Uhr erfolgten zwei neue Erdrufsche, die jedoch, da auf Anordnung des Bolizeipfetten die Unglüdestraße geräumt worden war, teine neuen Opfer forderten.
Die Panit, die sich der mitten in der Nacht von der grauenvollen Katastrophe überraschten Bevölterung bemächtigte, war unbeschreib lich. Von den Bewohnern der eingestürzten Häufer war ein großer Tell im Schlafen von herabstürzendem Gebält und Mauerwert erschlagen worden. Die leberlebenden, die sich aus eigener Kraft aus den Trümmern herausarbeiten konnten, flüchteten, von panif artigem Schreden erfaßt und hilfeschreiend nach allen Richtungen. Die Verwundeten wurden in die nahe Kathedrale von St. Jean gebracht, die zu einem Hospital umgewandelt ist.
Die Bergungsarbeiten
die wegen der noch immer drohenden Gefahr neuer Einstürze nur mit allergrößter Borsicht durchgeführt werden tönnen, find noch lange nicht beendet. Man hört aus den Trümmern heraus noch Immer zahlreiche Hilferufe, so daß die Gesamtzahl der Opfer zur Zeit noch nicht endgültig festgestellt werden tonnte. Wie die ersten Ermittlungen ergaben, sind bereits vor Monaten in dem Quartier tleinere Erdrutiche fonstatiert woorden, so daß bereits vor Tagen ein in dem Viertel gelegenes Hospital, das bedentliche Mauerrisse aufmies, von den Kranten geräumt werden mußte.
Das Hochwaffer als Ursache.
Die Zahl der Ioten wurde gegen Mittag bereits auf annähernd hundert beziffert, darunter zwanzig Feuerwehrleute und Polizeibeamte. Die erste Statastrophe, von der das Hotel du petit Bersailles" betroffen wurde, ereignete sich zwischen 1 und 2 1hr nachts. Nachdem man die Aufräumungsarbeiten bereits aufgenommen hatte, ftürzten plöglich mehrere Häufergruppen in der Nachbarschaft zusammen und begruben Bewohner und Hilfsmannfchaften unter den Trümmern. Sofort wurde das gesamte Gelände in einem Umfreis von mehreren hundert Metern abgesperrt. Die im Absperrungstreis liegenden Häuſer mußten auf Befehl der Polizei fofort geräumt werden. Kaum war dieser Befehl ausgeführt, als wiederum große Erdmassen nachrutschten und ein weiterer Häuserblod zusammenbrach. Verschiedene Rettungswagen, die in zwischen bereits zum Abtransport der Verunglückten eingetroffen waren, wurden unter den Trümmern begraben.
Man nimmt an, daß die Ursache der verschiedenen Erdrutsche auf die legte Hochwasserfatastrophe, die das Erdreich gelodert hat, zurückzuführen ist. Berschiedentlich wird auch vermutet, daß unterirdische Höhlen, die nicht mehr standgehalten haben, das Unglück herbeigeführt haben.
Lohnabbau von 10 bis 30 Prozent verlangt.
Delmenhorst , 13. November.( Eigenbericht.) Die Hanseatische Jutespinnerei und Weberei, die zum 15. November die Entlassung des gesamten Personals ausgesprochen und
feine Wiedereinstellung abhängig gemacht hat von der Annahme des von ihr verlangten Cohn abbaus, gehört zu den reaffionärflen Unternehmungen in der Tertilindustrie. Sie folgt bei dein Cohnabbau aber offensichtlich höheren" Anweisungen des Unternehmerverbandes.
Seit einem halben Jahr wird in der Hanseatischen Jutespinnerei bercits tariflos gearbeitet, da die Firma einen Neuabschluß des Tarifs zu den alten Cohnjähen nicht eingehen und die gut organi
Der Pfennigabbau
BP
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Preise mit viel schönen Reden...
fierte Belegschaft einem Cohnabbau nicht zustimmen wollte. Die Firma verlangt jetzt einen Cohnabbau der Stundenlöhne von 10 bis 15 proz. und der Akkordlöhne von 10 bis 30 Pro3. Der Akkordrichtjah beträgt gegenwärtig für Männer 78 Pfennig, für Frauen 56 Pfennig die Stunde.
