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Nr. 120.

Sonnabend, 23. August 1884.

1. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das ,, Berliner Bolloblatt scheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. frei in's Haus vierteljährlich 3 Mart, monatlich 1 Mart, Rummern 5 Pf. Boftabonnement pro Quartal 3 Mart. trage der Bofzeitungspreislifte unter

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Berliner

Volksblatt."

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Den neuen Abonnenten wird der bisher erschienene Theil des fesselnden und interessanten Romans

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Das Kind des Proletariers" aus der Feder von U. Rosen soweit der Vorrath reicht soweit der Vorrath reicht gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Expe­bition Zimmerftraße 44 gratis verabfolgt.

Auch eine wirthschaftliche Befferung.

In Kaffel hat dieser Tage der Verbandstag der städti­ichen Haus- und Grundbesitzervereine Deutschlands stattge funden und ein Herr Möniger aus Berlin hat daselbst verkündigt, daß sich die Verhältnisse des städtischen Grund­befizes gebeffert hätten. Ist dieser Herr Wöniger derfelbe, der I'm Jahre 1848 in Berlin eine so sonderbare Rolle gespielt hat? Wenn es derselbe ist, dann begreifen wir auch sein Auftreten in Raffel.

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befit haben sich gebessert! Inwiefern haben sie sich gebef= Also die Verhältnisse im städtischen Häuser- und Grund­fert und für wen? Wenn wirklich eine Besserung" vor­handen ist, so kann es nur eine solche sein, die den Haus­und Grundeigenthümern zu Gute tommt. Diese Haus- und

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Menschen, gerade wie eine Schnecke mit dem Häuschen auf dem Rücken eine andere Schnecke, die kein Häuschen darauf trägt, nicht für voll nimmt. Also wenn der Hauswirth von einer Befferung" spricht, was geht das den Miether an?

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Von Wohnungsnoth in den großen und mittleren Städten spricht man faum mehr, weil dieser Zustand mit Ausnahme von wenigen Pläßen, nunmehr permanent geworden ist und der Mensch sich an Alles gewöhnt, so gewöhnt er sich auch daran. Die Miethen haben eine Höhe erreicht, die manchmal schwindeln macht. Für den Geschäftsmann, der nicht bemittelt ist oder am Jahresschluß eine glänzende Bi­lanz aufzuweisen hat, ist der hohe Miethspreis geradezu ein Strid um den Hals. Der Handwerker, der Arbeiter, der kleine Beamte, sie sollen sich daran gewöhnen, einen mäch­tigen Drud zu ertragen, der in Gestalt der Wohnungsfrage auf ihnen lastet. In der Mitte der Städte können sie nicht wohnen, fie sind in die Vorstädte verbannt, von wo Arbei ter und Beamte oft stundenlang bis zu der Stelle, wo sie arbeiten, zu gehen haben, wenn sie nicht per Woche so und soviel für Fahrgeld ausgeben wollen. Und dann haben sie die Wahl, in einem engen, dumpfen, schmutzigen und bau­fälligen Hinterhause etwas billiger zu wohnen, oder sie neh­men fich eine Wohnung, die auf die Straße geht, die aber zu theuer ist, als daß sie diefelbe bezahlen können. Dann müssen sie sich auf das Vermiethen von Zimmern oder von Schlafstellen verlegen und leben in unaufhörlicher Besorg­niß, daß ihnen die Aftermiether abgängig werden oder nicht pünktlich bezahlen könnten. Sie selbst aber müssen sich aufs Aeußerste einschränken; sie wohnen, essen und schlafen, wenn es gut geht, in der Küche, wenn es schlechter geht, auf dem Borplate. Und wie übel sind die kleinen selbstständigen Handwerker der großen Städte daran, die ihrer Kundschaft wegen in Stadttheilen wohnen müssen, in denen die Woh­nungen etwas theurer find.

