Morgenausgabe
Nr. 83
A 42
49.Jahrgang
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Vorwärts
Berliner Bolksblatt
Freitag
19. Februar 1932
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Wo bleibt der Führer?
Ein Borgeschmack der neuen Herrlichkeit.
Klare, rasche, energische Entscheidung in allen wichtigen politischen Angelegenheiten, das soll der erste und augenfälligste Borzug des Systems der Diktatur vor dem Feilschen und Berhandeln der Parlamente sein. Die Parlamentarier zögern und ziehen jede Entscheidung hilflos hin und her, der Führer befiehlt und der Fall ist erledigt.
So ungefähr lautet das Evangelium des Dritten Reichs und seiner Verfechter. Aber etwas seltsam ist der Vorgeschmad, den seine Bertreter uns in diesen Tagen von der Berwirklichung ihrer staatsmännischen Ideale bieten. Man beachte die einzelnen Etappen:
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Die Sache mit Osfar.
Hugenberg läßt sich in die Karten sehen.
Die Nachricht, daß Hugenberg Herrn Ostar Prinz von Preußen als Ueberraschungskandidaten gegen Hindenburg vorgesehen hat, hat wie eine Bombe eingeschlagen. In ihrem Drange, öffentlich mitzuteilen, daß ein Sohn Wilhelm geruht hat, als Mitglied des deutschnationalen Parteivorstandes an der Sigung des Parteivorstandes teilzunehmen, hat die Deutschnationale Pressestelle selber dafür Sorge getragen, daß die Aufmerksamkeit der Deffentlichkeit auf diese sogenannte Ueberraschungskandidatur gelenkt worden ist
Um den Charafter einer Ueberraschungstandidatur nicht vollständig verschwinden zu lassen, hat sich nun die Deutschnationale Pressestelle zu einem Dementi entschlossen, das feines ist. Die Absichten Hugenbergs mit Ostar werden in bestritten. Dafür werden die Pläne derer um Hugen diefem fogenannten Dementi feineswegs eindeutig berg weiter aufgededt. Es heißt in der deutschnationalen Berlautbarung:
Reichskanzler Brüning will die Amtszeit des gegen märtigen Reichspräsidenten verlängern und braucht für Diesen parlamentarischen Akt auch die Zustimmung der nationalsozialistischen Abgeordneten. Ein Wint nach München und schon hat der Führer" seinen Koffer gepadt, schon sitzt er in der Eisenbahn, ungeduldig steht er vor der Tür -an die ein anderer Führer ihn gerufen. Er erfährt den Plan des Kanzlers, der einfach und unzweideutig ist. Hören wir ein flares, Ja" oder„ Mein", wie es dem Führer geziemt? O nein, zunächst Bedenfzeit bis morgen, damit er dem dritten, Herrn Hugenberg, seine Beschlüsse" mitteilen fann die offenbar gar nicht gefaßt find. Denn während der andere Unterhändler, der Kanzler, den Eindrud gewinnt, der Führer" sei dem Plan nicht abgeneigt, beginnt jetzt ein Handeln und Feilschen, wie es greulicher von dem ge= wiegtesten Barlamentarier nicht eingefädelt werden kann: drei Tage, vier Tage, sechs Tage endlich hat der Führer seinen Entschluß gefunden, zu dem die andern ihn gereicht werden. tann. Das wird schon allein durch die führt haben! Der starte Mann ging den entgegengesetzten Weg von dem, den er selbst hatte einfchlagen wollen.
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Zwischen dem ersten und zweiten Aft liegt die Enthüllung des Zwischenspiels von Hildburghausen . In meiner Partei geschieht nichts ohne meinen Willen, ja ohne meine Renntnis", fo hat es der Führer verfündigt. Aber Dr. Frid, der auch manchmal führen will, erdreistet sich, den obersten Ofaf zum Gendarmeriekommissar zu ernennen! Ganz heimlich natürlich, wie es dem deutschen Mann geziemt, hinter dem Rücken seines Ministerkollegen, hinter dem Rücken des thüringischen Kabinetts auch hinter dem Rücken des großen Führers, denn der ist gar nicht damit einverstanden, sondern weist seine ,, Ernennung" empört zurück. Allerdings wird diese Empörung erst sichtbar, als die blamable Schiebung der Deffentlichkeit unterbreitet war. Borher ist dem eigen= mächtigen Dr. Frid von seinem Osaf nichts geschehen, die Beurteilung der Lage scheint etwas schwankend gewesen zu fein!
Wenn nicht Gendarm, dann vielleicht Professor! Wenn nicht in Hildburghausen , dann vielleicht in Braunschweig ! Dort sitzt ein getreuer Untergebener des Führers, Herr Klagges, der gegen Arbeiter einen unheimlichen Mut entfaitet. Hat nun der Führer etwas zu diftieren oder nicht? Wieder beginnt das Verhandeln und Rätselraten: Werd' ichs oder werd' ichs nicht? Wo bleibt das. Kommando des Dfafs? Ist es sein Wunsch, Professor in Braunschweig zu werden, dann hat er seinen Befehl an Herrn Klagges zu geben, und der hat einzufchwenken und den Versuch zu unternehmen, ganz gleich, wie er ausgeht! Oder rührt der wieder etwas ein auf eigene Faust, will man den großen Adolf ärgern, indem man ihn auch noch zum Professor wider Willen macht? Ihn, den Führer, der anscheinend nicht die kleinste Sache selber
führt?
,, Ganz allgemein scheint überhaupt die Bedeutung des ersten Wahlganges und der dafür genannten Kandidaten etwas überschätzt zu werden. Nach Lage der Dinge tann der erste Wahlgang nicht zu einem endgültigen Er gebnis führen. Dies folgt insbesondere daraus, daß die Kommu niften und ein großer Teil der Anhänger der Sozialdemokratie den fozialdemokratischen Parolen für Hindenburg faum folgen werden. Der erste Wahlgang verlangt bekanntlich eine absolute Mehrheit, d. h. etwa 18 millionen Stimmen für den zu wählenden Kandidaten. Niemand wird annehmen, daß diese Zahl im ersten Wahlgang erStimmen, die der fommunistische Kandidat erhält, unmöglich gemacht."
auf die Schüßen zurückprallt. Herr Duefterberg und selbst der große Adolf sind danach nur Nebenfiguren, einfache Statisten, nur gut dazu, um dem auserwählten Manne im zweiten Wahlgang Plaz zu machen, dem Manne mit der Bedeutung in der Berson des Herrn Ostar von Preußen. Das ist doch wirklich ein Mann von Bedeutung, neben dem Hitler selbst ein Niemand ist. Seine Sporen hat er sich in ähnlicher Weise verdient wie seine Brüder. Auch er hat sich in die Stahlhelmuniform geschmissen und bei sogenannten vaterländischen Rundgebungen den Kameraden gemimt. Auch er ist bekannt durch Hezreden und durch schnoddrige Bemertungen. Seine Geistesart wurde im Jahre 1926 durch einen ganz besonderen Borfall hell beleuchtet. Damals wur den mehrere Leute gefaßt, die ein Attentat auf Bon ihnen stammen die Worte:„ Stresemann verwese man" Stresemann geplant hatten. Es waren feine Brüder. und das Schwein muß gefillt werden". Ihr Haupt war ein gewisser Lorenz. Der erhielt in die Untersuchungshaft einen freundlichen Brief Ostars und dazu 50 3iga= retten geschickt. Stresemann hatte sich bekanntlich sehr beflissen gezeigt, um dem Erkronprinzen die Rückkehr zu er möglichen. Es war deshalb eine besondere Pifanterie, daß Oskar dem Attentäter, der den Freund feines Bruders tillen wollte, Zigaretten schickte. Als sich in der Deffentlichkeit des wegen Lärm erhob, versuchte sich Ostar mit faulen Ausreden und falschen Anschuldigungen gegen die Justizbehörden herauszupaufen. Er stand nicht zu dem, was er getan hatte.
Das ist die Hauptfigur in Hugenbergs Kriegsplan! In diesem strategischen Plan ist. den Kommunisten die Rolle der Hilfstruppe zugewiesen. Sie sollen im ersten Wahlgang die Bahn frei machen für Herrn Oskar Prinz von Preußen, den Sohn Wilhelms des Landflüchtigen, und im zweiten Wahlgang sollen sie dann dafür Sorge tragen, daß einer aus dem Hause Hohenzollern gewählt wird! Aufrufe für Hindenburg .
Also: Mit Hilfe der Kommunisten gedenken die um Hugenberg es zu einem zweiten Wahlgang zu bringen. Im ersten Wahlgang wollen fie eine 3ähltandidatur in der Perfon des Herrn Questerberg aufftellen, wobei sie eifrig versichern, daß die Bedeutung der Kander neben Hitler oder Frid kandidieren soll, didaten im ersten Wahlgang überschätzt werde. Das ist ein Giftpfeil gegen Hindenburg , der aber in diesem Falle lassen.
Die Bayerische Volkspartei und der Borstand des
Deutschen Landvolk haben Wahlaufrufe für Hindenburg er
Nun auch Milchteuerung.
Der Milchpreis soll um 4 Pfennig je Liter erhöht werden.
