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Nr. 223.
Sonntag, 21. Dezember 1884.
I. Jabrg.
Berliner Volksblatt
Organ für die Interessen der Arbeiter.
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erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtages. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Bostabonnement 4 Mart. Einzelne Nr. 5 Pf. Sonntags- Nummer mit illuftr. Beilage 10 Pf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1885 unter Nr. 746.)
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Wir werden vom 1. Januar t. Js. ab vor allen Dingen unsere Aufmerksamkeit den parlamentarischen Vorgängen widmen; wir werden die Berichte aus den geseggebenden Körperschaften so ausführlich bringen, daß wir mit den größten Berliner Zeitungen erfolgreich zu fonfurriren im Stande find.
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,, Gesucht und gefunden" gegen Vorzeigung refp. Einsendung der Abonnements- Quittung In unserer Expedition
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Die Rechtspflege und ihre Kosten. Debatten über Ermäßigung der Gerichtskosten haben wir schon oft gehabt, so oft schon, daß das öffentliche Intereffe, das diefen Debatten entgegengebracht wird, im Schwinden begriffen ist. Die jetzige Rechtspflege ist theuer, Die jetzige Rechtspflege ist theuer, zu theuer für einen nichtbesigenden Staatsbürger, das ist eine Thatsache und die Herren Juristen hätten am Besten gethan, diese Anschauung gleich bei der Berathung dec neuen Gerichtsverfassung fund zu thun. Ja, die Herren Juristen! Sonst wird immer über den Mangel an Fach männern unter den Parlamentsmitgliedern geklagt; als die Gerichtsverfassung fam, hatten wir plöglich zu viel Fach
Rachbruck verboten.]
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Feuilleton.
Gesucht und gefunden.
Roman von Dr. Dur. ( Forseyung.)
Hätte fie Helenen in's Herz sehen können, so würde fie bemerkt haben, daß diese weit entfernt war, fich so vor dem Mädchentführer zu fürchten oder gar vor Angst zu zittern. Obwohl keine Miene, kein Blick des Fremden ihr berrathen hatte, daß er sich für sie interesfire, so fühlte sie sich doch ein wenig geschmeichelt durch die beharrliche Aufmerksamkeit, welche ihr der offenbar vornehme Mann widmete; und in den hellen, blauen Augen des Mannes lag nichts Verdächtiges, Hinterliftiges oder Mißtrauen Erweckendes, im Gegentheil, er sah so treuherzig, fo gutmüthig, so nobel aus, daß fie, wenn sie nicht gefürchtet hätte, Cordelia zu erschrecken, offen erklärt haben würde, daß das Gesicht des Fremden ihr volles Vertrauen einflöße.
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An einem hellen Frühlingstage durch die Gänge des Partes von Sanssouci zu promeniren, diesem entzückenden Garten, der an Eschönheit Alles übertrifft, was in diesem Genre irgend eine Residenz Europas bietet, muß natürlich auf das Gemüth junger Mädchen einen ganz besonderen Bauber üben. Helene versuchte daher überall zu verweilen, hier diese Muschelgrotte näher zu besichtigen, dort den Bafferfall, bie Statuen, die herrlichen Fontainen, diese reizenden Baffins, und was sich ihr alles Auffallendes bot; indeffen Cordelia, welche ihr den Arm gegeben hatte, Bog fie unerbittlich mit sich fort, um sie nur möglichst bald aus der gefährlichen Nähe ihres Verfolgers zu bringen.
Brand, welcher mit Lucie folgte, fonnte dem Verlangen feiner Begleiterin, hier und da ein wenig zu fäumen, nicht o energisch widerstehen, und nicht umhin, ihr wenigftens einen flüchtigen Blick auf diese oder jene Sehenswürdigkeit gestatten. Der chinesische Pavillon fesselte Lucie ganz befonders.
Sie blieb vor diesem bezaubernden kleinen Bau einen Mugenblid stehen, und Brand begann eben, ihr die Be
männer. Ein Heer geschwäßiger Advokaten, den verstorbe nen Lasker an der Spitze, stürzte sich auf die Vorlage und zauste sie so zurecht, daß für das Wohl des- nun des Advokatenstandes in der neuen Gerichtsverfassung recht wohl geforgt war. Die übrigen parlamentarischen Elemente hielten sich bei jener Gelegenheit nur zu sehr zurück und überließen den Advokaten das Feld ganz allein. Und das war vom Uebel, dadurch wurde eben die Gerichtsverfassung so, wie sie geworden ist, und man weiß, wie schwer es bei uns hält, eine einmal zum Reichsgefeß gewordene Institution abzuändern oder gar zu beseitigen.
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Man frage heute einen Mann aus dem Volte, was er vom Prozessiren hält, und er wird antworten: ,, Es kommt sehr theuer." Die Verehrer einer tofispieligen Justizpflege pflegen zu behaupten, daß eine theure Prozeßführung das geeignette Mittel sei, die in der Bevölkerung oft graffirende Prozeßwuth niederzuhalten und dadurch die Masse der oft überflüssigen Bagatelllagen einzuschränken.
