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Nr. 226.

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Vorwärts

13. Jahrg.

Insertions Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Betttzelle oder deren Raum 40 Pfg., für Bereins- und Bersammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inferate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Fest­tagen bis 9 Uhr vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt I, Mr. 1508. Telegramm- Adresse: " Bozialdemokrat Berlin".

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Benth- Straße 2.

Sonnabend, den 26. September 1896. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

Bur Staatsretterei in Sachen. Sachsen ist infolge seiner großartigen industriellen Ent­wickelung das Land, in dem die Sozialdemokratie am stärksten vertreten ist. Von rund 592 000 abgegebenen giftigen Stimmen bei den letzten Wahlen im Jahre 1893 erhielt die Sozialdemokratie 270 000, also nahezu die absolute Mehrheit. Dieses rapide Wachsthum der Partei ist die Ursache, daß hier früher als irgendwo die gesammten bürgerlichen Parteien gemeinsame Sache gegen die Sozial­demokratie machten und ein Kampf gegen sie begann, der von einem fanatischen Haß beherrscht, sehr häufig zu den kleinlichsten und unanständigsten Mittelchen und Kniffen führte. Natürlich ohne einen andern Erfolg, als daß er die verfolgte Partei immer mehr erbitterte und ihre Anhängerschaaren vermehrte. Die nächsten allgemeinen Wahlen werden der Welt die That­fache enthüllen, daß im Königreich Sachsen die absolute Mehrheit der Wähler auf seiten der Sozialdemokratie steht und, ginge es mit rechten Dingen zu, sie berufen wäre, die Regierung des Landes zu übernehmen.

Das Gefühl der gänzlichen Ohnmacht, mit der gehaßten und verfolgten Partei fertig zu werden, ist es aber auch, das die großen und kleinen Staatsretter in Sachsen ver­anlaßt, sich das Hirn zu zermartern nach neuen Mitteln, und seien sie noch so kleinlich, um der Sozialdemokratie eins auszuwischen. Kann man diese verfluchte Partei nicht besiegen, dann muß man sie wenigftens quälen, so lange man noch das Heft in der Hand hat, und sich an ihr

rächen.

Die alten abgetriebenen Gäule, bis sie todt zusammen Bolizeiverordnung vom 17. Dezember 1890. Nach dieser fällt die wieder, wie hypnotifirt und um den Verstand gekommen, betreffend Erhebung des Eintrittsgeldes verstößt gegen die Vereinnahmung von Eintrittsgeld behufs der Bulaffung brechen. Ein Schauspiel, das das tiefste Mitleid erweckt. Neuerdings scheint es bei den sächsischen Staatsrettern zu öffentlichen Versammlungen, zu denen ihrem Begriffe nach jedermann, ohne besonderen Bedingungen genügen zu müssen, Mode zu werden, ihre Verfolgungen und Verbote durch Zutritt haben muß, unter den Gesichtspunkt einer öffentlichen eigenthümliche philosophische Betrachtungen zu motiviren. Geldsammlung und bedarf der vorher einzuholenden behördlichen Es macht den Eindruck, als fühle man selbst das Genehmigung. Daß der Arbeiter- Kommers, bei dem Bebel's Fest­außerordentlich Kleinliche der Handlungsweise und als rede die Hauptrolle spielt, eine öffentliche Versammlung ist, kann habe man das Bedürfniß, sich und anderen gegen nicht bezweifelt werden. handeln wie man über die Nothwendigkeit, so zu handeln handelt, zu rechtfertigen und das Gewissen zu salviren. So hat der Vorwärts" vor einigen Wochen eine mit historisch- philosophischen Betrachtungen gespickte Begründung des Bürgermeisters von Waldheim veröffentlicht, wodurch derselbe das Verbot der Lassallefeier in Waldheim zu recht­fertigen versuchte, und er hat damit die lebhafteste Heiter feit seiner Leser erweckt. Heute liegt eine ähnliche Aus­laffung des Bürgermeisters von Meerave vor, der eine Ber sammlung und einen Kommers, wobei Bebel sprechen sollte, verbot. Es ist eine Verbotsrechtfertigung, wie sie nur im Lande Bliemchens möglich ist, und so lassen wir sie zur Er­gözung unserer Leser wörtlich folgen. Das Schriftstück lautet:

Die für Sonnabend, den 26. September einberufene öffent­liche große Boltsversammlung und der für Sonntag, den 27. September in Aussicht genommene Arbeiter- Kommers werden auf grund der Polizei- Ordnungen vom 17. Dezember 1880 und 25. November 1895 sowie§§ 5, 12 und 18 des Gesetzes vom 22. November 1850 verboten.

ift

Aus früheren Jahren ist bekannt, daß auf die Nachricht, Bebel komme, Taufende aus Meerane und der weiteren Um gebung herbeiftrömen. Ganze Menschenschaaren haben aus den Versammlungslokalen zurückgewiesen werden müssen. Da nun für den Versammlungstag ein Sonnabend und für den Kommers ein tanzfreier Sonntag gewählt ist, ist zu erwarten, daß viele Tausende nach dem Lokale zusammenströmten werden, umfomehr, da das fozialdemokratische Blatt Der Beobachter" in der Nummer vom 22. September auf die Versammlung hinweist, in welcher Bebel nach 30 Jahren zum ersten Male wieder in Meerane spräche.")

Nach dem Regulativ, betreffend die Beschaffenheit und Eins richtung der zu öffentlichen Versammlungen dienenden Räumlich feiten, vom 25. November 1895 darf für öffentliche Versamm­lungen nur ein geschlossener Raum benutzt werden, den

der überwachende Beamte nach allen Seiten hin übersehen kann. Die Benutzung des Gartens ist daher nicht zuläffig; aber auch der Saal, der nach dem Regulativ nicht mehr als 760 Personen faffen kann, reicht für den Andrang von Taufenden nicht aus. Die hier zur Verfügung stehende Polizeimannschaft genügt nicht, bei solchen Verhältnissen die öffentliche Ruhe aufrecht zu erhalten, fodaß noch dazu am Sonnabend und Sonntag bei der nothwendigen Zurückweisung der von auswärts fommenden Bu hörer eine Gefahr für die öffentliche Ruhe entstehen dürfte. Echließlich fommt noch hinzu, daß Bebel wahrscheinlich seine politische Hede und seine Festrede benußen würde, um seinen Bus hörern seine vaterlandslose Gesinnung mit glatten Worten einzus impfen und sie zu Handlungen geneigt zu machen, die vom Volksgewissen verurtheilt werden. Die Vorgänge in Lille , wo die die Führer der deutschen Sozialdemokratie, die sich mit ihrer nationalen Empfinden der französischen Sozialdemokratie sich beschämen lassen mußten, die Ausweisung, Bebel's aus der französischen Republit lassen erkennen, welchen beklagenswerthen Standpunkt die Führer der Sozialdemokraten einnehmen. Solche Leute, die mit unserer Stadt und unserer Bevölkerung gar feine Berührung haben, hier reden zu lassen, erscheint nicht im Interesse unseres monarchischen Staates und der fiantstreuen Bürgerschaft. Der Hauptgrund für das Berbot der beiden sozial­demokratischen Veranstaltungen find die oben angeführten räum­lichen Verhältnisse und die Rücksicht auf Ruhe und Ordnung. Meerane , den 23. September 1896.

Die Versammlung und der Arbeiter- Rommers sollen im Von diesem Geiste biktirt sind alle die zahllosen Maß- Saal und Garten des Restaurants zum Kuchengarten statt­regeln, die seit fünfundzwanzig Jahren gegen unsere Genossen finden. Am Sonnabend soll der Reichstags- Abgeordnete August angewendet wurden und zeitweilig wollenbruchartig auf fie e bel eine politische Rede über die bürgerliche Gesellschaft und am Sonntag eine Fesi niederpraffelten. Aber wie der Erfolg zeigt, immer mit und die Sozialdemokratie" Durch diese Festrede stellt sich der an ber entgegengesetzten Wirkung, die man beabsichtigte. Die rede halten. Durch diese Festrede gewagtesten Prozesse und härtesten Verurtheilungen, zahl- gebliche Arbeiter- Kommers als eine öffentliche Volts- Ver­In ſammlung dar. dem Genehmigungsgesuch lose Auflösungen von Arbeiterorganisationen, Berbote und Angabe, daß ein Eintrittsgeld erhoben werden soll, nicht ent Baterlandslosigkeit brüsteten, von der Vaterlandsliebe und dem Auflösungen von Versammlungen auf die fadenscheinig- halten, während nach den öffentlichen Bekanntmachungen ein ften und oft lächerlichsten Gründe hin, Verbote von Eintrittsgeld von 25 resp. 20 Pf. zu zahlen ist. Geldsammlungen, Verschlechterung und Verhunzung des Schon aus dem start hervorgehobenen Druck in der Annonce Wahlrechts, kühnste und für unmöglich gehaltene Aus- geht hervor, daß die Festrede von August Bebel den Haupt­legung bestehender Geseze, Chikanen aller Art gegen einzelne Personen, die man damit mürbe zu machen suchte, alle diese Maßregeln wurden bald von dieser, bald von jener Seite in Anwendung, gebracht und fanden stets die Zu­stimmung fast der gesammten bürgerlichen Presse im Lande und der bürgerlichen Vertreter in der Kammer.

