Morgenausgabe
Nr. 341
A 172
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Vorwärts
Berliner Boltsblatt
Freitag
24. Juli 1931
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Beginnende Hilfe
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beginnende Berständigung.
Die Regierungen von sieben Staaten haben in London barüber beraten, wie die Weltwirtschaftstrife an ihrem augenblicklich gefährlichsten Herde, in Deutschland , wirksam zu bekämpfen sei. Das Ergebnis ist keineswegs so, daß man sagen könnte, mit ihm sei die Gefahr beschworen und die Wendung zum Bessern erreicht. Dazu ist man in den Methoden, die Wirtschaft von der staatlichen Seite her zu beeinflussen, noch zu unsicher, und sind die Verhältnisse in den verschiedenen Ländern noch zu verschieden. Wenn man sich in der gemeinsamen Erkenntnis fand, daß man dem freien Spiel der Kräfte nicht untätig zusehen dürfe, weil es un weigerlich in den Abgrund führe, und wenn man allgemein zu begreifen schien, daß internationale Gemeinschaftsarbeit allein imftande sei, dem Uebel an die Wurzel zu gehen, so war das schon ein großer Fortschritt.
Wahrscheinlich hätte ein besserer Erfolg erzielt werden fönnen, wenn es gelungen wäre, zuvor die politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschland und Frankreich vollständig zu bereinigen. Herr Laval und Herr Brüning haben sich, wie es scheint, in vollkommener Harmonie und Höflichkeit dahin geeinigt, daß eine solche vollständige Bereinigung aus psychologischen Gründen in diesem Augenblick noch nicht möglich sei. Nach allem, was bisher über die Unterhaltungen, die sie miteinander führten, bekannt geworden ist, fann man feinem von beiden aus ihrem Berhalten einen Bormurf machen Die Verhältnisse waren eben stärfer als fie.
Eine Einigkeit zwischen den drei finanziellen Großmächten Amerika , England und Frankreich bestand weder über den fachlichen Inhalt des Rettungsplans, noch über die Boraus setzungen, unter denen er ins Wert zu setzen war. Es ist höchst zweifelhaft, ob sich Amerika an einer großen Anleihe beteiligt hätte, menn Frankreich sie bedingungslos angeboten hätte. Da Frankreich dies nicht tat, hatte Amerika gegen sein Vorgehen gleich zwei Einwände: denn erstens mar es überhaupt gegen eine von Staats wegen eingeleitete große Anleihe, und zweitens war es erst recht gegen politische Bedingungen.
Hätten fich die finanziellen Hauptmächte auf einen ge meinsamen Plan geeinigt und auf gemeinsame Bedingungen, die sie Deutschland vorschlagen wollten, so wäre die Annahme des Gesamtvorschlags durch Deutschland wahrschein lich gemefen. Umgekehrt fonnte eine deutsche Regierung von einer einzelnen Macht nicht Bedingungen annehmen, die von den andern Mächten nicht anerkannt, ja am Ende sogar offen mißbilligt wurden. Das war die Lage der deutschen Regierung in Paris und in London , und die französische Regierung mar flug genug, sie vollkommen zu verstehen.
Was in London erreicht wurde, ist ein kleines Pro gramm, von dem man bei einigem Optimismus erwarten darf, daß es Deutschland helfen wird, seine furchtbaren Schmierigkeiten zu überwinden. Vorqussehung dabei ist freilich, daß aus eigener Kraft die alleräußersten Anstrengungen zum gleichen Ziele gemacht werden. Auf diese Weise kann es ge= minnen, das Bertrauen zu festigen und den aufs schwerste gestörten Wirtschaftsverkehr wieder in normalen Ganz zu bringen.
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Diefe Hoffnung wird bestärkt durch die Tatsache, daß das Londoner Ergebnis fein einmaliges und endgültiges, sondern nur ein vorläufiges ist, und daß der Weg zur Berständigung mit Frankreich und damit zum großen Programm- nicht verbaut worden ist. Hätten die Konferenzen von Paris und London zu einer Berschärfung des deutsch - französischen Gegensatzes geführt, wie sie von der Nationalistenpresse auf beiden Seiten betrieben worden ist, dann wäre die Lage viel troftloser, als sie heute ist.
Niemand in Deutschland will eine Unterwerfung unter Frankreich , niemand will eine Demütigung. Aber jedermann sollte heute begreifen, daß die Zeit zu Haß- und Rachegesängen gegen unsern westlichen Nachbar nicht geeignet ist. Kindisch ist der Glaube, ein Deutschland , das sich in Feindschaft gegen Frankreich versteift, fönnte irgendwo in der Welt Bundesgenossenschaften und finanzielles Vertrauen finden. Mehr denn je ist antifranzösische Haßpolitik Politik des natio nalen Selbstmords.
Deutschland wird in diesen Tagen den amerikanischen Außenminister Stimson und bald danach den englischen Ministerpräsidenten Macdonald und den Außenminister Henderson als Gäste empfangen. Etwas später sollen Lanal und Briand folgen. Für den Herbst rechnet man bann auf eine neue Konferenz. Auf diese Weise ist dafür ge forgt, daß die internationale Fühlungnahme nicht abreißt.
