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Abend- Ausgabe

Nr. 92 B 38 50. Jahrg.

Redaktion und Berlag, Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: 7 Amt Dönhoff 292 bis 297 Telegrammabreffe: Sozialbemokrat Berlin

DONNERSTAG

Vorwärts=

BERLINER

VOLKSBLATT

23. Februar 1933

Jn Groß Berlin 10 Pf.

Auswärts.

10 Pf.

Bezugsbedingungen and Anzeigenpreise fiehe Morgenausgabe

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Gesinnung

Ist sie ein Merkmal für Behörden?

Im demokratischen Staatswesen spielt die Gesinnung des einzelnen für das Verhalten der Behörden ihm gegenüber feine Rolle. Die Behörden waren bisher auch in Deutschland verpflichtet, jedem Staatsbürger gegenüber ein unter= schiedsloses und unparteiliches Benehmen an den Tag zu legen. Nicht seine Gesinnung, sondern sein tatsächliches Verhalten entschied darüber, ob die Staatsmacht ihn gewähren ließ oder gegen ihn einschritt.

Dieser Grundsatz ist durch den Erlaß des Reichskommissars Göring für Preußen ver­lassen worden. Sein Erlaß befiehlt der Po­lizei, zu sogenannten staatsaufbauenden" Organisationen das beste Einvernehmen her­zustellen und ihre Propadanda nach Kräften zu unterstützen. Dagegen soll sie gegen ,, staatsfeindliche" Organisationen mit aller Strenge vorgehen und rücksichtslos von der Waffe Gebrauch machen. Falsche Rücksicht­nahme" der Beamten gegen sogenannte Staatsfeinde wird mit Strafe bedroht..

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Wir erinnern uns, daß jahrelang gerade von der Rechten die Tatsache betont wurde, daß Feinde der jeweiligen Re­gierung feineswegs Staats­reinde" jeien. Dennoch wird der Begriff ,, Staatsfeinde" von der jetzt regierenden Rechten in einer Weise zur Verfemung der Opposition angewandt, wie das früher nie­mals der Fall gewesen ist. Dabei muß man sich vor Augen halten, daß nach dem Er­gebnis der Wahl vom 6. November 1932 die gegenwärtige Regierung eine Regierung der Minderheit ist!

Wir wollen hier jedoch nicht beim Grund­fäglichen verweilen, Neben dem Grund­sätzlichen steht das Praktische. Solange die Behörde sich allein nach dem Ver= halten des einzelnen, nicht nach seiner Gesinnung zu richten hat, weiß jeder Beamte, woran er ist. Sobald aber die Gesinnung eines Staatsbürgers das dienstliche Ver= halten eines Beamten ihm gegenüber be­stimmen soll, bringt man den Be­amten in unlösbare Konflikte.

Nun mag sich der Reichskommissar Göring auf die zahlreichen äußeren Merkmale der Gesinnung berufen, die jetzt im Schwange sind. Aber es ist sein Geschick, sich hier selber zu widerlegen. In einem durch den Amtlichen Preußischen Pressedienst veröffentlichten Erlaß an die SA. erklärt nämlich der gleiche Kommissar Göring , daß die entsetzlichen Versammlungsvorkommnisse der letzten Tage durch Kommunisten in der Uniform der SA ." hervorge­rufen seien. Er gibt selbst zu, daß es sehr schwer sei, solche Propofateure" zu entlarven.

Die Schlacht von Großbeeren

Arbeiterwohnhaus gestürmt und eingeäschert nach einem Fackelzug der SA.!

In dem Augenblick, da die Zeitungen den ,, Beruhigungsaufruf" Görings an die SA. Trupps veröffentlichen, kommen aus Großbeeren im Kreise Teltow neue alarmierende Nachrichten von systemati­schen Ueberfällen auf republikanische Ar­

beiter.

Die Nationalsozialisten hatten gestern abend in Großbeeren einen Fackelzug durchgeführt, dem sich eine nationalsozia­listische Versammlung anschloß. In der

Versammlung, die sich bis zur Mitter­nachtsstunde hinzog, sprach der national­sozialistische Abgeordnete Dr. Schlange. Im Anschluß an diese Veranstaltung, an der ungefähr 400 Personen teilgenommen hatten, zogen mehrere Trupps unifor­mierter Nationalsozialisten durch die Ber­liner Straße, die die einzige Hauptstraße des kleinen vor den Toren Berlins ge­legenen Ortes bildet.

Die Demonstranten hatten es auf das Haus Berliner Straße 73 abge­sehen, das ausschließlich von Ar­beiterfamilien bewohnt wird. Sier hat auch der Maurer KartSchlom bach, der im 36. Lebensjahre steht und früher im Reichsbanner aktiv mit­gearbeitet hat, seine Wohnung.

Ein Trupp Demonstranten zertrüm­merte die Haustür und drang in das Haus ein. Die Burschen stürmten zum ersten Stockwerk, wo sich die Wohnung Schlom­

bachs befindet, und erbrachen auch hier die Wohnungstür. Durch die Unruhen waren Schlombach und seine Frau aus dem Schlafe geweckt worden. Als sie das ihnen drohende Unheil erkannten, sprangen beide, nur mit dem Nachthemd bekleidet, aus dem Fenster und flüchteten durch die nächt­lichen Straßen.

Kurze Zeit darauf stand das ganze Arbeiterwohnhaus in hellen Flammen. Es muß angenommen werden, daß die Eindringlinge aus Wut über ihr miẞ­glücktes Attentat auf Schlombach in der Wohnung Brand angelegt haben. Das Haus ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Neben dem Ehepaar Schlombach sind die übrigen acht Fa­milien, bei denen es sich durchweg um ärmste Leute handelt, obdachlos geworden!

Der zuständige Landrat hat noch in der Nacht einen besonderen Kommissar nach Großbeeren zur Untersuchung der Vorgänge entsandt. Das amtliche Ergeb nis der Untersuchungen steht jedoch noch aus. Auch in dem Büro des Amtsvor­stehers von Großbeeren war die Unter­suchung, wie wir auf telephonische An­fragen hin feststellten, noch nicht so weit gediehen, daß man über die Täter ge­nauere Mitteilungen machen wollte.

Neuer Beamtenschub in Preußen

Der Generalstabsoffizier als Polizeipräsident

Am Mittwoch haben die Preußenkommissare wieder zahlreiche Personalverände rungen beschlossen. Wo noch ein Repu­blikaner oder sogar ein Sozialdemokrat in ver­antwortlichen Stellen entdeckt werden kann, wird er zugunsten von Deutschnationalen oder gar von Nationalsozialisten entfernt.

So ist der bisherige Oberpräsident in Münster , Gronowski, ebenso wie der Regierungs­präsident Brand in Sigmaringen , beides 3 e n= trumsleute, in den einstweiligen Ruhestand versetzt. An Stelle Gronowskis, der aus der christlichen Gewerkschaftsbewegung hervorgegangen ist, wurde der Vorsitzende der Land=

Der preußische Minister des Innern

wirtschaftskammer Freiherr von Lü­nind, ein persönlicher Freund Papens, zum Oberpräsidenten ernannt. Auch der Schwieger sohn Papens. der bisherige Landrat von Stodhusen in Lüdinghausen , wird zum Re­gierungspräsidenten in Arnsberg befördert.

Polizeipräsident in Stettin wird an Stelle des abgesetzten Sozialdemokraten Meyer der deutsch­nationale Landtagsabgeordnete, Polizeimajor a. D. Borck, der sich durch seine ungehemmten Angriffe auf den Minister Severing besonders be­fanntgemacht hat. Er ist für die Polizei besonders geeignet. Denn in dem Abschiedsgesuch, das er als Polizeimajor in Berlin am 5. Oktober

Fest steht, daß nach dem SA.- Fackelzug und der nationalsozialistischen Versamm­lung Trupps uniformierter Nazis durch die Straßen zogen und daß anschließend die Wohnung des Reichsbannermannes Schlombach gestürmt und das Haus in Brand gesetzt wurde.

Wie nachträglich bekannt wird, hat der ver­folgte Maurer Schlombach auf der Flucht schwere Verlegungen erlitten, denn die SA. schickte ihm Revolverschüsse nach, die beide Beine trafen.

Ein freiwilliger Feuerwehrmann, der Horn­signale zum Alarm der Feuerwehr geben wollte, wurde durch die Nationalsozialisten daran gehindert. Das Horn wurde ihm weg­genommen.

