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Sonntag, 10. August 1884.

I. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das ,, Berliner Boltsblatt

afgeint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Saus vierteljährlich 3 Mart, monatlich 1 Mart, wöchentlich 25 Pf. Einzelne Summern 5 Bf. Bostabonnement pro Duartal 3 Mart.( Eingetragen im VIII. Nach trage der Postzeitungspreisliste unter Nr. 719a.)

Insertionsgebühr

beträgt für die 3 gespaltene Betitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Bf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 thr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Simmerstraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaux , ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Redaktion und Expedition Berlin SW., Zimmerstraße 44.

Bescheidenheit.

Gewiß ein schönes Wort! Bescheidenheit ist immer zu bem Kinde und besonders dem jungen Mädchen, bas nicht vorlaut sich in das Gespräch drängt, das nicht aufdringlich feine Vorzüge in das hellste Licht seht- lich Borzüge hat, dann werden sie auch schon so erkannt, durch Aufdringlichkeit aber oder Unbescheidenheit werden die­felben wesentlich getrübt.

-

wenn es wirk

Anders liegt die Sache aber schon bei einer Einladung zum Tisch. Wir haben dabei Kinder gesehen, die mit un­bescheidener Gier nach den Speisen verlangten oder gar darüber herfielen, andere Kinder aber waren derart beschei ben, daß fie trotz ihres Appetits beim Anbieten schon vor

Geradezu wunderbar muß es berühren, wenn man noch furter Handwerkervereins, die nach dem berühmten" Hand­nachträglich erfährt, daß in einer Versammlung des Frank­ furter Handwerkervereins, die nach dem berühmten" Hand­werkertage stattfand, Meister Faßhauer aus Cöln, nachbem er die sozialen Bestrebungen der Arbeiterklasse, von denen er übrigens ungefähr so viel verstand, wie die Kuh vom heit ermahnte:" Werden Sie in Ihren Forderungen so be­Seiltanzen", besprochen hatte, die Arbeiter zur Bescheiden­scheiden, wie der Handwerkerstand!"

werden Sie ebenso elendiglich zu Grunde gehen, wie der Hinzufügen hätte der edle Meister können: Dann Handwerkerstand!"

Doch Scherz bei Seite! Der Handwerkerstand geht aus anderen Ursachen zu Grunde, als durch seine Beschei benheit; das wissen unsere Leser längst. Aber der Arbeiter­

her mit ablehnendem Danke" antworteten, gewiß schweren stand, der nach vorwärts strebt, würde sein Ziel nicht so Herzens, aber dem strengen Gebot der ihnen ertheilten Er­ziehung gehorchend.

rasch erreichen, wenn er allzu bescheiden wäre.

Wir halten in dieser Hinsicht nun Beides für unrichtig: die übergroße Gier sowohl, als die übergroße Bescheiden dem, der ab und zu etwas abschüttelt. Der allzusehr Be

Speisen angeboten werden, dann aber herzhaft und natür­lich zugreifen, bis man gesättigt ist.

Auch für den gesellschaftlichen Umgang gilt dasselbe.

Der Druck der Kapitalmacht ruht schwerer auf dem, der bescheiden sich immer mehr auflasten läßt, als auf der bescheiden sich immer mehr auflasten läßt, als auf

laftete aber geht früher zu Grunde, er verkommt leichter, als der minder Belastete. Der Unzufriedene denkt mehr über seine Lage nach, als der Zufriedene, und sucht dieselbe - er geräth dadurch in eine gesunde leibliche dadurch werden seine

Das ewige fich vordrängen, das ewige nur von sich sprechen, und geistige Thätigkeit. So werden auch seine Bedürfnisse ist rücksichtlos und unbescheiden und schadet vielfach einem font intelligenten Menschen; aber auch nicht zu empfehlen größer, die er zu befriedigen sucht­Forderungen immer höher gestellt und vom Standpunite immer ,, unbescheidener".

-

heit, da der Mensch dadurch leicht zum Amboß wird, auf des Gegners der Arbeiterbestrebungen aus betrachtet dem die verschiedenen Hämmer flopfen.

Aber letteres gilt noch mehr im wirthschaft

lichen sozialen Leben.

Sehen wir uns die verschiedenen Klassen der Bevölke

auf soziale" Forderungen aber ist die Triebfeder alles ge­Diefe ,, Unbescheidenheit" in Bezug auf wirthschaftliche, funden Fortschritts. Ueberhaupt müssen in politischen und fozialen Dingen die

rung an, so ist in den oberen feine Spur von Bescheidenheit Erreichbare hinaus gestellt werden, damit niemals ein Still­zu erbliden. In dem Ringen um die Gewalt, um die Vor­

theile, welche Geld und Gut verleihen, tritt die Bescheiden- ftand eintritt.

-

heit zurüc Bescheidenheit aus.

überall Anmaßung, überall nur Hohn für die

Burückgebliebenen. Der Konkurrenzkampf schließt eben die scheiden aufzutreten.

Um so betrübender ist es, daß gerade in den unteren

Auch die Arbeiterklasse wird gut thun, nicht allzu be

Im persönlichen Umgange ist die Bescheidenheit schön

Klaffen noch so viel rührende Bescheidenheit, so viel Bu halb trifft bei ihnen das hübsche Berliner Sprüchwort zu:

friedenheit und Bedürfnißlosigkeit zu finden ist und nament­lich beim Handwerker und Arbeiterstande.

Wohl giebt es einzelne Personen aus diesen Ständen, die frei von solcher Bescheidenheit sind, doch im allgemeinen sind die Forderungen, welche diese beiden Stände an die Gesellschaft stellen, außerordentlich

Bescheidenheit ist eine Zier, Doch weiter kommt man ohne

-

Politische Uebersicht.

ihr!"

'

ftandes gar eine Zurückführung in die elenden, mittelalter- fervativ- tleritale Reaktion und der Herr Minister lichen Zustände, während durchweg die bewußten Arbeiter doch wenigstens noch vorwärts streben.

Rachbruck verbeten.]

191

Feuilleton.

Das Kind des Proletariers.

Sensationsroman von U. Rosen.

( Fortsetzung)

Zu wenig Religion in der Volksschule, ruft die ton­v. Goßler hat es eilig, eine Verfügung an die Provinzial Schulkollegien zu richten, die den Schaden, den bösen Schaden ausbessern soll. Bisher wurden nach dem Lehrplan der ein­

Dr. Brice und Myra begaben sich zu ihrem Wagen. Doctor", sagte Myra ,,, das ist derselbe Bursche, der gestern bei mir war."

Sind Sie Ihrer Sache gewiß?"

Ich könnte darauf schwören."

Dr. Brice dachte daran, den Burschen verhaften zu lassen, da fie aber an feinem Bolizeibureau in der Nähe vorüber

Tony Petrigrew wollen Sie sprechen?" fragte die bessere tamen, und er auch sonst nicht mit sich einig war, was am

Hälfte dieses Ehrenmannes, ihr Kleid, das unzugeknöpft an ihr herunterschlotterte, mit einer Hand zusammenhaltend und mit der andern ihr zerrauftes Haar aufraffend und mit einer tiefigen Haarnadel befestigend. Dort am Baune finden Sie ihn. Heute ist er zu meiner großen Verwunderung wieder einmal bei der Arbeit. Gestern Abend ist er erst wieder nach Hause gekommen, drei Tage lang hat er sich in der Stadt oder sonstwo umbergetrieben, und es mir überlassen zu graben

und

er ist der faulste Schlingel in ganz London ."

Besten zu thun sei, schlug er vor, erst Mellodem aufzusuchen. Tony trat schweigend über die Schwelle seiner Woh nung. Er flüsterte nur drei Worte vor sich hin: Ich werde ausreißen!"

Als der von Dr. Mellodew dazu veranlaßte Polizeibeamte in des Todtengräbers Behausung erschien, fand er den Ge­suchten nicht mehr.

"

zu schaufeln. Ich hoffe, Sie brauchen nichts von Tony, ist nicht todt. Die ganze Erzählung von seiner Krankheit und

Es war schwer, den Redestrom der Frau einzudämmen, aber Myra gelang es endlich doch, und plötzlich stand sie vor Zony, der ein Kindergrab ausschaufelte. Reffelflider vor Myra erschienen war, erkannte sie den Mann Ohne die Berrüde und die Verkleidung, in der er als Stimme zu zittern begann und ein gewisses Unbehagen nicht berbergen fonnte, als Dr. Brice ihm die Frage nach dem Grabe eines fürzlich beerdigten Kindes eines Kesselflickers

itellte.

Das Kind eines Refselflickers? eines Strolches Namens Jones? Und es starb an den Masern? Das ist nicht gut zu fagen. Jones ist ein so häufiger Name und Keffel­flider find auch nicht selten. Und wenn wir mit Arbeit überhäuft find und viele Kinderkrankheiten am Drt, dann werden auch oft gern zwei bis drei Leichen in ein Grab ge

feinem Tode ist nichts als Erfindung. Jemand hält ihn irgend­wo verborgen, während er gefliffentlich die Mähr von seinem Hinscheiden verbreitet."

Aber aus welchem Grunde?"

Wenn wir diese Frage zu beantworten wüßten, dann fönnten wir auch leicht die Spur des Kindes auffinden. Es mag ihn Jemand erziehen, um Einfluß auf ihn zu gewinnen und sein Vermögen zu theilen, wenn er das Alter erreicht hat, um es zu beanspruchen, oder irgend eine Person niederen Standes, die ihn als zu ihrer Familie gehörend ausgiebt, will ihn später mit einem Mitgliede derselben verheirathen, um auf diese Weise Antheil an dem Reichthum des Barth­schen Erben zu gewinnen.

,, So wollen wir den gewandtesten Detektive befolden, der seine ganze Zeit der Aufgabe widmet, Rupert aufzusuchen."

Der Detektive trat in ihre Dienste. Er durchforschte alle Diebeshöhlen, alle wandernden Schauspielergesellschaften, alle

t, wie Myra's Augen scharf und forschend auf ihn gerichtet waren; er wurde verlegen und roth und war nicht im Stande

Während Tony seine Worte hastig hervorstieß, gewahrte Bigeunerlager, und während er immer weiter in die Ferne zog,

aufgefallen war.

3winfern erkannt, das ihr schon bei dem früheren Begegnen

spielte der Knabe, den er so unermüdlich suchte, jeden Tag fröhlich und jauchzend in seines Vaters Hause, in dem Garten und Park, die sein Erbe sein sollten.

den Refselflicker aus dem Wäldchen an einem liftigen Augen- sche Schloß und seine Umgebung schwärmte von den Wrig

dächtig seiner Wohnung zu.

Tony nahm seine Geräthschaften auf und schlenderte be

Er spielte auch mit den fleinen Wrigley's. Das Barth

ley's. Myra konnte sie nicht vertreiben. Frau Wrigley fam oft mit ihrer ganzen Schaar. Sie strahlte in mütterlichem Stolz, und ihre Hoffnung und Ehrgeiz für ihre Kinder füllten ihren ganzen Gedankenkreis aus.

klassigen Volksschule fünf Stunden wöchentlich auf Religions­unterricht verwendet. Viel zu wenig, denkt der Herr Minister, und bestimmt, daß dem Unterricht in der deutschen Sprache eine Stunde wöchentlich genommen werde, die zum Bibellesen dienen soll. Und gerade der Unterricht in der Muttersprache verträgt am wenigsten eine Kürzung; die deutsche Volksschule leistet auf diesem Gebiete noch lange nicht das, was fie leisten sollte; noch fehlt viel, daß die Werke der deuts schen Dichter und Denker Gemeineigenthum des Volkes find. Warum nun der Herr Minister gerade diesen Zweig beschnei­den mag? Haben wir etwa zu viel Aufklärung--? Ferner läßt die Verfügung zu, und wo die hochkirchliche Dr thodorie herrscht, wird es bald zur Regel werden, daß Lehrstoff der Volksschule mitaufgenommen oder mit anderen sämmtliche Hauptstücke( 5) des Lutherschen Katechismus in den Worten auswendig gelernt werden, während man sich früher mit den drei ersten begnügte. Bedenkt man, welche Menge von frommen Sprüchen und Bibelversen das Anhängsel zu dem schon an und für fich großen Memorirstoff der sogenann ten Hauptstüde bilden und erinnert man sich aus seiner eigenen Jugend, welche Zeit und Mühe es erforderte, bis dem wider spenstigen Gedächtniß die unverstandenen und veralteten Wort­bilder und Satformen eingeprägt waren, so wird diese Ver­mehrung einer geisttödtenden Beschäftigung nur als eine schwere Schädigung des sonstigen Unterrichts betrachtet werden können. Aber die Herren der Reaktion sollten auch im eigenen In­teresse anders handeln; es ist zum mindesten sehr unklug, wenn fie dem Kinde die Lehren der Kirche in einer so unan­genehmen Weise entgegenbringen, daß es leicht den Geschmack am Ganzen verliert. Doch Scherz bei Seite, der Erlaß ist ein recht deutliches Zeichen der Zeit!

