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BERLIN Sonnabend 23. April

1932

Der Abend

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Nr. 191

B 96 49. Jahrgang

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Nazi- Ueberfall auf Otto Wels

Von einer Hakenkreuzbande in Köln niedergeschlagen und verlegt. Auch Polizeipräsident Bauknecht niedergeschlagen. Anführer war der Nazi- Reichstagsabgeordnete Ley.

Köln, 23. April. ( Eigenbericht.)

Das Polizeipräsidium teilt mit:

In der vergangenen Nacht wurde der Abge ordnete Wels in Begleitung des Polizeiprä sidenten Bauknecht im Restaurant seines Hotels, in dem er seit Jahren zu wohnen pflegte, von etwa zehn Nationalsozialisten unter Füh­rung des nationalsozialistischen Reichs. tagsabgeordnete Dr. Leh tätlich angegriffen.

Durch unbeteiligte Zeugen wurde festgestellt, daß Leh einige Zeit vor dem lleberfall telephonierte und kurz danach eine größere Anzahl von Nationalsozialisten ins Lokal kam und am Tisch von Ley Platz nahm. Die Nationalsozialisten bersuchten nach dem Ueberfall, fluchtartig das Lokal zu verlassen, wurden aber durch Polizeibeamte, die schon vorher durch den Wirt auf die Nationalsozia. listen aufmerksam gemacht worden waren, gestellt und verhaftet.

Organisierter Bandenüberfall.

Ueber die Einzelheiten des Ueberfalls der Hakenkreuzstrolche unter Führung des Banditen Ley auf den Genossen Wels erfahren

mir weiter folgendes:

Wels und Bauknecht waren nach der Versammlung, in der Wels vor etwa 30 000 Hörern gesprochen hatte, im Restaurant des Hotels, in dem Wels wohnte. Mit ihnen war eine Anzahl Parteigenoffen. Nachdem die Parteigenossen sich verabschiedet hatten, wollten auch Wels und Bauknecht das Lokal verlassen. Als Wels zur Tür ging, brüllten ihm die Nationalsozialisten zu: Heil Hitler!" Wels wandte sich um mit den Worten: Meine Herren, wem gilt der Gruß?"

Sofort fielen die Strolche über ihn her, warfen ihn zu Boden und würgten ihn. Als Polizeipräsident Bauknecht dazwischentrat, gab Leh selbst das Signal zum Angriff auf ihn, stürzte auf ihn los und riß ihm die Krawatte herunter.

Seine Spießgesellen schlugen mit Weinflaschen auf ihn ein, so daß eine der Flaschen in Trümmer ging. Bauknecht erlitt eine Ver­legung am Kopf. Ein Kellner, der dazwischensprang, wurde von den

Strolchen ebenfalls niedergeschlagen.

Die Polizei verhaftete die Strolche noch am Tatort, darunter

den Oberstrolch Leh, der in schwer betrunkenem Zu­stand auf der Polizei eingeliefert wurde,

Kehlkopfknorpels eingetreten ist. Genosse Wels wird heute abend in der Düsseldorfer Massen versammlung einige Worte an die Versammlung richten können, er wird sich morgen in Berlin in weitere ärztliche Behandlung begeben.

Die Täter befinden sich noch in Haft. Otto Wels hat Strafantrag wegen Körperverletzung gegen sie gestellt. Auch der Oberbandit Ley ist noch in Haft. Er war heute vormittag noch völlig be soffen!

Die Partei protestiert!

Telegramme an die Reichs: und Staatsbehörden

Der Parteivorstand und die Reichstagsfraktion haben heute sofort an den Reichspräsidenten , den Reichs kanzler, den Reichsinnenminister und den preußischen Minister des Innern das folgende Telegramm gesandt:

In letter Nacht wurde der Führer der Sozialdemo­kratischen Partei Deutschlands , Ctto Wels, und der Kölner Polizeipräsident Bauknecht in einem Kölner Hotel von nationalsozialistischer Bande unter Führung des Reichstagsabgeordneten Dr. Ley überfallen und ver­undet. Sozialdemokratischer Parteivorstand und so­zialdemokratische Reichstagsfraktion.

lichen Sicherheit und gegen den Terrorismus der Durchgreifende Maßnahmen zum Schutze der persön­Nationalsozialisten sind absolut erforderlich.

Breitscheid . Hilferding .

Der Kölner Ueberfall ist ein Warnungssignal, das in der ganzen deutschen Arbeiterschaft und weit über Deutsch­ lands Grenzen hinaus den schärfsten Widerhall erwecken wird. Denn Otto Wels ist in den Augen der Millionen von Sozialdemokraten in Deutschland und in der ganzen Welt, besonders seit dem Tode Hermann Müllers, der Führer der Deutschen Sozialdemokratie.

Die Herren Hitler , Goebbels , Straßer und Konsorten können von Glück reden, daß der Ueberfall ihrer Banditen keine noch schlimmere Folgen für die Gesundheit

der Angegriffenen gehabt hat. Denn das Maß ist voll, überpoll!

Hätte der Weinflaschenangriff der Ley- Rowdys auf Otto Wels und Bauknecht einen anderen Ausgang ge­nommen, dann wären vielleicht die Hunderttausende, die gestern im Lustgarten demonstrierten, auf eine solche Nach­richt hin nicht mehr zu halten gewesen. Und dann: Gnade Gott den Schuldigen!

Die Schuldigen sind die Führer der NSDA P., die seit Jahr und Tag bei ihren Massen, insbesondere in einer unreifen Mittelstandsjugend, eine blutrünstige Lands­fnechtsstimmung durch Reden schüren, die fast aus­nahmslos Aufforderungen zum Mord enthalten.

Herr Hitler droht mit Köpferollen und läßt es durch jeinen Rechtsberater Frank II ausdrücklich bestätigen. Herr Gregor Straßer spricht davon, daß man bis zu den Knöcheln im Blut der Feinde waten werde. Herr Stöhr verspricht der Hanfindustrie im Dritten Reich Hoch­konjunktur. Herr Goebbels spricht von den Galgen­sprossen. Herr Buttmann will die verrostete ,, Guillotine" mit den Nacken der politischen Gegner wegen und sie mit deren Blut schmieren. Herr Be st entwirft, nach Rücksprache mit dem Münchener Braunen Haus, seine Borheimer Doku­mente, in denen das Wort Erschießen" als Kehrreim dient.

Was geschieht von Rechts wegen gegen die Anstifter zu Mord und Totschlag? Nichts! Aber mittlerweile geht die Saat blutig auf. Der Kölner Fall ist ein Symptom.

Ihr Naziführer, ihr seid gewarnt! Abschlachten läßt die deutsche Arbeiterklasse weder sich noch ihre Führer!

und den Redakteur Sch waele vom Westdeutschen Beobachter". Alle Mann an Deck! Der Gfandal von München .

Es steht fest, daß der Ueberfall von Ley systematisch vorbe= reitet worden ist. Der Kölner Arbeiterschaft, der der Banditenstreich der Hakenkreuzstroiche heute morgen durch Flug blätter mitgeteilt wurde, hat sich gewaltige Erregung be­mächtigt. Die Erbitterung gegen die Banditen ist auf den Höhepunkt gestiegen.

Genosse Wels hat sich heute morgen in Behandlung zu einem Halsspezialisten begeben. Er hofft trotzdem, noch heute abend vor einer Massenversammlung in Düsseldorf sprechen zu können.

Die Verletzungen von Wels.

Die Täter noch in Haft.- Oberbandit Ley noch besoffen' Köln , 23. April. ( Eigenbericht.)

Die ärztliche Untersuchung des Genossen Otto Wels hat ergeben, daß durch einen Schlag auf den Kehlkopf ein innerer Blutergus, eine

Jeder

Sozialdemokrat,

Reichsbannerkamerad, Gewerkschaftler und Arbeitersportier setzt seine letzte Kraft ein für den

Sieg der Liste 1

Heute ab 16 Uhr von den bekannten Lokalen aus

Flugblattverbreitung!

Berlegung der Stimmbänder und des Keiner darf fehlen!

Hiltlers Kulturbanditen entfesseln blutige Schlacht. München , 23. April. ( Eigenbericht.) Die Störungen der Grzesinski - Bersammlungen waren vom Sturmbann München 1, 2 und 3 der aufgelösten SA. verabredet und organisiert. Zuerst arbeiteten die Hitler­Banditen in beiden Sälen planmäßig mit Tränengas und Stink­bomben. Als sie damit die Disziplin der Massen nicht brechen konnten, störten sie systematisch mit immer lauteren und beleidigen­deren Zwischenrufen, so daß der Ordnungsdienst des Reichsbanners fich schließlich genötigt fah, die größten Schreier aus den Sälen zu werfen. Das wurde in beiden Fällen der Beginn einer Saal­schlacht, die im Haderbräufeller zehn Minuten und im Löwen­bräu länger als eine Biertelstunde dauerte. Im Nu sauffen Stühle und Bierkrüge auf die Köpfe, Saaliüren wurden eingeschlagen, so daß es fofort blutige Gesichter gab. 3 ahlreiche Frauen wurden ohnmächtig aus dem Saal getragen. Die Sanitäts­tolonne und der städtische Rettungsdienst waren bis nach Mitter­