1930
Der Abend
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Nr. 600
B 299 47. Jahrgang
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Arbeitslosigkeit wächst!
Weihnachten der Not.- 280 000 find neu arbeitslos geworden.
Die Bewegung am Arbeitsmarkt hat sich in der ersten Hälfte des Monats Dezember in ähnlicher Weise fort gesetzt wie im vorigen Berichtsabschnitt; die Zunahme der Arbeitslosigkeit aus überwiegend jahreszeit
Der Nazi Richter von Glogau Nazi- Richter
lichen Gründen hat weiter angehalten, jedoch Ein Justizministeranwärter fürs dritte Reich.
Bom Auto gerädert.
Folgenschwerer Zusammenstoß.- Eine Paffantin getötet.
Im Often Berlins , an der Ede Königsberger und Memeler Straße, flieg heute mittag eine Autodroschte mit einem Privatauto zusammen. Zwei Frauen, die 63jährige 3da Spulewitz aus der Memeler Straße 43, und eine 25jährige Frau Elifabeth£ ange, die in dem Augenblid die Straßenfreuzung überqueren wollten, wurden von den Fahrzeugen erfaßt und überfahren. Frau Spulewih starb bereits auf dem Transport zum Krankenhaus Am Friedrichshain , die zweite Berunglidie liegt sehr bedenklich danieder.
1191001 100 freigesprochen
Glogau , 23. Dezember.( Eigenbericht.)
Der aus dem Prinz- Lippe- Prozeß bekannte Borsigende des Glogau , Landgerichtsdirektor Erweiterten Schöffengerichts in Dr. Lau, weiland Staatsanwaltsschaftsrat in Lüneburg , macht durch einen unbegreiflichen Freispruch von Naziverleumdern wieder von sich reben
Unter der Antlage des Bergehens gegen das Gesetz zum Schuße der Republit stand der Gau- SA- Führer Kurt Kremser aus Breslau vor Gericht. In einer Bersammlung in Neusalz a. d. Ober im April dieses Jahres ließ fich der Angeklagte zu den schwersten Berleumbungen gegen die Republit, die Minister und den Reichspräsidenten hinreißen. Nad der Antlage hat er u. a. behauptet, die Republit bestünde aus meineid und
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Republifverleumder werden
Nationalsozialisten. Jedes Wort mar eingelernt und entsprach vollständig den Behauptungen des Angeklagten. Kunststüd:
vorher haben die Zeugen die Anklage eingesehen, was der Jeuge Ritsch zugeben mußte.
Der Anklagevertreter, Staatsanwaltschaftsrat Dr. Wiemer, hielt die Anflage in vollem Umfange aufrecht und beantragte an Stelle einer an sich verwirften Strafe von zwei Monaten Gefängnis 300 Mart Geldstrafe.
Nun das unglaubliche Urteil, das der Beweisaufnahme in feiner Weise gerecht wird:
Der Angeklagte wird auf Kosten der Staatstaffe freigesprochen!
Nach Ansicht des. Gerichts haben die Polizeibeamten aus der Rebe mur Säge herausgerissen, um dem Angeklagten einen Strict zu
wiederum nicht dasselbe Ausmaß erreicht wie in der Hochperrat. Better bezeichnete er die Republif als von fünf jüdi gleichen Zeit des Vorjahres. fchen Konzernen regiert und sprach von dem verräterischen Treiben Machthaber unter dem Deckmantel des Patriotismus. Schließbrehen! Das Gericht schenkt den Angaben der Nazizeugen, die aus lich erflärte er,
daß der Aufruf des Reichspräsidenten über die Unterzeichnung des Young- Planes ebenso lügenhaft sei, wie der der Volksbeauftragten von 1918.
Bei dem Ausspruch Republit" drehte er sich stets um, um mit einer auf Etel hindeutenden Gefte der Republik seine besondere Mißachtung zu zeigen.
Die Zahlen der Hauptunterstü sung semper fänger zeigen vom 30. November bis 15. Dezember, eine Zunahme um rund 158 000 auf rund 1946 000 in der Arbeitslosenversicherung, um rund 37 000 auf rund 608 000 in der Krisenfürsorge; dabei ist darauf hinzu. weisen, daß die Belastung dieser beiden Unterstütungs einrichtungen nur einen Ausschnitt aus dem Gesamt. umfang der Arbeitslosigkeit widergibt. In der entsprechenden Zeit des Vorjahres belief sich der Zugang an Hauptunterstütungsempfängern in der Arbeitslosenversicherung auf 233 000, womit am 15. Dezember 1929 ein Stand von rund 1 433 000 erreicht wurde. Die Zahl der Arbeitslosen( verfügbare Arbeitsuchende nach Abzug der noch in Stellung oder in Notstandsarbeit Befindlichen) belief sich am 30. Novem. ber auf rund 3,7 Millionen( berichtigte Zahl); bei der Zählung am 15. Dezember ergab sich
ein Anwachsen um rund 278 000 auf rund 3977 000 Arbeitslose.
