Der Abend
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Rr. 136
B 68
48. Jahrgang
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Eindrucksvolle Gedenkfeiern im Reichstag und im Landtag Beileidskundgebungen von nah und fern
Auf dem Iah Hermann Müllers im Plenar jaal des Reichstages liegt zum Zeichen des Gedenkens ein Blumengewinde aus Callapflanzen. Das Haus war sehr stark besetzt, die Reichsregierung vollzählig erschienen, auch der Staatssekretär Dr. Meißner vom Büro des Reichspräsidenten nahm an der Trauerkundgebung teil. Sobald
Präsident Löbe
den Saal betrat, erhob sich alles und der Präsident hielt folgende Ansprache:
Nach tagelangem Ringen ist Abg. Hermann Müller seinem Leiden erlegen. Er hat seine Augen geschlossen. Noch vor zwei Wochen war er arbeitend unter uns, half er mit seinem verständnisvollen Sinn bei den schwierigen Verhandlungen unter den ver= schiedenen Parteien. Das Bild seiner Persönlichkeit und feines Lebens liegt flar und rein vor jedem Unge. Er gehörte zu jenem engen Kreise von Menschen, denen nach der politischen Umwälzung in Deutschland ein großes Maß von Verantwortung auf die Schultern gelegt wurde. So wenig er nach den neuen Aemtern gestrebt hat, so wenig war er gewillt, die Berantwortung im Dienfte. für sein Land und sein Bolt nicht auf sich zu nehmen. Er war schon 1914, um den unheildrohenden Krieg mit abwenden 3u helfen, nach Paris gefahren. Er hatte 1917 in Stockholm und auf anderen Konferenzen versucht, ein früheres Ende herbeizuführen. Es war vergeblich. Als die alten Gewalten ihren Plaz verließen, da murde er in die ersten zentralen Körperschaften der werdenden Republik berufen, und er hat dort alle seine Kräfte eingefeßt für die Gefeßgebende Deutsche Nationalversammlung , die auf dem gleichen Recht der Bürger und Bürgerinnen gegründet war. So wurde er einer der
Mitschöpfer der neuen Berjajjung.
Als der übermächtige Gegner uns das Diftat von Ber. failles aufnötigte, fiel thm die niedertrüdende Pflicht zu, die Gegenzeichnung zu übernehmen. Er wußte, daß diese Gegner ihm feine vornehme Behandlung zuteil werden lassen würden. Er ahnte, daß die Heimat, für die er den Weg unternahm, Vorwürfe gegen ihn auftürmen würde. Er litt unter der Aufgabe, die ihm zugeschrieben war, aber als er zu erkennen glaubte, daß das ber einzige Ausweg für Deutschland war, nahm er diese bittere Pflicht des deutschen Außenministers auf sich Er hat dafür die Schmähungen getragen, die nach ihm und neben ihm mancher deutsche Außenminister hat erdulden müssen. Damals
und später hat er uns versichert:
das war der schwerste Tag meines Lebens! Und es blieb ihm nur noch die Genugtuung, an erster Stelle mitzuhelfen bei der Räumung der Rheinlande, bei der Erleichterung der Laft der Reparationen, und somit den Weg zur späteren Befreiung freizumachen.
Was Hermann Müller als Abgeordneter und Partei führer, als Minister und als Reichstanzler für uns
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obin ml Hermann
Dieses Haus, das deutsche Volt, hat einen seiner treuesten Diener verloren. Wir, die wir uns innerlich enger an ihn gefettet fühlten, einen guten Kameraden, einen unerseglichen Freund, dessen An denken bei uns nie verlöschen wird. Darauf ergreift das Wort
Reichstanzter Dr. Brüning:
Tief erschüttert hat die Reichsregierung die Kunde von dem Hinscheiden Hermann Müllers vernommen. Ihn hat, wie so viele unserer führenden Staatsmänner, das tragische Geschick getroffen, in berufen zu werden. Wir gebenten seiner in Wehmut und Dant. der Blüte der Jahre vom Schauplay der Arbeit ab
barkeit. Es ist hier und heute nicht der Ort, eingehend die Persön= lichkeit Hermann Müllers zu würdigen und seiner Arbeit für Reich und Volk zu gedenten. Aber eines tönnen wir als allgemeine Ueberzeugung und als Widerhall der Trauerkunde trauernd feststellen:
das deutsche Bolt hat einen seiner Besten verloren. als Mensch ein makelloser, ehrenhafter Charakter, gewissenhaft und zuverlässig, auch von seinn Gegnern geachtet. Als Politiker und in jungen
Erfahrung zu sammeln, die ihm bei seiner starten Begabung be fähigte, in den schwersten Augenbliden deutscher Geschichte an führender Stelle zu stehen und den undant. baren Aufgaben gerecht zu werden, die das Geschick auf seine Schultern gelegt hat. Als Außenminister im Jahre 1919, in den schmerzlichsten Zeiten der Nachkriegsepoche und als Reichskanzler im sein Bestes hingegeben. In aller unserer Erinnerung steht seine letzte Periode als deutscher Reichskanzler 1928 bis 1930, und seine Taten und Leistungen in diesem Amte zu würdigen, hieße die Geschichte der beiden Jahre zu schreiben.
