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Nr. 157.
Erscheint täglich außer Montags. Abonnements Preis für Berlin: Vierteljährlich 3,30 Mart, monat= lich 1,10 Mart, wöchentlich 28 Pfg. frei in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit bem ,, Sonntags: Blatt" 10 Pfg. Poft- Abonnement: 3,30 Mart pro Quartal. Unter Kreuzband: Für Deutschland u.Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Eingetragen in der Poft- Zeitungs- Preisliste für 1891 unter Nr. 6469,
Vorwärts
8. Jahrg.
Insertions- Gebühr beträgt für die fünfgefpaltene Petitzeile oder beren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müffen bis 4 Uhr Nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr Abends, an Sonnund Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet.
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Redaktion: Beuth- Straße 2.
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Aus den Berichten
der Gewerberäthe für 1890.
I.
Donnerstag, den 9. Juli 1891.
Expedition: Beuth- Straße 3.
unternehmungen und die Verstöße gegen das Gewerbe recht Die Zahl der beschäftigten Kinder überhaupt stieg im sich erweisen, welche der öffentlichen Feststellung und Abhilfe Regierungsbezirk Breslau um über 130 pCt., so daß im Ganzen fich jahraus jahrein entziehen. jetzt 1382 Kinder in diesem Regierungsbezirk beschäftigt Außerdem aber geht hieraus auch hervor, wie sehr un- werden. Auch die Zahl der arbeitenden Frauen ist erheblich mehr zureichend die eben erfolgte Gewerbe- Aufsicht in Preußen als die Zahl der Arbeiter insgesammt gewachsen. Während es im Jahre 1889 im genannten Regierungsbezirk In einem über 400 Seiten starken Bande zusammen- ist, indem an Stelle der bisher vorhandenen und an Zahl gestellt sind soeben unter dem Titel: Jahresberichte fo gänzlich ungenügenden, noch nicht 50, Gewerbe- Auf- 41 106 Arbeiterinnen gab, sind jetzt 45 638 gezählt worden. Demnach sucht sich also die Industrie, welche sowohl ber Gewerberäthe und Bergbehörden für fichtsbeamten nunmehr hundert und einige sechszig treten an Ausdehnung wie an Intensität erheblich wächst, in 1890" die Berichte der preußischen Fabrikinspektoren er- sollen. Schienen. Dieselben behandeln nach einem allgemeinen Ueber- Die Gewerbe- Aufsichtsbeamten werden dementsprechend steigendem Maße die billigen und billigsten Arbeitskräfte blick über die Thätigkeit der Gewerbe- Aufsichtsbeamten und reichlich dreimal so viel Gewerbebetriebe besichtigen können, dienstbar zu machen, während die theureren Arbeitskräfte, die Männer, mehr und mehr aufs Pflaster geworfen und über den Bestand der ihnen unterstellten Betriebe, die Zahl als bisher; das würde aber, selbst wenn die Zahl der zu die Schaaren der industriellen Reserve- Armee, dieses Grundder Arbeiter, die Ausstände, die Arbeitszeit, Kündigungs- beaufsichtigenden( gewerblichen Anlagen nicht bedeutend anfrist, Arbeitsordnung, den Schutz der Arbeiter vor Gefahren, wüchse, kaum mehr als ein Drittel der vorhandenen Fabrik: quells für die Uebel der privatkapitalistischen Produktionsund endlich die Maßnahmen, welche sich auf den Schutz der anlagen in den Kreis der revidirten Gewerbebetriebe ein weise, zu vermehren gezwungen werden. Die Männer der Arbeit hungern und verkommen in Nachbarn auf genehmigungspflichtigen Anlagen beziehen. beziehen; nun kommen aber zu den zu beaufsichtigenden immer größeren und größeren Zahlen auf der Straße und Von hervorragendem Interesse sind die Berichte der Fabriken noch die viel zahlreicheren kleingewerbAufsichtsbeamten für Schlesien und zuvörderst diejenigen, lichen Unternehmungen und einschließlich der Haus- die Weiber und Kinder plagen sich zu