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Abend- Ausgabe

Nr. 514 B 249 49. Jahrg.

Rebattion und Berlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3

Fernsprecher: 7 Amt Dönhoff 292 bis 297 Telegrammabreffe: Sozialdemokrat Berlin

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Sozialdemokraten wählen Liste MONTAG

Vorwärts

BERLINER

VOLKSBLATT

31. Oktober 1932

Jn Groß Berlin 10 Bf. Auswärts....... 10 Bf. Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise fiehe am Schluß des redaktionellen Teils

Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Wer regiert?

Hermann Müller oder Franz v. Papen ?

Mancher Berliner mag sich wohl erstaunt die Augen gerieben haben, als er an den Anschlagsäulen die neuesten kommunistischen Plakate erblickte! Leben wir nun, so dachte er, im Jahre 1928 oder im Jahre 1932, und heißt der deutsche Reichskanzler immer noch Hermann Müller oder heißt er nicht schon seit einiger Zeit Franz v. Papen ?

Warum hat die Kommunistische Partei soviel Arbeit und Geld angewandt gegen eine Regierung, die gar nicht mehr existiert? Mären Arbeit und Geld nicht vielleicht besser angewandt, wenn man mit dem gleichen Eifer gegen die jetzige Reichsregierung

Die Freiheit ruft! Millionenschrei:

Das Volk entscheidet Liste 2! Sozialdemokraten!

Losgeschlagen hätte? Diese Frage erledigt sich nach kommunistischer Logit ungeheuer einfach. An der gegenwärtigen Reichsregie­rung besteht fein oder nur ein höchst mäßiges Interesse, weil feine Sozialdemo fraten in ihr fizen. Die Regierung Her mann Müller dagegen war eine Koalitions­regierung, an der Sozialdemokraten beteiligt waren. Da auch bei dieser Wahl der ,, Hauptschlag" befehlsgemäß gegen die Sozialdemokratie zu führen ist, kann man mit Papen gar nichts anfangen und muß man auf Müller zurückgreifen.

Dazu kommt noch eines: Ueber Papen hätte man ein sehr schönes Plakat anfertigen fönnen, in dem lauter Wahrheiten standen! Das Plakat gegen die Hermann­Müller- Regierung dagegen besteht aus lauter Lügen. Würde der KPD. ein Wahlkampf Spaß machen, in dem man die Wahrheit fagt und nicht lügt?

Darum nichts gegen Papen und alles gegen Hermann Müller ! Wenn man sich nun auch gegenüber einem politisch ununterrichteten Publikum manches leisten fann, so glauben wir doch, daß das kommunistische Blafat eine große Torheit ist. Denn es fordert auch den einfachsten Verstand zu Ueberlegungen her­aus, die den Kommunisten höchst unbequem werden können. Wenn nämlich am 6. No­vember darüber abgestimmt werden sollte, ob die Zustände, wie sie jetzt unter Papen bestehen bleiben sollen oder ob die Zustände wiederkehren sollen, wie sie zu Zeiten Her­mann Müllers bestanden es würde

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feinen Rommunisten in Berlin und in ganz Deutschland geben, der dann nicht für die Wiederkehr der Hermann­Müller Regierung stimmen würde! Daß uns auch damals feine gebratenen Tauben in den Mund geflogen find, wiffen wir alle. Aber kein Mensch fann schließlich so verdreht sein, nicht zu bemerken, daß da­mals trok alledem das Leben für die arbei­tenden Massen etwas freier und leich ter war, als es jetzt ist. Schließlich sollte auch ein Kommunist Verständnis für den Unterschied finden, wenn Angehörige der Arbeiterklasse oder wenn Barone in der Regierung fiken.

Aber der Hauptschlag muß gegen die So­zialdemokratie geführt werden! Darum schlänt man lieber auf den toten Hermann Müller als auf den lebenden Bapen, und darum! ü at man fieber über die Regierung Hermann Müller , als daß man über die Re­gierung Papen die Wahrheit sagt!

Der Bankerott der Gewaltpolitik

Kommissar Brachts Bilanz: Das Funktionieren des ganzen Reichsapparats in Frage gestellt!

