Morgenausgabe
Nr. 355
A 175
49. Jahrgang
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Teils
Vorwärts
Beeliner Boltsblatt
Sonnabend 30. Juli 1932 Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.
Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschla
Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernspr.: Dönhoff( A 7) 292-297. Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin .
Vorwärts- Verlag G. m. b. H.
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Holt das Treibholz!
Der letzte Tag gehört ganz der Partei!
Heute ist viel zu tun!
Wahl- tut es noch heute!
Das Gesagte gilt für Männer und Frauen! Für die| Sprecht mit euren Kolleginnen, euren Nachbarinnen über die Der letzte Tag vor der Wahl ist der wichtigste. Torheit Frauen aber ganz besonders. Leider sind die zu glauben, alle wüßten schon, wie sie morgen wählen werden! Frauen bisher immer noch weniger politisch interessiert als Wenn jeder, der diese Zeilen liest, sie beherzigt und nach Bei allen Wahlen gibt es Massen, die bis zum letzten Augen- die Männer. Darum fönnen auch letzte Eindrücke, legte Ge- ihnen handelt, dann fann im Kampfe um die Freiheit, für blic schwankend sind. Man nennt sie das Treibholzspräche vor der Wahl sie noch stärker beeinflussen. den Sieg der Sozialdemokratie heute noch Großes ge= die stärkere Strömung nimmt sie zuletzt mit. Genossinnen, überwindet die törichte Schüchternheit! leistet werden!
Noch nie hat es bei einer Wahl soviel
Treibholz gegeben wie bei dieser. Von den Die Partei erwartet, daß heute jeder seine Pflicht tut!
großen Parteiblocks lösen sich unter dem Druck der politischen Ereignisse Massen ab, sie wissen noch nicht wohin. Von der Stärke der vorhandenen Strömungen hängt es ab, ob sie dorthin zurückkehren, woher sie gekommen sind, oder ob sie anderswo Anschluß finden.
Die Parole des leßten Tages lautet: Holt das Treibhol! Diese Leute kommen nicht in unsere Versammlungen. Unjere Flugblätter lesen sie nicht, oder sie tun es mit Mißtrauen. Nur das überzeugende Gespräch fann fie zu uns bringen.
Das sind feine neuen Erkenntnisse. Gewiß ist in allen Wochen des Wahlkampfes neben der sichtbaren Parteiarbeit auch viel unsichtbare geleistet worden. Aber ebenso gewiß ist auf diefem Gebiet auch vieles versäumt worden, das heute noch nachgeholt werden kann und nachgeholt werden muß. Nationalsozialistische Wähler sind wankend geworden. Sie sehen als Folge ihrer Stimmabgabe bei vorangegangenen Wahlen die Regierung der Barone, die neuen Notverordnungen mit ihren drückenden Bestimmungen. Aber sie wissen nicht wohin. Zu den Splittern wollen sie nicht. Die deutschnationale Kapitalistenpartei kommt nicht in Frage aber von der Sozialdemokratie sind sie noch durch zahlreiche Vorurteile getrennt. Mancher und manche werden noch heute diese Vorurteile überwinden, wenn einer zu ihnen spricht, der den richtigen Ton zu finden weiß.
Mit den kommunistischen Wählern liegt es zum Teil ähnlich. Sie beginnen einzusehen, daß der Weg der KPD. - Führung immer tiefer in die Sackgasse führt. Die KPD. - Führung hat es nicht verstanden, den Wind der Wirtschaftskrise in ihre Segel zu fangen. Sie hat selbst in der Zeit, in der die Sozialdemokratie im Interesse der Arbeiterklasse genötigt war, sich zu koalieren und zu tolerieren, nicht ge= wonnen, sondern verloren. Heute steht die Sozialdemokratie als Oppositionspartei in weithin sichtbarer Führerstellung gegen Sozialreaktion und Faschismus. Tausende und aber Tausende bisher kommunistischer Wähler sind schon innerlich bereit, durch ihre Stimmabgabe die proletarische Ein heitsfront im Zeichen der Sozialdemokratie zu verwirklichen. Es bedarf nur noch eines entscheidenden Gesprächs. Wer führt es noch heute mit ihnen?
Aufmarsch in letzter Stunde.
