Einzelbild herunterladen
 

BERLIN Mittwoch z. Zum 1SZI

10 pk. Nr. 254 B122 4». Jahrgang

r f ck e i n t t» g l t ch außer Sonntag«. Zugleich Abendausgabe de«.Vorwärt«". Bejugsorci« beide Ausgaben 8S Pf. proWoche, 8,603)2. pro Monat. Liedaklion und Expedition: Berlin SW68,Lindenstr.2 Fernsprecher: Dönhoff 292-29?

Anzetgeapret«: Die einspaltigeNonpareillejeile 60 Pf.. Reklameteile SM. Crmüßigunaen nach Tarif. Pofffch eckkoato! VorwärtS-Verlag G.m.b.H� Berlin Nr. S7S3S. Der Verlag behält sich da« Recht der Ablehnung nicht genehmer Ameigen»ort

Scheibe zerkrache...!

Siurm auf Schaufenster - Die neueste Form des Kampfes Notverordnung und Parteitag

Alm Alexanderplatz Warden heute vormittag vier große Schaufensterscheiben des Warenhauses T i e tz durch Steinwiirfe dreier junger Bursche«, die in einer Autodroschke vorgefahren waren, zertrümmert. Gegen 11 Uhr hielt vor dem Warenhaus Tietz in der Alexander- straße unweit des U-Bahneinganges eine Autodroschke, der drei junge Burschen entstiegen. Während der Wagen mit laufendem Motor an der Bordschwelle stehen blieb, verteilten sich die Männer unauffällig nach beiden Sellen. Plötzlich stürzten vier große Fensterscheiben des Sanfhaoses laut klirrend zusammen. Eh« die Pasfanten richtig erkannt hatten, was geschehen war, sprangen die Rowdys in die bereitstehende Autodroschke und der Führer raste trotz des starken Fuhrwerksverkehrs, der um diese Zeit am Alexanderplatz herrschte, mit Vollgas davon. Alles war das Werk von wenigen Sekunden. Der Vorfall spielte sich so über- raschend ab, daß nicht einer der Passanten die Nummer des flüchtenden Autos erkannt hat. Beamte der Polllischen Polizei waren aus dem gegenüber dem Tatort liegenden Präsidium schnell zur Stelle. Zwischen den Scheibentrümmern wurden faustgroße Pflastersteine gefunden, mit denen die Burschen ihr völlig sinnloses Zerstörungswerk unter- nommen hatten. Ob die Täter kommunistischen oder nationalsozia- listischen Kreisen nahestehen, ist noch nicht bekannt, doch weist die an- gewandte Methode auf Nazis hin. Plünderungen in Lebensmittelgeschästen. Zur gleichen Zeit, als am Alexanderplah die Schaufensterscheiben zertrümmert wurden, drangen acht Männer in da» Lebens- mittelgeschäft Neue Friedrich straße 38/40 ein und raubten größere Mengen Wurst und Speck. Als das lleber- fallkommando eintraf, waren die Plünderer mit ihrer Beute ver- schwunden. In der Prinzen all ee 3 7 wurde um 12 Uhr eine Filiale der ButterhandlungNordstern" von etwa 12 bis 15 jungen Leuten gestürmt. Insgesamt wurden für etwa 200 Mark Lebensmittel geraubt. Einer der Täter konnte durch das Ueberfallkommando festgenommen werden. Ein ähnlicher Vor- fall spielte sich um dieselbe Zeit in der Ostender Straße 24 ob, wo eine Horde Jugendlicher in dem Lebensmittel- geschäft von Thürman nplünderte. In diesem Falle konnten die Täter flüchten, ehe die Polizei zur Stelle war. Durch Handzettel zum plündern aufgefordert. Der Polizei sind Zettel in die Hände gefalle«, aus deren Inhalt hervorgeht, daß zu den Plünderungen von noch unbekannter Stelle aufgefordert worden ist. Wie weiter ermittelt wurde, sind diese Handzettel auf dem Arbeitsnachweis in der Gormannstraße an die Erwerbslosen verteilt worden. Kommunisten zünden Plakatsäulen an. In der vergangenen Nacht wurden in Moabit , in der Rostocker und Wittstocker Straße zwei Litfaßsäulen von unbekannten kommunistischen Tätern mit Petroleum übergössen und dann a n g e> zündet. Eine Säule wurde völlig zerstört. Der kommunistische Anschlag galt zweifellos den Fahndungsplokaten des Po- lizeipräsidiums nach den kommunistischen Mördern des Schupo- beamten Z ä n k e r t. Die Plakate geben inhaltlich die Vorgänge de» blutigen Freitags am Senefelderplatz wieder und sichern den- jenigen, die zur Festnahme der Täter beitragen, eine Belohnung von 3000 Mark zu. An der Ecke Strelitzer und Anklamer Straße im Norden Berlins riß gegen 8 Uhr früh ein siebzehnjähriger Kommunist gleich- falls das Plakat von der Litfaßsäule. Polizeibeamte hatten chn jedoch beobachtet. Sie nahmen ihn fest und lieferten ihn der Abteilung I A ein. Wie weiter bekannt wird, sind auch in anderen Stadtteilen die Fahndungsplakate von den Litfaßsäulen abgerisien und unkenntlich gemacht worden. Es konnten nur noch in zwei Fällen die Täter ertappt und festgenommen werden. Fabritbrand in Reinickendorf . Durch ein verheerendes Schadenfeuer wurden heut« vormittag die Fabrikationsräyme einer Kohlenanzünder- fabrit in der Pankower Allee 27 in Reinickendorf -Ost völlig zerstört. Das angrenzende Lager konnte von der Feuerwehr gerettet werden.

Die Grenzen der Tolerierungspoliiik

Leipzig . 3. Juni. (Eigenbericht.) Die Mittwochoormittagssitzung des Parteitages begann mit einem scharfen, gut geführten Angriff Dittmanns vom Parteioorftand gegen die Gegner der bisherigen Tolerierungs- Politik. D i t t m a n n führte zunächst den Nachweis, daß die Hal- tung der Reichstagsfraktion zur Panzerkreuzerfrage die einzig mögliche gewesen ist, daß eine andere Haltung die Pläne der Hitlerianer gefördert hätte, ohne daß bei einer Ablehnung der Rate für den Panzerkreuzer B durch die Sozialdemo­kratie dieses Schiff nicht gebaut wäre. Als der Redner er- klärte, daß die Auffassung von Seydewitz mit gesundem Menschenverstand nichts mehr zu tun hat, regt sich auf den Tribünen heftiger Widerspruch. Dittniänn setzt seine Attacke jedoch fort. Wenn die Sozialdemokratie Brüning stürze, werde sie nicht mehr gegen die Notverordnung, Brotpreise und was sonst noch alles kämpfen müssen, dann werde sie zu kämpfen haben mit vielen Dingen, um die Preffefreiheit, die Koalitionsparteien, die bisher nicht umstritten seien. A u f h ä u s e r, einer der Sozialpolitiker der Fraktion, zeichnet die Grenzen der TolerieruNgspolitik der Reichstags- fraktion und begründet auch eine Entschließung, die zu dem Inhalt der neuen Notverordnung insofern Stellung nimmt, als in ihr an eine Tolerierung des Kabinetts Brüning ge- wisse Voraussetzungen geknüpft werden. Die Eni- sch li e ßu n g wird vom Parteioorftand unter- stützt, ihre Annahme ist also nicht zweifelhaft. Es heißt in chr u. a.: Nach den bisher bekanntgewordenen Plänen der Reichsregie- rung für eine bevorstehende Notverordming sollen neu« B e- l a st u n g e n geschaffen werden, ohne daß die neu zu ermattenden öffentlichen Einnahmen auch nur annähernd ausreichen, um die

Röhmuneration

Hauptmann Nöhm:.Heiliges Neickswehrministenum! VaS putschen gegen dick hat mein Gelp verzehrt. Gib es mir wiehert

