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BERLIN Freitag 6. November

1931

Der Abend

Erfcheint täglich außer Sonntags. Sugleich Abenbausgabe des Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW68, Lindenstr.3 Fernsprecher: Donhoff( A 7) 292-297

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Spätausgabe des Vorwärts

10 Pf.

Rr. 522

B 261 48. Jahrgang

Anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigunaen nach Tarif. Bosscheckkonto: Vorwärts- Verlag G. m. b... Berlin Nr. 37 536. Der Verlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor!

Die Mörder gestehen

Drei Arbeitslose töten den Pförtnersohn

In überraschend schneller Arbeit ist es der Mordfom­mission gelungen, das furchtbare Verbrechen an dem 19 Jahre alten Pförtnersjohn Willy Kirchert aus der Kösliner Straße 4 aufzuklären. In den frühen Morgenstunden des Frei­tag wurden die drei Täter verhaftet. Es sind ein 21 Jahre alter Rudolf Baumann aus der Koloniestraße, fein gleichhalfriger Freund Fred Herforth aus der Grünthaler Straße 77, der der ,, Räuber" genannt wird, und der ebenfalls 21 Jahre alte Schlächter Eddi Hollmann, der in einer Caube in der Nähe der Grünthaler Straße wohnt und von seinen Freunden Elli" gerufen wird. Alle drei find geständig, die Tat nach längeren Beratungen und Beob­achtungen ausgeführt zu haben.

Das Berbrechen hatte in der Gegend das größte Aufsehen er= regt. In Erkenntnis dieses günstigen Umstandes hatte die Mord tommiffion bis in die späten Abendstunden hinein alle Mitteilungen aus dem Publitum am Tatort entgegengenommen. So war man allmählich auf einen bestimmten Perionenfreis ge fommen. Unter anderem fam auch die Nachricht, daß ein Rudolf Baumann in den Nachmittagsstunden verschiedenen Freunden erzählt hatte, daß er bei einem" Ding" beigewesen sei, wo einer eine Pistole gehabt habe. Auch zu Hause hatte er ähnliche Aeuße rungen fallen lassen. Bekannte, die bald von dem Verbrechen in der Kösliner Straße gehört hatten, bedrängten ihn mit Fragen und er gab zu, von der Bluttat zu wissen. Man brachte ihn zum Polizeirevier, von wo er der Mordkommission eingeliefert wurde. Einige Zeit versuchte er, Ausflüchte zu machen,

schließlich aber räumte er ein, mit mehreren Freunden die Tat ausgeführt zu haben.

Die Freunde, die er namhaft machen mußte, wurden noch in der Nacht herangeholt. Herforth war in seiner Wohnung und wurde aus dem Bett heraus verhaftet. Dann gingen die Beamten nach dem Laubengelände. In der Dunkelheit wurde Hollmanns Laube ausfindig gemacht, die Tür leise mit einem Dietrich geöffnet und der Schlächter ebenfalls aus dem Bett heraus feffgenommen. Die Burschen waren von ihrer plöglichen Festnahme so überrascht, daß sie auch bald ein Geständnis ablegten. Alle drei sind seit längerer Zeit arbeitslos und machen nur hier und da kleine Aushilfsarbeiten. Herforth hatte früher einmal in dem Hause Rösliner Straße 4 gewohnt. Er fannte die Gelegenheit und beratschlagte mit Baumann und Hollmann, wie man sich des Miets­geldes bemächtigen könne. Sie wollten Kirchert erzählen, daß sie die Absicht hätten, den Berein wieder ins Leben zu rufen und daß sie auf seine Mitgliedschaft großen Wert legten. Lange Zeit gelang es ihnen nicht, den jungen Kirchert allein zu treffen, meil auch seine Mutter ein instinktives Mißtrauen gegen die Freunde hatte und den Sohn nicht allein ließ.

Als Herforth, der das Haus beobachtete, am Donnerstag melden fonnte, daß Frau K. ausgeangen sei, wußten sie, daß sie leicht in die Wohnung hineingelassen würden. Herforth blieb wieder in der Nähe der Haustür, um seinen Freunden bei einer Flucht behilflich zu sein. Baumann und Hollmann wurden auch von Willi Kircher ohne weiteres eingelassen. Er führte sie ins Wohnzimmer und man sprach zunächst noch einmal über den Verein.

