Sonnabend 2. Mai
1931
Der Abend
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Rr. 203
B 102
48. Jahrgang
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Hunderttaufende marschierten, Hunderttausende demon- 1 strierten gestern in Berlin unter den Fahnen der Sozialdemofratischen Partei, der freien Gewerkschaften, der ArbeiterSportler.
Tiefer Eraft lag über dieser Kundgebung. Die ganze Schwere der Wirtschaftskrise lastete auf ihr. Die flare Erkenntnis, daß nur Einheit, Geschlossenheit und Entschlossenheit uns herausführen können aus dem Elend, bewahren können vor einer Katastrophe, den Weg bereiten können zu neuem Aufstieg, zur Ueberwindung nicht nur dieser Krise, auch schließlich des ganzen fapitalistischen Systems, diese flare, nüchterne Erkenntnis war allen Gefichtern aufgeprägt.
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Die Maffen, die gestern vormittag, oft nach weitem Marsch, im Luftgarten und in allen Zugangsstraßen Kopf an Kopf gedrängt standen und nach allen Entbehrungen dieser Krife auch das Opfer eines Lohntages auf sich genommen hatten soweit sie noch Arbeit haben, um einzustehen für ihre Ziele, sie waren nicht aus einer Aufwallung, aus einem dumpfen Gefühl der Berbitterung gefommen. Organisierte Gewerkschafter und Sozialdemokraten, erwarten sie nicht, daß das heutige Wirtschaftssystem ihnen ein Leben der Freude gewähren wird. Sie sind sich ihrer harten Aufgabe und der Notwendigkeit eines in Gefchloffenheit geführten Kampfes bewußt. Diese unverbrüchliche Kampfgemeinschaft, die nicht die einer Stunde, eines Tages, der Misere einer Wirtschaftsfrise, sondern eines Lebens und einer Weltanschauung ist, hat diese Maffen zusammengeführt in ihre Organisationen. Und nun ffanden fie Kopf an Kopf, Schulter an Schulter, und ein Wille, ein Geift durchflutete fie alle. Und als sie zum Schluß einffimmten in das dreifache Hoch auf die Sozialdemokratie und die internationale Arbeiterbewegung, als alle Hände in einer Bewegung hochflogen, da was es wie ein Rüflischwur: ,, Wir wollen eins sein, zusammenstehen und zusammen fämpfen gegen unsere Feinde, komme was tommen mag!"
Der Verlauf der Kundgebung.
Es ist 10 Uhr. Der weite Platz zwischen Museum, Dom und Schloß ist noch fast leer. Nur lose Gruppen umstehen die auf einem Lastkraftwagen improvisierte, rot drapierte Rednertribüne, die das Banner des Bezirksverbandes Berlin der Sozialdemokratischen Bartei flankiert. Bredow, Künstler, Holz, Sprung sind schon auf ihrem Posten. Photographen und Filmoperateure rücken an. Marschmusik ertönt. Es ist die Spitze des Zuges des Gesamtverbandes, voran ein Riesentransparent. Um 10 Uhr mar schierte die Spitze des Zuges ein, um 10 Uhr famen sie immer noch, die Sektionen des Gesamtverbandes.
Um 10 Uhr war der Plaz gefüllt. Und immer neue Züge marschierten heran. Die Museumstreppe, die Treppen des Doms waren belagert, auf der Schloßfreiheit stauten sich die Massen. Und immer noch marschierten Züge heran, feilten sich in die enggedrängte Menge. Mit Mühe nur konnten sich die Fahnenträger einen Weg bahnen bis zur Tribüne; die schlanken Arbeitersportler mußten sich fast durchlämpfen. Bei weitem nicht alle Fahnenträger tamen aber bis zur Rednertribüne, die umrahmt war von einem Wald wehender roter Fahnen. Um 11, als die Kundgebung sich schon ihrem Ende zuneigte, marschierten noch neue Züge an, stauten sich in den Zugangsstraßen, denn im Lustgarten und vor dem Schloß fonnte der bekannte Apfel nicht mehr auf den Boden fallen.
So riesenhaft die Massen, so eng eingeteilt die Menge auch war, kein Mißton störte die in eins geschweißte Willenskundgebung. Es war ein großer, ein Ehrentag der organisierten, der sozialdemokratischen Berliner Arbeiterschaft.
Unübersehbare Massen.
Es ist unmöglich, eine auch nur annähernd genaue Zahl der Massen anzugeben, die gestern im und um den Lustgarten herum dicht gedrängt demonstrierten. Waren es 150 000 oder 200 000? Der Pressereferent des Berliner Polizeipräsidiums schäzt die Zahl der Teilnehmer auf weit über hunderttausend, und der Berliner Bolizeipräsident, der doch wahrhaftig beruflich viele Aufmärsche im Luftgarten gesehen hat, findet nur das eine Wort: ,, Im ponierend!" Was wir seit über einem halben Jahre immer wieder erleben, tritt auch hier in Erscheinung:
die Berliner Arbeiterschaft hat die Stunde erkannt und zeigt durch Einigkeit und Geschlossenheit in der Sozialdemokratie, den
JAC
S
Blick auf die Massenkundgebung
freien Gewerkschaften und allen anderen Kampfverbänden der Republik und der Partei, daß die Berliner Arbeiter den Fels
darstellen, an dem der Faschismus zerschellen muß.