Tode, verkümmern und verelenden rascher und rascher im Staube und Qualm welche sich auf die Regierungsbezirke Breslau und Liegniß industrie hinzu; das Feld der Fabrikaufsicht erstrecken. Im Regierungsbezirke Breslau war die Zahl ist also ein ganz außerordentlich größeres geworden, wäh- der Fabriken. der Fabrikanlagen von 3210 auf 3697, also um 487, und rend die Zahl der Aufsichtsbeamten noch bei weitem nicht im Regierungsbezirke Liegniz von 2835 auf 3350, das ist so vermehrt worden ist, als es der Umfang der jetzt schon um 515 gestiegen. Beide Regierungsbezirke zusammen hatten der Fabrikinspektion unterstellten industriellen Gebiete eralso 7047 Fabrik- Unternehmungen aufzuweisen. Von diesen fordert. Im übrigen braucht man nicht etwa zu denken, find 605 Fabriken besichtigt worden, im Ganzen also gerade daß der Gewerberath für die Regierungsbezirke Breslau und Briefe aus Frankreich .") 10 pCt., während neun Zehntel aller Fabriken ohne jegliche Liegnik mit fammt seinem Assistenten etwa weniger geleistet Die Vorfälle in Fourmies und der Prozeß Turpin stehen mit Aufsicht geblieben sind. In jener geringen Zahl der be- hätte, als die übrigen Fabrikinspektoren, im Gegentheil muß einander in unverkennbarem Zusammenhange: wir sehen in ihnen fichtigten Fabriken haben sich nun schon zahlreiche Verstöße das hier zu Tage getretene Verhältniß der revidirten Bewei Bekundungen des bürgerlichen Patriotismus; in Fourmies gegen die Fabrikordnung feststellen lassen. triebe zu den der Fabrikinspektion unterstellten Fabrik- fchießen Soldaten auf einen unbewaffneten Boltshaufen, der bei In 19 Fabriken z. B. mußten Verfehlungen gegen die anlagen als das unter den gegebenen Verhältnissen einer Kundgebung begriffen ist; aber die Regierung sucht das, $ 8 134 ff. gerügt werden, nach welchen der Arbeitslohn in normale betrachtet werden; es haben sogar andere Gewerbe- was geschehen, mit dem Mantel des Stillschweigens vor der baarem Gelde auszuzahlen ist und den Arbeitern von den räthe, wie der in Oppeln, die Zahl der Revisionen noch Welt zu verdecken, aus Furcht, die Armee in Mißachtung zu Arbeitgebern keine Waaren kreditirt werden dürfen. nicht auf 10 pCt. gebracht, indem der letzterwähnte Ge- bringen, die Armee, diesen heiligen und unverleglichen Schild der und alle Deputirten, bis zu den bürgerlichen In einer Glashütte wurde die Beschäftigung eines werberath bei 2818 Anlagen nur 230 Besichtigungen zu Wege Radikalsten, verzichten frohen Herzens auf eine Untersuchung, die jugendlichen Arbeiters an einem Kollergange zur Zerkleine- brachte. das Militär blosstellen könnte. Ueberdies, da man hier eine rung von Chamotte, als von höchst bedenklichem Einfluß Die Zahl der jugendlichen Arbeiter hat sich in den Probe der Lebel- Flinte vor sich sah, die man, um mehr in der auf die Athmungsorgane desselben untersagt. In zwei letzten zwei Jahren ganz erheblich vermehrt, nämlich im Familie zu bleiben, auf Franzosen hatte machen wollen, so handelte anderen Glashütten waren Kinder in der Schleiferei, wenn Regierungsbezirk Breslau von 5158 auf 6490 und im Re- man sehr flug, wenn man die Resultate nicht näher ans Licht auch nur( angeblich!) aushilfsweise, beschäftigt. In einer gierungsbezirk Liegnig von 3969 auf 4396, im ganzen also zog es ist gewiß, daß die Erschossenen den Mund nicht mehr Flachsgarnspinnerei fehlten die vorgeschriebenen Bescheini- um 1759. Diese Zunahme ist weit bedeutender als in den geöffnet haben, um die Mordkraft der neuvervollkommneten Waffe Im Falle Turpin ist ein Erfinder der Ansicht, gungen des Arztes über die Körperbeschaffenheit der jugend- vorangegangenen zwei Jahren, wo sie nur 1198 betrug. zu