Nr. 116.
Erscheint täglich außer Montags. Breis pränumerando: Viertels jährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mt., wöchentlich 28 Bfg. fret in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mt. pro Quartal. Unter Kreuzs band: Deutschland u. Defterreichs Ungarn 2 M., für das übrige Ausland 3 Mt. pr. Monat. Eingetr. in der Post Beitungs- Preisliste für 1896 unter Nr. 7277.
=
Vorwärts
13. Jahrg.
Infertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Bfg. Inferate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 11hr abends, an Sonn und Festtagen bis 9 1hr vormittags geöffnet.
Eernsprecher: Amt 1, Nr. 1508 Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin ".
Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Bum Prozek gegen die Tozialdemokratischen
Organisationen.
Es sollte und mußte einmal wieder eine staatsrettende That geschehen. Im Ministerium des Innern und am Alexanderplat empfand man das dringendste Bedürfniß, einen Beweis polizeilicher Leistungsfähigkeit gegenüber der Partei des Umisturzes zu liefern.
Mittwoch, den 20. Mai 1896.
Was haben nun die Verhandlungen erwiesen? An Thatsachen weiter nichts, als was bereits ohne den umständlichen Ermittelungsapparat einem jeden bekannt war, der das öffentliche Leben zu verfolgen gewohnt ist. Aber offenbart hat sich bei dieser Gelegenheit in wünschens werthester Deutlichkeit die Unzulänglichkeit polizeilicher Beugenaussagen.
Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.
darauf ankam, die Ungesetzlichkeit des VertrauensmännerSystems zu beweisen, nahm er es auf seinen Beugeneid, daß jene nämliche Versammlung eine sogenannte Korpore" gewesen sei. Wäre er sich über den Unterschied zwischen Bekundung von Thatsachen und Wiedergebung persönlicher Urtheile klar geworden, so würde Herr Schöne sowohl in dent einen wie in dem andern Falle sein persönliches Urtheil nicht als Thatsachen- Bekundung ausgegeben haben. Aber diese beiden einander widersprechenden Aussagen zeugen obendrein von einer derartigen Gedächtnißschwäche und von einer derartigen Ueberwucherung des logischen Denk vermögens durch die Phantasie bei dem bedauernswerthen Herrn, daß seine Zengenaussagen dadurch allen Werth verlieren.
Ein Glück für ihn immerhin, daß er nicht Sozialdemokrat ist! Da fönnte er gar leicht in einen bedenklichen Verdacht gerathen.
M
er's
Nicht, daß es den Bolizeibeamten an Eifer gemangelt hätte. Im Gegentheil! Sie sagten nicht blos das aus, was sie selber aus eigener Beobachtung wußten, fie mischten das mit unterschiedslos durcheinander, was sie von anderen Seit Jahren hatten allerhand Werkzeuge der politischen Leuten erfahren hatten. Erst dem Gerichtshof, den AnPolizei in und außer Uniform, mit und ohne Marke, geklagten und ihren Vertheidigern war es vorbehalten, die sich bemüht, irgend welchen Ungesetzlichkeiten der Sozial Aussagen nach ihrem Ursprunge zu sichten und zu werthen. demokratie auf die Spur zu kommen. Sozialdemo- Den Polizeibeamten ist es vermuthlich heute noch nicht klar, kratische Versammlungen und Zusammenkünfte, oder daß bei einem objektiv urtheilenden Gerichtshof es nicht in was man dafür hielt, waren überwacht worden; betracht kommen darf, was ein Polizeibeamter als unden bekannteren Sozialdemokraten Berlins waren die verbürgte Aussage irgend eines Spitzels, über dessen Persön- Und wie der Kommissar, so die Schutzleute. Welcher Späher nachgeschlichen bis in die obersten Stockwerke der lichkeit er gefliffentlich den Deckmantel obrigkeitlichen Ge- Reichthum an Phantasie ruht da verborgen in diesen Privathäuser hinauf, hinein bis in die geheimsten heimnisses breitet, in seine eigene zeugeneidliche Aussage würdigen Männern! Hat einer von ihnen mehrere SozialKabinette der Restaurationen; sie hatten sie umkreist hineinflicht. bemokraten in ein Haus hineingehen sehen, beobachtet er bei Sonntagsnachmittags- Ausflügen in den Gehegen Aber noch einen andern bedauerlichen Mangel an Unter- ihrer mehrere Sonntags nachmittags im Grunewald des Grunewalds. Eine Unzahl