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Morgenausgabe

Nr. 423

A 206

49. Jahrgang

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Teils

Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Donnerstag 8. September 1932 Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.

Hentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlan

Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernspr.: Dönhoff ( A 7) 292-297. Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin

Vorwärts- Verlag G. m. b. H.

Reffeltreiben!

Antwort an bürgerliche Kritifer der Sozial­demokratie.

In einem Teil der bürgerlichen Presse, den man als linksstehend zu bezeichnen pflegt, geht es seit einiger Zeit seltsam zu. Der angekündigte Milliardensegen der Steuer­gutscheine, das Haussetreiben an der Börse, die Aussicht auf Rüstungsaufträge und auf bequemere Ausbeutung der Arbeiter das alles, was die ,, Deutsche Allgemeine Zeitung" so treffend unter dem Namen der kapitalistischen Offensive zusammenfaßt, hat bei nicht wenigen Kündern demokratischer Weltanschauung eine Art von Rauschzustand erzeugt. Mit der Notverordnung in der einen Hand, dem Rüstungsmemorandum in der anderen, schleichert man sich, selig schmunzelnd, an Papen heran.

Mit dieser Erscheinung, die für den Kenner eigentlich nicht viel Auffälliges hat, verbindet sich aber auch noch eine andere: In demselben Teil der bürgerlichen Presse findet man jetzt in überraschender Häufung Angriffe auf die Sozialdemokratische Partei . Fahren z. B. die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten nach einer voll­kommen normal und harmonisch verlaufenen Fraktionssitzung nach Hause, so werden ihnen alsbald Zeitungen nachgeschickt, in denen sie mit Erstaunen lesen, was für furchtbare Kämpfe sich in besagter Sigung abgespielt haben. An einem der nächsten Tage meldet dann ein anderes Blatt derselben Couleur, daß sich das Reichsbanner in vollem Aufstand gegen die Partei befinde. In ausführlicher Breite, mit Ausmalung aller Einzelheiten wird das alles dargestellt und ist höchst spannend zu lesen. Daß ein einziges Wort davon wahr ist, scheint nichts zu verschlagen. Es gibt immer Leute, die es glauben, also erzeugt es Unruhe und erfüllt so seinen Zweck.

Postschedkonto: Berlin 37 536.- Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. 3. Dt. B. u. Disc.- Ges., Depofitent., Jerusalemer Str. 65/66.

Mat Auf ihrem Rücken!

FORT

MIT DEN

TARIFEN!

ABBAU

POLITIK

SOZIAL

Auf unserm breiten Rücken sind die feinen Herren behende in die Amtlichkeit geklettert. Goebbels im Angriff".

Hitler­

Schleicher

PAKT

ANRECHNUNGSGERICHTE

SCHEINE

SONDER­TODES­STRAFE 100 Prozentiger

KAPITALISMUS

AN DIE

GESCHENKE REICHEN!

Und wer hat sein stille dazu gehalten?!

Genosse Rothe im Lazarett.

Nach fiebentägigem Hungerstreif.

Das Bemerkenswerteste an diesen und anderen Angriffen ist, daß sie alle scheinbar ,, von links" her erfolgen. Damit foll keineswegs behauptet werden, daß die Redaktionen und Journalisten, die die Sozialdemokratische Partei zum Gegen- Der von der Tolf- Kammer des Berliner Sonder­stand ihrer Kritik machen, sich in allen Fällen bewußt zu gerichts zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilte Reichs­Werkzeugen eines Komplotts hergeben. Zweifellos erfolgt bannerkamerad Genosse Mag Rothe, der aus dem Be­die Kritik mitunter auch in bester Absicht und mit dem red- wußtsein seiner Unschuld heraus seit dem vergangenen lichsten Willen der Welt. Nur daß es leider wenig auf den Freitag im Hungerstreik stand, ist ins Gefängnis. guten Willen ankommt und desto mehr auf die Wirkung. Lazarett übergeführt worden. In bester Absicht und mit dem redlichsten Willen haben diese Herren von der bürgerlichen Presse, die heute ihren Wiz an der Sozialdemokratie üben, auch der weiland Demo fratischen Partei ihre Ratschläge erteilt. Nachdem nun dort nichts mehr zu beraten übrig geblieben ist, wenden sie ihre Sorgfalt der Sozialdemokratie zu.