| unterschreiben, das als schwere Last auf unserem Volt und Reich liegt: das Diftat von Versailles . In der Uebernahme dieses Opfers zeigt sich der ganze Mann. Ohne an sein persönliches Geschick zu denken, die Interessen der Allgemeinheit rücksichtslos über die eigenen stellend, hat er sich für das von ihm als richtig Ertannte unbefümmert um alle Nachteile eingesetzt. Mit Recht ist damals in der Nationalversammlung zu Weimar von all denen, die anderer Meinung waren, übereinstimmend erklärt worden, daß niemand ben nationalen Beweggrund seines Handelns bezweifle. Als solch ein nationaler Mann von vaterländischem Handeln steht er vor unserem Gedächtnis und wird so in unserem fortleben! Herzen und in den Herzen unseres Volkes in dankbarer Erinnerung
Präsident öbe unterbricht darauf die Sitzung. Die Genoffen wels und Breitscheid frefen zum Reichskanzler und sprechen ihm den Dank unserer Fraktion aus. Alle Mitglieder der Reichsregierung und Staatssekretär Meißner drüden der sozialdemokratifchen Fraktion ihre persönliche Teilnahme aus.
Langfam leert sich der Saal, den die Kommunisten und die Faschiffen nicht erst betreten hatten.
Der Herr Reichspräsident hat an die Witwe Hermann Müllers nachstehendes Handschreiben gerichtet:
,, Sehr geehrte gnädige Frau, die Nachricht von dem Tode Ihres Herrn Gemahls hat mich tief betrübt, und ich bitte Sie und Ihre Töchter, zu dem schweren Verlust, der Sie betroffen hat, den Ausdruck meines herzlichen Beileids entgegenzunehmen.
alle und für unser Bolk geweſen iſt, wie er eintrat für die Sozial- punkt des Geschehens geriict, war er in der Lage, große politiſche Handschreiben des Reichspräsidenten. bedrückten, für die Mühseligen, wie er sich in schwerer Zeit bemühte, trasse Gegensäge zu überbrücken das ist in das Buch der deutschen Geschichte der Nachkriegszeit eingetragen. Es wird, wie alles, was wir hier tun, je nach dem Parteistandpunkt verschieden bewertet werden. Menschlich aber wird niemand, der ihn näher gekannt hat, ihm die hochachtung und Anerkennung verſagen, die ſein hilfs- und opferbereiter Sinn, die Ritterlichkeit seines Charakters und die Gradheit, das Verantwor tungsgefühl und die menschliche Treue verdient haben. Jeder hier im Reichstag weiß es, daß er, von Pflichtgefühl getrieben, von der Arbeit nicht abließ, auch als ein schweres inneres Leiden ihn schon zerwühlte, das er vor den anderen faum verbergen tonnte. Offen liegt diese Tätigkeit vor uns. Mit ihr ist er geschieden. Als er sich aufs Sterbebett legte, hatte er ich schäme mich fast, es auszusprechen, aber es ist in diesen Zeiten notwendig nichts gewonnen in der langen Zeit, als nur das Gefühl erfüllter Pflicht, wie jo viele, deuen üble Nachrede anderes zugeschrieben hat
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Unvergeßlich ist uns allen die Vertretung unseres Reiches in Genf , wo er rifterlich und entschloffen die Verantwortung übernahm, für den damals schon schwer erkrankten Außenminister einzutreten und wo er in mutigen unvergeßlichen Worten das Recht Deutschlands auf Gleichheit und Sicherheit verteidigte. Sein Name geht auch unvergessen in die Geschichte ein, weil er das schwere Opfer gebracht hat, am 28. Juni 1919 das Dokument zu
Ich werde dem Verstorbenen, dessen lanteres Wollen und dessen treffliche Charaktereigen schaften ich hoch geschätzt, und dessen Mitarbeit zur Ueberbrückung der politischen Gegensätze ich stets gewürdigt habe, ein treues Gedenken bewahren.
Mit der Versicherung meiner aufrichtigen Anteil. nahme und meiner ausgezeichneten Hochachtung verbleibe ich Ihr ergebener. gez. bon Hindenburg .