Das Kabinett der Barone behauptet, daß es sein diktatorisches Regime in Preußen zur Auf­rechterhaltung von Ruhe und Ordnung weiter fortsetzen müsse. Was dies Regime über Preußen gebracht hat, geht aus einem geheimen Schreiben des Reichskommissars Bracht'an den Reichskanzler und fämtliche Reichsminister hervor. Dies Schreiben wird im Bölkischen Beobachter" veröffentlicht. Es stammt vom 18. Of­tober 1932. Darin steht u. a.:

,, Da den Gemeinden und Gemeindeverbänden die Aufnahme irgendwelcher Kredite nicht mehr möglich war und ist, find ihre sämtlichen eigenen Fonds( einschließlich der zwedverbundenen) in­zwischen aufgezehrt worden.

Die Rückstände der preußischen Gemeinden an nichtabgelieferten Staatssteuern beliefen sich am 30. mai 1932 auf 61,7, am 30. Juni 1932 auf 83,1, am 31. Juli 1932 auf 107,2 und am 31. August 1932 auf 129,6 millionen Reichsmart. Seitdem find sie weiter gestiegen, trotzdem durch den Runderlaß vom 22. August 1932 Min- Blatt für die innere Ber­waltung, Seite 843 alle nur erdenklichen Mah. nahmen getroffen worden sind, um die Abliefe­rung der Staatssteuern sicherzustellen.

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Gerade der praktische Mikerfolg dieses Erlasses ist ein klassischer Ausdruck für die ungeheure Finanznot der Gemeinden

und ihrer Rückwirkung auf andere Interessen­sphären, indem selbst die lokalen Aufsichtsbehörden im weitesten Umfang genötigt waren, sich über die jetzigen Anordnungen der Zentralinstanzen einfach hinwegzusetzen, um den Gemeinden durch Freigabe hoher Beträge an Staatssteuern die Zahlung von Wohlfahrtsunterstützungen zur Auf­rechterhaltung von Ruhe und Ordnung vorläufig noch sicherzustellen.

In welche unüberwindliche Schwierigkeiten der Staat dadurch gekommen ist, braucht nicht hervor­gehoben zu werden.

Das Funktionieren des ganzen Staats­apparates ist durch Rückstände in solcher Höhe in Frage gestellt."

Nach einer Darstellung der troftlosen Finanz­lage im einzelnen heißt es dann weiter:

,, Es bedarf feiner weiteren Ausführungen dar­über, daß die Dinge fo nicht weiterlaufen fönnen. Die schwere und sich ständig verschär­fende Finanzkrise der Gemeinden und Gemeinde­verbände kann auch nicht weiterhin isoliert für sich betrachtet werden. Sie hat bereits in immer stärkerem Maße Auswirkungen auf die Lage des Staates und anderer Körperschaffen, nicht minder aber auch der privaten Wirtschaft gezelligt. Diesbezüglich muß ich mit aller Deut­lichkeit betonen, daß der Zusammenbruch

Flieger verschollen

D 2017 London - Köln verunglückt

Das Postflugzeug D 2017 auf der Strede Con­don- köln, das Sonnabend um 7 Uhr abends von London abgeflogen war, jandte etwa 40 mi­nuten nach dem Start funtentelegraphisch Hilfe­rufe. Da sich das Flugzeug zu dieser Zeit in der

Der Pilot Cuno

Nähe des kanals befinden mußte, wurde der ge­famte Küstenwachtdienst alarmiert. Es gelang je­doch nicht, eine Spur von dem vermißten Flug­zeug zu finden. Im Kanal herrichte ich weres, stürmisches Wetter. Auch die Besahung eines nach Tagesanbruch zur Nachsuche von Köln nach London entsandten Flugzeugs fonnte feine Feststellungen machen, so daß man wegen des Schicksals der Flieger starke Besorgnisse hegt. Nach einer unbestätigten Meldung aus Brüffel soll ein unbekannter Dampfer die Flieger gerettet haben Es handelt sich um den Flugzeugführer Wilhelm Cuno , der bereits 300 000&' lometer im Cuft­verkehr und davon allein auf der Nachtftrecke nach London 120 000 kilometer zurüfgelegt hat, und

den Funker und Maschinisten Werner Drebes, der seit zwei Jahren mit Cuno auf dieser Linie fliegt. Da es sich um ein Nacht- Postflugzeug han­delt, befanden fich feine Passagiere an Bord.