Massenappell der Eisernen Front.
fo viel Opfer an Gut und Leben forderte. Es ist eine Schande, daß das Deutschland der großen Philosophen, das Deutsch land der so gepriesenen Humanität Erzesse erlebte, wie man sie nicht für möglich gehalten hat. Doch
Die Kundgebung der Eisernen Front im Neuköllner | der Reichsgründung hat Deutschland einen Wahlkampf erlebt, der Stadion, die den Abschluß des verheißungsvollen Ber liner Wahlkampfes darstellte, hat Neukölln von 17 Uhr ab in Atem gehalten. Wer gegen 18 Uhr die Anmarschstraßen sah, mußte unter dem mächtigen Eindruck dieser Völkerwanderung stehen, die sich zum Stadion hin bewegte. Unendliche Schlangen auf den Bürgersteigen: Arbeiter aus den Betrieben, Angestellte, Beamte, Reichsbannerkameraden, Sportler im Dreß, Frauen, junge Mädels, junge Burschen, und alle geschmückt mit den drei Pfeilen der Freiheit!
das Reich der Schande ist nicht unser Reich. Es war das System Hitlers , das von der Nacht der langen Messer" sprach.( Stürmischer Beifall.) Die neue Reichsregierung hat der Hitlerschen Privatarmee, den Salzsteuersoldaten, wie sie der Volksmund nennt, das Tragen der Uniformen gestattet, obwohl die Länderregierungen ihre warnende Stimme erhoben. Die Regie= Vor den Kassen an der Oderstraße, der Siegfried. rung Papen wurde auf die Blutopfer aufmertfam Straße und am Grünen Weg ein Drängen und Anstehen, gemacht, die mit der Wiederzulassung der S.- Banden fommen wie man es felten erlebt hat. Viele, allzu viele müssen mußten. Bergeblich! Aber es kommt der Tag, wo wir, die Eiserne Front, Rechenschaft von den Verantwortlichen for= ihre Stempelkarte zeigen; aber auch sie, die Erwerbs- dern werden. Die im Freiheitstampfe Gefallenen weilen im Geiste losen, die am meisten von Not und Sorge Geschlagenen, wollen dabei sein, wenn es gilt, für die Freiheit zu zeutausende, es demonstriert das schaffende Volk Berlins ! gen. Das weite Oval füllt sich schnell. Es sind Zehntausende, es demonstriert das schaffende Volk Berlins !
und werfen Flugblätter ab. Die Kapitalsflugzeuge Adolf Hitlers , Ueber dem Plaze kreisen die Flugzeuge des„ Sturmvogel " die sich heranwagen, werden mit Pfiffen empfangen. Das Rednerpult ist geschmückt mit dem Freiheitsbanner, das der Eisernen Front durch die englischen Genoffinnen geftiftet wurde. Mit riesigen Buchstaben, die mahnend sagen„ Wählt Liste 1", haben sich Jugendliche aufgestellt. Alle Kapellen und Spielmannszüge unferes Ber liner Reichsbanners spielen.
Dann der Einmarsch der Schufo und Hammerschaflen! Ein unendlicher Zug, der nicht abreißen will! An der Spike die Schuhformationen des Reichsbanners. Kräftige Arbeitergestalten len! Ein unendlicher Zug, der nicht abreißen will! An der Spike alle, alte und jüngere in einer Front, im strammen militärischen Zahlreiche Wähler der Staatspartei wiffen Einmarsch. Dann die Sportler, dann die Hammerschaften, die nicht wohin. Ihre Partei hat törichterweise die Listenverbin- metallarbeiter, die Buchdrucker, der Vorwärts- Betrieb und alle die Listenverbin- Einmarsch. dung, zu der die Sozialdemokratie bereit war, abgelehnt. Wäre die Listenverbindung zustande gekommen, so hätte jeder bürgerlich- demokratische Wähler Staatspartei wählen fönnen, ohne besorgen zu müssen, daß seine Stimme verloren geht. Heute besteht die Gefahr, daß die staatsparteilichen Stimmen ins Nichts fallen, die Linke geschwächt, die Rechte gestärkt wird. Eine bürgerlich- demokratische Partei fönnte nüglich sein, aber sie ist eben nicht da! Wer demokratisch denkt, muß sozialdemokratisch stimmen. Er wird es auch tun, wenn noch heute einer kommt, der es ihm sagt.
anderen, die man nicht aufzählen kann. Als der imponierende Zug der Uniformierten von der Berliner Berkehrsgesellschaft einrückt, brauft der Beifall besonders start auf. Es ist ein unaufhörliches Freiheit- Rufen der Massen, ein einziges großes Bekenntnis der Treue zum Sozialismus, zur Freiheit.
