00) 527 14 O( 250) 4 61849 69
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Nr. 30.
Donnerstag. 5. Februar 1885.
II. Jahrg.
Berliner Volksblatt.
Organ für die Intereffen der Arbeiter.
ein täglich Morgens außer nach Sonne und Fefttagen. Abonnementspreis für Berlin fret in's Haus viertelfährlich 4 Mart, monatlich 1,85 Mart, wöchentlich 35 3f Boabonnement 4 Mart. Einzelne Nr. 5 Pf. Sonntags- Nummer mit illuftr. Beilage 10 Bf. ( Eingetragen in der Boßzeitungspreisliste für 1885 unter Nr. 746.)
Infertionsgebühr
beträgt für die 8 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmartt 10. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Jnferate werben bis 4 s Nachmittags in der Erpebition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen unsuces Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.
Redaktion und Expedition Berlin SW., Bimmerfraße 44.
Allgemeines Stimmrecht für das preußische unseren Lesern einige besonders wichtige Stellen vor
Abgeordnetenhaus.
zuführen um im Uebrigen den Inhalt des Artikels zu ffizziren.
Zunächst macht die„ Elb. 8tg." es den National- Liberalen zum Vorwurf, daß sie gegen den Antrag des Dr. Stern geftimmt haben; wohl hätten sie dies nur aus Opportunität gethan, aber das sei eine unvorsichtige
Vor einigen Jahren fanden sich oftmals Petitionen im preußischen Abgeordnetenhause vor, welche die Aufhe= bung der Dreiklassenwahlen und die Ein= fahrung des Allgemeinen gleichen und 276. 886iretten Wahlrechts forderten. Diese Petitionen Stellungnahme" gewesen, da nunmehr die Partei als eine
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845 444 hier nicht untersuchen, ob die Motive ganz lautere waren, oder ob die katholischen Priester hofften, an der Hand des Allgemeinen Wahlrechts ihre Herde noch besser regieren ju fönnen.
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Die Motive find übrigens auch gleichgiltig, die Forderung ist eine demokratische.
Am 26. November 1883 brachte nun auch der demo
rechts auf die Wahlen in Staat und Gemeinde angesehen worden sei.
Genanntes Blatt fährt dann fort:
fratische Vertreter von Frankfurt a. M., Dr. Stern, im Reich fallen oder auf die übrigen Wahlen ausgedehnt wer Abgeordnetenhause den Antrag ein auf Einführung des Allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts bei Staats
Gemeindewahlen. Der Minister von Bunkamer widerforach auf das Heftigste, obwohl Fürst Bismarck_früher ein
Ipfeme
mal das Dreitlassenwahlrecht das elendefte aller Wahleme genannt hatte. Die Konservativen und National Liberalen brachten den Antrag Stern zu Fall.
Seit jener Zeit ist in dieser Richtung hin Alles ruhig geblieben. Auch die Piesse hat sich selten mit dieser Frage best äftigt und nur in den Programmen einzelner Pars tien bei den legten Reichstagswahlen wurde der Forburg, wenn auch nur flüchtig, Erwähnung gethan.
Blöglich nun ist die Forderung, und zwar an einer merkwürdigen Stelle, aber doch wohl in ernsthafter Gestalt, wieder aufgetaucht.
Die Elberfelder Zeitung" vom 2. Februar bringt
Die Ausdehnung des allgemeinen Stimmrechts auf Einzelstaats- und Gemeindewahlen in Deutschland ist lediglich eine Frage der Zeit. Sie ist logisch. Entweder das allgemeine Stimmrecht muß auch für das den. Aus bekannten Ursachen wird das Erstere nicht der Fall sein und also das Lettere eintreten. Das allgemeine Stimmrecht zeiat in Deutschland hartnäckige Kinder anarten und löst die ihm auferlegte Aufgabe der politischen Voltserziehung nur langsam; ein besseres Stimmrecht ist trotzdem bisher nicht gefunden worden und dieses Stimmrecht also noch immer das relativ beste."