Plöhlich versetzte Baumann dem Ahnungslosen einen Sto vor die Brust,

Klagges.

RAPPORT

3 TOTE OVERLETZTE

SCH

LEICH

FUDDARI

,, Also alles marxistischer Mob, der beim Zurücktreiben in feine Schlupfwinkel unfere tapferen Spitzel, Pardon, wollte fagen unfere tapfere G., angegriffen hat und für einen andern büßen mußte."

Mißbrauch der Osthilfe.

Deputationen bei Hindenburg. - Ausflüchte der Regierung

In der heutigen Sihung des Bolkswirtschaftlichen Ausschusses brachte Abg. Schmidt- Köpenid( Soz.) die Vorgänge in der Osthilfe zur Sprache. Er fragte an, wann die Reichsregierung der offdeutschen Bevölkerung endlich die Wahrheit ein­gestehen wolle, daß

Mittel für die Osthilfe überhaupt nicht vorhanden feien. Die Ausschaltung der Preußenkasse aus der Osthilfe, die bis­her die Kosten der Betriebskontrolle selbst getragen habe, erwecke die Befürchtung, daß anstatt Einsparung von Verwaltungsspejen die often erhöht würden, da sie durch Uebertragung auf die Industriebank nunmehr aus den Mitteln der Osthilfe gezahlt werden müffen.

Abg. Schmidt( Soz.) verweist demgegenüber mit Recht darauf, daß gerade aus den landwirtschaftlichen Kreisen ununterbrochen Deputationen und Delegationen beim Reichspräsidenten vorstellig

würden um Hilfe, und daß es leider an der nötigen Energie fehle, hier einmal ebenso vorzugehen, wie beim Sozial abbau vorgegangen worden sei.

Abg. Ehrhardt( 3.) stellt ebenfalls fest, daß die Subven tionen aus der Osthilfe am meisten jenen zufließen, die fortwährend nach freier Wirtschaft schreien.

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In bezug auf die Westhilfe" machte der Regierungsvertreter lange Ausführungen, die beweisen sollen, daß die Anträge von Landvolk und Nazi diese waren nicht einmal im Ausschuß ans wesend überflüssig sind, weil die Regierung fich längst mit der Lage der Landwirtschaft im Westen ausführlich beschäftige.

Abg. Schmidt stellt die Organisation der Osthilfe, die durch das Eintreten der Industriebank eine starke Personalvermehrung er­fahren hat und wesentlich größere Kosten verursacht als die noch während Hollmann ihn von hinten mit einer Scheintodpistole auf bestehende Treuhandstelle in Königsberg als besonders unwirtschaft

den Kopf schlug. Dem überraschenden Angriff war Kirchert natürlich hin, lich nicht gewachsen. Er stürzte zu Boden und die rohen Burschen schlugen rücksichtslos auf ihn ein. Dann knebelten und würgten sie ihn mit einem Handtuch und legten ihn, als er still geworden war, auf das Bett. Baumann bewachte ihn, während Hollmann die Wohnung durchsuchte. Als er nichts finden konnte, rief er noch Baumann zu Hilfe. Inzwischen war der Ueberfallene wieder zu sich gekommen und war vom Bett aufgestanden. Sofort stürzten sich die beiden wieder auf den Taumelnden, schlugen wieder auf ihn ein und bearbeiteten ihn so lange, bis er sich nicht mehr rührte. Da sie befürchten mußten, daß Frau Kirchert nach Hause kommen würde, flüchteten sie aus der Wohnung, ohne etwas erbeutet zu haben.

Eine vierte Feffnahme.

Als Vierter im Bunde wurde der Arbeitslose Fritz Boß fest genommen, der in dem dringenden Verdacht steht, den drei eigent lichen Tätern den Tip für die Tat gegeben zu haben. Boß bestreitet allerdings bisher jede Schuld.

Auf eine weitere Frage, ob es wahr sei, daß der Aufsichtsrat der Industriebant, Silverberg, mit Austritt drohe, falls der Landwirtschaft unter Ausschaltung der Industriebant ein Mora­torium zugestanden werde, antwortete der Regierungsver treter, daß ihm davon nichts bekannt sei. Auf die übrigen Fest­stellungen des Redners, die mit statistischem Material belegt werden, daß die 3mangsvollstreckungen sich nicht ver mehrten, sondern ganz im Gegenteil einen Rückgang erfahren hätten, eine Verlängerung des Vollstreckungsschutzes jeder Berechti= gung entbehre, weiß der Regierungsvertreter nur mit der Ausflucht zu antworten, daß er im Augenblid, da ein neuer Reichskommissar für die Osthilfe gewählt werden solle, auf alle diese Dinge nicht näher eingehen fann.

