= Der Abend
1931
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Nr. 508
B 254 48. Jahrgang
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Der Wirtschaftsbeirat eröffnet
Ansprache des Reichspräsidenten
Im Haufe des Reichspräsidenten fand heute die erste Sigung des vom Reichspräsidenten berufenen Wirtschaftsbeirats staff, zu der sich außer den Mitgliedern des Wirtschaftsbeirats der Reichskanzler und die Reichsminister, der Reichsbankpräsident und der Generaldirektor der Reichsbahn eingefunden hatten. Reichspräsident von Hindenburg empfing die Erschienenen im großen Saale des Präsidentenhauses und begrüßte sie hier mit folgender Ansprache: o dau
Meine Herren! Es ist mir eine angenehme Pflicht, Sie- che mir an unsere ernste Arbeit gehen willkommen zu heißen
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und Ihnen für die Bereitwilligkeit zu danken, mit der Sie meinem Rufe Folge geleistet und Ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt haben. Die schwere Krise der Weltwirtschaft und Deutschlands befondere wirtschaftliche Bedrängnis erfüllen alle Schichten unserer Bevölkerung mit banger Gorge.
Sie rütteln an den Grundpfeilern des wechselseitigen Vertrauens und erschüttern die Zuversicht in die Erhaltung der Grundlagen unserer Bolkswirtschaft. Im Bewußtsein der Berantwortung, die ich vor dem deutschen Volte und vor meinem Gewissen trage, habe ich mich entschlossen, angesichts der außerordentlichen Wirts schaftswirruis cinen besonderen und außergewöhnlichen Weg zu beschreiten. Ich habe nach Borschlägen der Reichsregierung aus führenden Persönlichkeiten des wirtschaftlichen Lebens, ous den großen Wirtschaftsgruppen von Industrie, Landwirtschaft, Handel, Handwert und Kleingemerbe, aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern einen Wirtschaftsbeirat zusammenberufen und Sie, meine Herren, heute zu einer gemeinsamen Beratung mit der Reichsregierung zu mir geladen, um der Reichsregierung bei ihren Bemühungen um einen Weg zu helfen, auf dem die wirtschaftliche und soziale Not des deutschen Volkes zum Besseren gewendet werden kann.
Niemand von Ihnen wird verkennen, in welchem Maße die Lage Deutschlands durch weltpolitische und meltmirtschaftliche Umstände bestimmt wird. Hier liegen die schweren und großen Aufgaben der deutschen Außenpolitik. Bon Ihnen aber erwarte ich, daß Sie sich mit mir und mit der Reichsregierung von dem unbeugsamen Willen beseelen lassen, wie auch immer die Entwicklung der Welt fein mag, aus der eigenen Kraft Deutschlands heraus von unserem Bolte abzuwenden, was eigenes Handeln mur irgend abzuwenden vermag.
Nur so wird eine Grundlage geschaffen für die notwendigen internationalen Bemühungen zur Lösung der gesamten Weltkrise. Nur das Bewußtsein solcher Pflichterfüllung und äußerster Kraftanstrengung wird unser Volf befähigen, in innerer Verbundenheit und mit nationaler Würde das zu tragen, was sich an seinem Schidfal als unabwendbar erweist. Die Aufgabe, die Ihnen gestellt ist, fann nur bei richtiger Wertung der wirtschaftlichen Kräfte und in gerechter Abwägung mider streitender Interessen gelöst werden. Ich erhoffe als Ergebnis dieser Zusammenarbeit wirtschaftlicher Sachverständigen und der Reichsregierung einen Ausgleich wirtschafts- und fozialpolitischer Gegenfäße und eine Besserung der deutschen Wirtschaftsnot.
Wenn diese schwere Aufgabe gelöst werden soll, darf jeder von Ihnen sich nur der Gesamtheit des deutschen Volkes und dem eigenen Gewissen verantwortlich fühlen, muß sich jeder innerlich loslösen von Gedanken an Gruppeninteressen und an Einzelrücksichten. Nur wenn solche Gesinnung Sie, meine Herren, erfüllt, werden Ihre Beratungen den fittlichen Wert und die überzeugende Kraft besigen, ohne die ein gesundes und lebensstarkes Bolt sich nicht führen läßt. Wenn das deutsche Volk durch die wirtschaftlichen und moralischen Wirrnisse und die Gefahren innerer Zersetzung hindurch zu befferer Zukunft gelangen soll, so ist hierfür Voraussetzung, daß die Führer der Wirtschaft zusammen mit der Reichsregierung einen die Führer der Wirtschaft zusammen mit der Reichsregierung einen tiaren und zielsicheren Weg gehen möchte Ihre Zusammenarbeit, meine Herren, Ergebnisse zeitigen, welche die Reichsregierung in den Stand setzen, auf Grund der verfassungsmäßigen und geschicht lichen Verantwortung, die ihr die Pflicht der Führung zuweist, mir wirtfame Maßnahmen zur Wiedergesundung unferer Wirtschaft und zur Aufrechterhaltung des fozialen Friedens vorzuschlagen. Dieses Ziel fest vor Augen laffen Sie uns nunmehr an die gemeinsame Arbeit gehen!"
Der Reichspräsident eröffnete dann im Sigungsfaale die erste gemeinsame Sigung des Wirtschaftsbeirats und der Reichsregierung und erteilte zunächst dem Reichstanzler Dr. Brüning das Wort. Der Reichskanzler legte in längeren Ausführungen die wirt schaftliche Lage und die zur Besserung der Wirtschaftsnot in Frage tommenden Möglichkeiten dar.
Schupo als Kinderfreunde
Die Berliner Schußpolizeibeamien haben aus ihren bescheidenen Mittein Beträge gesammelt, um rund 1000 bedürftige Kinder im Laufe des Winters zu speisen. Unser Bild zeigt die Schupps in ihrer Arbeit als Kinderfreunde.