anziehungspunkt des Kommerses bilden soll. Es ist nun zwar fraglich, ob nicht der Name von Bebel, wie es bereits mehrfach hier vorgekommen ist, nur benannt wird, um möglichst viel Leute anzuloden, während dann an dem betreffenden Tage ein Tele­gramm seine plögliche Verhinderung meldet*); jedenfalls rechnen die Einberufer auf eine außerordentliche Menschenansammlung. Dies geht daraus hervor, daß zum Kommers und zur Versamm­Bestünde die Möglichkeit, mit Mitteln wie die erwähnten lung bereits 5 Tage vorher eingeladen wird, daß an vier Ver­einer mit elementarer Nothwendigkeit aus dem Wesen und taufsstellen Eintrittskarten im Vorverkauf zu haben sind und daß Charakter der bestehenden Gesellschaft hervorgehenden Bes als Versammlungsort für beide Veranstaltungen trotz der falten wegung Herr zu werden, in Sachsen hätte dieses eintreten Witterung der Garten und der Saal bestimmt ist. Die Bekanntmachung müssen. Aber der Versuch ist kläglich gescheitert, wie jeder*) Mit Wissen Bebels ist niemals in Meerane eine Ver voraussehen konnte und mußte, der mit ein wenig Versammlung angemeldet worden, für die er in letter Stunde ab­stand das Wesen der sozialistischen Bewegung verfolgte und sagte; Herr Ebeling kann für diese Behauptung keinen Beweis es zu beurtheilen vermochte. Und doch reitet man immer erbringen.

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Rienzi .

Der letzte der römischen Volkstribunen. Mehrere Mitglieder des Rathes murmelten Beifall. " Freunde!" sagte der Tribun in feierlichem und ernstem Tone, laßt der Nachwelt der Freiheit nicht nachsagen, daß fie Blut liebt, laßt uns dem erhabenen Beispiele der Barmherzigkeit unseres großen Erlösers folgen. Wir haben triumphirt, laßt uns demüthig sein! Wir sind gerettet, laßt uns verzeihen!"

Die Rede des Tribunen wurde durch Pandulfo und andere milde und gemäßigte Männer unterstützt, und nach einer kurzen, aber lebhaften Berathung überwog der Ein­fluß Rienzi's und das Todesurtheil wurde, jedoch nur burch eine kleine Mehrzahl der Stimmen, widerrufen.

Rienzi erschrat und wechselte die Farbe.

Wenn Ihr diese unglücklichen Gefangenen retten wollt, so wäre es rathsam, nicht zu warten, bis die Wuth des Pöbels nicht mehr zu bändigen ist," flüsterte Pandulfo.

Der Tribun erwachte aus seiner Träumerei. " Pandulfo!" erwiderte er leise, mein Herz warnt mich, die Schlangenbrut ist in meiner Macht, vernichte ich sie nicht, so tann fie mich zum Dank für meine Nachficht mit ihrem giftigen Bahn tödten, es ist ihr Instinkt! Aber es sei darum! man soll nicht sagen, daß der römische Tribun mit dem Leben vieler Menschen seine eigene Sicherheit er­faufte, nicht soll auf meinen Grabstein geschrieben werden: Hier liegt der Feige, der nicht zu verzeihen wagte!" Deffnet den Thurm! Laßt uns die Gefangenen mit ihrem Urtheil bekannt machen!"

Der Stadtrath. ( gez.) Dr. Ebeling, Bürgermeister.

*) Das ist, wenn es behauptet wurde, unrichtig. Bebel war bis 1877 Vertreter für Meerane - Glauchau im Reichstag und hat nach jeder Seffion auch in Meerane Bericht erstattet. Zum letzten Male sprach er in Meerane vor 7 oder 8 Jahren.

schem und berühmtem Geschlecht geboren, die ihre Macht anwenden, um die Baterstadt zu beschützen, den Reichthum und die Künfte zu befördern, die dem Ritterstande Ehre machen, indem sie die Gesetze aufrecht erhalten helfen. Zieht Eure Schwerter zurück und laßt den ersten Mann, der die Freiheiten Roms verlegt, Ener Opfer sein, und wäre es felbst der Tribun; Eure Sache ist untersucht! Euer Urtheil ist gesprochen! Erneuert Enern Eid, Euch jeder öffentlichen und geheimen Feindseligkeit gegen die Regierung und die Behörden Roms zu enthalten, und Ihr seid begnadigt Jhr seid frei!"