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Dann meint die Elbf. 3tg.", daß die durch das Dreis flaffenwahlgefeß im preußischen Abgeordnetenhause vorhandene allzu konservative Strömung die radikalere Strömung im Reichstage erzeuge. Das ist ein Fehler, denn es ist Das ist ein Fehler, denn es ist unwahrhaftig!" Man tlage über die systematische Herabseßung des Reichstags"; die in den Enirüstungsadressen geführte Sprache habe allerdings vielfach über das Biel hinausgeschossen. Aber ein die wirkliche Volksmeinung ausdrückender Reichstag würde sich darüber niemals zu be
Hier sei uns eine Bemerkung erlaubt. Wir pflichten bem leßten Saße um so unbedenklicher bei, als wir auch bie Ueberzeugung haben, daß nach und nach das Bolf immer
nämlich einen längeren Leitartikel mit der Ueberschrift: flagen haben. Allgemeines Stimmrecht für das Abge= ordnetenhaus." Suerst glaubten wir einen von Schmähreden gegen diese Forderung stroßenden Artikel vor uns zu haben und wollten das Blatt, da uns solche Schmä- mehr mit dem Allgem. gleichen Wahlrecht vertraut und daß es demgemäß immer mehr seine richtige Meinung gegen diese Forderung vorlag, fo lafen wir den Artikel Sinne der Elberfelderin geschieht? Wir glauben es sicherda fein Anlaß gerade jezt zu einer schmähenden Polemik bei den Wahlen zur Geltung bringen wird. Db dies im und müssen gestehen, daß wir aus der staunenden Verwun- lich nicht! derung gar nicht herausgekommen find.
Die genannte Beitung nämlich ist ein nationalliberales
Blatt ber vollkommenen Heidelbergerei, zugleich Regierungs- Reichstag auch ist dasselbe in feiner jeßigen Zusammens
auch behauptet, daß es in naher Bekanntschaft mit dem
Welfenfonds stehe.
Leider fehlt uns der Raum, den ganzen Artikel abzu
-
Das preußische Abgeordnetenhaus aber vertritt noch viel weniger die wirkliche Voltsmeinuna, als der jetzige fegung viel zu unbedeutend, als daß es das Volk vertreten könnte; wird es doch auch von den Süddeutschen„ der preußische Provinziallandtag" genannt.
Doch hören wir das nationalliberale Blatt zu Ende.
Partei des Landtags sollte den Antrag Stern wieder aufnehmen" und fährt dann fort:
,, Wiederkommen wird derselbe; angenommen werden eines Tages auch. Zu befürchten hat sie nichts von ihm; ihre etwaige Einbuße nach links würde nach rechts hin mehr als ersetzt werden. Brächte ihr derselbe aber selbst momen tanen Nachtheil, vor einer Prinzipienfrage müßte diese Erwägung schweigen.
Das
allgemeine Stimmrecht ist unserer Partei ungünstig. Nicht ausschließlich aber zum Theil auch deshalb, weil man die nationalliberale Partei fälschlich für einen Gegner dieses Stimmrechts hält. Für die Beibehaltung desselben im Reichstage hat sie sich ausgesprochen; trete fie jest auch für seine Erweiterung und Ausdeh. nung ein. Sie wird damit einem Theile ihrer erbittertsten Feinde die Waffe aus der Hand winden."
Doch immer noch nicht genug. Das Blatt meint, das deutsche Leben franke an zahlreichen Unwahrheiten; eine folche sei das verschiedene Wahlrecht für Reichstag und Landtag, ja noch mehr, dieser Zustand sei eine Unnatur, die aus dem deutschen Leben fortgebracht werden müsse.
„ Frisch und resolut ergreife die nas tion alliberale Partei die Initiative!" So lautet der Schlußsaz.
Wir haben wenig nur hinzuzusehen. Unsere Ansichten über die Ausdehnung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts auf Staat und Gemeinde find unseren Lesern bekannt. Die Arbeiterpartei hat ja längst schon, ehe andere Parteien daran dachten, die Fahne des allgemeinen Wahls rechts ergriffen, naturnothwendig steht sie auch auf dem Boben der weitesten Ausdehnung desselben.
Wunderbar ist nur, daß gerade die national- liberale Partei, die Hauptgegnerin der Arbeiterinteressen, aufgefordert wird, der Arbeiterpartei zu folgen.
Aber die nationalliberale Partei wird der Aufforde rung keine Folge leisten, wenn nicht, ja wenn nicht- der Artikel der Elberfelder Zeitung" von Berlin aus inspirirt ist.
"
Politische Uebersicht.
Die offiziösen Blätter drohen wieder einmal mit Reichstagsauflösung, diesmal für den Fall einer Ablehnung der Dampfervorlage. Wir glaubenso schreibt die rtf. 8tg."- bis jetzt nicht an die Ablehnung des ganzen Entwurfs; noch viel weniger aber an eine Auflösung des Reichstags wegen der Dampfervorlage. Viel wichtiger als die
Dampfersubvention ist der Reichsregierung die Bollvorlage,
welche dem Reiche 50-60 Millionen neuer Einnahmen bringen
drucken. Wir müssen uns deshalb darauf beschränken, Es verlangt in der That, die nationalliberale Bollvorlage in die Brüche. Vor den lezten Wahlen hat die
Redbrud verboten.]
80
" 1
"
Feuilleton.
Gesucht und gefunden.
Roman von Dr. Dur. ( Forseßung.)
Ein Fremder?" fragte Rodenburg. Wer ist's?" Ein junger Mann, der sich Rodenburg nennt und
Arzt ist!"
Der Kranke schnellte bei diesen Worten empor. Friz Rodenburg, mein Neffe, ist hier?" der die plögliche Erregung seines Herrn für einen Born " Ja, gnädiger Herr!" antwortete der Kammerdiener, nahm... Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, daß
Doktor erklärte ausdrücklich, daß er Fräulein Amberg nicht gemeldet sein wollte, sondern lediglich zu Ihnen komme und mit Ihnen allein zu sprechen wünsche. mir auch auf, etwas zu sagen; aber ich weiß nicht, ob
Herr."
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Lassen Sie sich's lieber nicht sagen, Dnkel," bat
" Ja, das fagte er, gnädiger Herr; und er fügte noch hinzu, was ich auch Ihnen wörtlich sagen sollte; aber ich weiß nicht, ob es recht ist, wenn ich es Ihnen fage"
,, Sprich immerhin; was fügte er noch hinzu?" " Daß er nicht so gewiffenlos fei, einen Verwandten umkommen zu laffen, wenn er ihm helfen könnte."
Ah, der alte Haß, die alte Unverföhnlichkeit!" stöhnte Rodenburg. Er will sagen, er sei nicht so gewiffenlos, wie ich."
"
Während er diese Worte vor sich hinmurmelte, stand der Kammerbiener da, einer Antwort harrend.
Sagen Sie dem Herrn," erklärte Emmy, als Roben burg " schwieg, daß der gnädige Herr Niemanden empfängt,
und am wenigsten ihn zu sehen wünsche."
Nein, nein, Emmy!" fiel Rodenburg lebhaft ein, weise ihn nicht schroff ab.... Ich will dennoch einen Weg der Versöhnung und Verständigung suchen... Ich will ibn sehen, will ihn sprechen."
D, lieber Dntel, Sie wissen, wie schädlich Ihrer Gejebe Aufregung ist. Warum wollen Sie sich diese peinliche Begegnung nicht ersparen?"
Emmy . Wer weiß, ob es sich nicht um einen neuen Hohn, oder um eine neue Beleidigung handelt.... Lassen sicht kommt?"
Sie sich's nicht sagen."
Ich weiß nicht, ob ich es sagen darf..." wieder
holte der Diener.
Rodenburg hörte Beide nicht.
Was trug er Dir auf?" fragte er den Diener.
Besten wäre, wenn Sie ihn empfingen.
" Ich muß mir diese peinliche Begegnung als Buße auferlegen, Emmy ... Wer weiß, ob er in feindlicher AbSagte er nicht, es sei mein eigenes Intereffe, ihn zu empfangen?"
Ja, das sagte er!" bestätigte der Diener. " Glaubs wohl; also laß ihn kommen." Emmy erkannte die Gefahr sehr klar.
Wenn Friz Rodenburg seinem Onkel gegenüberstand, wenn dem Letteren Gelegenheit gegeben wäre, ihm sein ges
glimpflich mit Ihnen verfährt, daß er Mitleid mit Ihrem Bustande hat, daß er Sie nicht grausam quält mit seinen Vorwürfen."
"
Willst Du das, Kind?" fragte Rodenburg.
" Ja, Onkel, das will ich! Ich will noch mehr; ich will ihn vorbereiten darauf, daß Sie geneigt find, ihm das Unrecht, das Sie gegen seinen Vater begingen, abzubitten, daß Sie Alles gut machen wollen.... dann wird Sie diese Begegnung nicht so sehr alteriren, und Ihre so ge= schwächte Gesundheit beeinträchtigen."
"
Du hast Recht Kind; geh' zu ihm, daß ich ein unglüdlicher, gebeugter alter Mann bin, welcher von ganzem Herzen bereut, seinem Vater und dessen Kindern Unrecht gethan zu haben... Bitte ihn, flehe ihn an, daß er die
Hand, welche ich ihm bieten will, nicht zurückstößt... D, Du weißt ja Alles, was Du ihm fagen fannst." „ Ich weiß Alles, Onkel, laffen Sie mich nur Finde ich ihn versöhnlich und zum machen!.. Verzeihen geneigt, dann führe ich ihn hierher; wenn er aber bei der Absicht verharrt, Ihnen wehe zu
thun. ,, Auch dann führe ihn hierher, Emmy . Eine kleine Buße muß ich mir schon gefallen lassen; ich habe sie ver,, Gut, gut, Dnfel! Wir werden ja sehen." Damit entfernte sich Emmy.
bient."
Stolz und aufrecht ging sie über den Korridor nach dem Empfangszimmer, in welchem Friz Rodenburg einer Antwort harrte. Noch hatte sie zwar den Gegner nicht geschlagen, allein man hatte ihr Waffen gegeben, ihn zu bekämpfen... und das war immerhin schon etwas. Er bekämpfen...
Er sagte, gnädiger Herr," antwortete der Diener ftotternb, ich sollte Ihnen bestellen, daß es zu Ihrem brochenes Herz, sein geängstigtes Gewissen offen darzulegen durfte wenigstens nicht ohne ihre Erlaubniß seinem Onkel
um Ihnen zu helfen."
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daß er käme,
dann war eine Verständigung, eine Aussöhnung unvermeidlich, und dann war es um sie und ihren Plan
zu helfen. Vielleicht will er Ihnen gar ärztlichen Nath " Ah," bemerkte Emmy höhnisch, er kommt, um Ihnen geschehen.
ertheilen.... Nun, das wäre ebenso gut, als wenn sich vorsichtig sein, sich gegen die Anordnung des Arztes einer
das Lamm dem Wolf anvertraute."
,, Er fagte, es sei zu meinem Besten?" fragte Roden burg, der auch diese höhnische Bemerkung unbeachtet ließ.
folchen Aufregung auszusehen? Empfangen Sie meinetwegen den Neffen, wenn Sie nicht anders wollen, aber laffen Sie mich vorher wenigstens ihn bitten, daß er
gegenüber treten, und wenn es irgend möglich war, diese Begegnung ganz zu hintertreiben, so würde sie es von war sie überzeugt durchsetzen.
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Einunddreißigstes Kapitel.
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Frizz war erstaunt, als statt des Kammerdieners, den er erwartete, eine Dame hereintauschte. Sie trat einige Schritte auf ihn zu. Er verneigte sich gebührend, und sie