Deckung der gemeindlichen Wohlfahrtsausgaben und des Defizits der Rcichsanftalt zu ermöglichen. Eine Sanierung der Arbeitslosen- Versicherung, die statt der Erschließung ausreichender Einnahmen die Aermsten der Armen in ihrer kargen Lebenshaltung durch weiteren Leistungsabbau noch mehr herabdrllckt, würde auf den e n t- schiedenenWiderstandderSozialdemokratie stoßen. Ebenso wendet sich der Parteitag gegen eine Neuregelung, die auch noch aus der Versicherung bereits Ausgesteuerte mit einer Ver- schlechterung der Unterftützungsbedingungen bedroht. Nach wie vor muß vielmehr die Vereinheitlichung der Krisenfürsorge und der gc- meindlichen Erwerbslosensllrsorge dringend gefordert werden. Die Soziqldemokratie hat sich stet» bereit erklärt, an der Sanierung der gesamten öffentlichen Finanzen mitzuwirken, es sind aber nicht un- überwindliche materielle Schwierigkeiten, die dem im Wege stehen, sondern politische Widerstände der Reaktion, die die Krise mißbrauchen will zur Rückwärtsrevidierung der nachkriegszeitlichen sozialen Errungen- s ch a f t e n. Schon bedroht der kommende Winter Millionen der Opfer der Wirtschaftskrise mit steigender Not und wachsender Ver- elendung, ein weiterer Abbau der Versorgung müßte sie an die Grenze der Verzweiflung treiben. Die Sozialdemo- kratische Partei wird in ihrer künstigen Haltung zur Rcichsregierung sich davon bestimmen lassen, daß es gelingt, die lebenswichtigen Arbeiterinteresien zu sichern." Wie bei Sollmann in seinem Bericht über die Reichstags- fraktion und bei Aufhäuser heute, so klingt es auch in der weiteren Debatte immer wieder durch: Wenn die lebens- wichtigsten Interessen der Arbeiter angegriffen werden, ist das Ende unserer Tolerierungspolitik ge- geben. In diese Einheitsfront des ganzen Parteitages platzt E ck st e i n mit Angriffen gegen den preußischen Innenminister Severing, die auf st ü r m i s ch e n P r o t e st d e s Partei- t a g e s stoßen, den Vorsitzenden zum Eingreifen und zu einer Ermahnung an Eckstein zur Sachlichkeit veranlassen und die Hertz später unter dem Beifall des Kongresses als ungeheuerliche Uebertreibungen" bezeichnet. Hertz führt den Parteitag durch seine Sachlichkeit und seine Sachkenntnis schnell auf das bisherige Niveau der Aussprache zurück. Um 12 Uhr 3» beschließt der Parteitag den S ch l u ß d e r Debatte. Die Debatte. (Fortsetzung des Berichts aus öer Beilage.) Dr. Hertz-Berlin: Die Rede Ecksteins enthält ngeheure agilitt'"------... Parteitag der möglich gehalten habe. (Stürmische Zustimmung.) Wenn von Demokratie und-Parlamenta- rismus nichts mehr übrig geblieben ist, als der Artikel 48. wie will dann Eckstein es rechtfertigen, daß die einzige positive Forderung seiner Freunde das Verlangen nach Einberufung des Reichstags ist. (Sehr gut!) Wenn Aufhäuser sagt: Es handele sich nicht um die Frage der Tolerierung, sondern darum, wie am besten die soziale Sicherung der Arbeiter zu erreichen ist. so ist das auch die Auf- fasiung der Mehrheit der Reichstagsfraktion. Aber die Frage, was sozial für die Arbeiter geschehen kann, wird vom Stand der öffentlichen Finanzen entscheidend beeinflußt.(Sehr wahr!) Die sozialen Ausgaben sind In Deutschland von 1300 Millionen auf seht 8000 Millionen gestiegen. 3e größer der Anteil der sozialen Ausgaben an den Gesamtausgaben ist, desto stärker wachsen diese Ausgaben auch in der wirtschastskttse. Der Steuerbedarf ist von 4 Milliarden vor dem Kriege auf 16 Milliarden gestiegen, und je höher der Steuerbedarf, je stärker der Steuerdruck in der Witt- jchaft, um so stärker sinken die Einnahmen in der Zeit der Wirtschaftskrise. Diese beiden Tatsachen müssen wir berüßsichtigen, wenn wir einen Ausweg aus der jetzigen Situation finden wollen. Es ist gewiß ein Verbrechen, daß in dieser Zeit der Wirtschaftsnot Besitzsteuerermäßigungen vorgenommen worden sind.(Sehr wahr!) Aber die Sanierung der ordentlichen Finanzen ist natürlich in der

ungeheure agitatorische Aebertreibungen, wie ich sie aus einem deutschen Sozialdemokratie bisher nicht für

gegenwärtigen Zeit ungeheuer schwierig, und daher müssen wir bei unseren ositioen Forderungen daran denken, daß zwar in erster