Die Londoner Sieben- Mächte- Konferenz hat heute nach ihrer Schlußsikung folgende Erklärung veröffentlicht: Die übermäßigen Zurückziehungen von Kapital aus Deutschland haben eine afute finanzielle Krisis erzeugt. Diese zurückziehungen find verursacht worden durch einen Mangel an Vertrauen, der nicht durch die wirtschaftliche und budgetäre Lage des Landes gerechtfertigt ist.
Um die Aufrechterhaltung der finanziellen Stabilität Deutschlands sicherzustellen, die wesentlich ist im Interesse der gesamten Welt, find die auf der Konferenz vertretenen Regierungen bereit, zusammenzu mirten, soweit es in ihrer Macht liegt, um das Vertrauen wieder herzustellen. Die auf der Konferenz vertretenen Regierungen find bereit, zur Erwägung durch die Finanzinstitute in ihren Ländern folgende
Vorschläge zur Erleichterung der unmittelbaren Cage
anzuempfehlen:
100 millionen 1. daß der Zentralbankkredit von Dollar, der vor kurzem der Reichsbank unter den Auspizien der Bant für Internationale Zahlungen gewährt wurde, bei seiner Fälligkeit für einen Zeitraum von drei Monaten erneuert
mird.
2. daß gemeinsame Maßnahmen von den Finanzinstituten in den verschiedenen Ländern zweds Aufrechterhaltung des Umfanges der Kredite getroffen werden, die sie bereits Deutsch land gewährt haben.
Die Konferenz empfiehlt, daß die Bank für Internationale Bahlungen eingeladen wird, ohne Berzug einen Ausschuß von Bertretern zu errichten, die von den Gouverneuren der Zentralbanken ernannt sind und der daran interessiert ist, die unmittelbaren weiteren Kreditbedürfnisse Deutschlands zu untersuchen und die Möglich feiten der Konvertierung eines Teils der kurzfristigen Kredite in langfristige Kredite zu prüfen. Die Konferenz hat mit Interesse eine Mitteilung Dr. Brünings mit Bezug auf die gemeinfame Garantie zur Kenntnis genommen, die vor kurzem
von der deutschen Industrie zur Verfügung der Golddiskontbank geftellt
murde. Die Konferenz ist der Ansicht, daß eine Garantie dieser Art es möglich machen müßte, eine gesunde Grundlage für die Wieder aufnahme der normalen Operationen des internationalen Kredits zu verschaffen. Die Konferenz ist der Ansicht, daß, wenn diese Maßnahmen durchgeführt werden, sie eine Basis für eine darauf folgende permanentere 2ttion bilden werde.
Brünings Erläuterung.
mir, worauf es vor allem ankommt, dafür gesorgt, daß nicht weitere furzfristige Kredite abgezogen werden.
Der Reichskanzler führte weiter aus: Erreicht sind nur 3mischenmaßnahmen, und es ist unbedingt erforderlich, das Volumen des deutschen Kredites im Ausland in absehbarer Zeit zu vergrößern. In dem letzten Satz der amtlichen Bersautbarungen über den Abschluß der Londoner Konferenz ist diese Vergrößerung des Volumens als Grundlage der Aktion für die künftigen Ereignisse bezeichnet. Um diese Dinge zu beschleunigen, hat sich
die Reichsregierung bereits mit Herren in Berbindung gesetzt, die Deutschlands Wirtschafts- und Finanzlage prüfen und sich gutachtlich äußern sollen.
Dies ist notwendig, um dem Ausland die verwickelte Lage Deutsch lands flarzumachen. Die amerikanischen Delegierten haben vorgeschlagen, daß die Notenbankpräsidenten ein Komitee von Bankfachverständigen ernennen, das die Möglichkeiten prüfen soll, die turzfristigen Kredite in langfristige umzuwandeln. Deutschland hat durchgesetzt, daß, während die BIZ. dieses Komitee formell bilden soll, die Mitglieder von den Notenbanten ernannt werden und nicht von der BIZ.
Der Reichstanzler führte ferner noch aus, daß später durchaus die Möglichkeit langfristiger Anleihen bestehe. leber diese Frage hatten die deutschen Delegierten mit dem amerikanifchen Staatssekretär Stimson und dem Schahztanzler Mellon eine Unterredung.
Der Zeitpunkt für den Gegenbesuch der französischen Minister in Berlin ist noch nicht festgelegt.
Es ist jedoch darüber gesprochen worden, daß dieser Gegenbesuch vielleicht kurz vor Genf erfolgt. Aber dies ist ebenso wie der Besuch der deutschen Minister in Rom noch völlig in der Schwebe.