Man übersieht bei dieser Beurtheilung nur zu sehr, daß unsere modernen Zustände in stetem Wechsel begriffen find. Die Massenverarmung ist noch nie so groß gewesen. Und doch ist der Einzelne weit mehr auf die Prozeßführung angewiesen als früher. Die verschiedenen Versicherungsformen, Feuer, Hagel, Lebens- und Altersversicherung, die Haftpflicht, die Kündigungsfrist- wie oft legen diese Dinge dem Armen die Pflicht auf, die Hiife der Gerichte anzurufen, ohne daß dabei von frivoler Prozeßsucht gesprochen werden fann. Die sprichwörtlich gewordene Prozeßsucht reicher Bauern hat in demselben ausgedehnten Maße nachgelassen, als die Zahl der reichen Bauern in allen Ländern abgenommen hat.
Der arme Mann wird feufzen, wenn er in den Reichstageverhandlungen immer wieder die Behauptung liest, es seien die Gerichtskosten, die ihn so sehr belasten. Gewiß, die Gerichtstoften belasten ihn auch, aber er wird uns sagen, daß ihn noch weit mehr die Anwaltsgebühren belasten. Die Herren Juristen haben bei der Berathung der Gerichtsverfassung dafür gesorgt, daß die Anwälte nicht zu kurz gekommen sind. Es wird deshalb Es wird deshalb nachgerade albern, wenn einzelne Anwälte immer wieder auf den Gerichtskosten herumreiten, was ungefähr dasselbe ist, wie wenn man mit der Wurst nach der Speckseite wirft. Die öffentlichen Beschwerden über die theure Rechtspflege sollen auf die Gerichtstoften abgeleitet werden, damit man dabei das Drückende der hohen Anwaltsgebühren übersieht und diese vor einem Angriff geschüßt bleiben. Solch' eine Taktik mag ganz schlau sein, sie ist aber doch nicht tief genug angelegt, um nicht von der Masse durchschaut zu werden. Wer einmal Advokatenrechnungen zu bezahlen gehabt hat, der wird sich nicht täuschen lassen. Man weiß z. B. doch, daß
flimmung desselben und die Freskogemälde der Halle zu erklären, als er bemerkte, daß Cordelia, welche mit der jungen Dame vorauseilte, einen falschen Weg einschlug und und in einen der Seitenpfade dieser labyrintischen Gänge einbog, so daß Gefahr vorhanden war, sie würden sich gänzlich verlieren. Rasch fagte er daher zu Lucie:
" Ich bitte, Fräulein Rodenburg, verweilen Sie hier gütigst einen Moment. Ich muß den Damen nacheilen und sie zurückholen; wenn sie dorthin gehen, verlieren mir uns aus den Augen, und wer weiß, ob wir uns wieder treffen."
Thun Sie es, lieber Herr Brand; es ist mir lieb, ich habe alsdann Zeit, diese reizenden Statuen zu betrachten."
Brand eilte davon, und wahrlich, es war hohe Beit, denn Cordelia, welche wohl bemerkt haben mochte, daß sie auf falschem Wege sei, hatte, um den Fehler zu verbessern, bereits einen anderen Seitenweg eingeschlagen, der die Drientirung noch mehr erschwerte, und sich in das Labyrinth der Gänge so vollständig verwickelt, daß sie schwerlich herausgefunden haben würde, wenn nicht Brand zu Hilfe geeilt wäre.
Während Lucie allein im chinesischen Pavillon zurückblieb und die Statuen in Augenschein nahm, froh, daß dieser fluchtähnliche Spaziergang einmal eine Unterbrechung erfahren, hörte sie sich zu ihrem Erstaunen plöglich angeredet.
Bedaure sehr, Miß," sprach Jemand in gebrochenem Deutsch hinter ihr, daß Sie zu Fuß gehen müssen."
Sie wandte sich um. Es war der Engländer. Der Wagen hat gebrochen eine Feder. Wollen Sie fahren in meinem Wagen? Ich werde, wenn Sie wünschen, mit meinem John zu Fuß gehen."
Lucie trat einen Schritt zurück.
Mein Herr," sagte ste, den Blick fest auf ihn richtend, in ernstem und abweisendem Tone, ich verkenne zwar nicht, daß Ihr Anerbieten ein sehr gütiges ist, doch Ihre Art, uns dasselbe zu machen, ist so wenig Vertrauen erwedend, daß ich, auch wenn unsere Verlegenheit noch größer wäre, Ihr Anerbieten ablehnen müßte."
schon bei einem Klageobjekt im Werthe von 300 Mark für den Kläger und den Beklagten der Anwaltszwang eintritt. Zweifelt da noch Jemand daran, daß die Herren Juristen vortrefflich für sich gesorgt haben?
Natürlich werden wir die Bestrebungen, die Kosten der Justizpflege zu ermäßigen, nachdrücklichst unterstützen trotz alledem. Wir verfehlen aber nicht, dabei zu betonen, daß wir eine gesunde Reform des Gerichtsverfahrens nur darin erblicken können, daß alle Justizpflege unentgeltlich gemacht und die Anwälte ebenso wie die Gerichtspersonen aus der Staatskasse besoldet werden. Verstaatlichung der Justizpflege, wenn man es so nennen will, wäre in diesem Fall unser Ziel; natürlich müßte die neue Institution frei bleiben von dem bureaukratischen Ballast, der sich heute noch so vielfach fühlbar macht.
Die Herren Juristen werden damit natürlich im Allgemeinen nicht einverstanden sein aus denselben Gründen, aus denen sich der große Unternehmer freie Konkurrenz" wünscht. Denn es gäbe dann feine, fetten" und keine mageren" Prozesse mehr und man würde den Verlust der fetten" Prozesse tief bedauern.
Das Interesse dieser Juristen ist freilich nicht das Intereffe des Volkes das liegt klar zu Tage.
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Politische Webersicht.
Arbeiterfreunde sind in der letzten Reit so viel aufgetaucht, daß die Arbeiter gar nicht mehr im Stande find, ihre Freunde alle kennen zu lernen. Von weit und breit, von nah und fein, regnet es Vorschläge zur Verbesserung ihrer Lage, und bei jedem Vorschlage bemüht man sich, flipp und flar nach zuweisen, daß durch die Verwirklichung defelben, alle Uebel, welchen die Arbeiter heute ausgesetzt sind, spurlos verschwinden werden. In früherer Zeit waren es der Hauptsache nach die Manchestermänner, welche fich angeblich für das Wohl der Arbeiter begeisterten; in neuerer Zeit scheint sich diese Begeiste rung auch auf andere Parteien ausgedehnt zu haben. So hat 3. B. die Norddeutsche Allgemeine Zeitung" doch im Einklang mit Der Partei, welche fedenfalls
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fte vertritt fich veranlaßt gefühlt, einen praktischen" Borschlag zur Aufbefferung der Lage der Arbeiter zu machen. In mehreren Artikeln bemühte sich dieselbe, das Prinzip der Ge= winnbetheiligung der Arbeiter zu empfehlen, weil damit Jedem die Möglichkeit, sich durch Energie in den nächst höheren Stand hinaufzuarbeiten, offen gehalten und damit unserem sozialen Leben die Harmonie wiedergegeben würde."- Der Vorschlag der Nordd. Allg. 3ig." ist nicht neu, im Gegentheil: er ist sogar hier und da schon vor fast 50 Jahren ins Praktische" übertragen worden; neu ist aber, daß genannte Bitung, welche bekanntlich einen entschieden anti manchesterlichen Standpunkt einnimmt, und täglich gegen die Manchesterlehren predigt, well durch dieselben der Staat und die Gesellschaft dem Verfall entgegen geführt werden,
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,, Bedaure sehr," antwortete er, ohne sich durch die Strenge des Tones und den ernsten Blick, der sich fest auf ihn heftete, beirren zu lassen. Mein Wagen fährt leer, er hält am grünen Gitter, das sehr nahe hier. Mein Anerbieten fann Sie nicht beunruhigen, Miß, da ich nicht mitfahre."
Wir sind Ihnen fremd, mein Herr, und aus diesem Grunde allein schon dürfen wir eine Gefälligkeit Ihrerseits nicht annehmen, wenn uns nicht die äußerste Noth zwingt."
Sie irren, Miß Rodenburg, Sie sind mir nicht fremd," antwortete er ruhig mit derfelben Gelassenheit.
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Sie fennen meinen Namen?!" rief Lucie überrascht. " Yes, Miß Rodenburg! Ich habe gehört Ihren Namen nennen von Ihren Begleitern, und diesen Namen habe ich gehört schon früher auf Schloß Donuit, wo ich fennen gelernt habe einen jungen Arzt, Mr. Frederec Rodenburg. Er hat so viel Aehnlichkeit mit Ihnen, Miß, daß ich mir gedacht habe, er ist ein Verwandter von Ihnen."
In der That, mein Herr, Frizz Rodenburg ist mein Bruder!"
,, So habe ich auch gedacht! Mein Name ist Killmare, Lord Killmare, Grafschaft Elgin."
Die Erwähnung ihres Bruders, die Entdeckung, daß dieser Herr ihn persönlich kannte, mit ihm dort in dem fremden Lande bekannt geworden sei, hatte die Schranke, welche sie energisch bisher zwischen sich und dem Fremden aufgerichtet, mit einem Male gebrochen.
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Es interessirt mich außerordentlich, Mylord," sagte sie, von Ihnen zu hören, daß Sie mit meinem Bruder Er hat mir von seinem Aufenthalt dort zusammen waren. beim Grafen M'Donuil berichtet und dabei Ihres Namens erwähnt."
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Freut mich. daß der Gentleman sich meiner erinnert. Wir waren zusammen auf der Jagd beim Grafen Fergus M'Donuil.
Nachdem diefer Anknüpfungspunkt für eine Unter haltung gefunden war, floß dieselbe leicht und ungezwun bahin, um so mehr, als Lucie dem jungen Lor