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Die erstaunten, wie aus den Wolfen gefallenen Patrizier beugten unwillkürlich die Knie, die Mönche, welche ihre Beichte gehört hatten, nahmen ihnen den vorgeschriebenen Eid ab, und während die Barone mit entfärbten Lippen Und jetzt," sagte Rienzi , laßt uns mehr als gerecht, die feierlichen Worte flüsterten, hörten fie unten das Gebrüll laßt uns großmüthig sein! Sagt mir, und ohne Rück Mit diesen Worten nahm Rienzi seinen Sitz an dem des Boltes nach ihrem Blute. fichten, glaubt einer von Euch, daß ich zu strenge, zu stolz obern Ende des Tisches ein und die ersten Strahlen der Als diese Zeremonie beendigt war, trat der Tribun in gegen diese hartnäckigen Männer mich benommen habe? eben aufgegangenen Sonne beleuchteten die blutrothen den Banketsaal, welcher zu einem Balkon führte, von dem Ich lese Eure Antwort in Euren Zügen! Ihr macht mir Wände, in deren Farbe die Barone, welche jetzt wieder in er gewohnt war, das Volk anzureden, und nie vielleicht diesen Vorwurf! Glaubt einer von Euch, dieser mein den Saal gebracht wurden, ihr Schicksal zu lesen glaubten. war seine wunderbare Gewalt über die Leidenschaften einer Fehler habe sie angereizt zu ihrer finstern Rache? Glaubt Ihr habt," sagte der Tribun, die göttlichen und Versammlung mehr nothwendig und zeigte sich erfolg einer von Euch, daß sie, wie wir, empfänglich sind für menschlichen Gesetze beleidigt, aber Gott lehrt den Menschen reicher, als an diesem Tage, denn die Wuth des Volkes Milde und Nachsicht, daß sie besiegt werden können durch Gnade üben! Ueberzeugt Euch wenigstens, daß die Hand war aufs äußerste gestiegen, und es dauerte lange, ehe es Großmuth, daß sie entwaffnet werden können durch eine des Herrn über meinem Leben wacht! Auch wird der, den gelang, sie zu beschwichtigen. Noch ehe Nienzi jedoch seine solche Rache, wie die christlichen Gesetze sie gegen edle Feinde der Himmel für hohe Zwecke auf den Volksthron erhob, Rede beendigt hatte, war jede Woge der wilden See gebiete?" nicht ohne unsichtbare Hilfe und höheren Schuß bleiben! beruhigt. Sobald der Tribun bemerkte, daß der günstige Augen­ Ich denke," sagte Pandulfo nach einer Pause, daß Wenn geborene Monarchen für heilig gehalten werden, um es der menschlichen Natur widerspräche, wenn die Männer, wie viel mehr einer, in dessen Gewalt die göttliche Hand blick gekommen sei, wurden die Barone auf den Balkon In der Gegenwart so vieler Tausende ver die ihres Verbrechens überführt waren, durch Euch begnadigt selbst ihr Zeugniß bekundet. Ja, über dem, der nur für geführt. werden, dennoch wieder Eurem Leben nachstellten." fein Vaterland lebt, dessen Größe die Gabe seines Vaters pflichteten sie sich feierlich, den guten Staat zu beschützen. Mich dünkt," erwiderte Rienzi , wir müssen me hr landes ist, dessen Leben die Freiheit seines Vaterlandes be- und so war derselbe Morgen, der für ihre Hinrichtung als begnadigen. Wenn der erste große Cäsar einen Feind dingt, wachen die Geister der Gerechten. Gebt Euren Born bestimmt schien, ein Zeuge ihrer Wiederversöhnung mit nicht vernichtete, so suchte er ihn sich als Freund zu ge- gegen mich auf, belehrt durch Euer letztes Mißgeschick und dem Volke. winnen Die Menge zerstreute sich, die meisten beruhigt und durch Eure gegenwärtige Gefahr, achtet die Gesetze, sowie Und ging unter in dem Versuch!" fiel Baroncelli die Freiheit Gurer Vaterstadt, und glaubt mir, daß es kein zufrieden, die Klügeren jedoch der Zukunft mit schwarzen edleres Schauspiel giebt, als Männer, wie Ihr, aus patrizi- Ahnungen entgegensehend. ( Fortsetzung folgt.) schnell ein.

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