Die Persönlichkeit des Herrn von Schauß, des gegen wärtig zu großer Berühmtheit" gekommenen nationalliberalen Reichstagsabgeordneten, beschreibt ein süddeutsches demokrati sches Blatt folgendermaßen: Der Bankdirektor, der einstige Advokat, der fich auf ein Eiland gerettet, von dem aus er selbst seine Standesgenossen mit überlegenem Lächeln ansieht; der Löwe des Salons, dem das glatt gewichste Parquet und die Glacéhandschuhe zum Meridian geworden sind, der ihn die Pole sozialen Elends nicht sehen läßt; der soidisant Bolts vertreter, der sein Reitpferd in den Straßen der Residenz im Pariser Reitkostüm tummelt und sich um dieses vertretene" Bolt rings um ihn her eigentlich blutwenig fümmert mag dem im Geldprogenthum wie in einer Butterfauce schwimmenden sogenannten schweren Bürger Vertrauen einflößen dem Bolte, dem Kleinbürger und Arbeiter gewiß nicht." Auch wir sind dieser Meinung.

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Zur Nachachtung empfohlen. Das Polizeiamt zu Mainz hat folgende Verfügung an die Schuß­mannschaft erlassen: Da in legter Beit wiederholt die unangenehme Wahrnehmung gemacht wurde, daß Schußleute gegen hiesige Bürger wegen geringfügiger Uebertretungen Strafanzeigen einreichten, ohne dieselben zuvor auf die Geset widrigkeiten aufmerksam zu machen resp. in taktvoller Weise zur Beseitigung derselben aufzufordern, wird die Schußmann­schaft daran erinnert, daß fie zum Schuße der Bürger und zur

Dr. Wrigley hatte sich als ein scharfsichtiger Beurtheiler der menschlichen Natur bewährt, als er seiner Frau gesagt, Gewohnheit vermöge Alles, Myra gewöhnte fich mit der Zeit an die Wrigley's.

Sie nahm einen Hauslehrer für ,, unseren Aeltesten" und gestattete ihm, den Unterricht in ihrem Bibliothekzimmer zu Clematis- Villa war so überfüllt von Kindern, und die fleinen Schreihälse machten so viel Lärm, daß dort keine Stätte für den Dienst der Musen zu finden war.

Sie follte Dich ganz und gar bei fich behalten," sagte Dr. Wrigley zu unseren Aeltesten", die Barth'schen Güter werden einst Dein Eigenthum sein, und Du mußt bei Zeiten daran gewöhnt werden, Dich als fünftigen Baronet zu fühlen."

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,, Sie meint," erwiderte der Knabe in dem Tone Jemandes, der von der Richtigkeit ihrer" Bemerkungen überzeugt ist, ,, daß der Kleine Sir Rupert eines Tages wiederkehren und ihm Alles gehören wird. Ich folle studiren und recht fleißig sein, dann könne ich mir aus eigener Kraft den Weg bis zum Ministerpräsidenten bahnen."

Das Kind wird niemals wiederkommen," schrie der Doktor, seinen Erstgeborenen finster anblickend, und Du wirst weit leichter und wahrscheinlicher der Barth'sche Erbe, als Mi nister werden."

Ich möchte mir lieber durch eigenes Verdienst meinen Weg bahnen," erwiderte der Knabe, in dem Myra's Lehren Wurzel geschlagen hatten.

Haben Sie bemerkt, Fräulein Barth," sagte Frau Wrig­ ley , die sich nicht entschließen konnte, die vornehme, juuge Dame mit einer vertraulicheren Bezeichnung anzureden ,,, wie soldatisch unser Bweiter" ist. Er hat eine ganze militärische Haltung und ist wie für die Armee geschaffen, Wir hoffen auch, daß Sie für ein Offizierpatent Sorge tragen werden."

Und dann wurde Myra's Aufmerksamkeit fast täglich auf die gelehrten Neigungen und die fromme Gemüthsart ,, unseres Driften" gelenkt und ihr versichert, daß er ganz für die Kirche geboren sei, und das, wenn es seinem armen Bater gelungen sein werde, ihn durch die Universitätsjahre zu bringen, Fräulein Barth gewiß nicht ermangeln werde, ihm die Fami lienpfründe zu übertragen. Der gute Junge werde auch dem Wunsche feiner Coufine entsprechend heirathen, alle die Jhrigen würden das thun.

( Fortsetzung folgt)