Es seien aber über diese Frage Ermägigen gepflogen. Er will feststellen, daß die Oststelle es sich zur Aufgabe mache, Betriebe zu erhalten und Pfändungen nach Möglicheit zu verhindern, denn wenn Korn und Vieh dem Landwirt genommen würden, bestände über­haupt feine Möglichkeit mehr, Erträge abzuliefern.

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Der Wirtschaftsbeirat.

Die Ausschüsse arbeiten.

Der Stillhatteausschuß des Wirtschaftsbeirats der Reichsregierung hat seine Beratungen beendet. Am kommenden Dienstag vormittags treten die Ausschüsse für Pro duktionskosten und Preise, sowie Kredit und 3ins zu sammen. Die Mitglieder des Wirtschaftsbeirates find auf diese beiden Ausschüsse zu gleichen Hälften verteilt. Sachverständige werden hinzugezogen werden.

Rechtssturm gegen Brüning.

Hugenberg und die Alldeutscheu schäumen vor Wut.

Die scharfen Wendungen, die Herr Brüning in seiner Rede vor dem Parteiausschuß des Zentrums gegen die Rechte gebraucht hat, haben die Getroffenen in Aufregung versetzt. Die Volkspartei hat sich noch gestern abend gemeldet, die Altdeutschen folgen heute. Die Deutsche Zeitung" ist maßlos erbost, daß Brüning die Schiebungen und Treibereien der Aldeutschen gegen ihn beim richtigen Namen genannt hat. Sie schreibt:

,, Man fragt sich immer wieder, welche Absicht Herr Brüning eigentlich mit solchen Reden verfolgt, die die berechtigte Er regung weitester Kreise nur steigern fönnen, zumal die nichtssagenden Verständigungs- Betenntnisse. in denen sich der außenpolitische Teil der Brüning- Rede erschöpfte," gewiß nicht geeignet sind, das Vertrauen zur Gesamtpolitik dieses Kanzlers zu stärken.

Erst gestern haben wir an dieser Stelle betont, daß das Zentrum nicht Deutschland sei. Nach dieser Rede des Zentrumskanzlers in der Umrahmung durch Reden seiner Partei­freunde, in denen die Ueberheblichkeit des Zentrums auf die Spitze getrieben war, scheint uns nun wirklich der Augenblick gekommen zu sein, wo dem Zentrum von der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes mit aller Deutlichkeit gesagt werden muß, daß Deutschland feine Zentrumsfolonie ist: Bis hierher und nicht weiter!"

Die Herrschaften wollen ungestört sein, wenn sie geheime

Organisationen zur Verdächtigung von Reichskanzler und zur Be­stürmung des Reichspräsidenten schaffen.

Der Hugenbergsche ,, Tag" findet, daß Brüning mit seiner Rede ernste und verantwortungsbewußte Kreise des deutschen Volkes schwer beleidigt" habe. Er erinnert daran, daß die Zentrumspresse um den 15. Juli herum den Hu genberg- Ronzern angegriffen habe und schreibt:

,, Weiß der Herr Reichskanzler nicht mehr, daß aus tiefster nationaler Besorgnis wegen dieses parteipolitischen Berheizungs­versuches, der aus den Kreisen der Regierungsparteien fam, bei dem Herrn Reichspräsidenten ein Schritt unter­nommen wurde? Kennt der Herr Reichskanzler nicht die Erklärung, die der Pressechef der Reichsregierung in dieser An­gelegenheit dann abgegeben hat? Sie, Herr Reichskanzler, beanspruchen stets für sich selbst ein besonderes Maß von Ber­trauen, als ob Sie allen deutschen Volksgenossen geistig und moralisch vorgefeßt mären! Sie beanspruchen für Ihre Politik und alles, was Sie reden, geradezu die Anerkennung der Un­fehlbarkeit. Wir fordern Sie hiermit auf, für Ihre Behauptungen, die Sie mit Beleidigungen ,, Unanständigkeit, Brunnenvergiftung"