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Die entsprechende Zahl Mitte Dezember des Vorjahres belief sich nach einer Zunahme um rund 326 000 auf rund 2362 000. Ein nicht genau erfaßbarer Teil der Ueberhöhung der Arbeitslosenziffer gegenüber dem Vorjahr beruht auf der besseren Erfassung der Wohl. fahrtserwerbslosen sowie auf dem von der wirtschaft. lichen Not erzwungenen Andrang zahlreicher, früher nicht als Arbeitnehmer tätiger Kräfte zum Arbeitsmartt.
Ein Fortschritt im Fall Bullerjahn.
Erfolgreiche Unterredung Joel- Rosenfeld.
Infolge des offenen Briefes, den der Berteidiger Bullerjahns, Genosse Dr. Kurt Rosenfeld, an den Staatsjetretär Joel gerichtet hatte, fand heute eine eingehende Besprechung zwischen dem Staatssekretär und dem Verteidiger statt. Das Ergebnis war die Feststellung, daß das Reichsjuftizministerium gemäß den Anregungen der Berteidigung nunmehr auf alle mögliche Weise die notwendige Klarstellung des Falles Bulterjahn herbeiführen wird, so daß der Berteidiger die Ueberzeugung erlangte, es werde nunmehr alles geschehen, um das Duntel, melches über dem Fall liegt, aufzuhelfen.
Steeg will abjehen. Zum größten 3orn ber Reaktion hat der neue franzöfifche Ministerpräsident einen Beamtenidhub eingeleitet. Er hat den Chef der politischen Polizei, Roquere, einen ergebenen Diener Tardieus, seines Postens anthoben. Auch soll der Bariser Bolizeipräfett Chiappe feines Anttes enthoben werden.
Die Beweisaufnahme ergab durch das Zeugnis des Polizei tommissars Arndt und des Polizeihauptwachtmeisters Joscht, die sich jofort Notizen gemacht hatten, die Richtigkeit der Anklagepunkte. Ein Bersammlungsteilnehmer fagte unter Eid aus, daß er sich bestimmt daran erinnere, daß der Redner verschiedentlich bei dem Ausspruch„ Republit" mit einer Geste, die auf Ekel andeute, aufgemartet habe. Auch sonst hat der Zeuge den bestimmten Einbrud, daß es dem Redner nur darauf anfam, zu schimpfen und zu verleumben. Anders jedoch die Entlastungszeugen, ausnahmslos
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dem Gedächtnis heraus ihre Aussagen machten, mehr Glauben als den Bekundungen der Polizeibeamten, die sich die einzelnen Sätze notiert hatten. Der Borsigende erlaubte fich weiter zu sagen: Die Revolution ist Meineid und Hochberrat, denn die Revolutionäre von 1918 haben durch Streik und Sperrung von Munitions- und Lebensmitteltranspor ten die Truppen wehrlos gemacht, dies sei unerhörtester Meineid und Hochverrat gewesen. Daß der Angeklagte die Republik gemeint habe, tönne nicht als erwiesen gelten, ebenso gelte nicht als erwiesen, daß der Angeklagte eine auf Efel hindeutende Geste beim Ausspruch des Worte ,, Republik "( obwohl eibliche Zeugenaussagen dafür vorhanden waren) gemacht habe.
Dieses Urteil ist ein Beweis dafür, wie weit die Naziseuche schon in die Justiz eingedrungen ist, bei dem von der Republik bezahlten Richter ,, Lau" tönnen die Nazis den Staat und seine Minister aufs gemeinste verleumden und herabsetzen, bei diesem Richter ist die Republik vogelfrei. Mit allen Mitteln versuchte er, den Nazizeugen die Entlastungspunkte in den Mund zu legen.
Ein Richter, der die Urteilsbegründung benutzt, um die verleumderische und schamlos- berlogene Dolchstoflüge wieder aufzuwärmen, fann feinen Anspruch mehr auf Unparteilichkeit erheben!
Herr preußischer Justizminister, ein letzter Appell: Schaffen Sie Ordnung, wenn nicht der letzte Rest des Ansehens der Juftig vor die Hunde gehen soll!
Grubenbrand!
Belegschaft in Sicherheit. - Bier Bergleute gasertranft. Gelsenkirchen , 23. Dezember. Auf der zweiten Sohle der Zeche Bergmannsglüd brach heute früh in der nordöstlichen Richtftrede durch ein schmorendes Kabel verursacht, ein Grubenbrand aus. Wegen der Gefahr der Brandgase mußte die Belegschaft vollzählig ausfahren. Bier gaserkrankte Bergleute wurden dem Krankenhaufe Bergmannsheil 2 in Buer zugeführt, doch sollen die Erkrankungen nicht brdenklich sein. Der Brand konnte sofort gelöscht werden.
Knabenmörder verhaftet.
Dresden , 23. Dezember.( Eigenbericht.)
In Prag wurde der von den deutschen und tschechischen Behörden gesuchte Raubmörder Desterreich verhaftet. Desterreich) steht im Berdacht, in der Umgebung von Dresden einen Knabeit mord und einen Raubüberfall auf einen Bürgermeister in der Sächsischen Schweiz derübt zu haben.