Ein Meer von roten Fahnen wogt. Besondere Beachtung findet ein Banner von Sportlern, die sich vom Jrrwahn fommunistischer Parolen überzeugten und zur wahren deutschen Arbeiterpartei, der Sozialdemokratie, zurückgekehrt sind. In Hunderten von Plakaten und Transparenten wird Arbeiterrecht und Arbeiterschutz verlangt, die Arbeiterschaft zur Einigkeit ermahnt und die Regierung Brüning aufgefordert, in der fozialen Gesetzgebung jede reaktionäre Maßnahme zu unterlassen und der Forderung gerecht zu werden: Ausbau nicht Abbau
tut not!
3000 Arbeiterfänger
unter der Leitung des bewährten Dirigenten Schumann singen: „ Der Freiheit mein Lied" erklingt zur Eröffnung und, ein Symbol dieser Zeit gleichsam, folgt, trefflich vorgetragen und von der Masse mit Anteilnahme aufgenommen, das Lied Frühlingsstürme".
Der Borsigende der Berliner Sozialdemokratie, Genosse Franz Künstler ,
nimmt dann zu einer kurzen Eröffnungsrede das Wort:
,, Das Berliner Proletariat ist aufmarschiert zu einer Kundgebung für den Völkerfrieden, für die Abrüstung, gegen Lohnraub und Verschlechterung der Sozialversicherung und der Arbeitsbedingungen. Am 1. Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit, bekunden Hand- und Kopfarbeiter, daß sie als Glieder der großen freigewerk
Rückgang der Arbeitslosigkeit.
Genaue Zahl steht noch nicht feft.
Die Zahl der Hauptunterstüßungsberechtigten in der Arbeitslosenversicherung ist vom 31. März bis 15. April um etwa 213 000 auf 2 103 970 zurückgegangen. Die Zahl der in der rifen fürsorge befindlichen Arbeitslosen ist um etwa 33 600 auf 889 900 gefunken. Die wichtige Gesamtzahl der Arbeitsuchenden ist noch nicht festgestellt. Man rechnet damit, daß 40 000 bis 50 000 ausgesteuerte Arbeitslose im Laufe des Monats April in die gemeindliche Wohlfahrtspflege aufgenommen wurden, was gleichbedeutend ist mit einer entsprechenden Minderung des oben angegebenen Rüdgangs der Arbeitslosigkeit.
Ischaftlichen und sozialdemokratischen Arbeiterbewegung fämpfen für die notleidende unterdrückte Menschheit. Dieser wuchtige und machtvolle Aufmarsch zeigt allen fernstehenden und irregeleiteten Klassengenossen
die Geschlossenheit und Kampfgemeinschaft der freien Gewerkschaften, Angestellten- und Beamtenbünde mit der Sozialdemokratie.
Die politischen Gegner der aufwärtsstrebenden Arbeiterklasse sollen vernehmen, daß die bewährte Kampfgemeinschaft von Sozialdemofratie und Gewerkschaften gerade nach dem 14. September besondere Festigkeit hat. Partei und Gewerkschaften stehen. im Kampf um die Demokratie, im Kampf gegen den Faschismus auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden. Wir grüßen unsern 1. Mai, den Weltfeiertag der Arbeit. Wir grüßen die Proletarier diesseits und jenseits der Grenzen und reichen im Geiste allen denen die Bruderhand, die mit uns gemeinsam ihre Lebensaufgabe darin sehen, dem Proletariat den Weg zum Aufstieg freizumachen."
Robert Bredow,
der Vorsitzende des Ortsausschusses Berlin des ADGB., hält die Hauptrede des Tages:
Zum erstenmal feiern wir in Berlin offiziell mit Partei und Sportlern zusammen den 1. Mai. Hierdurch soll der Oeffentlichkeit unsere Verbundenheit klar und eindeutig gezeigt werden. Wir fämpfen gemeinsam für die Rechte der Arbeitnehmer. Der 1. Mai ist kein Feiertag wie andere. Wäre er es, so könnten wir auf ihn verzichten. Er ist ein Kampftag. An diesem Tage geloben wir, nicht eher zu ruhen und zu rasten, bis wir den kapitalistischen Staat zum sozialistischen Staat gewandelt haben.
Gerade die jetzige Zeit beweist, daß die Kapitalisten nicht in der Lage sind, die Dinge zu meistern. Fast alle Länder der Welt stehen unter dem Drud einer großen Wirtschaftskrise,
die zu einer gewaltigen Arbeitslosigkeit geführt hat. In Deutsch land haben wir noch weit über vier Millionen Erwerbslose. Den
Gewerkschaften und der Sozialdemokratie war es möglich, troß einer bürgerlichen Regierung das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung zu schaffen. Die Kommunisten freilich haben dagegen gestimmt. Die Grundlagen zu diesem Gesez sind das Wert der Gewerkschaften. Wir zahlen seit Jahrzehnten Arbeitslosenunterstügung, wir schufen Arbeitsnachweise, und die Arbeitgeber sind immer gegen diese Gesezgebung gewesen. Um ihretmillen ist das