Mittwoch 27. Juli 1932 Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.
Morgenausgabe
Nr. 349
A 172
49. Jahrgang
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Die preußische Staatsregierung verlangte Milderung der Hitler - Notverordnung vom 16. Juni. - Die Reichsregierung antwortete mit ihrer Amtsenthebung!
Der Reichskanzler v. Papen hat die Reichserefutive in Preußen auf die Abfäße 1 und 2 des Artikels 48 der Reichsverfassung zu stüzen versucht und damit unterstellt, daß Preußen die ihm nach den Gesetzen und der Verfassung obliegenden Pflichten nicht erfüllt habe, daß ferner in Preußen die öffentliche Sicherheit und Ordnung mehr gestört und gefährdet sei als in anderen Ländern. In seiner Rundfunkrede hat er diese Behauptungen vielfach variiert und dabei unter anderem bemerkt, daß es kein Zufall sei, daß nur in Preußen die kommunistischen Kampforganisationen einen größeren Umfang annehmen konnten, und daß nur in Preußen der Wahlkampf von einer erschreckenden Bermehrung blutiger Auseinandersezungen begleitet wor
den sei.
Man muß dem Herrn Reichskanzler zugute halten, daß er noch ziemlich neu in seinem Amt ist und sich auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen nicht stüßen kann. Das selbe gilt von dem größten Teil seiner engeren Mitarbeiter. Das sollte ihn aber dazu führen, bei seinen in der Deffentlichkeit aufgestellten Behauptungen, besonders wenn diese Behauptungen Beschuldigungen gegen die Regierung eines großen Landes involvieren, vorsichtig zu sein. Natürlich ist es kein Zufall, daß die Kommunisten in Preußen zahlreich sind, so wenig wie es ein Zufall ist, daß
Preußen die höchste Arbeitslosenziffer aufweist oder daß in Preußen die meisten Großstädte liegen, deren Wohlfahrtserwerbslose schon jahrelang unter den Geißeln der Arbeitslosigkeit und den Entbehrungen aller Art leiden. Natürlich ist es kein Zufall, daß dort, wo sich Hunderttausende von hungernden Menschen auf einem engen Bezirk zusammenballen, wie im westlichen, mitteldeutschen und schlesischen Industriegebiet, wie in Berlin und an der Wasserkante, die Agitation der radikalen Parteien, also auch der Kommunisten, einen fruchtbaren Nährboden findet. Wer da glaubt, diese Entwicklung und ihre Begleiterscheinungen ausschließlich mit polizeilichen Mitteln aufhalten zu können, der soll sich sein Lehrgeld zurückzahlen lassen. Immerhin: in der Bekämpfung staatsgefähr licher Ausschreitungen der fommunistischen Kampfesorganisationen hat die preußische Regierung einiges geleistet.
Schulschiff gesunken!
69 Mann der Besatzung wahrscheinlich ertrunken!
Kiel , 26. Juli. Dienstag um 14.30 Uhr ist das Segelschul. fchiff Niobe" in einer Gewitterbö bei Fehmarn . Feuerschiff gekentert. Die Boote des Feuerschiffes haben sich sofort an die Unfallstelle begeben. Auch der Dampfer Therese Rust" meldet seine Ankunft an der Unglücksstelle. Er hat 40 Gerettete an Bord. Rettungsaktionen der Marine sind eingeleitet. Niobe" ist am Montagvormittag mit genau 105 Mann( Kadetten und Schiffsjungen) an Bord ausgelaufen.
Nach einer weiteren Meldung hat der Kreuzer Köln" die von dem Dampfer ,, Therese Rust" geretteten Ueberlebenden des untergegangenen Schulschiffes ,, Niobe" an Bord genommen. Außer dem Komman danten ist ein weiterer Offizier, Oberleutnant zur See Lott, gerettet. 69 Schiffsangehörige werden vermißt. Mit ihrem Tode muß gerechnet werden.
( Siehe auch 1. Beilage.)
war der Wahlkampf damals nicht von der erschreckenden Vermehrung blutiger Auseinandersehungen begleitet, die Herr v. Papen heute so sehr beklagt.
Herr v. Papen hat es in seiner Rundfunkrede auch für richtig gehalten, einen Unterschied zwischen dem hingebenden Einsatz der örtlichen Polizeiorgane" und der Führung hier ist offenbar die zentrale Führung gemeint zu machen. Die Polizei in Bausch und Bogen zu verurteilen, hat auch er augenscheinlich für ungerecht, aber auch wohl für unflug gehalten. Die Leistungen des preußischen Polizeikörpers find jedoch so tief in die Geschichte des preußischen Staates gemeißelt, daß sie am wenigsten der sieben Wochen amtierende Reichskanzler durch Reden oder Verordnungen zu verwischen vermag. Und die Führung? Diese Frage läßt sich am leichtesten beantworten, wenn man die Zustände in der Polizei in den Jahren 1918 bis 1920 mit der Verfassung der preußischen Polizei von heute vergleicht. Es war damals nicht selten, daß sich die örtlichen Polizeiorgane bei politischen Unruhen für neutral" erklärten und einem Einschreiten gegen die Ruhestörer aus dem Wege gingen. Das hat die Führung der preußischen Polizei geändert, nicht nur durch Verordnungen und und zwar in Organisationsveränderungen, sondern auch und zwar in der Hauptsache durch die beste Methode der Erziehung: durch das Beispiel hingebenden Einsatzes. Auch diese Tatsache wird Herr v. Papen nicht aus der Welt reden können, und darum sollte er, wenn er nicht zu naheliegenden Vergleichen neigen will, in der rednerischen Behandlung der Dinge vorsichtiger sein, über die ihm ein sachverständiges Urteil nicht wohl ansteht.
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Seine Erefutive gegen Preußen aber hat der Staatsautorität einen Stoß versezt, dessen Folgen heute noch gar nicht zu übersehen sind. Die Männer, die diese Maßnahme ausges flügelt haben, haben damit Pfeile abgesandt, die über furz oder lang auffie zurüdprallen werden. Womit man fündigt, damit wird man gestraft! Herr p. Papen hat durch die Art seines Vorgehens aber auch den Wert der Begriffe von Treu und Glauben nicht gerade er höht. Als am Nachmittag des 18. Juli das preußische Staatsministerium vom Reichskanzlerbüro gebeten wurde, den Ministern Hirtsiefer und Severing eine Einladung zu einer Besprechung mit dem Reichskanzler zu übermitteln, da fonnten, ja mußten die beiden Minister aus dieser Einladung folgern, daß es sich um die Erörterung eines Briefes handeln würde, den das preußische Staatsministerium dem Reichskanzler in Sachen
der Senkung der Unterstützungssäge für Arbeitslose und Krisenunterstützte gesandt hatte. Diese Auffassung erhielt eine weitere Stüße durch die Einladung, die am nächsten Tage auch dem preußischen Finanzminister Klepper zuging. Um Klarheit darüber zu bekommen, erfundigte sich in den Nachmittagsstunden des Dienstags der Ministerialdirektor Nobis vom preußischen Staatsministerium auf Ersuchen des Innenministers in der Reichskanzlei nach den Verhandlungsgegenständen, die für die Besprechung zwischen dem Reichskanzler und den preußischen Ministern vorgesehen waren. Es wurde ihm bedeutet, daß
über finanzielle und landwirtschaftliche Fragen verhandelt werden solle, daß allerdings auch innerpolitische Fragen zur Erörterung kommen würden! Man kann diese Auskunft als eine Verlegenheitsausflucht werten, die durch ein Schweigegebot bedingt war, oder man fann sie als abfichtliche„ Tarnung" empfinden auf jeden Fall war sie das Gegenteil von dem, was bisher im Verkehr der Reichsregierungen mit der preußischen Staatsregierung als Treu und Glauben galt. Daß sich der kommissarische Innenminister Dr. Bracht schon eine halbe Stunde vor der Besprechung in der Reichskanzlei beim Leiter der Polizeiabteilung des preußischen Innenministeriums melden ließ und daß die Verfügung der Amtsenthebung des Innenministers in der Zeit dem Ministerium zugestellt wurde, in der die preußischen minister in der Reichskanzlei weilten, ist nur eine Abrundung des Bildes, das sich der Reichskanzler von Papen augenscheinlich von den Mitteln zur Festigung der Staatsautorität macht.
Von erheblich höherem Wert ist jedoch die Fests stellung, daß über den Brief des preußischen Staatsministeriums an Herrn v. Papen nicht ein Wort geredet wurde. In dem Briefe hatte die preußische redet wurde. Staatsregierung ihrer Sorge Ausdruck gegeben, daß die
Wenn der Wahlkampf in Preußen- aber nicht nur in Preußen!- von vermehrten blutigen Auseinander fegungen begleitet worden ist, so ist das nicht zuletzt auf das Konto der Regierung Papen zu setzen, die u. a. durch ihre von feinerlei Sachkenntnis getrübten Verordnungen er probte und bewährte Maßnahmen der Länderregierungen außer Kraft sezte. Man kann wohl behaupten, daß den beiden Wahlgängen zur Wahl des Reichspräsidenten von den Barteien die gleiche Bedeutung beigemessen worden ist, die man jetzt in der Reichstagswahl erblickt. Mit derselben Leidenschaftlichkeit und Beharrlichkeit, mit der jetzt die Par- Herr v. Papen hat in seinen Rundgebungen der letzten teien für ihre Ziele kämpfen, sind darum auch vor dem Tage auch viel von der Wiederherstellung der Staatsautori13. März und dem 10. April die Kämpfe um die Präsident- tät geredet. Man kann ihm darin zustimmen, daß die schaft ausgefochten worden. Aber damals fehlte Staatsautorität in den legten Monaten bedenklich gelitten der Reichsarbeitsverwaltung mit der die Provokation der Uniformen und darum hat und daß alles getan werden sollte, um sie zu stabilisieren. I artigen Erschütterungen rechneten. Im Interesse
Senfung der Alu- und Kru- Unterstützungen in dem Ausmaße, wie sie die Verordnung vom 16. Juni 1932 vorsicht, sich ohne Erschütterungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nicht durchführen lassen werde. Es war hinzugefügt, daß nach Nachrichten aus der Provinz auch die Behörden