preisen. lichen Arbeiter, von welchen die Beschäftigung bis zu Die größte Zahl von jugendlichen Arbeitern ist in der daß er vom Kommissorium der Armee für das Jahr 1889 nicht 11 Stunden abhängig ist. Ju 27 Fabriken fehlten die Textilindustrie, die nächstgrößte in der Stein- und Erd- genügend bezahlt sei was thun er wendet sich ganz einNah- fach an eine andere Nation und bietet ihr seine Erfindung, geAushänge, welche der§ 138 Absatz 3 verlangt. In mehreren Jndustrie beschäftigt, dann folgen die Industrie der Nah- heime Explosivstoffe, an. Herr Heinrich Fouquier versucht im Bigarrenfabriken waren die Ankleideräume nicht in vor- rungs- und Genußmittel, die Metallverarbeitung, die Fabrika" Echo von Paris" die zwei Seelen des Herrn Turpin: die des schriftsmäßigem Zustande. In zwei Glashütten mußte tion von Maschinen und Werkzeugen, die Holz- und Schnitz- Bourgeois und die des Patrioten einander gegenüber zu stellen. die Beschäftigung von Arbeiterinnen an Glasöfen gerügt stoffindustrie; die wenigsten jugendlichen Arbeiter( 10) be- Der Bourgeois hat eine Erfindung gemacht und möchte daraus schäftigt die Fabrikation der Heiz- und Leuchtstoffe, denen möglichst viel Geld schlagen: er wendet sich 1886 an das KomWie man also sieht, war die Zahl der durch die Fabrik- in großem Abstande( mit 100 und 102 jugendlichen Ar- missorium der Armee und bietet ihm seine Erfindung an; dieses inspektion zu Tage geförderten Uebelstände und Gesetzes beitern) die chemische Industrie sowie Bergbau, Hütten und*) Unser Freund Guesde ist seit einigen Wochen theils durch verlegungen in den einen Behntel der revidirten Fabrit Salinen folgen. Bemerkenswerth ist die große Zahl der anderweitige Arbeiten, theils durch den Stand ſeiner Gesundheit, anlagen schon eine sehr erhebliche. Wenn man nun bedenkt, im Kindesalter stehenden Mädchen, die zur Arbeit heran: an der Mitarbeit für den Vorwärts" verhindert. Bis zur Zeit, baß neun Behntel aller Fabrikbetriebe keine Besichtigung gezogen werden. Der Bericht erklärt dies sehr harmlos wo er seine Korrespondenz wieder aufnehmen kann, wird er durch erfuhren, so kann man sich ungefähr einen Begriff davon damit, daß Mädchen in diesem Alter viel verwendbarer einen anderen wohlbewährten französischen Genoffen vertreten. machen, wie zahlreich diejenigen Wängel bei unseren Fabrik- find, als Knaben.
werden.
Feuilleton.
Nachdruck verboten.]
( 105
Die Falkner von St. Vigil. Roman aus der Zeit der bayerischen Herrschaft in Tyrol
von Robert Saweiche L.
mußte seitdem das Bett hüten.
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Red. d. Vorwärts."
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Afra hatte ihren Mann nach der Kirche begleitet; bei Lisei sah sie nach Hause kommen und ging nach einer dem Hinausgehen war sie im Gedränge von ihm ge- kleinen Weile zu ihr, um von ihr Näheres über die Ursache trennt worden. Als sie sich nach ihm umsah, stand plößlich des Sturmläutens zu erfahren und was weiter geschehen Ambros vor ihr. Er hatte sie schon in der Kirche be- wäre. Sie fand Afra in der größten Aufregung. Das merkt. Seit dem Unglückstage in der Mühle hatte er Gesicht derselben war weiß wie ein Tuch, ihre großen Augen sie nicht wiedergesehen. Was er für sie empfunden, war gligerten wie im Fieber und ihre Brust drohte im stürmis in den bitteren Schmerzen über seine Untreue untergegangen. schen Wogen das Mieder zu sprengen. Sie ergriff Lisei Ihr Anblick mahnte ihn an sein Unrecht gegen sie, und am Handgelenk und rief: sie war schöner als je. Mit einem trüben Lächeln reichte er ihr die Hand hin. Sie wurde bleich, als er auf einmal
" Ist er mir denn keine Treue schuldig?"
" Du bist mit dem Ambros zusammengetroffen?" fragte
" Ach, Afra, die Folgen seiner Untreue gegen die Gtast erfüllten ihn mit bitterer Reue, wie kann dabei seine Liebe Dir bestehen?" Aber ich lieb' ihn," schrie sie auf.
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" Komm, sei doch ruhig," sagte Lisei sanft. Du armes Weib, ich kann ja mit Dir fühlen, wie weh das thut. Er zähle mir, was es zwischen Euch gegeben hat."
Sie verfehlte aber ihren Zweck, Afra durch ein Aussprechen ruhiger zu stimmen. Denn diese rief:
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Der Klosterbauer hielt sich grämlich in seiner Wohnung vor ihr stand. Im nächsten Moment überfluthete eine Blut- sie. welle das schöne Gesicht und Feuer schoß aus ihren prächtigen verschlossen. Der arme Jerg aber konnte an keinen Kriegszug denken. Augen. Sie sollte die Hand fassen, die mit ihrem Herzen zu Er hatte einen oder zwei Tage, nachdem der Landrichter gespielt hatte? In stolzer Haltung wandte sie sich von ihm mit dem Oberförster und Mutschleitner in Bruneck gewesen ab. Er warf nur noch einen Blick auf sie und langsam war, das Unglück gehabt, bei dem Aufbringen eines frischen entfernte er sich. Baumstamms in seiner Sägemühle sich zu verheben und Wie war das Leben wieder heiß durch ihre Adern gefluthet, wie hatte ihr Auge wieder aufgeleuchtet, als es ge " Der Spektakel geht also wieder los," äußerte er zu heißen: er fommt, er ist da! Nun war ja alles gut Schau, so elend bin ich gewesen, daß ich nicht hab' Lisei," als er das Wimmern und Heulen der Sturmglocke und mit glühenden Farben hatte sie sich das Wiedersehen vernahm. ausgemalt. Und dann war ein Tag nach dem anderen leben mögen: aber keine Rugel hat mich getroffen. Warum " Willst Du auch dies Mal wieder daheim bleiben?" vergangen, mit Hoffnung begrüßt, mit Enttäuschung be- hat Gott mich am Leben gelassen, wenn der Ambros mein fragte sie bekümmert. Läßt es Dich denn ganz kalt, was graben. Er liebte sie nicht mehr; er hatte sie vergessen! Herz verrathen sollte?" „ Er hat Dich nicht verrathen, das glaube doch ja nicht," die Leut' von Dir denken? Ich möchte vor Scham um Dich Es war das kein verzweifelter Ausschrei ihres Herzens gein die Erd' sinken. Steh' auf, nimi Deinen Stutzen und wesen. Nein, allmälig, ganz allmälig war der Verdacht versetzte Lisei. Nur zur Erkenntniß seines Unrechts ist er gebring' Dich wieder zu Ehren!" herangekrochen und hatte wie eine Schlange, Gift hauchend, kommen. Und mir dünkt, daß unser Herrgott den Tod von Dir Aber feine eisigen Ringe trotz allen Sträubens fest und fester um abgewehrt hat, um Dir Zeit zu lassen, damit auch Du Deine freilich, das wäre Dir lieb, wenn ich mich von der Tollheit ihr Herz geschlungen. Sie war zu stolz, um zu verrathen, Schuld bereuft wie er. Aus der Untreue erwächst kein anstecken ließe. Du denkst, es träfe mich wohl eine Kugel was sie litt und nie war eine Frage nach Ambros über Glück." ihre Lippen gekommen. Wie fonnte sie ihm den Verrath Afra sank auf den nächsten Sitz und brach in Thränen und Du wärest mich los." an ihrer Liebe vergeben? Daß er es auch nur zu ver- aus. Lisei ließ sie weinen; es war der beste Trost für sie. langen wagte! Sie streichelte ihr das Haar und nach einer Weile ging sie
Rann ich denn ein Glied rühren? stöhnte er.
Lisei richtete ihre schlanke Gestalt hoch auf und maß ihn mit einem verächtlichen Blick.