Ja, die Herren sind mit der SPD. unzufrieden, schrecklich unzufrieden! Warum hat sie, als sie noch an der Regierung beteiligt war, nicht so geniale Einfälle gehabt wie die Papen Regierung? Warum hat sie nicht festedruff mit dem Be­lagerungszustand regiert? Warum hat sie ihren Gegnern nicht gezeigt, was eine Harte ist! Und wenn sie jetzt Sozia­lisierungsanträge einbringt, warum hat sie dann nicht sozialisiert, solange fie ,, an der Macht war"?

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Beim Genossen Rothe hatte sich gestern sehr starkes Fieber eingestellt. Er phantasierte, und die Gefängnisleitung ordnete deshalb seine Ueberführung ins Lazarett an. Hier wurde die gewaltsame 3u fuhr von Nahrung angeordnet, falls Genosse Rothe weiter auf seinem Hungerstreik beharren würde. Max Rothe hat daraufhin nach siebentägigem heldenhaftem Kampfe gegen das ihm nach seiner festen Ueberzeugung zugefügte Unrecht im Zustande völliger Erschöpfung den Hungerstreik einstellen müssen. Das Befinden des Genossen Max Rothe ist nicht unbedenklich, gibt aber zu ernsten Besorgnissen bei seiner erfreulich kräftigen Körperkonstitution keinen Anlaß.

Auf alle diese Fragen könnten die Herren von der Die Begründung des am Mittwoch, dem 31. August, bürgerlichen Presse die Antwort mindestens ebenso gut wissen ergangenen Urteils, die für das von der Verteidigung wie wir. Stehen sie doch den Kräften, die in der Zeit unserer in die Wege geleitete Wiederaufnahmeverfahren von der Teilnahme an der Regierungsgewalt hemmend wirkten, größten Wichtigkeit ist, ging auch gestern dem Vertreter bedeutend näher! Wenn die Sozialdemokratie in politischen, des Genossen Rothe noch nicht zu. Tag für Tag sind von wirtschaftspolitischen, sozialpolitischen Fragen oft zum Kurz- diesen Kammern nach den sondergesetzlichen Bestimmun­treten genötigt war, so deshalb, weil sie sich mit bürger- gen neue Urteile zu fällen, und es scheint, als ob die lichen, auf dem Boden kapitalistischer Privatwirtschaft| Kammer nicht die Zeit habe, der Verteidigung eines in stehenden Parteien in die Macht teilen mußte, mit denselben einem mehr als zweifelhaften Falle Verurteilten die Parteien, zu deren Wahl unsere Kritiker von heute auf- Begründung mit der nötigen Beschleunigung zuzustellen! gefordert hatten!

Wir sind gegen Kritif keineswegs empfindlich. Aber, wenn wir die Kritiker ernst nehmen sollen, so verlangen wir von ihnen, daß sie sich erst einmal zu uns bekennen und versuchen, in unseren Reihen für Besserung zu wirken. Wenn sie das nicht können oder nicht wollen aus den verschieden­sten Gründen, für die wir menschliches Verständnis haben so steht ihnen ein hochmütiges Absprechen von oben her nicht an.

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Zwischen der steigenden Erwärmung der bürgerlichen Linkspresse für den Papen- Kurs und den gehäuften Angriffen auf die Sozialdemokratie besteht ein innerer 3u sammenhang. Wir wiederholen, daß er den Angreifern gar nicht zum Bewußtsein kommen mag ist dem aber so, so ist das kein Beweis für die Schärfe ihres politischen Urteils.