Das find bekannte Dinge und den Herren Haus- und Grundbefizern find sie auch nicht verborgen geblieben. Um

Grundeigenthümer bilden eine kleine Minderzahl, die unge so frivoler ist es, da ohne Weiteres von einer Besserung"

in den Verhältnissen des Grund- und Häuserbefizes zu

wird von einer Besserung" in den Häuser- und Grundbesprechen. zverhältnissen der Städte bis jetzt sehr wenig verspürt

haben.

schon als eine Besserung ihrer Lage ansehen, daß die Mieths­Die Herren Haus- und Grundeigenthümer mögen es preise in den Städten so ungeheuerlich gestiegen sind. Es hat sogar die Anscheinung, als wolle diese Besserung" in

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Wer heute die Wohnungen des Proletariats besucht, der wird staunen, wie weit die Lebenshaltung der arbeiten­ben Klaffen gerade durch die Wohnungsverhältnisse hinab­

gebrückt worden ist. Für ben, ber sich dies Elend noch

nicht mit eigenen Augen angesehen, ist es unglaublich, wie sich die Menschen in Bezug auf ihre Wohnung behelfen

fteigender Tendenz verharren und als wollten die Mieths- müssen. Und doch wird der Miethsbetrag ebenso unerbittlich eingetrieben, wie der Betrag für des Leibes tägliche Noth durft und Nahrung.

preise die Grenzen der Möglichkeit erreichen.

zu wollen, wäre der blanke Hohn. Allein der Hauswirth Den Miethern gegenüber von einer Besserung" reden betrachtet den Miether als einen nicht ganz vollkommenen

Radbrud verboten.]

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Feuilleton.

Das Kind des Proletariers.

Sensationsroman von U. Rosen. ( Fortsetzung)

Die gegenwärtigen Wohnungsverhältnisse sind eine brin gende Gefahr für Gesundheit und Sittlichkeit der Bevöl­

was es heißt, ein Edelmann sein! Du läufft nicht halb so gut wie mein Junge, der kleiner ist wie Du und noch eine Bürde Binngeschirr tragen muß."

Ich bin nicht daran gewöhnt," erwiderte Rupert ärgerlich.

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kerung. Ist darin auf dem Verbandstag der Herren Häuser­und Grundbefizer auch nur eine Silbe gesprochen worden? Nein, da war es vielmehr der Sache angemessen, sich über die Grund- und Gebäudesteuer zu unterhalten, die von den Hausbesitzern ja doch auf die Miether abgewälzt wird.

Aber es fann garnicht mehr lange dauern, so wird sich die Gesetzgebung genöthigt sehen, gegen diese Verhältnisse einzuschreiten. Bisher hat man diefe Dinge, wo so schwer Nath zu schaffen ist, absichtlich bei Seite liegen lassen, allein das Unheil ist dadurch nur gewachsen. Während die In­duftrie der arbeitenden Bevölkerung Anstrengungen und Ent­behrungen zumuthet, die kaum erträglich sind, schädigen die Massenquartiere der großen Städte die Gesundheit der Be völkerung auf's Schwerste und legen ihr dazu noch peku niäre Laften auf, unter denen sie fast zusammenbricht. Dabei wird jede, auch die geringste Gelegenheit benutzt, die Summe des Miethzinses emporzuschrauben, obschon eine steigende Tendenz ohnehin vorhanden ist.

Solchen Dingen kann die Gesetzgebung nicht lange mehr ruhig zusehen und man wird zu dem Mittel greifen müssen, eine staatliche Taxation der vorhandenen Wohnge­bäude und der fünftig zu erbauenden vorzunehmen und die Höhe der Miethzinse durch Gesez festzustellen, damit die Schraube der Steigerung nicht mehr beliebig ge= breht werden kann.

Die staatliche Feststellung der Miethpreise ist keine Lösung dieser Frage. Wir wollen darin eine solche bei Leibe nicht suchen. Wir wissen ganz genau, daß man die Höhe der Preise nicht dauernd fünstlich fixiren kann, aber in etwas kann man doch dem herrschenden Unfug im Woh­nungssystem steuern und es würden sich auch Mittel finden, die Umgehung eines solchen Miethegesetzes zu verhindern.

Wir betonen also nochmals, daß wir in einer solchen Maßregel nicht die Lösung der Frage selbst erblicken. Allein wir sind der Ueberzeugung, daß die Gesetzgebung mit der Beit zu einer solchen Maßregel gedrängt werden wird.

Dann wird man sich wenigstens einmal mit der so scheu vermiedenen Wohnungsfrage beschäftigen müssen.