Reichsaußenminister Dr. Curtius teilte noch mit, daß die Sachverständigen, die über die Sachlieferungen und die Ueberleitung des Hoover- Planes zu beraten hätten, bis auf weiteres in London bleiben und untereinander die Frage regeln würden, um dann den Regierungen Bericht zu erstatten. Das eigentliche Ber fahren steht jedoch noch nicht fest.
Die Schlußreden.
Zum Schluß der Sieben- Mächte- Konferenz sprach Ministerpräsident Laval die Hoffnung aus, daß die Besprechungen der Auftakt zu einer Reihe weiterer Erörterungen seien, die zu einer politischen deutsch - französischen Zusammenarbeit führen mögen. Staatssekretär Stimson unterstrich die Bedeutung der Aussprachen zwischen Deutschland und Frankreich und äußerte seine Zuversicht, daß sie in der ganzen Welt das Vertrauen be= festigen würden. Bezüglich der Konferenz erklärte der Staatsfetretär, daß er Zeuge eines sehr bedeutsamen Ereignisses gewesen sei, dessen Ergebnisse er mit Spannung erwarte. Außenminister Grandi erklärte, er hoffe, daß das Ende der Konferenz der Be= ginn einer neuen Atmosphäre in der ganzen Welt und besonders hinsichtlich guter Beziehungen zwischen den europäischen Rationen sei. Reichskanzler Dr. Brüning sprach im gleichen Sinn und dankte der britischen Regierung für die Veranstaltung und Leitung der Konferenz, dem franzöfifchen Ministerpräsidenten für die freundlichen Worte, die Laval besonders auch an die deutsche Abordnung gerichtet hatte.
,, Der Ausgang der Konferenz ist ein sehr guter," mit diesen Worten leitete Reichstanzler Dr. Brüning die Besprechung mit den deutschen Pressevertretern sofort nach Schluß der Londoner Sieben- Mächte- Konferenz Sieben Mächte Konferenz ein. Zu der Konferenzerflärung äußerte der Reichstanzler, daß die Formulierung der Beschlüsse in sehr weitem Maße im Sinne der deutschen Wünsche erfolgt ist. Heute", so sagte genehm waren. Gie sehen, daß es sich um eine 3 wischenlösung Dr. Brüning,. ,, sind noch einige Dinge geändert worden, die uns an handelt; mit einer Schnellösung auf langfristiger Basis hatten wir nicht gerechnet, und wie ich in Paris bereits Gelegenheit hatte zu fagen, ist, ganz abgesehen von den technischen Schwierigkeiten einer solchen internationalen Anleihe, die monatelange Vorbereitungen erfordert, von Anfang an flar gewesen, daß eine Einigung über eine folche Anleihe zur Stunde wenigstens zwischen Amerika , England und Frankreich gar nicht erzielbar ist. Ich sehe ganz ab von etwaigen politischen Bedingungen. So ist es 3. B. ganz flar, daß auch die Verfassung der Vereinigten Staaten es ihnen unmöglich getommt die Lage des Londoner Kapitalmarktes, die zur Zeit eine Macdonalds und Curtius' Urteil. solche Anleihe wohl als gänzlich ausgeschlossen erscheinen läßt. Infolgedeffen haben wir uns darauf beschränken müssen, daß Beim Verlassen der Foreign Office erklärte Macdonald, daß erstens der 100- Millionen- Dollar- Kredit, der am 16. August abläuft, er von den Ergebnissen der Konferenz recht befriedigt sei. Es perlängert wurde, und zwar um drei Monate, und zweitens haben sei nicht leicht, zwischen sieben Mächten ein Abkommen zu erzielen.
Finanz- und Wirtschaftslage Deutschlands schon in den allernächsten Das Romitee ausländischer Banfiers, das zur Prüfung der Tagen in der Reichshauptstadt eintreffen wird, soll sich aus Sir Robert Kindersley , dem Direktor der Bank von England , so wie dem amerikanischen und dem schwedischen Berater dieses Ins ftituts zusammensetzen. Außerdem wird die B33. in Basel eit Komitee einrichten, das gemeinsam mit Deutschland die Wirksamteit der in London beschlossenen Maßnahmen ver folgen foll. Von dem Ergebnis dieser Beratungen soll es abhängen, ob zugunsten Deutschlands weitere Maßnahmen internationaler Bu sammenarbeit ergriffen werden sollen.
Deutschlands innere Aufgabe ist jetzt, entweder weitere| gibt. Es gilt also, Maßnahmen zu treffen, die den WirtHilfe über die jetzt gewährte hinaus überflüssig zu machen, oder aber sich wenigstens so lange aufrecht zu erhalten, bis die Zeit zu meiterreichenden Maßnahmen internationaler Art reif geworden ist. Das erste ist wahrscheinlich unmöglich, das zweite muß möglich sein, weil es einen andern Beg nicht
schaftsverkehr von seinen akuten Lähmungserscheinungen befreien und den Massen das Leben erträglich machen. Daneben gilt es zu erkennen und nach der Erkenntnis zu handeln, daß ohne eine Politik der Verständigung die Heilung der deuts schen Wirtschaft unmöglich ist.