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Morgen- Ausgabe

Nr. 57 A 29 50. Jahrg.

Rebattion und Berlag Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: 7 mt Donhoff 292 bis 297 Telegrammabresse: Gozialdemokrat Berlin

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BERLINER

VOLKSBLATT

FREITAG

3. Februar 1933

Jn Groß Berlin 10 Pf. Auswärts...... 15 Pf.

Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise fiehe am Schluß bes rebattionellen Teils

Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Deutsches Volk! Frauen n ur und Männer!

Die Parteien der Harzburger Front, Deutschnationale und National­sozialisten, haben die Regierung über­nommen, den Reichstag aufgelöst und abermals Wahlen ausgeschrieben. Sie wollen noch einmal um die Mehrheit kämpfen, die ihnen das Volk in fünf Wahlgängen des letzten Jahres ver­weigert hat.

Ihre Regierung, die Regierung Hitler­Papen Hugenberg, hat einen Wablaufruf erlassen, der keinen einzigen klaren Gedanken enthält, aber von Ver­unglimpfungen aller politisch Anders­denkenden geradezu strotzt.

Im Gedenken an Hunderttausende von Sozialdemokraten, die auf den Schlachtfeldern geblieben sind, im Namen von Millionen deutscher Ar­beiterfrauen, die Namenloses er­duldet und geopfert haben, protestieren vir gegen den ungeheuerlichen Versuch einer Minderheit, sich selber alle nationalen Tugenden und Verdienste zu­zuschreiben, die Mehrheit aber als ver­dächtig und minderwertig außerhalb der Nation zu stellen.

Worte sind kein Beweis nationaler Ge­sinnung. Nur zu oft verbirgt sich hinter ihnen ein übler Geschäftspatriotismus, der von Ehre und Sicherheit der Nation spricht, während er den eigenen Vorteil meint.

Denkt an die Osthilfe!

Mit der Begründung, es sei notwendig, den deutschen Osten vor polnischer Be­drohung zu schützen, hat man aus Mitteln des darbenden Volkes einen Osthilfefonds geschaffen. Was ist aus ihm geworden? Nicht eine Hilfe für die Bauern, nicht eine Förderung der Siedlung, sondern eine Unterstützungskasse für Großgrundbesitzer, die Mil­lionen erhielten und Millio­nen verschwendeten.

Kaum hatte der Reichstag die Unter­suchung dieser Mißstände begonnen, so wurde er aufgelöst und damit der Vor­hang zugezogen.

Noch vor wenigen Wochen herrschte zwischen den Harzburger Parteien Fehde, Blutige Ueberfälle

grimmige

von SA. - Leuten auf Stahlhelmer und Deutschnationale waren an der Tages­ordnung. Jetzt hat sie ein gemeinsamer Haß wieder geeint,

der Haß gegen die deutsche

Arbeiterbewegung!

Wer steht in der Harzburger Front? Seht euch die Herrschaften doch ein­mal an!

In der Harzburger Front stehen Mit­glieder der abgesetzten Dyna stien, Grafen , Barone und Generäle, die den Krieg verloren haben und die jetzt durch die infame Lüge vom Dolchstoß die Schuld auf das Volk abwälzen wollen.

In der Harzburger Front stehen die großen Arbeitgebervereinigungen, die die

Scharfmacherverbände,

Kampforganisationen des Großkapi­

tals.

In der Harzburger Front stehen die Empfänger der Industriesubven­tionen, der Steuergutscheingeschenke und die Nutznießer der Osthilfe.

Arme Bauern und gewerbliche Mittelständler, die ihr euch zu dieser Front gesellt. Narren wäret ihr, wolltet ihr von jenen Herrschaften Hilfe in eurer Not erwarten!

Wißt ihr nicht, wie der Vollstrek­kungsschutz im Osten zu einem Mittel gemacht wurde, mit dem gerade die Kleinen von den Großen schamlos um ihren sauren Verdienst geprellt werden? Wißt ihr nicht, daß die Sozialdemokratie es ist, die sich der Geprellten annimmt, die den Handwerkern und Landarbeitern zu ihrem vollen Recht verhelfen will? Bauern, wißt ihr nicht, daß

Arbeiternot- Bauerntod bedeutet? Daß der Scharfmacherkurs der Großunternehmer, indem er die Ar­beiterlöhne drückt, auch den Markt für den Bauern immer weiter zerstört?

Der neue Reichskanzler ist Führer einer Partei, die sich heute noch Arbeiter­partei und sozialistisch nennt. Seine Re­gierung ist aber eine Kapitalistenregie­rung, wie sie Deutschland noch nicht ge­sehen hat.

