Einzelbild herunterladen
 

BERLIN Mittwoch «Juli 1931

10 Pf. flr. 314 B 152 48. Jahrgang

Erscheint tiglich außerEvnntag«. Zugleich Abendau«gabe des.Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. proWoche, s.soM. pro Monat. Redaktion und Expedition: BcrlinSW63,Lindtnstr.3 Fernsprecher: Dönhoff(A 7) 292297

l/bwasfa

Auzetseopret«: Die einspaltigeNonpar.ullcieile «oPs.,SleNamq«ile 5M. Crmäßigunaen nach Tarif. Vostseh eekkont«: Vorwärts-Derlag G.m.b.H. . Berlin Nr. 37 538. Der Verlag behält sich da« Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor!

Opfer oder Selbstrettung?

Neue Aeiierlegende von den Scharfmachern vorbereitet

Gestern in später Nnchtstunde wurde die Aktion der führenden Privatunternehmungen bekannt, die der deutschen Golddiskontbank eine Ausfallbürgschaft in Höhe von 5<X> Mil- lioncn Mark zur Verfügung stellten. Der Zweck der Aktion ist, das Vertrauen des Auslandes zu heben, damit die Devisen- abzüge und Kreditkündigungen endlich ein Ende nehmen. Man wird die Auswirkungen der Aktion abwarten müssen, und die Nebenwirkungen dazu. Es besteht durchaus die Möglichkeit, daß die Aktion zwar ihren Zweck erfüllt, daß sie aber gleichzeitig Nebenwirkungen zeitigt, die für die Lösung der Krise in Deutschland nicht günstig sind. Eine dieser Nebenwirkungen könnte sein, daß sich künstig der Kredit auf die großen Firmen konzentriert, und daß das kleine und mittlere Unternehmertum keine Auswege mehr findet aus der fürchterlichen Enge des Kredits. Eine Nebenwirkung aber wird heute schon von gewissen Treibern angestrebt nämlich eine politische Neben- Wirkung. Das Organ des Scharfmachertums, die Deutsche Allgemeine Zeitung" feiert die tausend Firmen, die eine solidarische Bürgschaft für 500 Millionen Mark übernehmen,' als die gtoß'en und uneigennützigen Retter Deutschlands . Man muß diese Hymne auf das deutsche Unter- nehmertum lesen: Nicht das Reich oder öffentliche Körperschaften, sondern da? selb st verantwortliche Unternehmertum hat sich in der kldren Erkenntnis der für uns alle drohenden Gefahren, in nationaler Selbstlosigkeit und staats- erhaltender Gesinnung, zu diesem mutigen� und dankens­werten Schritt entschlossen.(Nur nebenbei sei die Ironie erwähnt, die darin liegt, daß dieser rettende Akt von den gleichen Kreisen ausgeht, die sonst im Wirbel des parteipolitischen Tageskampfes in schärfster und ungerechtester Form angegriffen zu werden pflegen.) Vielleicht hat man die Dinge in einem gewissen Optimismus, der unserem Osfiziösentum seit jeher zu seinem Schaden anhaftet, zu lange einfach treiben lassen. Es ist hoch erfreulich, daß die Wirtschaft jetzt in die Bresche springt und hoffentlich mit ihrer Initiative dazu beiträgt, die Krise des Vertrauens zurück- zudämmen und die Bahn für neue schöpferische Ge- staltung der gesamten Innen- und Finanzpolitik freizumachen. Freilich können wir es uns nicht versagen, schließlich noch den einen Gesichtspunkt anzudeuten, daß der Staat angesichts der großen opferbereiten Gemeinfchaftsaktion der Wirtschaft auch seiner- seit? die moralische Verpflichtung hat, alles zu tun, damit das Gefundungswerk gelingt." Hier wird im Vertrauen auf die Disziplin der deutschen Presse eine dreiste Legende aufgebaut, die neue politische und soziale Vorstöße des Scharfmachertums unterstützen soll! Man weiß, was diese Leute unterneuer schöpferischer Gestaltung der gesamten Innen- und Finanzpolitik" verstehen! Dieser Versuch zur Bildung einer Legende über dieRetter Deutsch- lands" nötigt uns zu einigen sehr deutlichen Feststellungen. Es handelt sich zunächst um eine Rettungsaktion der Privatunternehmungen nicht für das Reich, sondern f ü r s i ch s e l b st. Die Rettung des Reiches ist mit Hilfe des Auslands und vor allem durch die ungeheuren Opfer des deutschen Volkes erfolgt. Wir stellen einander gegenüber: die söge- nannte Wirtschaft übernimmt e i n e B ü r g s ch a f t, also keine effektive Leistung, von 500 Millionen Mark die Arbeitslosen aber, die Arbeiter, die Angestellten, die Beamten, die Kriegsopfer haben eine tatsächliche Last von Milliardenleistungen auf sich nehmen müssen. N o t v e r- o r d n u n g! Es ist schamlos, diese gewaltige Leistung beiseite zu schieben und dafür diese Privatunternehmungen als die Netter Deutschlands auszuschreien! Es ist noch sckamloser, auf Grund dieserRettung"-nun politische Geschäfte machen zu wollen gegen die, die Deutschland wirklich gerettet haben! Die Herren retten zunächst sich selbst, und was sie getan haben, das ist das mindeste von dem, wozu sie verpflichtet sind! Denn daß trotz Hoooer-Plan und Notverordnung das Vertrauen des Auslands immer noch schwankend ist. das hat s'ine Ursache nicht mehr im Polnischen, sondern vielmehr im Z u st a n d der privaten Wirtschaften! Es hat

Das Königsschloß der Nordwolle Wo sind die verlorenen Millionen geblieben?

Für den ungeheuren Zusammenbruch des Nordwollekonzerns der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei ist di« Familie Schufen in Bremen oeraiitwortlich. Der Zusammen- bruch der Nordwolle hat mit einem Verlust von 200 Millionen Mark geendet. Dieser Zusammenbruch ist eine der schwersten Erschüste- rungen, die die deutsch « Wirtschaft aus dem Tiefpunkt der Ktise erfahren hat. Er enthüllt zugleich, ivas von der Begabung und von dem Verantwortungzsinn gewisser sogenannter Wirtschafts- sührer zu halten ist. Der eigentliche Leiter des Konzerns La Husen ist sclbstver- ständlich politisch reaktionär bis auf die. Knochen und orthodox fromm. Er hat jahrelang ein« kleine d c u t j ch na t i o- n a l e Zeitung in Bremen finanziert, die er den Arbeitern feiner Betriebe gratis auslieferte. Als das Verlagsgeschäft zu vxr- sustreich wurde, bot er die Zeitung dem Hugenber�-Aon-crn an, der aber dankend ablehnte. Seitdem ist die Zeitung eingegangen. Späterhin hat Lahusen sich für die Hitlerbewcgung i nt e r e s s i e r t.. In seinem Kontor waren maßgebende Agitatoren der Rational- sozialistischen Partei angestellt. Seine Begeisterung für die' Nationalsozialisten hat vor der letzten Reichstagswahl seine Gläubiger so beunruhigt, daß sie Er- klärungen von ihm forderten. Herr Lahusen hat trotz seiner Sympathie, damals, um einen Kreditzusammenbruch zu verhindern, erklärt, daß er der Nationalsozialistischen Partei fernstehe. So sieht das Bild eines Wirtschaftsführers aus, der eine 2V0-MiUionen-Pleite verschuldet hat. Das Bild wäre nicht voll- ständig, wenn wir nicht hinzufügen würden, daß ein erheblicher Teil der Verluste von Herrn Lahusen für seine persönlichen Zwecke gebraucht worden ist. In den Jahren 1928/20 ließ die Familie Lahusen durch den Bremer Architekten Otto Blendermann ein palastähnliches Herrenhaus auf preußischem Gebiet in der Nähe von Bremen bauen. Diez Schloß enthielt für eine einzige Familie 107 Bäume, darunter 12 herrliche Badezimmer. Dazu ein park mil Wasser- decken, die beinahe mit denen des Versailler Sonnenkönigs kon- kvrrieren könnten. Außerdem eine Innendekoration und eine INöbelausstattung, die allein mehr kostet, als die Ausstattung ganzer Wohnviertel in den besten Straßen der Großstädte. Der Besitz ist durch Graben und schmiedeeiserne Gitter, deren Tore nur durch elektrische Kraft geöffnet und geschlossen werden können, gesichert. Lahusen' selbst hat sehr wohl gewußt, welche ungeheuerliche Provokation dieser Palost gegenüber den notleidenden Textilarbeitern bedeutete, deren Löhne auf das brutalste vom Nord- wollekonzern gedrückt wurden.

Er hat deshalb sein Herrenhaus Hohehorst gegen Ausruhrschäden versichern lassen, und zwar zum werte von Z 600 000 Mark. Das ist das Bild eines Scharfmachers, der vor der Pleite auf das schärfste für die Politik der Lohnsenkung und des Abbaus der Sozialpolitik eingetreten ist!