von Berichten über scheidungsvermögen verrieth gerade das geistige Haupt der zusammen flugs notirt er ins Notizbuch: Ge= Korpore Versammlung! fann Dann die gemachten Entdeckungen lagerte aufgestapelt in den Polizeizeugen, der Kriminalkommissar Schöne. Er wußte heime Archiven des Alexanderplates. Aber trotzdem durch polis nicht die Bekundung von Thatsachen zu trennen von seinem schwarz auf weiß getrost nach dem Alexanderplat tragen. zeiliche Phantasie allerhand beobachteten Verrichtungen der persönlichen Urtheil über die Bedeutung dieser Thatsachen. Als Eröffnet uns dieser Prozeß somit doch die frohe Aussicht, daß jozialdemokratischen Kneipenbesucher und Ausflügler der man ihm klar zu machen versuchte, daß sein Urtheil in die wir an der Zukunft der deutschen Dichtkunst nicht zu verAnstrich eines Verschwörerle- Spiels verliehen war, fehlte der Zeugenaussage nicht hineingehöre, versicherte er: aber das zweifeln brauchen. Ließe die Staatsretterei den Beamten staatsretterischen Deutungskunst doch noch das geistige Band ist doch außerordentlich wichtig! der politischen Polizei nur mehr Muße, so würden ihrer zur Verknüpfung aller jener Einzelbeobachtungen zum Bilde Wenn er mit der Werthung seines persönlichen Urtheils viele, gleich ihren isländischen Kollegen, von denen man einer ungefeßlichen Organisation. berart über das Ziel hinausichoß, so ist das aller- dieser Tage las, sich sicher noch in der Literatur einen Da wurde denn in Berlin auf die Initiative des dings aus allgemein menschlichen Gründen verzeihlich. Namen machen. Ministers v. Köller oder des Kriminalkommissars Für den Gerichtshof konnte indeß das persönliche So wie die Dinge jeht eingerichtet sind, liegen ihre Schöne hin die Autoritäten sind in Wider- Urtheil des Herrn Schöne um so weniger Werth haben, Kräfte eigentlich völlig brach auch für den Staat. Denn spruch gerathen über den Ursprung der rettenden als es sich herausgestellt hat, daß ihn seine augenscheinlich das ist ja das bemerkenswerthefte Ergebniß dieses Prozesses, That ein großer polizeilicher Beutezug veranstaltet. Die recht lebhafte und fruchtbare Phantasie zu abweichenden daß die Verurtheilungen, die dennoch bei dem Prozeß gegen Parole erging, und hunderte pflichteifriger Beamter Beurtheilungen der nämlichen Thatsache bei verschiedenen Auer und Genossen herausgekommen sind, durchaus nicht schwärmten aus. Bei den Mitgliedern des Partei- Gelegenheiten verleitet. Da ist einmal eine Zusammenkunft beruhen auf den polizeilichen Observationen und vorstandes, bei den Vertrauensmännern der Partei, bei im Lokal" Märkischer Hof" beobachtet worden, die auch in Haussuchungen, daß sie außer Zusammenhang stehen den Vorständen der Wahlvereine wurden Haussuchungen einem anderen Prozeß( gegen Hinge und Genossen) eine aus- mit der gesammten politischen Thätigkeit des Instituts für veranstaltet. Alles Hausgeräth wurde durchsucht, schlaggebende Rolle gespielt hat. In jenem Prozeß, in Staatsrettung am Alexanderplatz . alles Papier bis auf halbverbranntes Backpapier dem es sich die Polizei zur Aufgabe gestellt hatte, zu be- Weshalb sind denn die Mitglieder des Parteiin der Küche geprüft, ganze Ballen Briefmakulatur werden weisen, daß der vorläufig aufgelöste Wahlverein im zweiten vorstandes und der vier Wahlvereins- Vorstände zu Geldzusammengetragen. Monatelang hatte das Untersuchungs- Berliner Reichstags- Wahlkreise im geheimen fortbestehe, strafen verurtheilt worden? gericht mit der Sichtung des Materials zu thun, ein- nahm Herr Schöne es auf seinen Zeugeneid, daß Auf grund folgender zweier vom Gericht als erwiesen gehende Verhöre aller Berdächtigen wurden veranstaltet die fragliche Versammlung eine Versammlung des aufgelösten angenommener Thatsachen: und endlich kam es zu einer Antlage wegen Vergehens Vereins gewesen sei. Vierzehn Tage später, in dem Prozeß 1. weil der Gerichtshof angenommen hat, daß der gegen das Vereinsgesetz. gegen Auer und Genossen, in dem es der Polizei auch Parteivorstand einen politischen Verein bildet;
28
-
-
Tene.
( Nachdruck verboten.)
Roman von Nicolaus Krauß. Lene hörte aufmerksam zu, so oft die Bäuerin von ihrem geheimen Rummer zu reden begann, warf hie und da eine Frage, ein paar Worte dazwischen, aber weiter erstreckte sich die Vertraulichkeit nicht.
die Schusterweiber rebellisch geworden, das Rathhaus gestürmt, auch in seiner ganzen Lebensführung mit peinlichster Ge mit den Fäusten auf den Tisch geschlagen und den Magistrat wissenhaftigkeit an das Herkommen. Der Vater und der aus den Fenstern werfen wollten. Was die zwei uralten Großvater hatten es so und so gemacht, genau in derselben Steinkreuze zu bedeuten hätten, die draußen an der Fried- Weise hielt es der Sohn und Enkel. Die kleinste Abhofmauer ständen. Der schwarze Mann mit dem weißen weichung und Neuerung wäre ihm als Verbrechen, als Herzen, der sich noch vor zehn Jahren im Bernert- Hof zu Mißachtung der Vorfahren erschienen. Dieser Gleichklang Förba habe sehen lassen, wurde zitirt, die Sibylle- Weiß, die erschien auch im Verhältniß des Bauers zur Religion, zur Die Wochen vor Weihnachten brachten noch harte mit dem nackten Fuß in einen harten Stein getreten sei Kirche; er that was sich gehörte". Wenn der Pfarrer Arbeit. Das angesäuerte, zum Füttern bestimmte Kraut wie in weiche Butter, und die arme Melusine, die schon auf der Kanzel stand und predigte, glaubte er ihm, was und die gelbrothen Futterrüben mußten täglich mit dem seit tausend Jahren in einem Thurm zu Babylon gefangen der Geistliche sonst noch redete, hatte für ihn weniger Messer gestoßen werden, das Dreschen ging gleichmäßig gehalten werde. Ganz einsam sei das Mädchen, und von Werth, als wenn es ein anderer Bauer gesagt hätte. Er weiter. War die Kälte gar zu streng, dann saßen der Beit zu Zeit seufze es; und ihre Stimme sei es, die aus ging jeden Sonntag zur Kirche, einmal jährlich zur Beichte Bauer und seine Magd den ganzen Tag im warmen Kuh- einem draußen rasenden Sturm erklinge. und Kommunion, und am Sterbetage seines Vaters ließ ftall und drehten Strohbänder, wie man sie zum Defter kam die alte Frau auch auf ihren ehemaligen er eine Seelenmesse lesen. Damit hielt er seine Pflichten Garbenbinden braucht. Und dann kam am Abend das Inwohner zu sprechen, den„ Bombardon- Schneider". Der sei gegen den Herrgott erfüllt, seinen Anspruch auf schönes Spinnen. Den Flachs hatte der Bauer vom Vülwat Wetter und Gedeihen der Saaten für begründet und gegen Hafer eingetauscht; seine Frau konnte wegen ihrer gerechtfertigt. Gebrechlichkeit das Dörren, Brechen und Hächeln nicht mehr leisten, Lene verstand es noch nicht. Aber spinnen konnten sie beide.
tein Einheimischer gewesen und habe zuerst drüben im andern Theil des Dorfes, auf dem Flohberg" gehaust. Aber die jungen Burschen, und auch die jungen Männer Sein Acker, das war er selbst. Wer jenen beschädigte, hätten ihn so lange gefoppt, bis er weggezogen. Sie sagten, gering schätzte und herunter machte, beleidigte ihn, den er sei fein und zierlich wie ein Mädchen. Das stimmte auch. Bauer. Wenn im Herbst das Koru blutigroth aufgegangen An dem großen Kachelofen recte sich ein Eisenkorb Schuhe hatte er, die brauchte man nicht zu wichsen und zu und die jungen Triebe im Winde leise zitterten, beglückte hervor überdacht von einem thönernen Lehnhut. In den schmieren und doch hätten sie allweil geglänzt wie Hunds ihm das Gefühl, als wäre er selbst wieder jung geworden, Korb wurden harzige Holzspähne und fette Braunkohlen beutel. Und vorn an den Hemdsärmeln hatte er Dinger, die als verspürte er das Schwellen, Recken und Wachsen am gelegt und angezündet. Die Flamme roch schauerlich, aber waren so hart gestärkt wie ein Brett. Mit allem hätte er eigenen Leibe. Jm Winter, wenn unterm Hauche des fie erhellte die ganze Stube und wärmte dabei. Auf der verlieb genommen, und man hätte es kaum gemerkt, daß ein Frostes die Schindeln des Daches krachten, war sein erster Ofenbank saßen Lene und die Bäuerin und spannen; das Inwohner im Hause wäre. Aber mit dem Verdienen hätte Gedanke die junge Saat und ihre Schicksale. Jedes Feld Mädchen mit dem Rade vom stehenden Rocken, die Frau er halt sein Kreuz gehabt. Genäht habe er wie gestochen, hatte seinen eigenen Namen; er überhäufte es mit Lobsprüchen, von der Kunkel mit der tanzenden, springenden und aber die Bauern hätten kein rechtes Butrauen zu ihm wenn es bei der Ernte hielt, was es im Herbste und Frühjahr aufpolternden Spindel, frei aus der Hand. Gesprochen faffen können, und dann habe er auch mit der Sprach nicht versprochen, er gab ihm gute Worte und ermunterte es, wurde dabei nicht viel. Der Bauer hatte sich in die Ecke so recht fortgekonnt. Aber nie hatte er sich etwas merken wenn es mit dem Ertrage zurückgeblieben. Wenn er an hinter den Tisch zurückgezogen, in der ganz nahe der Holz- lassen, jederzeit sei er freundlich und aufgeräumt gewesen, Sommerabenden, den Rainen folgend, durch die Aehren decke einige Heiligenbilder hingen, rauchte still seine Pfeife selbst dann noch, als er anfing, immer schwächer zu werden. langsam dahinschritt, schwoll ihm das Herz voll Stolz und oder buchstabirte in einem alten Kalender. Wenn die alte Auch der Bauer hätte ihn gern gehabt, schon deshalb, weil Befriedigung. Alles, was da stand, raschelte und rauschte, Uhr, deren Gehäuse schier so hoch war wie die Stube, die er sogar viel schön Bombardon blasen konnte. Als er ge- die hängenden, körnerschweren Aehren, die sich leise neigten, neunte Stunde feuchte, ging man zu Bette. Lene spann storben, habe sich niemand von seiner Freundschaft blicken als wollten sie einander etwas erzählen, den dickköpfigen gern. Man fonnte so gut träumen bei der gleichmäßigen, laffen, der Bauer hätte das Geld für die Leich' ausgelegt, Klee , in dem man versant bis über die Knie, den Hummeln nicht viel anstrengenden Arbeit, der Vergangenheit ge- und bis heute noch lägen dem Schneider seine Sachen und Bienen umflogen und rothe und weiße Feuerfalten", denken und der Geschiedenen und sich Hoffnungen ausmalen, droben im Stüberl. Nur der Bombardon sei weg, nun die hatte er geschaffen mit seiner Hände Arbeit, seinem Schweiß, chön und farbenprächtig, für die Zukunft. Lene wisse ja, wo er hingekommen. Und gern und leicht er und der Acker, die Scholle. gestorben sei der Schneider, so etwas hätte sie, die Bäuerin noch gar nie erlebt.
Wenn der Flanger hinter dem Tische eingenickt war, erzählte die Bäuerin im halben Flüstertone allerlei Geschichten. Von der großen Theuerung Anno 47, wie in Eger !
Wie bei der Arbeit, so hielt sich der Flanger- Bauer
( Fortsetzung folgt.)