Die Hanseatische Jutespinnerei hat bisher glänzend verdient. Die Damit vergleiche man die hohen Gewinne in der Teglilindustrie. Arbelter werden diesem Cohnabbau Widerstand leisten. Am 17. November wird niemand die Arbeit aufnehmen.
Die Prügel- Kommilitonen.
Ein Aufruf des Rektors.
Der gegenwärtige Reftor der Universität Berlin, Profeffor Dr. Deißmann, hat an die Studenten aller Richtungen einen 2ufruf gerichtet, in dem er um Wahrung der akademischen würde und dadurch um die Sicherung der akademischen Freiheit bittet. Der Aufruf hat folgenden Wortlaut:
Jah habe mich gestern persönlich für die Wiederher stellung der Ordnung der Universität eingesetzt. Wollen wir diese Ordnung aus eigener Straft, ohne behördlidhjes Eingreifen, aufrechterhalten, so bedarf ich der fonalen Unterstützung Durch die gesamte Stubentenschaft.
Führer verschiedener, bei den Ereignissen anwesend gewesenen Stubentengruppen haben mir diese Unterstüßung zugesagt. Ich erwarte, daß diese Unterstügung eine allgemeine fein wird. Es müssen vor allem jene fiefbedauerlichen Schmähworte und Kränkungen aufhören, durch welche die Würde unserer Uma Mafer gröblich verlegt wird.
Ich appelliere an den Geist akademischer Kameradschaft. Ritterlichteit und Gemeinbürgschaft. In diesem Geist ein Anwalt auch der Minderheiten zu sein, ist mir eine Ehrenpflicht.
Ich bin bereit. einen neutralen Boden zu schaffen, auf dem die besten Köpfe von rechts und lints sich im geistigen Ringen miteinander messen können. Aber zuerst müssen wir durch Selbstbeherrschung den Beweis erbringen, daß wir der akademischen Selbstverwaltung fähig und würdig find.
Kommilitonen! Es geht um das foftbare Gut unserer afade= mischen Freiheit. Helft mir, daß dieses Gut nicht verschleudert werde!
Der Aufruf des Rettors ist ernft und würdig. Wir hoffen,
daß er Erfolg hat gerade bei denen, die am lautesten sich als Schüßer akademischer Freiheit ausgeben und dabei ihren Terror zu üben pflegen.
*
Wie wir bei Schluß des Blattes erfahren, ist es heute mittag auf dem Hof der Universität wieder zu einer Schlägerei zwischen den Stubenten gekommen. Polizeibeamte griffen sofort ein
und brachten die Streitenden auseinander.
Nazi- Bersammlung verboten.
Grzesinsti warnt und fündigt Auflösungen an.
Der Polizeipräfident teilt mit: Der Polizeipräsident hat sich zu seinem Bedauern innerhalb ganz furzer Zeit zum zweiten Male veranlaßt gefehen, das Stattfinden einer öffentlichen Verfammlung in gefchloffenen Räumen zu verhindern. So ist der Gauleitung der NSDAP . heute mitgeteilt worden, daß die von ihr für Freitag, den 14. November, in der Neuen Welt vorgesehene öffentliche Bersammlung mit der Tagesordnung her mit der Reichswehr !" auf Grund des Abs. 1 des Artifels 123 der Reichsverfassung verhindert werden wird, da das Thema und die Auswahl der vorgesehenen Redner darauf schließen lassen, daß die Versammlung im Sinne des Gefeßes eine unfriedliche, alfo ungefehliche fein wird.
Bei dieser Gelegenheit sei festgestellt, daß in legter Zeit in steigendem Maße in öffentlichen Bersammlungen strafbare Handlungen der verschiedensten Art begangen werden. Die Absichten dazu werden verbedt, indem eine harmlose Tagesordnung gewählt wird. Strafbare Handlungen tönnen bei niemandem gebulbet werden und wenn die verfassungsmäßig gewährleistete Ber fammlungsfreiheit dazu mißbraucht wird, strafbare Handlungen zum Teil schwerwiegender Art zu begehen, so hat die Polizei bie Berpflichtung, zu prüfen, ob die liberale Handhabung vereinsgefeßlicher Bestimmungen noch am Blaze ist, zumal in letzter Beit Polizeibeamte, die zum Zwecke der Information, ohne dabei