Die weiteren eingelaufenen Nachrichten zu dem Unglück des Nachtflugzeugs London- Köln sind sehr widersprechend. Bisher fonnte die Reffung der deutschen Flieger noch nicht bestätigt werden. Auf dem Flugplay von Croydon liegen außer der furzen Brüsseler Meldung, daß die Insassen des Flugzeugs D 2017 von einem unbekannten Damp­fer am Sonnabend um 23.40 Uhr ME3. auf­genommen worden seien, noch keine weiteren Mel­dungen vor. Die meteorologische Lace war beim Start des Flugzeugs feineswegs ungünstig. Es wehte zwar ein starker Wind, aber erst späterhin setzte der Sturm ein. In Brüssel wurde von dem dortigen Flughafen später unter allem Vor­behalt eine Meldung ausgegeben, nach der zwar das Wrack der D 2017 von einem Dampfer un­bekannter Nationalität gefunden sein soll, Don der Besagung aber jede Spur fehle. Dieser Meldung widerspricht eine weitere Meldung ebenfalls aus belgischer Quelle, die bejagt, daß die Flieger von einem dänischen Dampfer, dessen Name jedoch nicht genannt wird, im Kanal gerettet sein sollen. In Brüssel ist ferner eine Nachricht aus Marseille eingelaufen, die einen Funkspruch des Dampfers Gaslight" erwähnt, der in der Nacht zum Sonntag im Wattenmeer von Gunfleet ein Feuer in der Luft bemerkt haben will. Auf dieser Meldung bauen wohl die Gerüchte auf, die von einem Brand an Bord der D 2017 wissen wollen,

zahlreicher Gemeinden und Gemeinde­verbände alle Maßnahmen zu­nichte machen würde, welche die Reichsregierung zur Hebung des Ver­trauens und zur Belebung der Wirtschaft inzwischen eingeleitet

hat."

Dr. Bracht schlägt dann u. a. die sofortige Er­höhung der schlüsselmäßigen Reichswohlfahrts­dotationen monatlich um mindestens 25 Millionen Mark aus dem Ersparnis der Alu und Pru, und zwar bereits für den Oktober 1932 vor und schreibt dazu:

,, Ich betone dabei nochmals besonders, daß diese Erhöhung schon für den Monat Offober unerläß­lich ist, denn gerade für Ultimo Oktober fürchte ich die größten Schwierigkeiten. Würde die Erhöhung, entgegen meinen dringenden Borstellungen, erst für den Monat November erfolgen, dann könnten inzwischen schon mehrere, und zwar große Gemein­den, namentlich im rheinisch- westfälischen Industrie­gebiet, zusammengebrochen sein,

und der dadurch bewirkte Rückschlag könnte auch unübersehbare politische Auswirkungen haben."

Das Kabinett der Barone treibt Macht­politik für die Junker in Preußen, es setzt der Bevölkerung tönende Reden über die Reichs= reform vor, es greift nach den Rechten des Volkes aber hinter der Fassade des Regiments der Barone liegt ein schauerlicher Trüm= merhaufen!

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Welche Enthüllungen über den Bankrott des Regiments der Barone hat das Volk erst nach dem 6. November zu erwarten! Die Erb­schaft der Diktatur wird erschreckend sein. Wenn Herr Bracht schon am 18. Oktober einen solchen Notschrei an seinen Auftraggeber ge= richtet hat, dann kann man das schlimmste er­marten!

Fort mit der Diktatur! Haltet Abrechnung am 6. November!

Klage gegen Bracht

Um die Schulden von Ohlau

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Mit der famosen Bracht Auflage Die Schuld von Ohlau" beschäftigte sich heute das Landgericht I. Es soll entscheiden, ob diese Auflage den ,, Vorwärts" und 15 weiteren Partei­blättern zu Recht aufgezwungen worden ist oder ob der preußische Staat die durch Abdruck dieser Auflage" entstandenen Insertions= gebühren in Höhe von 1300 Mark zu bezahlen hat.

Bracht hat im August und September dieses Jahres die Beurteilung nicht gefallen, die dem Ohlauer Schredensurteil gegen die Reichsbannerleute im Vorwärts" und an­deren Parteiblättern zuteil wurde. Er schickte des= halb an die sozialdemokratischen Blätter und einen Teil linksbürgerlicher Zeitungen eine Auflage" nach Schema F, die nichts anderes enthielt als einen Teil der Urteilsbegründung im Ohlauer Prozeß. Diese einzigartige Auflage" war mit einem Begleitschreiben versehen, in dem es u. a. hieß: Anläßlich der Verhandlung über den Ohlauer Landfriedensbruch... hat Ihre Zeitung

Hente neue Welt: Masseukundgebung

Abends 7.30 Uhr. Redner: Friedrich Stampfer , M. d. R.; Erich Schmidt, SAJ.; W. Schevenels, Generalsekretär

des Internationalen Gewerkscha tsbundes.

Spieltruppe der SAJ. und des Reichsbanners.

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Mitwirkende: