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Nr. 218.
Dienstag, 16. Dezember 1884.
1. Jabrg.
Berliner Volksblatt.
Organ für die Interessen der Arbeiter.
Das Berliner Volksblatt"
erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 f. Bostabonnement 4 Mart. Einzelne Nr. 5 Pf. Sonntags- Nummer mit illuftr. Beilage 10 Bf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1885 unter Nr. 746.)
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beträgt für die 3 gespaltene Betitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 3f. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Juferate werden bis 4 thr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncens Bureaur, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.
Die demokratische Partei.
Bekanntlich hat sich unter diesem Namen eine neue politische Partei gebildet, welche für Norddeutschland bas fein will, was für Süddeutschland die sogenannte Bollspartei ist.
Die neue Partei ist im Wesentlichen aus dem Schooße ber alten Fortschrittspartei hervorgegangen; die Hauptmitglieder derfelben geben an, durch die Fusion aus dem alten Parteiverbande hinausgetrieben zu sein, weil durch dieselbe eine Verschiebung nach rechts stattgefunden habe.
Aus zahlreichen Aeußerungen der führenden Herren geht hervor, daß, wenn die Fusion nicht stattgefunden hätte, fie sämmtlich ruhig im Schooße der Fortschrittspartei sißen geblieben wären. Da nun aber die deutsch - freisinnige Partei in wesentlichen Punkten von der alten Fortschrittspartei sich nicht unterscheidet, da auch die Führer die alten geblieben ind, so dürfte der angegebene Grund doch nur den äußeren Unstoß zur Abbröckelung einiger radikaler Elemente nach lints gegeben haben.
Es war längst ein öffentliches Geheimniß, daß innerhalb der Fortschrittspartei mehr links stehende Elemente vorhanden waren, die sich auch nur ungern dem Richter'schen handen waren, die sich auch nur ungern dem Richter'schen Terrorismus fügten. Diese Thatsache trat zuerst an die Deffentlichkeit, als Herr Dr. Phillips in der Volkszeitung" bei einer vermutheten Stichwah! im Erfurter Wahlfreise vor mehreren Jahren die dortigen Fortschrittsleute aufforderte, für den Arbeiterkandidaten Otto Rapell zu stimmen, während Herr Eugen Nichter im Interesse der Fortschrittspartei tommandirte, für den Minister Lucius die Stimmen abzu
geben.
tischen Schlafe durch das Rasseln einer demokratischen Trommel hätte aufwecken lassen. Oder aber erwacht, mußten ihn doch die alten bekannten Klänge bald genug veranlassen, fich gleichgültig auf das andere Ohr zu legen und weiter zu schlafen.
Ehe sich, besonders in Berlin , die großen Parteien noch nicht so scharf geschieden hatten, wie jest in eine willenlose Regierungspartei, in eine bürgerliche liberale Partei und in eine Arbeiterpartei, da war für eine bürgerliche demokratische Partei wohl noch Raum in Aussicht, kleinere Erfolge zu er
ringen.
Unter dieser Voraussetzung entstand auch nach 1866 in Berlin die demokratische Partei unter der geistigen Führung von Dr. Jacoby, Dr. Weiß, Hauptmann a. D. van der Leeden und einiger weniger bekannt gewordenen Namen. Dieser Partei haben jener Zeit auch mehrere gegenwärtige Reichstagsabgeordnete angehört, von denen einige zur Forte schrittspartei sich wandten, andere sich weiter nach links ent
wickelten.
Troßdem nun in jener Zeit die Verhältnisse für eine demokratische Partei günstiger lagen, wie heute, trotzdem der Verfügung stand, zerfiel sie doch schon nach wenigen Jahren Partei in Johana Jacoby ein äußerst ruhmvoller Name zur
in sich zusammen.
Sollte nun gerade Herr Dr. Guido Weiß sich jener Beit nicht erinnert haben, in der er mit seinen glänzenden publizistischen Gaben erfolglos für die bürgerliche Demokratie in die Schranken getreten ist? Sollte er seine jugendlichen Freunde nicht besser abgehalten haben von einem Schritte, ber denselben und auch ihm neue Enttäuschungen bringen wird?
Doch darüber haben wir nicht zu rechten. Uns interesfirt in der Hauptfache nur noch, was die neue Par
Daß Herr Richter derselbe geblieben ist, beweist die Abfommandirung der deutsch - freifinnigen Stimmen bei der Abftimmung über die Verlängerung des Sozialistengefeges die Herren Parisius oder Hermes sind sicherlich in soweit tei will. unschuldig, da sie nur dem Richter'schen Kommando gemäß gehandelt haben. Doch dies nur so nebenbei.
Die
Sie sagt trocken und ehrlich in politischen Dingen das aus, was Herr Richter bei seinen Forderungen verschweigt. Dies hat der Fortschrittsführer auch selbst eingestanden, als er vor einigen Tagen in einer Versammlung erklärte, man dürfe als weiser Politifer nur Augenblicksprogramm: abfaffen.
Der Riß wurde nach der Fusion allerdings noch gröher, und die Herren Dr. Phillips, Lenzmann, Dr. Wendt und kurz darauf Herr Kämpfer traten aus der neuen Partei aus. Gründer der demokratischen Partei. Von den übrigen Unter- Barlamentsherrschaft an. zeichnern dürfte uns noch Dr. Guido Weiß, der frühere Redakteur der Waage" und der Zukunft", der Freund des verstorbenen Dr. J. Jacoby in weiteren Kreifen
genannten Herren find nun auch die eigentlichen
bekannt sein.
Man sollte nun doch meinen, gerade Herr W.iß hätte Erfahrungen genug gesammelt mit der sogenannten bürgerlichen Demokratie, als daß er sich aus seinem langen poli
Rachdruck verboten.]
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Feuilleton.
Gesucht und gefunden.
Roman von Dr. Dur. ( Forseßung.)
So ist es auch, sie werden auch als Verräther bes straft," erwiederte Strahlenau. Es ist eine bekannte Thatfache, daß, wenn sie einen von diesen sogenannten Ver räthern fangen, sie denselben vor die Kanone binden; und nach dem Schusse findet man von dem Unglücklichen auch nicht einen Feßen vor, der von seinen Angehörigen könnte
bestattet werden."
" Das ist ja entsetzlich!" rief Frau Elsler.
" 1
Welche Unmenschlichkeit!" fügte Frau Amberg hinzu. Sie haben ganz Recht, diese Grausamkeit zu ver dammen und die Gefangenen zu beklagen," versette Mar;
Grausamkeit, welche der erbitterte Nena Sahib begeht. niedriger Stehende werden auf andere, zum Theil viel qualvollere Art getödtet, oder vielmehr zu Tode ge
martert."
Nach diesen Andeutungen werden Sie begreifen, was unferen Freund, den Nabob, von dem ich vorhin sprach, den Fürsten Nafir, der ein treuer Anhänger der Engländer ift, erwartete, als er mit seinem ganzen Hofe einer Horde Rena Sahib's in die Hände fiel."
Bertha angstvoll." Hat man ihn auch vor die Kanone gebunden?" fragte
Das hat man allerdings gethan, liebe Bertha! Man hat ferner die Diener seines Hauses zum Theil an Pfähle gebunden, um sie zur Zielscheibe der Saphis zu machen, die
begraben."
Hu, es schaudert einen, dergleichen anzuhören! Diese Barbaren müßten vernichtet werden!" rief in höchster Entrüstung Frau Eisler.
" Nicht wahr?" entgegnete Max. Wir sind ja auch auf dem besten Wege, fie zu vernichten; und wenn das
Die neue Partei strebt unter anderen Dingen die In Grunde genommen, haben wir nichts dagegen; aber stehen sich denn die Arbeiter in ben vom Parlament beherrschten Ländern, in England und Frankreich weniger schlecht, als in Deutschland ?
Die Noth wechselt ziemlich gleichmäßig in diesen Ländern und gegenwäriig ist sie in Frankreich wohl noch größer, als in Deutschland .
Aber auch einige, die Arbeiter speziell intereffirende Glück günstig ist, so wird bald in ganz Indien keine Flinte abgeschossen werden dürfen, ohne die Erlaubniß des englischen Gouverneurs."
,, Aber was wurde aus dem unglücklichen Nasir und feinen Leuten? Sind sie in der That zu Tode gemartert worden?" unterbrach ihn Bertha.
Dahin kam es allerdings nicht, und zwar Dank meinem Freunde D'Brian."
,, Er rettete ihn?...
Forderungen stellt die neue Partei. So unentgeltlichkeit des Unterrichts in allen Schulen, dann Aufhebung der das Volk belastenden indirekten Steuern und Einführung einer progreffiven Einkommensteuer, ferner eine( nicht näher ange= gebene) Arbeiterschutzgesetzgebung, eine Gesetzgebung zur Versorgung der ganz und theilweise erwerbsunfähig ge= worbenen Arbeiter und wolle Bewegungsfreiheit der Arbeiter ,, um selbstthätig in Vereinen, Genossenschaften und Kaffenverbänden die Verbesserung ihrer Lage herbeiführen zu fönnen.
Diese Forderungen können auch wir unterschreiben. Aber bedurfte es dazu erst der Gründung einer neuen Partei? Sind diese Forderungen nicht schon seit Jahren von den Arbeitern selbst gestellt worden? Giebt es etwa feine Arbeiterpartei, welche diese Forderungen vertritt? Und hat bie Arbeiterpartei nicht etwa diese Forderungen viel schärfer präzisirt und auch noch wesentlich erweitert?
"
Was kann also die neue Partei denn eigentlich wollen? Doch blos ein wenig Vereinsschieberei" treiben und den beiden rechts und links stehenden Parteien einige Anhänger abzukapern versuchen. Aber ist das der Gründung einer abzukapern versuchen. Partei überhaupt werth?
Programm hat weder eine Bedeutung noch eine Bu funft; sie wird bald schon auseinanderfallen, ein Theil nach rechts und ein Theil nach links.
Eine neue Partei aber ohne wesentlich neues
Wohin der größte Theil fallen wird? Nur diese Frage hat einiges Interesse, die Partei selbst nicht.
Politische Uebersicht.
Ueber eine angeblich sehr turbulente Versammlung im sechsten Berliner Wahlkreise berichtet in der Sonntagsnummer die Nordd. Allg. 3tg." wie folgt:„ Die lange und wiederholte Aufregung der Wahlperiode hat den sozialdemo fratischen Versammlungen in unseren Arbeiterbezirken allmälig einen Charakter verliehen, welcher im Allgemeinen seitens der Preffe und der anderen Bevölkerung nicht in seiner vollen Bedeutung gewürdigt zu werden scheint. Schon an einem früheren Abend war in einer solchen Versammlung dem die Auflösung aussprechenden Polizeibeamten thätlicher Widerstand entgegengesetzt worden, und nur von außen herangezogene Hilfe vermochte den Saal zu räumen. Noch tumultuarischer ging es in einer Versammlung her, welche am Freitag( 12.) Abends, im Saale der Norodeutschen Brauerei abgehalten wurde, und über welche die Voff. 3tg." Folgendes berichtet:
( Es folgt nun der sensationelle Bericht eines Reporters, dem man auf den ersten Blick anfieht, daß er zum Theil auf Bellenschneiderei zugespigt ist.- Der, Nordd. A. 8." wird indeß die Richtigkeit des Berichtes von einem Gewährsmann bestätigt. Nach diesem Bericht sollen die überwachenden Beamten, nachdem die Versammlung auf Grund des Sozialistengefeßes auf
Indier wieder von ihrem Lager Besitz; und nun begann die Exekution von Neuen, nur in anderer Weise.
-
" Zunächst begann man damit, D'Brian mit den Seinigen zu entkleiden, einen ungeheuren Holzstoß zusam= men zu tragen, und sie auf demfelben fest zu binden. " Ich biente als Unterlieutenant in der Kompagnie D'Brian's, und obwohl ich strenge Weisung hatte, einen gewissen Distrikt mit meiner Abtheilung nicht zu verlassen, fo beunruhigte mich das Schicksal der Expedition doch der
D, bitte, erzählen Sie, wie das geschah!" baten die maßen, daß ich, gegen den Befehl handelnd, meinen Bosten Damen der Gesellschaft flehentlich.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Mar Strahlenau gab den Bitten der Gesellschaft nach und. begann die Erzählung des Abenteuers von Nafir's Befreiung durch O'Brian.
Mit einer kleinen Schaar Freiwilliger," erzählte er, hatte D'Brian die Horden, welche Nafir's Schloß verwüstet und die Insassen gefangen weggeführt hatten, verfolgt und wagte mit unbeschreiblicher Rühnheit einen Ueberfall ihres verschanzten Lagers. Die Feinde waren dermaßen überrascht, und der Ueberfall geschah so plöglich und unerwartet, daß sie keine Vertheidigungsvorkehrungen getroffen hatten. Außerdem waren sie Alle gerade in Anspruch genommen durch das Vergnügen, ihre Nache fühlen zu können, und nur so glückte es dem Kapitän O'Brian, mit einer Hand voll Menschen sie in die Flucht zu schlagen und die Gefangenen zu befreien. Zu der Befreiung hatte D'Brian indessen zu lange Zeit gebraucht, während welcher die Schaaren der Indier sich gesammelt hatten: er ward umzingelt und mit allen den Seinigen gefangen genommen."
Allgemeines Bebauern unterbrach wieder den Erzähler und mit ängstlicher Spinnung lauschte Alles der Entwickelung hiefer gefährlichen Situation. Mar fuhr fort:
,, Da ihnen O'Brian die Freude geraubt, ihre Rache fühlen zu können, und die begonnene Festlichkeit der barbarischen Exekution so ungestüm unterbrochen hatte, so richtete sich natürlich die ganze Wuth gegen ihn. Die Gefangenen waren in Sicherheit; er hatte sie mit einer Sicherheitseskorte zurückgeschickt. Jubelnd nahmen die
verließ. Auf dem Marsche schon traf ich den Zug der Ges fangenen, Nafir mit seinen Hausgenossen, begleitet von einigen Soldaten O'Brian's.
,, Was ich über das Treffen erfuhr, beunruhigte mich in noch höherem Grade. Ich nahm deshalb die Eskorte der Gefangenen zu Hilfe, verstärkte mich außerdem mit einigen Leuten Nasir's und marschirte auf versteckten Wegen gegen das Lager. Von einigen Indiern, welche wir antrafen, erfuhren wir, daß die Engländer, welche diesen Morgen das Lager überfielen, sämmtlich gefangen genommen und vielleicht in diesem Augenblick schon erefutirt seien.
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Durch einige Worte feuerte ich die Meinigen an und versuchte sofort den Sturm. Das war ein heißer Kampf! Er war unglücklich insofern, als wir zurückgeschlagen wurden, von glücklichem Erfolg jedoch insofern, als es mir ge= lang, die meisten Gefangenen zu befreien und unter diesen auch D'Brian."
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,, So verdankt er Dir also sein Leben?" fragte Am berg. Ja und zwar sein nacktes Leben! Denn Alle, die wir auf unserem Rückzuge mit uns nehmen fonnten, waren völlig entkleidet, und wir mußten, um sie transportiren zu fönnen, sie erst nothdürftig in Kleider stecken, die wir von den Landleuten requirirten.
Von diesem Tage schreibt sich D'Brian's Freundschaft für mich. Ich darf behaupten, daß ich der einzige Mensch bin, dem er sein volles Vertrauen schenkt." Was Sie auch gar sehr verdienen," fügte Bertha hinzu.
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