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Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir in ein paar

Gefängnis für Kaffenbewachung.

Das Hirschberger Sondergericht verurteilte einen sozial­demokratischen Gemeindevertreter, der bei einer

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fozialdemokratischen Versammlung die Kaffe bewachte und sich zu feinem Schuß einen Schlagring neben die Bant gelegt hatte, 3 u drei Monaten Gefängnis. Das Gericht erklärte offen, daß es ihm sehr leid tue, diefen milden Fall so schwer ahnden zu müssen, man sei aber an das Gesetz gebunden.

Die Dunkelfammer.

Die Arbeitsmarktlage nach dem Bericht der Reichsanstalt.

mittlung und Arbeitslosenversicherung für die Zeit vom Nach dem Bericht der Reichsanstalt für Arbeitsver. 16.- 31. August 1932 waren am 31. August bei den Arbeitsämtern rund 5 225 000 Arbeitslose gemeldet. Gegenüber dem Stand von Mitte August ist diese Zahl um rund 158 000 niedriger. Während der Berichtszeit haben sich die neuen Bestimmungen über die Prüfung der Hilfsbedürftigkeit und über die Abgrenzung des Personenkreises der aber der Arbeitsmarkt einzelner Berufsgruppen auch Arbeitslosen noch weiter ausgewirkt, gleichzeitig hat eine tatsächliche, überwiegend in der Jahreszeit be gründete Entlastung erfahren. Welchen Anteil diese ver schiedenartigen Einflüsse an der Gestaltung des zahlen­mäßigen Gesamtergebnisses haben, entzieht sich der Fest­stellung.

Am 31. August entfielen auf die Arbeitslosenver. sicherung rund 698 000, auf die Krisenfürsorge rund Hauptunterstützungsempfänger. Bei Not­standsarbeiten der wertschaffenden Arbeitslosenfürsorge waren schätzungsweise 65.000 Personen beschäftigt. Im freiwilligen Arbeitsdienst wurden Ende August rund 130 000 tatsächlich beschäftigte Arbeitsdienstwillige ge. zählt. Die Zahl der von den Gemeinden betreuten Wohl­fahrtserwerbslosen, die nach den neuen Grundsäken der Notverordnung von den Arbeitsämtern anerkannt wur den, belief sich auf rund 2016 000.

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Von den 5% Millionen Arbeitslosen, die noch zu den Arbeits­ämtern gehen, sind nur noch 698 000 oder 13 Proz. von der Arbeits­

3ur Schärfung der Waffen mag Kritik nüzlich und not­wendig sein; aber nur dann wird sie heilsam wirken, wenn sie von Begeisterung und Opfermut für die große Sache der fämpfenden Arbeiterklasse und des Sozialismus getragen ist.

Tagen schon wieder in einem Wahlkampf stehen. Da von der bürgerlichen Demokratie so gut wie nichts übrig geblieben ist, da das Zentrum mit den Nazis kuh­handelt, die KPD. aber für den Wert politischer und sozia­ler Volksrechte prinzipiell fein Verständnis haben darf, gibt es in Deutschland nur noch eine einzige Macht, die im- Versuche von der bürgerlichen Presse her, durch er­stande ist, gegen feudale und faschistische Reaktion den Kampf fundene Meldungen und scheinradikale Kritik Unruhe und zu führen: das ist die Sozialdemokratische Partei ! 3ersegung in die Reihen der Sozialdemokratischen Diese Macht zu stärken, ist jetzt die gemeinsame Aufgabe Partei zu tragen, fann nur der für aussichtsreich halten, der aller, die Deutschland nicht als eine großkapitalistische die Disziplin und die politische Urteilsfähigkeit ihrer An­Despotie, sondern als sozialen Voltsstaat wollen. I hänger nicht kennt!