Politische Uebersicht.

Bis zu den Reichstagswahlen, so schreiben die konser vativen Dresdener Nachrichten", wird man von Arbeiter­streits behufs Verbesserung der wirthschaftlichen Lage nicht viel zu hören bekommen. Die Sozialdemokratie hat an ihre Anhänger die Weisung ertheilt, jest zunächst alle Geldmittel für die bevorstehenden Wahlkämpfe zu sparen und zu sammeln schränkt sich daher auch die Lohnbewegung vorläufig darauf, und sie nicht in Lohnkämpfen zu verausgaben. In Berlin be­Die Forderung eines Normalarbeitstages zu begründen und die gegenwärtigen Löhne als die Minimallöhne zu bezeichnen. Die Dresdener Nachrichten" müffen's wissen.

nachdem Dr. Mellodem gekommen war, um mit ihm zu Sprechen und er überall vergebens gesucht worden war und man dessen Brief gefunden und dem Anwalt übergeben hatte.

Besorgt wegen der Wirkung, welche die Nachricht auf Lady Bide haben könnte, begab fich Dr. Mellodem mit dem Briefchen zu Myra, um ihren Rath zu hören.

Die Diener beider Häuser wurden alsbald ausgeschickt, nach dem Flüchtling zu suchen.

Myra erschien in Bide- Hall, um ihrer Freundin die be trübende Neuigkeit vorsichtig mitzutheilen und während fie bei Lady Bide weilte, und Dr. Mellodem noch am Eingang des Schloffes zögerte, näherte, sich Sir James Wrigley

Die Gesellschaft brach bald auf, fie wollte so schnell als möglich vorwärts tommen. Sie waren Alle in ziemlich guter Laune, da Tony Jedem von ihnen eine Pfundnote gegeben, für sich selbst hatte er zehn Pfund behalten. Dieses Geld war die Belohnung, welche Dr. Wrigley ihm für die Ueberrumpe- Rasen aus, mit trägem Antheil den seltsamen Erzählungen langfam.

lung

Ruperts geschenkt.

Du wirst Dich schon daran gewöhnen," sagte Tony, ,, was einmal im Blute liegt, das kommt doch früher oder später zum Vorschein. Deine Leute, mein Bürschlein, waren so gut zu Fuß, wie wir, und Du wirst es auch noch lernen." Diese Andeutung brachte Rupert's Klagen zum Schwei­gen. Ueberwältigt von Hunger er etwas von der auf getragenen Abendmahlzeit und streckte sich dann auf dem der rauchenden und schwaßenden Gesellschaft um ihn her zu­Tony legte seine Hand auf des Knaben dichtes Geloc. Sieht dieser Haarschmud nicht gar zu mädchenhaft aus?" fragte er. Die Männer lachten.

Dr. Wrigley ihm gesagt. Ich gebe Dir das Geld nur als Du läufft nicht die mindeste Gefahr, Tony," batte hörend. erwachsen und folgt Dir aus eigenem Antrieb wegen der Unbehaglichkeit seiner augenblidlichen Stellung im Hause der

Lady Bide."

mund rieben.

Und wie unvortheilhaft für die Fahrt. Der ganze Staub der Heerstraße wird sich darauf sammeln, mein Junge, denn jest hast Du keinen Kammerdiener zur Verfügung, der Deinen Kopf bürftet und reinigt. Du machst Dich nur unnüß auffällig und lenkst die Aufmerksamkeit auf Dich, bis ein Bolizeispion Dich erkennt, Dich gefangen nimmt und ins Schloß zurückschleppt, zum großen Spaß für die Dienerschaft und zur Beluftigung für Deine ehemaligen vornehmen Schul­tameraden."

Rupert sehr trübfelig. Sein Kopf schmerzte ihn entseßlich, er Der erste Tag der Wanderung war für den armen war matt und schwach von Hunger und dennoch widerstrebte es ihm, an den Mahlzeiten dieser Landstreicher Theil zu neh men. Der grobe Anzug quälte und beengte ihn. Noch mehr peinigten ihn die plumpen schweren Stiefeln, die ihm die Füße Tony und seine Helfershelfer bemerkten den trostlosen Bu schmeicheln und ihn aufzuheitern, damit ihm die Luft beliebt," sagte Rupert entrüftet. nicht anwandle, ihnen zu entrinnen und in die verlassene glänzende Heimath zurück zu fliehen, aber Rupert schämte Alte, wo hast Du Deine Scheere?" fich thörichterweise eines solchen Entschlusses. Er dachte dabei nicht nur an das Hohngelächter seiner gegenwärtigen Gefähr ten, sondern auch an das Schreiben, das er in seinem Bimmer zurückgelaffen hatte, außerdem versette ihn die Erinnerung an

Sie können mir das Haar abschneiden, wenn es Ihnen So fomm mein Junge, ich will thun, wie Du wünscheft.

Nachdem Frau Betigrew ihrem Gatten eine Barbierscheere überreicht, welche Dr. Wrigley sammt dem groben Anzug und den plumpen Schuhen geliefert hatte, fniete Tony hinter sei­nem Opfer nieder und schor ihm mit geschickter Hand jene

jeine niedrige Geburt und an sein früheres Leben im Hause Maffen dunkler Locken ab, auf die Myra und Lady Bide so

der Lady Bide in einen fast wahnsinnigen Schmerz. geeigneten Blag für ihr Lager auf einer öden Wiese. Selbst Spät am Abend fand Tony's müde Wandertruppe einen bie Wärme der untergehenden Junisonne vermochte den düsteren Drt nicht behaglich oder schön erscheinen zu laffen. der und schleuderte seine Schuhe von fich. Mit einem tiefen Seufzer fant Rupert auf das Gras nie­Da siehst Du," sagte Tony balb zornig, halb nedisch,

stolz gewesen waren.

Rupert, dem fein Spiegel zu Gebote stand, ahnte nicht, wie vollständig umgewandelt er erschien.

In der groben Kleidung, mit dem durch die weiten schweren Schuhe veränderten Gang und der von der Sonnen­gluth verbrannten Haut, würde Lady Bide ihren Knaben selbst nach dieser kurzen Zeit kaum wieder erkannt haben.

Die Flucht Ruperts aus dem Schloffe ward erst entdeckt,

Er war gelommen, um sich als höflicher Nachbar nach dem Befinden der Lady Bide zu erkundigen.

Lady Bide", sagte der Anwalt, war gestern leidend und wird fich heute kaum wohler fühlen, denn diesem schönen fleinen Knaben, dem Rupert, hat Jemand etwas in den Kopf gefeßt, er sei ein Findling und dergleichen. Der Teufel hole den, der dem Kinde das beigebracht hat, und in seinem Elend ist er davongelaufen."

,, Du lieber Himmel!" rief Wrigley aus. Das kommt daher, wenn man fremde Kinder adoptirt. Das erinnert mich an die Fabel von dem Manne, der eine Schlange an seinem Busen wärmte, bis sie ihn und seine Familie stach."

Und mich erinnert es immer," fnurrte Dr. Mellodew, der mit Wrigley beständig auf dem Kriegsfuß lebte ,,, an die verdammte Thorheit jener unſeligen Schwäßer die sich ewig unberufen in anderer Leute Angelegenheiten mischen."

Wie hat die gnädige Frau die Nachricht aufgenommen?" wendete der Anwalt sich jetzt an Myra, die zu ihm getreten Sie liebte den Knaben zärtlich und hat erst gestern ihr Testament zu seinen Gunsten gemacht."

war.

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Die erschütternde Kunde hat sie nicht niedergeworfen, wie ich befürchtet habe," erwiderte Myra, fie scheint vielmehr ihre ganze Selbstbeherrschung durch die Nothwendigkeit wieder ge funden zu haben, alle ihre Kraft zusammenzuraffen, um dem armen Kinde auf die Spur zu kommen. Lady Bide wünscht zunächst die Polizei in Anspruch zu nehmen." Ich denke," bemerkte Wrigley mit seiner einschmeichelnden Stimme, daß ich den besten Ort weiß, wo man nach ihm forschen fann. Unten am Hafen."

Wie! Sie meinen, er ist zur See gegangen?" " Ja, er ließ in der letzten Zeit wiederholt Andeutungen über Seereisen fallen, und über die Möglichkeit, jenseits bes