56 Labour gegen 469 Konservative
Snowden geht ins Oberhaus.- Macdonalds Regierung wird umgebildet...
London , 29. Oktober. ( Eigenbericht.)
Im Augenblick find nur noch sieben Parlamentsfizze nicht besetzt; meistens Universitätswahlkreise, in denen die schriftliche Abstimmung erst in den nächsten Tagen zu Ende geht. Inzwischen hat sich die Mandatsziffer der Labour Party auf 56 erhöht, während die der Konservativen jetzt nicht mit 422, sondern mit 469 angegeben wird. Nach den neuesten Berechnungen entfallen auf ein fonservatives Parlamentsmitglied 28 200 Stimmen, während jeder Arbeiter. abgeordnete im Parlament 149 000 Wähler vertritt.
Macdonald wird heute vom König empfangen werden. Damit nimmt die kabinettsumbildung ihren Anfang. Snowden, der nicht fandidiert hat und schon insofern nach der englischen Verfaffung nicht Minister bleiben kann, scheidet aus dem Schahzamt aus und wird in den Cordstand erhoben. Als fein Nachfolger wird Neville Chamberlain genannt. Führer der Parlamentsfraffion der Labour Parin wird voraussichtlich Landsbury werden. Außerdem wird Scripps genannt.
Von den insgesamt gewählten zwölf weiblichen Ab. geordneten find acht zum erstenmal in das Unterhaus eingezogen. Mit Ausnahme der Tochter Lloyd Georges, die zu ihrem Vater zählt, find alle weiblichen Abgeordneten konservativ.
Daily Herald über die Niederlage.
Zu dem Ausgang der Wahlen schreibt" Daily Herald" einen Leitartikel, in dem es die katastrophale Niederiage der oppofitionellen Arbeiterpartei ohne weiteres zugibt; die Partei sei in jeder Hinsicht geschlagen worden, auf dem Gebiete der Organisation, der Propaganda und der Führung. Das Blatt ruft zu einer gründlichen Reorganisation der Partei maschine auf und bemerkt, es sei in weitem Maße die eigen e Schuld der Arbeiterpartei, daß es so leicht falle, die Wählers haft in einen Zustand der Banik zu versetzen. Die Tories würden ent sprechend ihren Grundsätzen versuchen, die Probleme der Gegenwart mit den Methoden der Vergangenheit zu lösen; wenn das Land mehrere Jahre unter dieser Torheit gelitten habe, werden die Tage der Arbeiterpartei fomnien.
Snowden über den Zusammenbruch.
In seiner Kundgebung an das Bolt fagt Snowden, daß Millionen Frauen und Männer für Kandidaten gestimmt. hätten, deren politische Meinung sie nicht teilten. Sie hätten dies mit dem einzigen Ziel getan, der Welt zu zeigen, daß England entschloffen fei, die Schwierigkeiten zu überwinden. Er bedauere den zusammenbruch, den die Arbeiterpartei erlitten habe. Aber dies sei nicht das Ende der Arbeiterpartei, die sich wieder neu
erheben werde unter neuen umsichtigen und mutigen Führern. Jedenfalls müsse die Partei die Dinge vom Standpunft des Staatsbürgers ansehen und nicht vom Standpunkt der Klasse aus.
Vorläufiges Endergebnis.
An der englischen Wahl haben sich 21 560 000 von 30 260 000 Stimmberechtigten beteiligt, also 70 Proj.
Die ,, nationale Regierung" erhielt 14 250 000, davon die Konfervativen 11 870 000, die nationale Arbeiterpartei 340 000, nationale Ciberale 1 950 000 Stimmen.
Gegen die Regierung ftimmten 7 320 000, davon für die Labour Party 6610 000 wähler.
Hanswurst jubelt.
„ Rote Fahne" und englische Wahlen.
Bei den englischen Wahlen haben offenbar die Kommu= nisten gefiegt! So muß man glauben, wenn man die Rote Fahne" vom Donnerstag liest, die vor Jubel über den englischen Wahlausfall ganz aus dem Häuschen ist. Allerdings haben es die englischen Kommunisten auf ganze 60 000 Stimmen( das sind etwa drei auf je tausend abgegebene Stimmen!) und fein Mandat gebracht, aber darauf kommt es nicht an! Hauptfache ist für jeden Kommunisten: die Arbeiterpartei ist geschlagen! Wenn es auch die Konservativen sind, die die
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Früchte davon ernten, das tut der Freude keinen Abbruch. Bom großen Strafgericht" fann man in der„ Roten Fahne" lesen, von der zerschmetternden Niederlage diejer Internationale der Sozialfaschisten und Völkerbüttel", von Schrittmacherdiensten", die nicht etwa Macdonald sondern die Henderson den Konservativen geleistet habe! Man begreift nur nicht, warum die 1% Millionen abtrünnigen Wähler der Arbeiterpartei aus solchen Erwägungen fonservativ stimmten, warum aber fein einziger von ihnen zu den Kommunisten gegangen ist!
In ihren ungezügelten Jubelausbrüchen über die Niederlage der Arbeiterpartei übertrifft die ,, Rote Fahne" sogar die HugenbergBresse um ein erfledliches. Wie diese, verschweigt auch fie, daß infolge der lotterieähnlichen Ungerechtigkeit des englischen Wahl
rechtes diese Niederlage sich in Mandaten viel trasfer ausdrückt, als in Stimmziffern. Im Gegenteil, die Rote Fahne " befigt vie Dreiftigkeit, umgekehrt zu behaupten:
,, Die vernichtende Niederlage der englischen Sozialdemokratie