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Morgenausgabe

Nr. 11 A 6

48. Jahrgang

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Der Bormärts" erscheint wochentäg lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abenbausgabe für Berlin und im Handel mit dem Titel Der Abend". Illustrierte Beilage Bolt und Zeit". Ferner Frauenftimme", Technit", Blit in die Bücherwelt", " Jugend- Bormärts" u. ,, Stadtbeilage"

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Vorwärts

Berliner Boltsblati

Donnerstag

8. Januar 1931

Groß- Berlin 10 PI. Auswärts 15 Pf.

Die einipaltige Nonpareillezetle 80 Pfennig. Reflamezeile 5.- Reichs mart. Aleine Anzeigen das ettge druckte Wort 25 Pfennig( zuläffig amet fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Wort 15 Pfennig, jedes weitere Mort 10 Pfennig. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmartt Zeile 60 Pfennig. Familienanzeigen Zeile 40 Pfennig. Anzeigenannahme imhaupt geschäft Lindenstraße 3, wochentäglich von 8 bis 17 Uhr.

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Dem unbekannten Soldaten der Republik

Hunderttausende ehren den toten Willi Schneider .

Wer war Willi Schneider , wer fannte diesen 23jährigen jungen Mann außer seinen nächsten Parteifreunden und Reichsbannerkameraden vom Prenzlauer Berg und seinen Arbeitskollegen von der Allgemeinen Ortskrankenkasse?

Die Trauerfeier.

Tofenfeier für Willi Schneider ! 3m Gartenjaal Am Friedrichshain , unweit seiner Wohnung, wo er lebte und ftarb, hat das Reichsbanner den toten Kameraden aufgebahrt. Es sind ihrer viele, die dem teuren Toten im Leben nahe standen und die jetzt von ihm Abschied nehmen wollen.

Und dennoch waren die Männer und Frauen des arbeiten­den Volkes Berlins zu vielen Zehntausenden dem Rufe der Partei, des Reichsbanners, der Gewerkschaften gefolgt. Bom Friedrichshain bis zum Krematorium in der Gerichtstraße, durch den ganzen Nordosten und Norden Berlins , marschierten Um 2 Uhr sollte der Saal freigegeben werden, aber schon sie stundenlang in der feuchten Kälte dieses Januarabends, lange vorher war die Umgebung des Saalbaues, war die Straße Am Friedrichshain und der Hain selbst schwarz Don ein Zug in Sechser, Achter-, stellenweise sogar Zehnerreihenmenschen, die alle gekommen waren, um von dem Toten 2b­von mehr als vier Kilometern. Als die Spizze bereits die halbe schied zu nehmen. Bereits eine halbe Stunde später war der Strecke dieses weiten Weges zurückgelegt hatte, fonnten sich Andrang so groß, daß die Polizei Sperfetten bilden erst die letzten Abteilungen am Friedrichshain in Bewegung mußte, um den Ansturm zurück zu halten. Reichsbanner­seßen; als der Sarg des Opfers nach der Trauerfeier im leute leiteten den Anmarsch der Massen zum Saale hin, nur trupp­Krematorium in die Tiefe sant, traf gerade der Schluß des weise wurde eingelassen. Immergrüne Blattpflanzen geben dem endlosen Zuges am Ziel ein. Katafalt einen feierlich- ernsten Hintergrund, das Banner der Republit liegt über dem toten Kämpfer für Recht und Freiheit. Uniformierte Reichsbannerleute, den Sturmriemen übers Rinn, halten die Ehrenwache, Fahnendelegationen flantieren im Halbfreis halten die Ehrenwache, Fahnendelegationen flanfieren im Halbfreis den Garg: Die 25: Parteiabteilung, Schneiders Abteilung, der A12 Af bund, die Algemeine Ortsfranfenfaffe, wo er beschäftigt war, haben ihre Fahnen und Banner entsandt.

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So ehrten Hunderttausende wenn man die dichten Spaliere der Zuschauer hinzurechnet den jungen ben jungen Willi Schneider , der, 23 Jahre alt, an der Schwelle des neuen Jahres durch Anhänger Hitlers aus finnlosem Haß erschossen worden war. Die trauerumflorten Fahnen der Partei, des Reichsbanners, der Gewerkschaffen gaben ihm das Geleit. Salch einen Leichenzug hat Berlin seit Jahren nicht gespenden der verschiedensten Organisationen Bom sehen, er galt einem jungen Kämpfer, dessen Namen die allermeisten, die ihn gestern ehrten, erst durch die Nachricht feiner Ermordung überhaupt erfahren hatten.

Gerade darin aber lag die Bedeutung, die Größe, die Symbolik dieser Massenfeier: der Zug der Zehntausende, das Spalier der Hunderttausende galt gewissermaßen dem Unbekannten Soldaten der Republik , dessen Opfer, zugleich mit dem seines Freundes Herbert Graf , die Massen der Werftätigen Berlins und ganz Deutschlands aufgerüttelt, zu dem Entschluß angespornt hat: Jetzt aber Schluß!" Schluß mit der nationalsozialistischen Mordpest, Schluß mit den blutigen Verbrechen und Provokationen der Hakenkreuzler wir wollen zeigen, daß wir die Stärkeren find! Wehe denen, die unsere Zahl, unsere Entschloffenheit, unsere Disziplin, unsere Solidarität unterschätzen und einen Bürgerkrieg durch Einzelmorde provozieren!