Der deutschnationale Führer Hugen­ berg , der schärfste Gegner der Ge­werkschaften, der Sozialpolitik und Sozialversicherung, ist Wirtschaftsdik­tator in dieser Regierung. Er will das Reichsarbeitsministerium

zerschlagen,

das Tarifwesen zerstören, die Arbeiter schutzlos der Uebermacht des Unterneh­mertums ausliefern.

Herr von Papen, der seine Regie­rung mit den Worten antrat, der Staat dürfe keine Wohlfahrtsansal sein Herr von Papen, der die Renten der Witwen, Waisen, Kriegsbeschädigten und -invaliden, die Unterstützungen der Ar­beitslosen erbarmungslos gesenkt hat, Herr von Papen, der den Arbeit­gebern Lohnkürzungen bis zu 25 Proz. gestattet hat dieser Herr von Pa­pen, der es so weit trieb, daß ihn ein allgemeiner Volkssturm hinwegfegte er sitzt wieder in der Regierung als Vizekanzler neben Adolf Hitler .

Wen wundert es, daß diese Regierung ihre ganze Kraft daran wendet, ihre Vor­gänger herabzusetzen, daß sie aber mit keinem Wort verrät, wie sie es besser machen will, und daß sie die Arbeiter und Bauern, die nach schleuniger Hilfe schreien, wie die Bolschewisten mit einem Vierjahresplan vertröstet?

Wo bleibt die von der Sozial­demokratie und den Gewerk­schaften geforderte Arbeitsbe­schaffung? Wo bleibt die Vier­

zigstundenwoche?

Die Regierungsparteien sagen, sie wollten das., Novemberverbrechen" wie­der gutmachen. Was meinen sie damit? Es gibt kein Novemberver­brechen, durch das der Krieg ver­loren ging! Der Krieg war trotz aller heldenmütigen Aufopferung des Volkes schon verloren, als im Oktober 1918 Hin­ denburg und Ludendorff um Waffenstill­stand ersuchten.

Es gibt kein Novemberver­brechen, das Arbeitslosigkeit und Not in Deutschland verschuldet hat! Arbeits­losigkeit in ungeheurem Ausmaß gibt es

als Folge des kapitalistischen Systems in der ganzen Welt, vom antimarxistischen Amerika bis zum faschistischen Italien .

Und doch gibt es ein Novemberver­brechen, das die Harzburger Parteien der Sozialdemokratie nie verzeihen werden.

Daß wir die unfähigen Dynastien da­vonjagten, die Vorrechte des Adels, das Geldsackwahlrecht in Preußen, die Ge­sindeordnung im Osten beseitigten das ist unser Novemberver­brechen!

Daß wir die Republik schufen, allen Staatsbürgern, Männern und Frauen gleiche Rechte gaben, das allge­meine gleiche Wahlrecht für Staat und Gemeinde einführten, die Sozialver­sicherung verbesserten, die Ar­beitslosenversicherung durch­setzten, den Arbeitslohn tariflich gegen Unternehmerdruck sicherten, daß wir den Beamten das Koalitionsrecht gaben, die Mieter gegen die Haus­besitzer schützten, daß wir den Acht­stundentag proklamierten, Volks­bühnen schufen, Arbeiterwohn­siedlungen errichteten, mit Licht und Luft und Grünflächen und Spielplätzen - das ist unser Novemberver­brechen!

Und das ist das Novemberverbrechen, das wieder rückgängig gemacht werden soll! Dafür wollen sie die Mehrheit!

Gegen solche Pläne rufen wir euch zum Kampf! Wehrt euch! Schützt euer Selbstbestimmungsrecht als Staatsbürger! Erhebt euch gegen eure Bedränger, gegen die feinen Leute, die hauchdünne Ober­schicht des Großgrundbesitzes und des Großkapitals! Zerbrecht ihre politische und wirtschaftliche Macht!

Kämpft darum mit uns für die Ent­eignung des Großgrund­besitzes und die Aufteilung des Lan­des an Bauern und Landarbeiter! Kämpft mit uns für die Enteignung der Schwerindustrie, für den Aufbau einer sozialistischen Plan- und Bedarfs­wirtschaft! Gebt den Feinden eurer Frei­heit am 5. März die Antwort, die sie ver­dienen, damit ihnen ein für allemal die Lust vergeht, sich an euren Rechten zu vergreifen!

Freiheitsfront gegen Harzburger Front! Greift an!

Berlin , den 2. Februar 1933

Sozialdemokratische Partei Deutschlands