Morgenausgabe
Nr. 325
A 164
48.Jahrgang
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Vorwärts
Berliner Bolksblatt
Mittwoch
15. Juli 1931
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Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
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Frankreich wartet auf deutschen Schritt.
Paris , 14. Juli. ( Eigenbericht.)
Der franzöfifche Finanzminister Flandin hatte am Dienstagmittag eine lange Unterredung mit dem Gouverneur der Bank von Frankreich, Moret, der am Morgen aus Basel zurückgekehrt war. Der Leiter der französischen Notenbank erstattete dem Miniffer Bericht über die Beschlüsse des Berwaltungsrats der B33. in bezug auf den Garantiefonds des Boung- Plans und den deutschen Kreditantra g. Nähere Angaben über die Unterredung wurden nicht gemacht.
Obgleich die B33. die endgültige Entscheidung für die Gewährung eines kredits an die Reichsbank den Regierungen überlassen hat, ist von der französischen Regierung am Dienstag fein Beschluß zu erwarten. Die Regierung ist der Ansicht, daß die
Initiative bei der Reichsregierung
liegt und wartet daher neue Schritte von deutscher Seite ab, um dann entsprechende Maßnahmen zu treffen. Briand ist im übrigen nicht in Paris . Er ist am Montagabend nach seinem Landgut Cocherel abgereift und kehrt erst am Mittwochvormittag nach Paris zurüd. Der Ministerpräsident ist durch die verschiedenen Feiern aus Anlaß des Nationalfestes in Anspruch genommen. Ein Minifterrat ist erst für Freitag vorgesehen.
Der englische Außenminister Henderson ift in Paris eingetroffen, wo er fich bis zur Abreise nach Berlin am Freitag aufhält. Der amerikanische Außenminister Stimson wird aus Rom am Donnerstag ebenfalls eintreffen.
Gehälter und Unterstützungen am 15. Juli. Das Nachrichtenamt der Stadt Berlin teilt mit:
Die Stadt Berlin zahlt die Gehälter, Unterstügungen usw. am Fälligkeitstage, Mittwoch, dem 15. Juli, aus.
Reffort der BIZ., sondern in dasjenige der Regierungen, die hoffen, daß Dr. Brüning, um eine Lösung zu erleichtern, die beruhigenden politischen Erklärungen
abgeben wird, die von ihm gewünscht werden, und die den Willen Deutschlands zu einer loyalen Zusammenarbeit, einer Politif des Friedens und des wirtschaftlichen Wiederaufbaus bestätigen.
Deutschland sollte am 15. Juli der B33. 134 900 333 Mart in ordentlichen Denisen aushändigen, monon 5 300 000 Mart für den Dienst der Young- Anleihe beſtimmt sind. Nachdem der Verwaltungsrat der BIZ. am Montag beschlossen hat, die monatliche Endzahlung der Beträge auf das Konto des Garantiefonds von 500 Millionen einzuwilligen, ist man der Ansicht, daß der Borschlag hoovers, die Schuldenzahlungen während eines Jahres zu verschieben,
am Dienstag in Kraft getreten iff.
Die Liberté" und der Intransige ant" beschäftigen Deutschland wird daher am Mittwoch nur den Betrag der unfich bereits mit den Folgen eines deutschen Zusammengefchüßten Annuität, soweit er auf Frankreich entfällt, d. h. bruchs für Frankreich . Der Intransigeant" erklärt, Frankreich 41 666 666 Mart, bezahlen müssen. Gemäß dem Abkommen zwischen werde meniger als England und Amerika leiden, denn es seien Washington und Paris wird diese Summe wieder an Deutschnur verhältnismäßig geringe französische Kapitalien in Deutschland Iand ausgeliehen unter Abzug des Betrages für den Dienst der investiert. Außerdem würden die übrigen mitteleuropäischen Young- Anleihe. Diese Fragen sind es, die die Direktoren der BIZ. Länder, wie die Tschechoslowakei und Polen , die von Frankreich am Dienstagvormittag mit Dr. Luther bereinigten. Quesnay start unterstützt würden, indirekt für ihren Export aus einer mirtschaftlichen Unordnung in Deutschland Nugen ziehen. Abgesehen wird wahrscheinlich am Dienstag nach Paris abreisen. Die von der heiklen Lage, in die ein Zusammenbruch die BI3. versezen monatliche Tagung des Berwaltungsrats wurde auf den 31. August würde, fei die größte Gefahr eine menschliche und politische festgefeßt. Es ist möglich, daß schon vor diesem Datum eine 3uGefahr. Unordnung, Elend, Gewalttätigkeiten und Diftaturen sammenfunft stattfindet." seien in feinem Lande Europas erwünscht. Aehnliche Gedankengänge findet man in der Liberté", die hauptsächlich einen Sieg des Bolschewismus in Deutschland befürchtet, falls Brüning nicht Herr der Lage bleibe. Die Anhänger Hugenbergs und Hitlers feien vielleicht imstande, einen Staatsstreich auszuführen, wenn ihnen die Umstände günstig seien, sie seien aber unfähig, die Macht
zu behalten.
Der amerikanische Staatssekretär Stimson , der am Dienstag nach Paris weitergereist ist, hat von Hoover den neuen Auftrag erhalten, angesichts der plöglich zugespizten Krise in Deutschland mit allem Nachdruck in Paris dahinzuwirken, daß
Henderson über die außergewöhnlichen Umstände Frankreich sich der internationalen Kreditation anschließt. Auch
seiner Reise.
London , 14. Juli. Bor seiner Abreise nach Paris erklärte Henderson, er trete diese Reise umter außergewöhnlichen Umständen an und fei sich dessen vollkommen bewußt. Der gestrige Beschluß der Internationalen Zahlungsbant müsse eine Entspannung der Lage auf alle Fälle herbeiführen. Er hoffe, daß sich diese Erwartung erfüllen werde. Henderson ging dann auf den Besuch in Berlin ein und betonte, die britischen Minister wollten in Deutschland alles in ihren Kräften Stehende tun, um die freundschaftlichen Beziehungen nicht nur zwischen England und den anderen europäischen Nationen auszubauen, sondern auch zwischen Frankreich und Deutschland . Außenminister Henderson erklärte schließlich, er werde in Paris mit dem französischen Außen minister Briand , vielleicht auch mit anderen Mitgliedern des franPremierminister Macdonald wird sich wahrscheinlich am Freitag mit dem Flugzeug direkt nach Berlin begeben.
zösischen Kabinetts verhandeln.
Ueber die am Dienstagvormittag in Basel stattgefundenen Beratungen erfährt die Neue Züricher 3eitung":
in Stimsons Besprechungen mit den Botschaftern von Deutschland , Frankreich und England in Rom stand das deutsche Problem im Bordergrund.
Italien zeigt sich zur Mitwirkung an der internationalen Hilfs attion durchaus bereit, und zwar, ohne zugleich offiziell irgendwelche Bedingungen zu stellen. Im gleichen Sinne äußert sich am Dienstag auch die Presse. Sie sieht Deutschlands Schicksal mit dem Europas so eng verknüpft, daß keine Zeit mehr zum Battieren und Reden bleibe, sondern unverzüglich solidarisch gehandelt werden müsse.
New- Yorker Kredit- Gerüchte.
New Borf, 14. Juli.
In Finanzfreifen scheint der Gedante eines Borgehens der übrigen Notenbanten ohne Frankreich erörtert zu werden, jedoch hat dieser Gedanke noch teine tontrete Gestaltung angenommen.
Die Federal Reserve Bant von New York gibt bekannt, daß sie sich zusammen mit den anderen Federal Reserve Banken bereit erflärt hat, ihre Beteiligung an dem der Reichsbant gewährten Kredit von hundert Millionen Dollar zu erneuern, unter dem Vorbehalt, daß die anderen Banken, die sich an diesem Kredit beteiligt hatten, ebenfalls einer Erneuerung zustimmen.
Heute neue Verordnungen.
Beratungen des Reichskabinetts.
,, Dr. Luther traf um 9 Uhr morgens am Sitz der BI3. ein und nahm sofort wieder Besprechungen mit den maßgebenden Persönlichkeiten der BIZ. auf. Nachdem die Gouverneure der Notenbanken am Montagabend grundsäglich beschlossen haben, Deutschland die Unterstützung zu leihen, wenn alle Regierungen fie dazu ermächtigen und Deutschland die notwendigen Maßnahmen ergriffen hat, bleibt eine Frist von fünf Tagen, innerhalb Die nachts 22 Uhr begonnene Sigung des Reichs denen eine praktische Lösung gefunden werden kann. In erster fabinetts war kurz nach 23 Uhr zu Ende. Die Beratungen, Linie stellt sich die Frage, wie groß der zu gewährende an denen auch Reichsbankpräsident Dr. Luther teilnahm, Kredit sein soll. Dr Luther hat keine bestimmten Zahlen ge- galten der Schaffung der Grundlage, auf der am nannt. In den Kreisen der B33. glaubt man aber, daß der Kredit Mittwoch die entscheidenden Beschlüsse aufgebaut fich heute werden sollen. Es ist anzunehmen, daß in den neu zu mindestens auf etwa 500 millionen Dollar beschließenden Maßnahmen auch eine Devisenord. belaufen würde. Zur Zeit gehört diese Frage nicht mehr in das nung enthalten sein wird.
Postschedfonto: Berlin 37 536.- Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. 3, Dt. B. u. Disc.- Ges., Depofitent., Jerusalemer Str. 65/66.
Die Schuldigen.
Sollen die Berderber Minister werden?
Die Reichsregierung berät über neue Notverord= nungen, um die deutsche Wirtschaft über die schlimmsten Tage hinüberzuretten. Man denkt an eine Verwendung von Rentenbankscheinen, die bei der Reichsbank lagern, um der augenblicklichen Zahlungsmittelknappheit entgegenzutreten, man plant Maßnahmen, um unberechtigten Abziehungen und Hamsterei von Zahlungsmitteln entgegenzutreten. Es hat indessen den Anschein, als ob über den notwendigen Maßnahmen der Selbsthilfe in der Deffentlichkeit die Notwendigkeit der Auslandshilfe in den Hintergrund gedrängt werde. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, wenn der Eindruck erweckt werden würde, daß durch die beabsichtigten Maßnahmen das Loch gestopft werden tönnte, das durch den Abzug von 3 Milliarden Auslandskrediten aufgerissen worden ist. Deutschland braucht die Hilfe des Auslands, und es muß der Sinn der eingeleiteten Maßnahmen sein, der Welt zu zeigen, daß Deutschland entschlossen ist, das eigene Haus zu ordnen, um die Kreditwürdigkeit Deutschlands zu beweisen.
Es bedarf dazu mehr als das bloße Herumfurieren an den Symptomen der Krise! Die Notmaßnahmen des Augenblicks müssen verbunden sein mit einer energischen und zielbewußten Abwendung von den Fehlern der deutschen Wirtschaftsführung und der deutschen Politik. Es gilt Konsequenzen zu ziehen aus der Erfahrung, daß die Abwendung von der Politik Stresemanns nach der Rechten hin, daß die Berdunkelung der klaren Linie der deutschen Außenpolitik zu der Erschütterung der Stellung Deutschlands und des Vertrauens des Auslandes beigetragen hat.
Die Tagung des sozialdemokratischen Parteiausschusses gemeinsam mit Parteivorstand und Kontrollkommission hat dazu ein festes und offenes Wort zur rechten Zeit gesprochen. Die Sozialdemokratische Partei fordert Umkehr von dem ver hängnisvollen Wege. Sie hat die Richtung gezeigt, die die Reichspolitik einschlagen muß, sie hat aber zugleich auch die Schuldigen an der Katastrophe gekennzeichnet.
Die Schuld tragen die sogenannten Wirtschaftsführer in ihrer Selbstherrlichkeit und ihrer Verantwortungslosigkeit. Die Führer der deutschen Riesenunternehmungen, die den Staat mit ihrem Haß verfolgten, haben durch ihre Fehldispositionen die Wirtschaft in die Katastrophe geführt. Sie haben den Wiederaufbau Deutschlands , den seit 1925 das arbeitende Bolt mit ungeheuren Opfern für die Rationalifierung bezahlt hat, gestört und irregeleitet. Als die Weltwirtschaftskrise ihre Schatten vorauswarf, begannen Kapitalfehlleitung, Kartellrentnertum, Selbstfinanzierung, uferlose Bollschutz- und Subventionspolitik sich zu rächen. Die Schuldigen haben ihre Verantwortung zu verdecken versucht durch das Geschrei gegen den ,, Marrismus" und die angebliche Mißwirtschaft der öffentlichen Hand". Es war die deutsche Schwerindustrie, der Sitz des brutalsten Scharfmachertums, die dabei führend vorangegangen ist.
Diese Führer ins Unglücksind bankrottwirtschaftlich und politisch, und es ist an der Zeit, dem Volte die ganze Größe ihrer Schuld zu zeigen!
Mit ihnen tragen die Schuld die Kräfte, die die banfrotten Wirtschaftsführer gerufen und finanziert haben, die itler und Hugenberg.
Der verhängnisvolle Wahlfieg der nationalsozialistischen Reaktion vom 14. September 1930 mar der Beginn der Zerstörung des deutschen Kredits, das Treiben der Hitler- Horden, die militaristischen Paraden des Stahlhelms, haben fortgesetzt, was damals begonnen wurde. Deutschland bezahlt den nationalsozialistischen Herensabbat mit der Einengung seiner Wirtschaftsfinanzierung, mit dem Verlust von 3 Milliarden Betriebskapital, mit Arbeitslosigkeit und Not, mit der Erschütterung der Grundlagen der deutschen Kreditwirtschaft. Wenn jetzt die kleinen Sparer um ihre paar Spargroschen bangen, wenn die noch in Arbeit Stehenden sich bang fragen, ob sie morgen nicht auch auf der Straße liegen werden, so verdanken sie dies den bantrotten Wirtschaftsführern und ihren nationalsozialistischen Landsknechten!
Die Sozialdemokratische Partei hat in ihrer Kundgebung die Schuldigen gebrandmarkt. Jeder Versuch der bankrotten Wirtschaftsführer, sich auf Kosten des Volkes zu retten, um ihre Selbstherrschaft zum Verderben Deutschlands fortsetzen zu fönnen, wird dem energischen Widerstand der Sozialdemo fratischen Partei begegnen.