In den Mittag= stunden ist der Brand noch nicht endgültig gelöscht.

Die Haupttäter sind befannt; es handelt sich um Angehörige von Stürmen aus Teltow und den umliegenden Ortschaften, vor allem aus Zehlendorf . Die Untersuchung ist selbst­verständlich noch nicht abgeschlossen.

1.1.

Weitere Einzelheiten werden wir im Mor veröffentlichen.

1922 an seine vorgesetzte Behörde richtete, ver­ficherte er als ehemaliger Generalstabsoffizier wörtlich:

,, Ich bin der Ansicht gewesen, daß wir alten Truppenoffiziere aus vaterländischen Gründen in der Polizei zu verbleiben hätten, damit der alte militärische Geist, der nach meiner Auf­fassung allein befähigt ist, Disziplin und Ord­nung in einer Truppe zu halten, nicht verloren­jeht. Nun ist die Schußpolizei wiederum um­organisiert. Ich sehe jetzt ein, daß für einen ausgesprochenen Soldaten kein Plak mehr in Dieser Fachpolizei ist. Zum reien Polizeidienst fehlt mir jegliches Verständnis und Intereffe. Ich sehe ein, daß ich in meinen ganzen dienst­lichen und wohl auch politischen Auffassungen gänzlich umlernen müßte. Das kann ich nicht, so gern ich es bisher wollte."

Der Mann, der sich selbst so einschäßt, ist augenscheinlich der Gewiesene, als Vor­gesetter der Fachpolizei von heute zu wirken!

Auch in Berlin gehen merkwürdige Ver­änderungen vor. Der Nachfolger Heimannsbergs als Polizeikommandeur, Oberst Poten, ist bis zum 3. März beurlaubt. An seine Stelle tritt Berlin , den 22. Februar 1933 Oberst Geibel. Der Vorsitzende der natio=

Schnellbrief

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Damit stellt Herr Göring aber die Polizei vor eine unmögliche Aufgabe. An­genommen, daß in einer Versammlung ein Trupp von 100 Burschen mit SA.- Abzeichen und Uniformstücken einen Tumult entfesselt Auf die Beschwerde vom 15. Februar 1933 gegen die Verfügung -woher soll nun die zur Ueberwachung der Versammlung bestellte Polizei wissen, ob des Herrn Polizeipräsidenten in Berlin vom gleichen Tage Tgb. I 6035 dieses staatsaufbauende" echte SA.­echte Ang. I, durch die die in Berlin erscheinende Tageszeitung ,, Vorwärts" bis Leute sind, mit denen sie bestes Einver­nehmen zu halten hat, oder kommunisti - zum 22. Februar 1933 verboten worden ist, hebe ich die genannte sche Provokateure, gegen die rüde Verfügung des Herrn Polizeipräsidenten in Berlin gemäß§ 12 der Ver­sichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen ist? Schießt der Beamte, und es war zuordnung des Herrn Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes fällig echte SA., so wird er bestraft. vom 4. Februar 1933- RGB. I, Seite 35- auf. schießt der Beamte nicht, und es waren ver­fleidete Kommunisten, so droht ihm gleich­falls schwere Strafe.

Der Göringsche Erlaß ist daher nicht nur in seiner Gesamttendenz abzulehnen, er iſt auch praktisch undurchführbar und für die Beamten selber eine stete Gefahr.

( Stempel)

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Der Kommissar des Reiches Im Auftrage: gez. Grauert Beglaubigt gez.: Unterschrift

Ministerialkanzleisekretär.

nalsozialistischen Polizeibeamtengruppe, Kriminalrat Mundt, wird Leiter der Kriminalabteilung, und der Schriftführer dieser Gruppe, Greiner, wird in die Organi­über= ſationsabteilung des Polizeipräsidiums

nommen.

In die Politische Abteilung sollen 30 Hilfs­polizeibeamte aus den Kreisen der National­sozialisten berufen worden sein.

Berlin bleibt rot-!

Die Polizei verbietet

Im Wahlkampf lassen die Nazis schamloseste Berleumdungen gegen Braun und Severing plakatieren, ohne daran behindert zu werden. Dagegen werden sozialdemokratische Plakate einer besonders vorsichtigen Zensur unter­worfen. Der Berliner Bezirksvorstand der Sozial­