Nie neue Noiverordnung. Ermächtigungen zur Schaffung der Wirtschastsgarantie. Auf Grund des Artikels 48 Absatz 2 der Reichsverfajsung wird, entsprechend der Anregung namhafter Träger des deutschen Wirt� schaftslebens, folgend«? verordnet: tj 1. Die Reichsregierung wird ermächtigt, durch Rechts- Verordnung in Anlehnung an die Vorschriften des A u s b r i n- gungsgefetzcs vom 30. August 1924 die danach aufbringungs- pflichtigen Unternehmer, deren Betriebsvermögen S Millionen Mark übersteigt, anteilig zu verpflichten, die Haftung bis zum Gesamtbe- trage von 500 Millionen Mark für etwaige Ausfälle aus Kredit- gefchäften zu übernehmen, welche die Deutsche Golddiskont- dank im Interesse der Aufrechterhaltung des deutschen Auslands- kredits tätigt. Die Reichsregicrung erläßt die näheren Vorschriften: sie kann mit der Durchführung treuhänderischer Aufgaben die Bank f ü r deutsche Industrieobligationen in Ergänzung der ihr in Sj 7 des Industriebankgesetzes vom 31. März 1931 zugewiesenen Aufgaben betrauen. § 2. Diese Verordnung tritt mit dem Tage der Verkündung in Kraft. Die Golddiskontbank. Ihre kreditpolitischen Aufgaben. Die Deutsche G o l d d i s k o n t b a n k, die jetzt die 500 Mil- lionen Ausfallbürgschaft von der Privatwirtschaft erhalten hat. wurde in den ersten Monaten nach der Markstabilisierung durch Gesetz vom 19. März 1924 auf englischer Währungsbasis errichtet. Ihr ausschließlicher Zweck bestand in der B e s ch a s s u n g von Exportkrediten für die Wirtschast. Die Mehrheit des 200-M>llionen-Mark-Kapitals liegt bei der R e i ch s b a n k. Durch die Notverordnung des Reichspräsidenten vom 1. De- zember ist die Golddiskontbank, an deren Liquidation zeitweise gedacht wurde, auf»ine erheblich verbreiterte Basis ge- st e l l t worden. Als besondere Ausgabe fällt ihr jetzt die F i n a n- zierung mittel- und langfristiger Export- geschäfte zu. Infolge dieser Entscheidung der Regierung erhielt da» vorher stark zusammengeschrumpfte Kreditgeschäft der Gold- diskontbank eine» kräftigen Auftrieb Die Umstellung der Golddiskontbank auf eine breitere Zlrbcits- basis hatte den Privatbanken gar nicht gepatzt. Sie

feine Ursache darin, daß mit faulen Mitteln bisher d i e n o t- wendige Reinigung verzögert worden ist! Wenn die Herren jetzt den Mund vollnehmen, um ihre nationale Selbstlosigkeit" und ihrestaatserhaltende Ge- sinnung" laut zu rühmen, so erinnern wir sie daran� daß ihre Selbstlosigkeit bisher immer darin bestanden hat, daß sie die Opfer den Arbeitern überließen, und ihre staats- erhaltende Gesinnung darin, daß ein großer und ausschlag- gebender Teil von ihnen den Faschismus gegen den Staat bezahlt, begünstigt und unterstützt hat. Die Herrschaften wollten wohl, daß im politischen Chaos der Zusammenbruch ihrer wirtschaftlichen Führerqualitäten und ihre Schuld an der Krise untergehen sollten! Sie haben gar keinen Anlaß, die Retter zu spielen! Wenn die deutschen Banken und Graßunternehmun- g c ii solider gewirtschaftet hätten, wenn sie nicht eine politische Vabanquepolitik gespielt hätten, so wären Deutschland die

schwarzen Tage, dieser Niederbruch erspart geblieben! Wir nennen nur zwei Namen: F a o a g und N o r d w o l l e! Eine Wirtschaftsführung, die Derartiges zu verantworten hat, hat allen Anlaß, bescheidener aufzutreten. Wir danken bestens dafür, uns am Ende auch noch die Herren Lahusen als Retter Deutschlands vorführen zu lassen. Es sind Verbrechen an der deutschen Wirtschaft begangen worden! Wir fordern, daß endlich gereinigt wird! Wir for- dern aber auch, daß die Wirtschaftsführer, die jetzt nur das dringendste Notwendige zur Rettung des deutschen Kredits tun, bescheiden auftreten, und daß sie nicht in Selbstiiber- Hebung die gigantischen Opfer des eigenen Volkes mit Füßen treten. Wenn sie aber gar diesen einen notwendigen Akt ausnutzen wollen zu politischen scharfmacheri- scheu Erpressungen, so mögen sie sich hüten, daß solche Provokation nicht einen Sturm des opfernden, le- denden, hungernden Volkes entfesselt!