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Eine Willenstundgebung der Solidarität war es, die die Maffen aus ganz Berlin nach dem Friedrichs­ hain und von dort in fast dreistündigem Marsch nach dem Krematorium des Nordens in Bewegung gesetzt hatte. Es marschierten hinter dem Sarge der Präsident der deutschen Bolfsvertretung Paul Löbe und zahlreiche Reichs- und Land­tagsabgeordnete der Partei, auch Bertreter anderer republika­nischer Parteien standen in Reih und Glied unter den unifor­mierten Reichsbannerkameraden, und weiter Junge und Greise, Frauen und Mädchen, Männer in Trauertracht, in Arbeits­kleidung, in Beamtenuniformen, Reichsbannerdeputationen und Schutzpolizisten trugen Kränze, Fanfaren, Trommelwirbel und Fackeln kündeten von weitem das Herannahen des Sarg­wagens, Fahnen und immer wieder Fahnen, Massen und immer neue Massen so ehrte das republifa­nische Berlin den Unbekannten Soldaten der Republik .

Störungsversuche, die von fleineren tommunistischen Gruppen ausgingen, fonnten der Macht und Würde der ge­waltigen Rundgebung feinen Eintrag tun. Trotzdem, daß sie unternommen wurden, bleibt Schande genug. Die fom munistischen Störungskolonnen haben das Gefühl aller Ar­beiter gegen sich aufgebracht, sie haben damit sich selber den schlechtesten Dienst geleistet.

Die Massen des republikanischen, sozialdemokratischen Boltes Berlins haben von Willi Schneider , dem Unbekannten Soldaten der Republik , würdig und machtvoll Abschied ge nommen. All denen, die selbst aus den fernsten Vororten der riesigen Stadt gepilgert waren, wird dieser Abend unvergeß­lich bleiben. Mögen nun in ihrem eigenen Interesse auch unsere Feinde die Lehre dieser Kundgebung ziehen und die ernste Warnung erfennen, die dieser Massenaufmarsch gerade für sie bedeuten sollte!

Vor der Bahre häufte sich eine Fülle von Aranz­Reichsbanner hatte der Bundesvorstand, der Gauvorstand, die ver­schiedensten Ortsvereine und die Jugend besonders prächtige Kranz­gebinde niedergelegt. Die Parteileitung und die Abteilung, in der der Verstorbene wohnte, der Borwärts", das AfA- Ortskartell, der ADGB. , der Allgemeine Deutsche Beamtenbund, die Allgemeine Ortskrankenkasse, der Bolfschor Osten, deffen Mitglied Schneider war, die Bezirksamtsfraktion Friedrichshain , das Personal der Druckereien Ullstein und Scherl, ein Kranz der Ullstein- Redakteure und ein Blumenarrangement der Belegschaft der Berliner Elektri­zitätsmerte seien aus der Fülle hervorgehoben. Der Allgemeine preußische Bolizeibeamtenverband ließ durch sechs uniformierte Bolizeibeamte ebenfalls einen Kranz mit schwarzrotgoldener Schleife am Sarge niederlegen,

In nicht enden wollendem Zuge defilierten die Massen am offenen Sarge vorbei, aber noch immer ist kein Ende

abzusehen, immer neue Besucher drängen heran, die Fabriken, die Werkstätten und Büros haben Feierabend, nochmals verstärkt sich der Andrang, nur mit Mühe tönnen die Ordner ihr Amt ausüben und alles in ruhige Bahnen lenken.

Die Trauerfeier beginnt.

Kurz nach 4 Uhr wurde der Saal geschlossen, aber es dauerte noch fast eine halbe Stunde, bis die letzten Besucher gegangen waren. Schnell richteten Reichsbannerleute den Raum für die eigentliche Trauerfeier her. Als die Angehörigen Willi Schneiders, seine Eltern, seine Braut den Raum betreten, spielen sich herz­ergreifende Szenen ab. Die Trauer um den toten Angehörigen ist

zu groß, als daß sie nicht in lauter Klage ihren Ausdruck fände. In den ersten Stuhlreihen sieht man neben den Angehörigen den Genoffen Crispien als Vertreter des Parteivorstandes, Litte und Holz vom Bezirksverband, Krohn und Lemmer vom Bundesvorstand des Reichsbaners, Stelling vom Gauvorstand Berlin- Brandenburg, den Reichstagspräsidenten Genossen Löbe und Refior Kellermann als Vertreter der Zentrumspartei im Reichsbanner. Langsam füllt sich der Saal mit besonders geladenen Reichsbannerfameraden, Parteigenoffen, Kollegen und Freunden des Toten. Leise tönt Aajes Tod aus Beer Gynt", von der Music gespielt, dann singt der Friedrach- Hegar- Chor linsterbliche Opfer, ihr fanket bahin".

Die Trauerreden.

Im Namen der Reichsbanner- Kameradschaft Arnswalder Plaz sprach als Erster der Borsigende Schulezit, der u. a. fagte: Wer Schneider näher gekannt hat, der weiß, daß er politische Händel nie suchte. So wie er stets ein Gegner der Gewalt war, jo trat er auch in der Bewegung immer für die Anwendung friedlicher Mittel ein, er fämpfte mit den Waffen des Geiftes, nicht der Gewalt.

Für die 25. Abteilung der Partei sprach

Genosse Werschnitzky:

" In jungen Jahren hast du dich, dem Beispiel deiner Eltern folgend, in unsere Scharen eingereiht. Die Sache der Arbeiterschaft war auch die deine. Deine Zuversicht richtete Zweifelnde auf, deiner Jugend Luft und Freude half uns über manche schwere Stunde hinweg. Froh und hoffnungsvoll ging Willi Schneider in das neue

Ehrenwache des Reichsbanners am Sarge

SPZ

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