Die Berliner Milchnotierungskommission hat gestern| spätere Frühjahr ist eine Steigerung der Schweinepreije den sogenannten Einfuhrpreis für die Milchlieferungen sicher. So ist die Milchteuerung, die jetzt eintritt, nur ein Symptom nach Berlin von 12,25 auf 16,25 Pfennig erhöht. Es für eine Entwicklung, die nicht mehr ertragen werden kann! ist zu erwarten, daß die Milchpreise für den Konsum Die Reichsregierung steht vor einer sehr schweren Verant schon heute um die gleichen 4 Pfennig verteuert werden. wortung!
Haben wir nicht einen Preistommiffar, dessen Aufgabe es ist, eine Berbilligung der Lebenshaltung entsprechend der legten Lohn- und Gehaltssentung durchzuführen? Haben wir nicht das Wort des Reichstanzlers vom 12. Dezember, daß die Kauftraft der Bevölkerung unter den Maßnahmen der 4. Notverordnung im Endergebnis nicht verringert werden darf, weil sonst neue Wirtschaftsschrumpfung und neue Arbeitslosigkeit unvermeidlich find?
Bei der Milch gibt es feinen Ersaß, wie die Margarine ein Erfaß ist, wenn das letzte Stückchen Butter, das im Arbeiterhaushalt noch gebraucht wurde, so verteuert wird, daß man auch dieses letzte Stückchen nicht mehr taufen kann. Will man den kindern die Milch entziehen, die selbst Erwerbslose mit elendem Einkommen unter Opfern bisher noch beschafft haben?
Es ist nicht abzusehen, wohin die Entwicklung der Lebensmittel preise uns noch führen wird. In den letzten Tagen ist der Beizenpreis wieder gestiegen. Auch die Mehlpreise haben fich erhöht. Die Bäder werten bald wiederkommen und erflären, daß auch die Brotpreise nicht mehr zu halten feien. Für das
Denn nun ist die große Entscheidung reif: Wer wird der sichere, der siegreiche, der unüberwindliche Kandidat zur Reichspräsidentenwahl, der Erwählte der„, 15 Millionen", der eigentliche Eroberer des Dritten Reichs? Seit vier Wochen drucksen sie herum mit Duzenden von Vorschlägen: Ritter Don Epp? Dr. Frid? Hitler selbst? Hugenberg? Schacht? ein Hohenzollernpring? Ligmann? Ein anderer alter General? Wo bleibt bie flare, furze, energische Entscheidung des Führers? Was ist das für ein unwürdiges, geradezu parLamentarisches Kuhhandeln hinüber und herüber? Gemeinsamer Kandidat! Eigener Kandidat! Der Führer selbst! Nein, du Seldte, den Freimauer, mußt du Thyssen, den Stahlkönig, ein Platzhalter! Seit vier Wochen sehen die Getreuen diefes fragen? Was sind das für merkwürdige Ratgeber der seltsame Spiel und mit wachsendem Erstaunen fommts von Nationalsozialistischen Deutschen ,, Arbei. ihren Lippen: Führer, wo bist du? Willst du oder ter" Bartei? willst du nicht? Kommst du oder kommst du nicht? Aber das Spiel geht weiter in die fünfte Woche Was ist das für ein 3otteln und Zögern? Mußt hinein. Der Führer weiß nicht, wer führen soll. Er wanft, du Schacht, den einst geschmähten Aufwertler, mußt zögeri, verhandelt, feilscht, er probiert alle Finessen des Barbu Hugenberg. Ben Führer der schwächlichen Garde, mußt lamentarismus, bes gehaßten. Nur eins tut er nicht: er
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263436!
Das Ergebnis der Rüftwoche in Berlin .
In der gestrigen Situng des Gauvorstandes des Reichsbanners Schwarz- Rot- Gold wurde das Ergebnis der Rüstwoche der Eisernen Front festgestellt. In der Zeit vom 31. Januar bis 14. Februar haben sich in den Sammelstellen 263 436 Personen in die Eisernen Bücher eingetragen. Diese Ziffer wird sich noch um einige Hunderte erhöhen, da noch einige Listen ausstehen. Der Gauvorstand nahm mit Befriedigung von diesem Ergebnis Kenntnis, das sowohl in propagandistischer als auch in finanzieller Hinsicht einen alle Erwartungen übersteigenden Erfolg bedeutet.
führt nicht, sondern wird geführt, er entscheidet nicht, sondern wird entschieden. Und so kompromittiert er vor aller Augen nicht nur den zögernden, entschlußlosen, von verborgenen Gewalten abhängigen Führer, sondern mit ihm das System der Diftatur selbst. Wir aber fragen mit feinen Getreuen: Führer, me bleibst du?