Als der Aufmarsch beendet war, eröffnete Genosse Künstler die Kundgebung. Er begrüßte die Anwesenden mit einem begeistert
Die sichtbare Arbeit der Partei in diesem Wahlkampf war glänzend. Hoffentlich war die unsichtbare ebenso gut. Aber Er führte aus: Die Eiserne Front tritt zum letzten großen an ihr fann heute noch vieles besser gemacht werden. Appell vor dem Entscheidungskampf zusammen. Noch nie seit Heute noch, morgen früh vielleicht noch aber morgen abend ist es schon zu spät.
Darum soll sich jeder Leser des Vorwärts", jeder Parteigenosse heute noch fragen, ob er denn wirklich gegenüber der Partei ein ganz gutes Gewissen hat! Wer eine Gelegenheit versäumt hat, wer nicht immer die Gelegenheit gesucht hat, auf seine Nachbarn, Kameraden, Kollegen, Berwandten und Bekannten politisch einzuwirken, der hat als Parteigenosse noch nicht seine ganze Pflicht getan. Er tue sie heute noch!
Heute 19 Uhr:
Severing
im Rundfunk
unter uns; wir schwören ihnen: das Freiheitsbanner wird von uns im Rampfe weiter vorangetragen;
eher wird der letzte Mann verderben, als daß die Freiheit stirbt! ( Stürmischer Beifall.) Wir schwören ihnen: Nie und nimmer werden wir dem Geßlerhut der Faschisten unsere Reverenz erweisen! Bis jetzt sind 25 sozialdemokratische Zeitungen daran gehindert, die Wahrheit sagen zu können. Doch wenn man glaubte, die Arbeiter in der Eisernen Front zu Unbesonnenheiten verleiten zu können, so täuschte man sich. Nicht umsonst ist die deutsche Arbeiterschaft als die politisch geschulteste der ganzen Welt bekannt.( Stürmische Zustimmung.) Nein, Genoſſinnen und Genoffen, wir wollen die Wahlen und wir wollen durch sie beweisen, daß die sozialistisch gesonnene Wählerschaft am 31. Juli zu siegen versteht!
Die Nationalsozialisten, die die Regierung Papen stügen, dulden rungsgefeges, fie dulden die Rentenabzüge für die die Verschandelung des Arbeitslosenversiche Kriegsopfer, sie dulden die Abzüge in der Wohlfahrtspflege! Für die Zusage, ihre braunen Jacken wieder zeigen zu können, haben sie nichts gegen die Salzsteuer gehabt! Sie verkaufen und verraten sich und ihren„ Sozialismus“ an die Krautund Schlotjunker.( Tausendfache Zurufe: Judas Hitler!) Ist es da ein Wunder, daß die
Leibjuriffen Hitlers die Verteidiger der größten Wirtschaftsverbrecher,
der Lahusen sind? Doch noch größer als ihr Verrat am deutschen Volt ist ihre Verlogenheit. Wenn deutsch sein heißt, getreu und wahr zu sein, so sind die Nazis die Partei, die keinen Hauch von Deutschtum verspüren läßt. Sie ist die verlogenste aller deutschen Parteien überhaupt,
die Nationalsozialistische Partei ist eine einzige große Lüge!
( Immer wiederholter Beifall.) Ihr schlagt den Kapitalismus, wenn ihr den Faschismus ausrottet! Schafft die Einheitsfront aller Werktätigen im Zeichen der Eisernen Front und ihr seid unüberwindlich. Vorwärts zum Kampf! Es lebe die Freiheit! Es lebe der Sozialismus!
Begeistert stimmte die Versammlung in den dreimaligen Freiheitsruf ein. Dann nahm
Das Wort: Wenn wir die Geschichte unserer Partei lesen, werden wir oft traurig darüber sein, daß wir die glorreiche Heldenzeit des Sozialistengesetzes nicht miterleben durften. Doch jetzt scheint es so, als wenn unsere Sehnsucht nach dem Kampf erfüllt werden soll.